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8.660390-91 - BERG, A.: Wozzeck [Opera] (Trekel, Schwanewilms, Molomot, N. Berg, Houston Symphony, Graf)
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Alban Berg (1885–1935)
Wozzeck

 

„Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen …“ Georg Büchner

Alban Berg kam 1885 in einem Barockpalais in der Wiener Innenstadt zur Welt. Er zeigte Neigung zu Architektur, Dichtung, bildender Kunst, bis er 1904 Kompositionsschüler von Arnold Schönberg wurde und sich mit Liedern, einer Klaviersonate und einem Streichquartett als schöpferischer Geist hohen Ranges erwies. 1912 vertonte er fünf Orchesterlieder nach Ansichtskarten von Peter Altenberg. Sie verursachten bei der ersten Aufführung am 31. März 1913 im Wiener Großen Musikvereinssaal einen Konzertskandal, der nur durch den um Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ zwei Monate später in Paris übertroffen wurde. Seither galt Berg, der aristokratische Kulturmensch, als gefährlicher Rebell.

Im Mai 1914 spielte Albert Steinrück im Wiener Residenztheater (den späteren Kammerspielen) die Titelrolle bei der Erstaufführung von Georg Büchners „Woyzeck“. Berg, längst auf der Suche nach einem Opernstoff, war begeistert und sofort entschlossen, das Stück zu komponieren. Dann brach der Erste Weltkrieg aus, Berg wurde Soldat und konnte als Schreiber im Kriegsministerium an ernste künstlerische Arbeit zunächst nicht denken. Doch vollzog sich in diesen Jahren seine Identifikation mit dem Soldaten Wozzeck. „Steckt doch auch ein Stück von mir in dieser Figur, seit ich ebenso abhängig von verhaßten Menschen, gebunden, kränklich, unfrei, resigniert, ja gedemütigt diese Kriegsjahre verbringe“, schreibt er am 7. August 1918 an seine Frau Helene, der unehelichen Tochter von Kaiser Franz Joseph.

Doch wer ist diese Hauptfigur und wo kann man sie historisch verorten? Woyzeck/Wozzeck existiert dreifach. Johann Christian Woyzeck hat tatsächlich gelebt. 1780 wird er in Leipzig geboren. Er verkörpert das Schicksal eines Menschen, der ganz unten ist: sozial, materiell, seelisch. Will man seine Situation in unsere Welt übertragen, erscheint er als fast rechtloser Fremdarbeiter, auch sich selbst entfremdet. Er schließt sich einem holländischen Regiment an, kehrt verarmt vom Krieg zurück. Von Eifersucht gepeinigt begeht er einen Mord an seiner Geliebten, die sich vermeintlich mit anderen Soldaten vergnügt. Zwei ärztliche Gutachten sind die einzigen historischen Quellen seiner Existenz. Sie verstören im herablassenden Ton. Arzt und Richter stellen in Gutachten ihre soziale und bildungsmäßige Überlegenheit gnadenlos aus. Die Hinrichtung von Woyzeck erscheint nach heutigen Maßstäben ebenso als Mord.

Georg Büchner (1813–1837) erfasst die Geschichte mit voller Vehemenz. Er ändert den Vornamen und erschafft mit Franz Woyzeck einen (Anti-)Helden, einen Protagonisten der Literatur. Sein Leben zieht in kurzer Zeit vor den Augen der Zuschauer und Leser vorbei. Büchners Text bleibt ein Fragment und leider ist die Quellenlage schlecht. Trotzdem wird sein Woyzeck gelesen, rezipiert, mit zunehmender Zeit heftig verehrt.

Alban Berg macht den Stoff schließlich vollends zum Kunstwerk. Er übernimmt den Druckfehler einer Ausgabe und erfindet mit Franz Wozzeck eine zentrale Figur der Operngeschichte. 1917 hat er die Texteinrichtung des Büchnerschen Fragments nach einigen kompositorischen Vorbereitungen beendet. Nach der Entlassung aus dem Wehrdienst im November 1918 ging die Arbeit vorwärts. Büchners Text, damals in Österreich kaum bekannt, fesselte ihn mehr und mehr. Er schreibt an seinen Freund Anton von Webern: „Ob ich damit zufrieden bin, kann ich Dir nicht einmal sagen, ich fühle beim Niederschreiben immerfort Wärme, und es geht mir auch leichter von der Hand, als ich nach so einer langen Pause gedacht habe … Es ist nicht nur das Schicksal dieses von aller Welt ausgenützten und gequälten armen Menschen, was mir so nahegeht, sondern auch der unerhörte Stimmungsgehalt der einzelnen Szenen.“

Der Krieg hatte aus dem Ästheten Berg einen sozial Empfindenden gemacht. Ein Opernstoff mit Außenseitern der Gesellschaft wie Wozzeck und seiner Marie, die ihm ein Kind geboren hat, „ohne den Segen der Kirche“, ein Text, der an dem Hauptmann, dem Arzt und dem schönen Tambourmajor als Vertretern der Macht unverkennbar Kritik übt: das ging weit über die „Kameliendame“ oder „Manon Lescaut“ hinaus. Berg schreibt in hohem Maß Bekenntnismusik.

Arnold Schönberg äußert sich bedenklich. Musik solle Engel, nicht Offiziersdiener behandeln. Selten lag er so falsch. Als ihm Berg 1921 das fertige Manuskript vorlegt, ändert er sofort seine Meinung und wird zum ersten Vorkämpfer für die Oper. Er erkennt, dass Berg parallel zum politischen Zusammenbruch des 19. Jahrhunderts die romantisch verklärten Ideale der Oper auf den Scheiterhaufen der Musikgeschichte befördert hat. „Das ist eine Oper! Eine echte Theatermusik!“, schreibt Schönberg an Bergs Verleger Emil Hertzka, der sich noch ziert. Erst ein finanzieller Zuschuss von Alma Mahler ermöglicht den Druck eines Klavierauszugs. Wer Noten zu lesen verstand, erkannte: nach dem „Wozzeck“ wird die Opernwelt eine andere sein.

Alles an dieser Musik schien neu und dabei formal wie emotionell begründet. Die Behandlung von Singstimmen und Orchester war den szenischen Handlungen mit naturalistischer Treue angeglichen. Rezitativ, Arioso und Sprechgesang im Geist des Schönbergschen „Pierrot lunaire“ fanden ihren logischen Platz in der Dramaturgie. Berg hatte von Büchners Szenen fünfzehn ausgesucht und in drei Akte zu je fünf Szenen eingeteilt. Jeder Akt hatte eine durchkomponierte Form, die sich ihrerseits aus traditionellen Formen zusammensetzte. In der Tonsprache verbindet Berg tonale, polytonale und atonale Mittel. Seine epochalen Neuerungen standen also auf dem festen Boden der Tradition.

Berg selbst hat dies in seinem „Wozzeck“-Aufsatz aus dem Jahr 1928 so dargestellt: „Abgesehen von dem Wunsch, gute Musik zu machen, den geistigen Inhalt von Büchners unsterblichem Drama auch musikalisch zu erfüllen, seine dichterische Sprache in eine musikalische umzusetzen, schwebt mir in dem Moment, wo ich mich entschloss, eine Oper zu schreiben, nichts anderes, auch kompositionstechnisch nichts anderes vor, als dem Theater zu geben, was des Theaters ist. Das heißt also: die Musik so zu gestalten, dass sie sich ihrer Verpflichtung, dem Drama zu dienen, in jedem Augenblick bewusst ist.“

„Was des Theaters ist“ war bei der Uraufführung 1925 an der Berliner Lindenoper unter Erich Kleiber noch sehr umstritten. Ein Teil der Presse schäumte vor Wut, man vermisste Melodien. Doch das Werk wurde bald nachgespielt: 1926 in Prag, 1927 in Leningrad, 1930 in Wien und 1932 erneut in Berlin unter Kleiber. Als Londons Covent Garden 1934 eine Aufführung plante und sich Dekorationen in Berlin ausleihen wollte, hatte das Theater den Fundus schon im nationalsozialistischen Sinn „gesäubert“.

Berg sollte den zweiten, endgültigen Triumph seines „Wozzeck“ nicht mehr erleben. Er starb 1935. Heute, fast hundert Jahre nach der Uraufführung, kann man festhalten, dass Bergs zutiefst humane Oper die Menschen erreicht und erschüttert. Die Oper „Wozzeck“, die in gewisser Weise auch eine Passionsmusik ist, ist als Meisterwerk des 20. Jahrhunderts längst im Repertoire angekommen.

Wolfgang Schaufler

Die Handlung

CD 1

Erster Akt

[1] Der Soldat Wozzeck rasiert den Hauptmann, der seine selbstgerechte Philosophie von sich gibt. Er wirft Wozzeck seinen unmoralischen Lebenswandel vor, da er mit seiner Geliebten Marie und dem gemeinsamen Kind »ohne den Segen der Kirche« zusammenlebt. Wozzeck erwidert, dass er schon tugendhaft leben wollte, wenn er reich wäre.

[2] Beim Holzsammeln mit seinem Freund und Kameraden Andres wird Wozzeck von furchterregenden Visionen heimgesucht.

[3] Daheim zankt sich Wozzecks Geliebte mit der Nachbarin Margret: Diese behauptet, Marie mache dem Tambourmajor schöne Augen. Wozzeck steckt seinen Kopf durchs Fenster und erzählt Marie von seinen Visionen. Dann eilt er davon.

[4] Er besucht den Doktor und ist bereit, dessen Experimente über sich ergehen zu lassen, um sich so das dringend benötigte Geld zu verdienen. Wozzeck berichtet dem Doktor von seinen Halluzinationen. Dieser ist begeistert.

[5] Daheim erliegt Marie inzwischen den Avancen des Tambourmajors und gibt sich ihm hin.

CD 2

Zweiter Akt

[1] Bei seiner Heimkehr entdeckt Wozzeck die Ohrringe, die Marie von dem Tambourmajor erhalten hat. Trotz seines Argwohns händigt er Marie seinen Sold aus. Dann geht er ab.

[2] Hauptmann und Doktor führen beim gemeinsamen Spaziergang ein belangloses Gespräch. Sie begegnen Wozzeck und provozieren ihn mit der Nachricht von Maries Fehltritt.

[3] Wozzeck stellt Marie zur Rede und packt sie. Sie ringen miteinander. Marie kann sich befreien und meint, sie wolle lieber ein Messer in ihrem Herzen haben als Wozzecks Hände auf sich fühlen.

[4] In der Dorfkneipe tanzen die betrunkenen Gäste. Marie dreht sich im Walzer mit dem Tambourmajor. Dieser Anblick peinigt Wozzeck; Andres versucht, ihn mit einem Lied aufzumuntern, doch umsonst.

[5] Später, in der Kaserne, findet Wozzeck keinen Schlaf. Stammelnd erzählt er Andres von den Stimmen in seinem Kopf und von den Messern, die er in seinem Wahn vor sich sieht. Der betrunkene Tambourmajor kommt in die Kaserne und verhöhnt Wozzeck. Die beiden kämpfen. Wozzeck verliert und bleibt blutend am Boden liegen.

Dritter Akt

[6] Marie bereut ihre Taten und liest dem Kind aus der Bibel die Geschichte von Maria Magdalena und den Ehebrecherinnen vor.

[7] Später spazieren Wozzeck und Marie an einem Teich entlang. Er spricht freundlich mit ihr und küsst sie, doch als der Mond aufgeht (»wie ein blutig’ Eisen«), gerät er in Wut: Er bezichtigt die Geliebte der Untreue und schneidet ihr die Kehle durch.

[8] In der Kneipe betrinkt sich Wozzeck. Dann will er mit Margret tanzen. Diese entdeckt voller Entsetzen das Blut auf seiner Kleidung.

[9] Wozzeck kommt zu dem Teich zurück und sucht nach seinem Messer. Er stößt auf Maries Leichnam. Er schleudert das Messer ins Wasser, watet dann aber hinterdrein, um sich zu überzeugen, dass es wirklich auf den Boden gesunken ist. In seinen Wahnvorstellungen hält er das Wasser für Blut, und er ertrinkt. Doktor und Hauptmann schlendern vorüber; sie hören beunruhigende Geräusche und machen sich eilends davon.

[10] Nach dem Orchesterzwischenspiel ! sieht man das Kind von Marie und Wozzeck im Ringelreihen mit seinen Spielkameraden. Ein weiteres Kind eilt herbei und ruft dem Knaben zu, dass seine Mutter tot sei. Die Kinder stürzen davon, um sich selbst zu überzeugen. Allein und verängstigt reitet ihnen der Kleine auf seinem Steckenpferd nach.

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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