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9.70202 - COLEMAN, D.R.: Starry Night / Zwiegespr├Ąch / Ibergang / Fanfare and Palimpsest / 3 Character Pieces (F. Schwartz, Begelman, Wendeberg, D.R. Coleman)
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David Robert Coleman – In anderen Sprachen. Oder Musik als ganz andere Kunst des Übergangs.
Essai von Dr Wolfgang Hofer

Es scheint, als träume diese Musik hier stets mit offenen Augen. Der spezifische Geist ihrer Utopie ist inspiriert von der Idee eines unentwegten Glissandos, das zugleich nichts anderes ist, als ein Ostinato permanent anschwellender Metamorphosen.

“Wer spielt denn da draussen so schön Klavier”—heißt es in Arthur Schnitzers epochemachendem Monologue Interieur vom Fräulein Else (und Beat Furrer beantwortet in seiner Fama diese offene Frage nicht ganz, indem er Schumanns Kinderszenen verschweigt). Immerhin aber: vorstellbar wäre eine kleine Szene, worin das junge Fräulein sich in einer Münchner Kunstvilla heute noch zwischen Lenbach und Stuck ins Freie sehnt—und da draußen sitzt einer wie David Coleman selbst am Klavier. Nunmehr kleine moments musicaux aus Starry Night oder andere Charakterstücke memorierend. Als verbindlich aufklingende Antwort einer möglichen Musik gegenüber: der unbeantworteten Frage. ʻUnanswered questionʼ ist es immer, währenddessen Coleman mit seiner exakten kompositorischen Phantasie dem Ozean Inkognito der Neuen Musik stets neue Klangfiguren und Tongestalten abzulauschen vermag.

Eben dem soll nun genauer gedacht sein. Schon das Zwiegespräch für Solobratsche ist die indirekt vermittelte Evokation einer sich langsam verströmenden, immer geheimer werdenden Melancholie. Verschattete Musik aus dem Abglanz des Lebens in stets anderem Licht. Der oder das Andere im Künstler spricht durch die Stimme der Bratsche aus dem Imaginär-ganz-Anderen. Dialogue de lʼombre double könnte man konstatieren, oder aber auch: „Der Dichter spricht“. Vielleicht artikulieren sich in dieser filigran fiktiven Zwiesprache auch noch Echos aus der Fremde, einer ganz anderen Viola in my life. Als wäre dieses Stück für Solobratsche eine Art Vorspiel, zugleich Gegenstück zu Starry Night, jedenfalls aber eine Art solistisches Nachspiel zur Verklärten Nacht von Arnold Schoenberg. Aber das ist eine ganz andere Geschichte der ästhetischen Gegenwart.

In ganz anders konzipierten Opulenzen nämlich werden dann die Klanglabyrinthe des Ibergangs exponiert. Variantenreichtum des Tonfalls zwischen Fülle und Aussparung lassen die musikalischen Gedanken hier stets vielschichtig und vieldeutig über dem orchestralen Klanggrund schweben. Das Stück selbst freilich ist abermals eine einzige Metamorphose. Klangfarbenphantasmagorie. Zwiegespräch ganz anderer ästhetischen Gangarten. Solistische Intermezzi als traumlose Fragen. Das Orchester: ein Klangforum der jähen Intermittenzen. Einhergehend mit diesen stetig sich steigernden Ostinatoformationen gegen die Einsamkeit. Dergestalt erhebt der Künstler selbst hier nachhaltig Einspruch gegenüber der bleiernen Zeit, als wäre sie immer noch Hölderlins Gegenwart heute. Mag sein, daß eine Prise Ravel übergangsmäßig hineingewirkt ist, dividiert durch die Vexationen eines Satie. Aber dieser Eindruck führt in die Ironie einer Irre, als würde Woody Allen dieses Stück klarinettengemäß interpretieren. Denn wie von ganz fern her ist da auch eine Art Klangbildersturz auskomponiert. Mit aller Schönheit der Dämmerung. Das Stück könnte auch Chiaroscuro heißen—und sein Name wäre dann schon komplementäre Devise für eine andere imaginäre musiktheatrale Szene – Starry Night.

Sukzessiv-simultan fortschreitenden Augenblicks-klangbilder einer musikalischen Nightmare. Piano, Piccolo & Ensemble.

Ich stelle mir vor: Prospero ist nach dem Sturm, eben aus dem Exil wieder zuhause in Mailand unversehens erwacht. Um Mitternacht. Ariel & die anderen Geister, die er stets rief—verschollen. Aufgeschreckt setzt er sich an das Klavier, die imaginären Gespenster zu vertreiben, greift noch zur Flöte, vorsichtshalber, wie Hölderlin im Turm, diesen verlassend, die Stiegen hinunter und mitten hinein ins Mitternachtsgeschehen der Stadt, die erst jetzt anfängt, zu beben… —starry night.

Alle Klangfiguren und -zeichen, die in dieser wunderbar vexierten Musikwelt ans uns vorüberziehen, weisen immer intensiver über sich selbst hinaus. Virtuose Etüden am Rande der Verzweiflung. Und die ganze Welt dahinter/ darunter wird darüber zum völligen Abgrund. Währenddessen die musikalischen Fanfaren zuletzt unverdrossen gegen eine seltsame Mauer aus Trauer und Klage anklingen. