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8.660382-84 - ROSSINI, G.: Il viaggio a Reims [Opera] (L. Giordano, Pizzolato, Mchedlishvili, Poznań Camerata Bach Choir, Virtuosi Brunensis, Fogliani)
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Gioachino Rossini (1792–1868)
Il viaggio a Reims

Il viaggio a Reims: „Diese Oper ist ein Fest“

 

„Gelegenheitswerke überleben kaum einmal das Ereignis, das sie entstehen ließ“—mit diesem und ähnlichen Sätzen bedauerten die Rezensenten in Paris das rasche Verschwinden von Il viaggio a Reims nach der Uraufführung vom 19. Juni 1825. Rossini selbst glaubte nicht daran, dass sein „kleines Gelegenheitswerk“ („petite pièce de circonstance“) Zukunftschancen haben könnte. Das gedruckte Libretto trug die Bezeichnung „Dramma giocoso“, was wörtlich mit „Opéra-comique“ übersetzt wurde, also sehr treffend als eine „komische Oper“. Rossini selbst bezeichnete das Stück von Anfang an als „Cantata“, und diesen Begriff verwendete er auch noch in späteren Jahren, als er die ihm verbliebenen autografen Stücke authentifizierte. Für Rossini bedeutete „Kantate“ so viel wie ein nicht repertoirefähiges Werk. Solche Auftragskantaten waren für ihn immer von transitorischem Charakter, d.h. deren Musik stammte aus früheren Werken, oder sie wurde später wiederverwendet, oder auch beides. Nach nur vier Aufführungen entzog Rossini Il viaggio a Reims dem begeisterten Publikum und ließ weite Teile daraus drei Jahre später in Le Comte Ory wieder aufleben—mit noch größerem und sehr dauerhaftem Erfolg. Sein Kalkül war aufgegangen, die Musik passte sich dem neuen, bühnengerechten Werk in hervorragender Weise an.

Es verwundert nicht, dass Rossini die Musik im Gewand dieser Kantate nicht für überlebensfähig hielt. Es handelt sich dabei nicht einmal um eine allgemeine, unverbindliche Allegorie im mythologischen oder arkadischen Stil, sondern um einen zeitgenössischen Schwank, der ganz direkt auf das zu feiernde Ereignis zugeschnitten ist. Da treffen sich in dem real existierenden Badeort Plombières zahlreiche internationale Gäste, die sich nach Reims zu den real stattfindenden Krönungsfeierlichkeiten für Karl X. begeben wollen; doch in Ermangelung von Transportmöglichkeiten halten sie ihr Fest gleich im Garten ihres Hotels ab, und jeder singt als Grußbotschaft seine Nationalhymne mit einem passenden Text. Logisch, dass ein solches Werk, wenn einmal die Alltagspolitik des neuen Königs zu greifen begann, keinen Menschen mehr interessieren würde.

