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8.669003-04 - ADAMS: I was Looking at the Ceiling and Then I Saw the Sky
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I was looking at the ceiling and then I saw the sky
Musik von John Adams (geb. 1947) • Libretto von June Jordan (1936–2002)

Einführung

Wer es gewohnt ist, Musikstücke eindeutig in Gattungen einzuordnen, wird sich mit dem Phänomen I was looking at the ceiling and then I saw the sky von John Adams schwer tun. Am ehesten nähert man sich ihm wohl an, indem man zunächst einmal abgrenzt, was es alles nicht ist: Zum Beispiel ist es keine Oper. Zwar besteht das Stück ausschließlich aus Musik. Es gibt jedoch keine durchkomponierten Szenen, keinen in Musik gefassten dramatischen Spannungsbogen, wie ihn die Oper auszeichnet, auch und gerade die beiden Opern Nixon in China und The Death of Klinghoffer von John Adams. Wir haben es auch nicht mit jener ernsthaften Musik zu tun, die in einer Oper für gewöhnlich zu erwarten wäre, sondern statt dessen mit einem bunten Reigen populärer Stilrichtungen: Gospel reiht sich an Pop, Jazzballade an Rocknummer, Whitney Houston an Supertramp. Es spielt auch kein Orchester, sondern lediglich - und dazu passend - eine Rockband aus Klarinette, Saxophon, Keyboards, Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Handelt es sich also um ein Musical? Vielleicht in gewissem Sinne - aber sicherlich nicht so, wie der Begriff landläufig verstanden wird. Weder in der Wahl des Stoffes noch in der äußeren Form wäre das Stück mit My Fair Lady oder Starlight Express vergleichbar, die dort typischen Dialoge fehlen ebenso wie die obligatorischen Tanzeinlagen. Und der sozialkritische Stoff erinnert eher an das engagierte, politische Theater eines Bertold Brecht, das ja auch Songs enthält.

Das Neue und Eigenwillige an diesem Song Play ist dagegen der Verzicht auf erklärende und verbindende Dialoge, Rezitative oder ähnliches: Wie in einem Liederzyklus - oder einem Popalbum - reihen sich 23 Songs im Fünf-Minuten-Format aneinander. In ihrem Ablauf erzählen sie aber eine Geschichte, bilden ein Stück Theater, also ein Play. Obwohl das Stück also Formelemente aus allen bisherigen Musiktheatergattungen übernimmt, ist das Ergebnis doch etwas Eigenständiges, das es so bisher noch nicht gab.

Zur Entstehungsgeschichte

Diese einzigartige Kunstform ist das Produkt der Zusammenarbeit dreier Größen der amerikanischen Kulturszene: des Komponisten John Adams, der Dichterin und Bürgerrechtlerin June Jordan und des Regisseurs Peter Sellars, der bereits die früheren Opern des Komponisten mitentwickelt hatte. Dieser wollte offensichtlich ein Stück im Broadway-Stil herausbringen, und nachdem June Jordan als Librettistin gewonnen worden war, stand auch das Thema des Werkes fest: eine Verbindung von Sozialkritik und Liebesgeschichte, wie es für das lyrische Werk Jordans bezeichnend ist. Dabei stand die Liebe für die Autoren von vornherein im Vordergrund, wie June Jordan in einem Bericht für das Programmheft der Uraufführung schreibt:

„Wir einigten uns auf die Liebe als ersten und äußersten Brennpunkt der Arbeit. (...) Im Mittelpunkt stand immer die Überlegung: Wer ist dieser Mann? oder Wer ist diese Frau? und Wie stehen sie zueinander? Auf die natürlichste Art der Welt sammelte sich so eine ungeheure Menge an Informationen, die vom wahrscheinlichen Lieblingsessen oder Lieblingsmusik der Figuren bis hin zu den politischen Implikationen ihrer Identitäten reichen.“

Zu den Personen

So entstehen sieben aus dem Alltäglichen erfundene Personen, allesamt junge Leute aus Los Angeles verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft: Da ist der Prediger einer schwarzen Baptistengemeinde, David, immer guter Laune, sehr selbstsicher - und stadtbekannt für seine ständigen Frauengeschichten. Sein neuester Schwarm Leila weist ihn denn auch ab; sie ist eine gebildete, sozial engagierte Beraterin in einer Familienplanungsklinik, die sich nicht scheut, auch in der Öffentlichkeit Partei zu ergreifen. Unter ihren Klientinnen ist auch Consuelo, eine illegale Einwanderin mit zwei Kindern, geflohen aus El Salvador, die in den USA ein Leben in Angst und Armut führt. Sie ist die Geliebte von Dewain, einem schwarzen Gangleader, der, obgleich eigentlich ein anständiger Mensch, öfter wegen kleinerer Delikte im Gefängnis sitzt. Im Ghetto ist er dagegen sehr beliebt, selbst bei Polizist Mike, der ihn in seinen sozialen Aktionen als Quasi-Streetworker zu bessern sucht. Er selbst wäre gerne ein „harter“ Typ. Die Bewunderung Tiffanys jedenfalls ist ihm sicher, einer TV-Reporterin, die über Polizeiarbeit recherchiert und sich in Mike verliebt, ihn zu erobern versucht, aber verstört feststellen muss, dass es nicht funktionieren will. Doch es gibt ja noch Rick, den Anwalt vietnamesischer Abstammung: sehr ehrgeizig und engagiert, aber noch unerfahren in Beruf und Liebe.

Bewusst legte man Wert darauf, eine authentische Konstellation echter Personen zu schaffen, die der Realität der amerikanischen Gesellschaft entspricht - insbesondere ihrem unteren Ende. „Ich dachte an etwas Ähnliches wie (...) die Dreigroschenoper. Und ich hatte das Gefühl, dass ich über arme Leute schreiben muss“ - so Adams im gleichen Programmheft.

Zum Text

June Jordan setzte dies in ein ausgesprochen lyrisches Textbuch um, dessen sprachliche Kunstfertigkeit die große Dichterin verrät. Mühelos greift sie verschiedene Sprechmuster auf, seien es Ghetto-Slang, offizieller Polizistenjargon oder die Halleluja-Rufe der schwarzen Baptistenprediger, und spinnt sie kreativ weiter. Den jeweiligen Situationen angemessen, bewegt sich die Sprache auf verschiedenen Ebenen: Relativ alltäglich klingende Dialoge stehen formal gebundenen Gedichten gegenüber, freie Prosa trifft auf kunstvolle Poesie - und nicht selten geht das eine in das andere über. Zudem macht sich Jordan die generelle Tendenz der Amerikaner zunutze, bei Bedarf neue Wörter zu kreieren, und scheut so auch vor Kreationen wie „the Irun- four-miles-a-week-just-to-keep-my-perspectivelegs“ nicht zurück.

Zur Adams’ Musiksprache in Ceiling/Sky

Adams’ Musik passt sich mehr oder weniger dem englischen Sprachduktus an bzw. zieht aus diesem ihre eigene Gestalt, wobei sie rhythmisch oft äußerst komplex strukturiert ist, was sich jedoch nie gegen das Sprachgefühl wendet. Im Detail zeigt sich, wie auch dort, wo Adams betont deutlich an bestimmte Pop-, Rock- oder Jazzstile anknüpft, seine eigene postminimalistische Musiksprache stets durch die populärmusikalische Verkleidung hindurchscheint. Nach eigener Aussage gibt es kein durchgehaltenes Prinzip, nach dem diese zitierten Stile dem Textbuch oder den Personen zugeordnet sind. Auffällig ist jedoch, dass immer dort, wo etwas längere Entwicklungen beschrieben werden, das Populäre etwas zu Gunsten des „gehobeneren“ Adams-Stils zurückweicht. So entsteht eine abwechslungsreiche, vielgestaltige Folge von 23 Songs, die jeder für sich und alle gemeinsam in ihrer Abfolge Träger der Handlung sind, ohne um allzu große Stringenz bekümmert zu sein.

Über John Adams

John Adams wurde 1947 in Worcester (Massachusetts) geboren. 1965 begann er sein Studium in Klarinette, Dirigieren und Komposition bei Leon Kirchner, David Del Tredici und Roger Sessions an der Harvard University. 1971, nach Erlangen des Master Degree, zog Adams an die Westküste und ließ sich in San Francisco nieder, wo er am Conservatory Dozent für Theorie und Komposition wurde und das New Music Department leitete, das ihm als Experimentierfeld zur Verfügung stand. Intensive Studien der elektronischen Musik überzeugten ihn von der „Schwerkraft“ der Tonalität, die er in seiner Musik wieder einsetzen will. 1974 hörte er erstmals Steve Reichs Drumming, ein Erlebnis, das ihn zum Minimalismus „konvertierte“. Er begann minimalistische Stücke zu schreiben, allerdings auf seine eigene Art. 1978 begann die fruchtbare Freundschaft zu Edo de Waart, dem Chefdirigenten des San Francisco Symphony Orchestra. Adams wurde zunächst „New Music Adviser“ des Orchesters und später „Composer in Residence“. 1981 beendete er seine Lehrtätigkeit am Conservatory und lebt seither als freier Komponist und Dirigent in Berkeley bei San Francisco. In den 80er und 90er Jahren erlebte Adams Werk in den USA eine steigende Popularität, die es heute in den Rang eines modernen Klassikers erhebt. Dazu tragen zum einen große Orchesterwerke wie Harmonielehre und Short Ride in a Fast Machine, zum anderen seine Oper Nixon in China (1985-87) bei, die Adams schlagartig zu einer nationalen Berühmtheit machte. 1991 folgte eine weitere Oper, The Death of Klinghoffer, die nach der amerikanischen Erstaufführung sehr kontroverse Diskussionen, fast einen Skandal auslöste. Weitere Werke, die zu Adams wachsendem Erfolg beitrugen, sind das Violinkonzert (1993), das Klavierkonzert Century Rolls (1997), Naive And Sentimental Music für Orchester (1999), das Weihnachtsoratorium El Niño (2000) und insbesondere On the Transmigration of Souls (2002), eine Auftragskomposition für das New York Phiharmonic Orchestra für ein Gedenkkonzert an die Terroranschläge am 11. September 2001. Dass Adams für diese ebenso ehrenvolle wie heikle Aufgabe ausgewählt wurde, zeigt, dass er mittlerweile als der amerikanische Komponist schlechthin angesehen wird, dem man es zutraut, musikalisch für die Nation zu sprechen. Insofern wundert es auch nicht, dass Adams für dieses Stück mit dem Pulitzer-Preis 2003 ausgezeichnet wurde.

Ihren Erfolg verdankt Adams Musik einer musikalischen Schreibweise, die einerseits neu und originell, andererseits relativ zugänglich und hörerfreundlich daherkommt. Dies hat mehrere Ursachen: So gehört Adams zu jenen Komponisten der Gegenwart, die der Tonalität immer noch bzw. wieder eine innovative Kraft zutrauen und dies weiterzuentwickeln versuchen. Dieser Standpunkt verbindet Adams mit der postmodernen Bewegung, die im Anknüpfen an Bekanntes aus klassischer wie populärer Musik einen gangbaren Weg sieht und das reine Avantgarde- und Fortschrittsdenken aufgegeben hat. In der Tat wird man auch bei Adams vielerlei Einflüsse aus diesen Bereichen heraushören können, jedoch integriert Adams diese auf subtile Weise in seine eigene Musiksprache.

Diese wurde wesentlich vom amerikanischen Minimalismus beeinflusst, wie er in den Werken von Terry Riley, Phil Glass und Steve Reich erscheint. Minimalistische Musik (oder populärer: Minimal Music) besteht aus beständig wiederholten kurzen Tonfolgen, sogenannten Patterns, die im Laufe des Stückes allmählich verändert werden. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird dadurch vom einzelnen Ereignis weg auf den Gesamtvorgang gelenkt, ein neues Erleben von Zeit stellt sich ein. Adams sah in dieser Art zu Komponieren einen neuen und vielversprechenden Weg, zeigte jedoch von vornherein ein neues, eigenständiges Herangehen an diese Kompositionsweise: Bei ihm ergeben sich nicht nur allmähliche Prozesse, sondern deutliche, dynamische Entwicklungen, die zudem einer emotional gesteuerten Dramaturgie folgen, wie sie die Minimal Music so nicht kannte. Heraus kam eine spannende, packende Erlebnismusik, die wie eine Fahrt durch eine sich verändernde Landschaft wirkt - nicht zufällig trägt ein Stück den Titel Short Ride in a Fast Machine. Man hat Adams als einen Minimalisten, dem der Minimalismus zu langweilig wurde, bezeichnet. Aus seinem Streben nach Abwechslung und emotionaler Spannung erwuchs eine stilistische Fortentwicklung, die seine Musik im Laufe der Jahre immer weiter von den minimalistischen Vorbildern entfernte, so dass die Bezeichnung „postminimalistisch“ weit eher auf sein Werk zutrifft.

Cornelius Bauer


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