Die Vergänglichkeit politischer Proklamationen wurde Rossini schon in frühester Jugend bewusst. Sein Vater bekannte sich als „echter Republikaner“ zu den Idealen der französischen Revolution, doch als die papsttreuen Truppen die Franzosen wieder vertrieben, kam er ins Gefängnis. Rossini selbst musste 1815 in Bologna erfahren, wie er durch seine Hymne auf einen von Murat proklamierten italienischen Einheitsstaat seine Karriere aufs Spiel setzte: Murat wurde in Tolentino von den Österreichern geschlagen und die napoleonische Ära fand ein jähes Ende. In der anschließenden Restaurationszeit komponierte Rossini für den Hof der Bourbonen in Neapel regelmäßig Kantaten zu Geburtstagen, Genesungen, Besuchen—alles Anlässe, die nur einen Tag Bestand hatten, bevor zur Tagesordnung übergegangen wurde. Bei der großen Kantate zur Hochzeit von Maria Carolina mit dem Herzog von Berry (Le nozze di Teti e di Peleo, 1816) musste er sogar erfahren, dass sie dem königlichen Paar kein Glück brachte: Vier Jahre später fiel der Herzog einem Attentat zum Opfer. Mit diesem Erfahrungsschatz war es für Rossini klar, dass es dem Festakt zur Krönung Karls X. nicht besser ergehen würde, auch wenn er das Stück von einer „petite pièce“ zu einem abendfüllenden Einakter in drei Teilen erweiterte und auch wenn die Musik von dem berühmtesten Komponisten seiner Zeit stammte und sein Einstandswerk für Paris darstellte. Nur wenige Monate später hätten die vollmundigen Lobeshymnen auf den neuen König Sarkasmus und Entrüstung hervorgerufen. Mit seiner ultrakonservativen Politik, die die vorrevolutionären Privilegien der Oberschicht wiederherstellen wollte, die Zensur wieder einführte und mit Ordonnanzen die verfassungsähnliche Charte aushebelte, brüskierte Karl X. das aufstrebende liberale Bürgertum. An eine Wiederaufnahme dieser Krönungsoper wäre auch mit opportunen Textanpassungen in der Regierungszeit des Gekrönten nicht mehr zu denken gewesen, und noch weniger nach dessen Sturz nur fünf Jahre später während der 18-jährigen Regentschaft des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe. Auch das vielbeachtete Thema des griechischen Freiheitskampfes, das der Dichter Luigi Balochi im Libretto untergebracht hat, sollte wie alle politischen Tagesthemen bald obsolet werden und bestenfalls noch eine geschichtliche Dimension haben, die aber in einer Oper, die das Jetzt feiert, wenig Sinn gehabt hätte. Auch wenn Rossini diese Ereignisse im Detail nicht voraussehen konnte, so wusste er doch, dass seine „Kantate“ verloren gewesen wäre, hätte er deren Musik nicht zumindest teilweise in seinen Comte Ory hinübergerettet.

Ein Kritiker, der ansonsten nicht sehr rossinifreundliche Charles Maurice, orakelte allerdings im «Courrier français» vom 20. Juni 1825: „Es ist möglich, dass Il viaggio die Gelegenheit, die sie entstehen ließ, überleben wird“. Fast 160 Jahre später sollte er recht bekommen—ebenso wie Stendhal, der lapidar erkannte: „Diese Oper ist ein Fest“.

In der Rossini-Renaissance der letzten dreißig Jahre wurden viele Kantaten ausgegraben, und einige davon erfreuen sich in den Konzertsälen einer gewissen Beliebtheit, dank ihrer brillanten Musik und ihrer uns heute gleichgültig lassenden, meist mythologischen Stoffe. Bei der Ausgrabung von Il viaggio a Reims 1984 in Pesaro rechnete freilich niemand mit einer Repertoirefähigkeit. Nicht wegen des Stoffes, der uns heute fast so fern und so egal ist wie die antiken Fabeln des Olymps, sondern aus praktischen Gründen: Das Aufgebot der damaligen Starsänger des Rossinigesangs unter der Leitung von Claudio Abbado war einmalig und konnte höchstens zu ganz besonderen Anlässen wiederholt werden. Abbado gastierte mit der Inszenierung von Luca Ronconi und kleinen Varianten in der Besetzung bis 1992 noch in Mailand, Wien, Tokio und Ferrara, und jedes Mal dachte man: „Das war‘s“. Doch in der Zwischenzeit hatten sich einige kleinere Theater und sogar Musikhochschulen an das Stück gewagt, und es stellte sich überraschenderweise heraus, dass das verwegene Unterfangen jeweils gelang und stets von Erfolg gekrönt war. Der Mythos der Unaufführbarkeit der Oper war faktisch widerlegt, auch wenn er in der Dialektik stehen blieb: Auch heute noch verweist jedes Theater, das sich des Stückes annimmt, gerne auf seine „Unaufführbarkeit“. Die Oper wurde in den ersten 30 Jahren ihrer fulminanten Reise rund um die Welt in gut 150 Produktionen und mit weit über 600 Aufführungen gegeben.

Wieso aber konnte ausgerechnet ein solches Werk in unserer Zeit zu einer richtigen Kultoper werden? Auf den Inhalt kann man heute getrost pfeifen: Was interessieren uns noch Karl X. und seine Zeit? Ronconi ließ ihn zwar mit seinem Hofstaat auftreten, aber als multimediales Spektakel, das ihn sogleich als „inszeniert“ entlarvte. Emilio Sagi machte bei der Produktion, die alljährlich von den Absolventen der Accademia Rossiniana in Pesaro gegeben wird, einen Kinderkönig mit Luftballons daraus. Und in den meisten Inszenierungen kommt der König gar nicht vor, die internationale Gesellschaft feiert sich selbst. Nur einer, der politisch sensible Literaturnobelpreisträger Dario Fo, denunzierte in seiner Inszenierung von 2003 in Helsinki den Ultraroyalisten und seine „ungesunde“ Verbindung mit der Kirche (der König erkältet sich, weil er bei der Salbung halbnackt auf dem kalten Kirchenboden vor dem Erzbischof liegt). Ansonsten wird oft auf aktuelle Tagespolitik Bezug genommen (und es ist vielleicht die einzige Rossini-Oper, die das wirklich rechtfertigt), etwa auf die EU.

Die Oper feiert aber auch ganz unpolitisch sich selbst: ihre Gattung, ihre Musik, ihre Sänger, ihren Komponisten. 1992 gab es zum 200. Geburtstag Rossinis gleich acht Produktionen von Il viaggio a Reims, und 1998, zum zehnjährigen Jubiläum von ROSSINI IN WILDBAD, wurde das Werk unter der Leitung von Alberto Zedda erstmals in der Thermalstadt Bad Wildbad aufgeführt. Es liegt auf der Hand, dass diese wahrhaft königliche Oper 2014 die ideale Wahl für die Wiedereinweihung des Königlichen Kurtheaters Wildbad darstellte. Das bot dem Festival die Gelegenheit, im Rahmen seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit SWR und Naxos die Oper erstmals vollständig und getreu der Kritischen Edition auf CD herauszugeben. Hier einige Unterschiede zur gängigen „Aufführungstradition“ und zu den beiden „historischen“ Aufnahmen unter Claudio Abbado:

- Die musikalischen Zitate von Mozart, Haydn, Beethoven und Bach im Rezitativ vor der Arie der Contessa di Folleville waren eine originelle Hinzufügung der Produktion von 1984, stammen aber nicht von Rossini.

- Die acht Verse in der dritten Strophe Corinnas innerhalb des Sextetts wurden oft auf zwei reduziert.

- In den früheren Aufnahmen fehlt im Finale der Chor „L’allegria è un sommo bene“, weil die Musik dazu noch nicht entdeckt war. Später hat Philip Gossett als Vorlage dazu den Mädchenchor aus Maometto II identifiziert, und das Stück wurde zeitweise als Frauenchor aufgeführt. Erst mit der definitiven Kritischen Edition wurde es als gemischter Chor rekonstruiert.

- In der englischen Hymne hat Rossini bei der verlängerten Kadenz von Lord Sidney die Worte „basta basta“ dem Baron Trombonok in den Mund gelegt (der Librettist sah diesen „Gag“ nicht vor); in manchen Aufführungen wird das von anderen Personen oder vom Dirigenten übernommen.

- In dem von Folleville und Belfiore gesungenen französischen Lied schmettern nach der Kadenz der Gräfin in den bekannten Aufnahmen die Trompeten die Marseillaise aus dem Orchestergraben. Das war freilich keine impertinente Geste Rossinis gegenüber dem Bourbonenkönig, sondern eine reine Erfindung der Produktion von 1984; in der Restauration war das Anstimmen der Revolutionshymne ein Straftatbestand.

- Rossini hat für Corinna fünf Improvisationsstrophen vorgesehen (in der melodischen Abfolge ABA’B’A’’, was natürlich bei den Wiederholungen Variationen erfordert, die wir hier Francis Benichou verdanken). Im Gegensatz zur gängigen Praxis wurden in Wildbad die Strophen 3 und 4 nicht gestrichen.

- Alle Rezitative sind vollständig eingespielt.

- In Bad Wildbad wurden auch die beiden kurzen Ballettmusiken nicht gestrichen, die die Schlussvariationen über das Thema „Vive Henri IV“ unterbrechen.

Reto Müller

Die Handlung

CD 1

Saal im Hotel „Zur Goldenen Lilie“ in Plombières. [1] Maddalena hält die Bediensteten zur Arbeit an, da die Gäste an diesem Tag abreisen. Don Prudenzio, der Arzt des Hotels, kontrolliert, ob das Frühstück richtig zubereitet wurde. [2] Die Hotelbesitzerin Madame Cortese freut sich über den schönen Tag und würde auch gerne mit auf die Reise gehen. [3] Dem guten Ruf ihres Hauses entsprechend, fordert sie die Belegschaft auf, mehr denn je auf die Eigenart der einzelnen Gäste zu achten. [4] Madame Cortese bedauert, dass sie den neuen Herrscher nicht sehen kann. Sie hört, wie die modenärrische Gräfin von Folleville nach ihrer Zofe ruft. Die Gräfin ist missmutig, weil sie nicht die neuesten Modeartikel bei sich hat, die sie für das Fest benötigt. Ihr Cousin Don Luigino erscheint und berichtet aufgeregt, dass die Kutsche mit den Modeartikeln verunglückt ist. Die Gräfin fällt in Ohnmacht. Auf die Hilferufe hin eilen Maddalena, Antonio, Baron von Trombonok sowie Don Prudenzio herbei. [5] Der Arzt konstatiert große Gefahr für die Gräfin. Als er gar von ihrem möglichen Tod spricht, richtet sich die Gräfin unvermittelt auf. Die Herren können sie nicht trösten; nur Frauen können ihr Leid wegen der fehlenden Modeausstattung verstehen: [6] Ehre und Vaterland verbieten ihr, unter diesen Umständen aufzubrechen. Da eilt Modestina herbei und bringt ein Hütchen in einer Schachtel, die unversehrt geborgen werden konnte. [7] Überschwänglich dankt die Gräfin den Göttern für diese glückliche Fügung. Die Anwesenden können sich das Lachen kaum verkneifen. [8] Trombonok, der von der Reisegesellschaft als Kassenwart bestimmt wurde, erteilt Antonio den Auftrag, alles für die Abreise nach Reims zu richten. Auf die Ohnmacht anspielend, meint Trombonok, dass jeder auf der Welt seine eigene Verrücktheit habe. [9] Er vergleicht die Welt mit einem großen Narrenkäfig. Der Italiener Don Profondo ist verspätet, weil er sich eine seltene Antiquität angeschaut hat. Der Spanier Don Alvaro erscheint mit der polnischen Marchesa Melibea, die sich auf die Reise mit so distinguierten Leuten freut. Madame Cortese ist über das Ausbleiben des Dienstboten beunruhigt. Libenskof, ein russischer Graf, ist eifersüchtig, weil seine Geliebte Melibea von Don Alvaro hofiert wird. [10] Die beiden geraten sich trotz Beschwichtigungsversuchen in die Haare. Don Profondo und Trombonok konstatieren philosophisch, dass die Liebe erwachsene Männer kindisch werden lässt. [11] Unvermittelt erklingen im Hintergrund Harfenklänge, und man hört, wie die römische Improvisatorin Corinna ihren Gedanken von einem goldenen Zeitalter brüderlicher Liebe Ausdruck verleiht. [12] Alle Anwesenden sind wie verzaubert und vergessen ihre Auseinandersetzung.

CD 2

[1] Madame Cortese wartet immer noch auf Zefirino. Sie sieht Lord Sidney kommen, der heimlich in Corinna verliebt ist, was ihrer Meinung nach auf Gegenseitigkeit beruhe. [2] Der Engländer leidet unter den Schmerzen, die ihm seine Liebe zu Corinna verursacht. [3] Vergebens versucht er, den Pfeil Amors aus seinem Herzen zu reißen. Bauernmädchen bringen die Blumen, die er als Botinnen seiner Liebe bestellt hat. [4] Während der Chor die Grazie und Bescheidenheit der Angebeteten lobt, hängt der Lord den Gedanken an seine schmachtende Leidenschaft nach. [5] Don Profondo, der den Lord nach englischen Antiquitäten fragt, wird schroff an die Museen verwiesen. Für Corinna hat er einen Brief aus Rom, mit guten Nachrichten über die Zukunft Griechenlands, was Delia, eine griechische Waise unter der Obhut Corinnas, mit Hoffnung erfüllt. Allein geblieben, betrachtet Corinna gerührt die tägliche Blumengabe ihres Verehrers. [6] Belfiore hat sich vorgenommen, die schöne Corinna zu erobern. [7] Er gesteht der verwunderten Dichterin, dass eine große Schönheit seine lebhafteste Leidenschaft entzündet habe. Schließlich wirft er sich ihr zu Füßen und bekennt, dass sie sein Idol sei. [8] Corinna lässt sich von dem Schwerenöter nicht beeindrucken und droht, Leute herbeizurufen. Belfiore ist allerdings überzeugt, dass Corinna wie alle Frauen nur der Form halber Strenge vorgebe und früher oder später schwach werde. [9] Don Profondo hat die Szene beobachtet und lacht über den Beau, wohl wissend, dass die Gräfin von Folleville ihren Geliebten bestrafen wird, wenn sie davon erfährt. Nun muss er aber ein Inventar über die Gegenstände erstellen, die die Reiseteilnehmer mitführen. [10] Er selbst führt unvergleichliche Medaillen, wertvolle Antiquitäten, seine akademischen Auszeichnungen und ein unveröffentlichtes Traktat mit sich. Von dem Spanier verzeichnet er Ahnentafeln mit historischen Erläuterungen, Diplome und Orden sowie peruanische Perlen. Die Polin besitzt die vorzüglichsten Werke der Literatur sowie darauf basierende Bilder. Die Französin hat ihren feinsten Schmuck dabei sowie eine Schachtel, die das neueste Hutmodell enthalten dürfte. Für den Deutschen notiert Don Profondo Dissertationen über Harmonie, erstrangige Werke deutscher Komponisten und unbekannte Modelle von Blasinstrumenten. Der Engländer hat Seefahrertraktate, chinesischen Tee, Opium und Luftdruckpistolen sowie die „Bills“ des englischen Parlaments im Gepäck. Der Franzose führt Lithographien von Horace Vernet und Malutensilien mit sich, ganz abgesehen von Souvenirs vergangener Liebesaffären. Der Russe verfügt über Beschreibungen von Sibirien und der Türkei, ausgestopfte Tiere und Federschmuck. Nach Fertigstellung der Liste freut sich Don Profondo unbändig auf die bevorstehende Abreise: Er glaubt schon das Stampfen der Pferde zu vernehmen und jubelt innerlich über den großen Moment. [11] Die Gräfin von Folleville sucht nach dem Chevalier Belfiore. Da der Gelehrte Don Profondo nicht lügen will, antwortet er ihr, dass dieser eine Lektion in Poesie genommen habe. Die Gräfin schwört innerlich Rache. Don Alvaro und Graf von Libenskof fragen ungeduldig nach dem Grund der Verzögerung. In dem Moment kommt Trombonok und kündigt eine schreckliche Nachricht an, die der eben eingetroffene Bote selbst mitteilen wird. Nachdem alle anderen herbeigerufen wurden, erklärt Zefirino, dass die geplante Reise abgesagt werden muss: Es gibt weit und breit keine Pferde zu mieten oder zu kaufen, da alle seit langem für die Reise nach Reims reserviert sind. [12] Alle dreizehn Anwesenden reagieren mit Entsetzen auf diesen unerwarteten Schlag. Da eilt Madame Cortese mit einem tröstlichen Brief herbei, den sie soeben von ihrem Mann aus Paris erhalten hat. Don Profondo liest ihn auf allgemeinen Wunsch laut vor: Der König wird in den nächsten Tagen in Paris zurückerwartet, wo man große Feste vorbereitet; alle, die nicht zur Krönung nach Reims fahren konnten, werden sich mit den Festlichkeiten in Paris trösten können. Die Gräfin von Folleville bietet der ganzen Gruppe spontan ihr Haus in Paris als Unterkunft an. [13] Begeistert nehmen alle diese Idee auf, glücklich, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu können.

CD 3

[1] Für die Reise nach Paris bietet sich die planmäßige Postkutsche am nächsten Morgen an. Mit dem bereits gesammelten Geld wird man noch an diesem Abend ein öffentliches Fest veranstalten. Trombonok wünscht als Freund der Harmonie, dass sich Melibea und Libenskof versöhnen. [2] Libenskof verteidigt sich damit, dass ein Übermaß an Liebe ihn schuldig werden ließ, und möchte Melibeas Herz zurück. Diese tadelt ihn dafür, dass er sie für untreu halten konnte, und will nicht an seine Reue glauben. [3] Sie fühlt aber, wie ihre Strenge schwindet, während in Libenskof Hoffnung aufkeimt. Schließlich gibt sie nach und beide fallen sich voll Liebesglück in die Arme.

Beleuchteter Garten mit gedeckter Tafel. [4] Antonio beauftragt Gelsomino, die Gäste zu Tisch zu bitten. Maddalena kündigt eine Truppe fahrender Gesangsund Tanzkünstlern an, die der Baron spontan eingeladen hat. [5] Während sich die Gäste an die Tafel setzen, geben die Tänzer eine mythologische Allegorie zum Besten. [6] Die vier Sänger der fahrenden Truppe lassen mit den Bediensteten als Chor die Fröhlichkeit als höchstes Gut hochleben. [7] Nach diesem Divertissement kündigt Trombonok die Trinksprüche an, deren Abfolge er vorgibt. [8] Er eröffnet die Runde, indem er auf die Harmonie unter den europäischen Völkern anstößt. Alle Anwesenden stimmen in den Refrain ein. Darauf ist Melibea an der Reihe. [9] Im Rhythmus einer schneidigen Polonaise lässt sie die heldenhaften Krieger hochleben; der Chor wiederholt die Losungen Vaterland, Thron, Treue und Ehre. [10] Libenskof lässt mit einem Zarenlied die Thronfolgerin Frankreichs für ihren Mut und ihre künftige Regentschaft hochleben. Vom Norden gibt Trombonok an den Süden weiter: [11] Der Spanier Don Alvaro singt eine Hymne auf den Herzog von Angoulême, der sein Land vom Bürgerkrieg befreit hat. Der Engländer hält sich für unmusikalisch. [12] Aber er kennt natürlich die englische Königshymne, mit der er auf eine weitere Bourbonen-Generation, den Herzog von Bordeaux, und das französische Volk anstößt. Die beiden Franzosen, Folleville und Belfiore, sollen ein Lied in C-Dur wählen. [13] Sie besingen die Mutter des Vorgenannten, und der Chor wünscht ihr die Gunst des Himmels. Schließlich bittet Trombonok Madame Cortese und Don Profondo, den Abschluss in Es-Dur zu machen. [14] Die gebürtige Tirolerin und der Italiener stimmen eine Tirolienne in Form eines Echojodels an. Sie gilt der goldenen Lilie, dem Symbol des herrschenden Bourbonenzweiges, den der Chor im Refrain als stete Hoffnung der Franzosen besingt. Zuletzt liegt es an Corinna, ihre Improvisationen beizusteuern. Aus den Stichworten, die alle auf einen Zettel schreiben und in eine Urne legen, zieht Melibea per Zufall das Thema „Karl X., König von Frankreich“. [15] Corinna widmet ihm ex tempore fünf Strophen. [16] Nach dieser Lobeshymne erscheinen in Transparentbildern die Konterfeis der königlichen Familie und der berühmtesten französischen Könige. Nach kurzen Tänzen lässt Belfiore, gefolgt von allen anderen, den König hochleben. Das Fest schließt mit einem Vivat auf Frankreich und seinen tapferen Herrscher.

Reto Müller


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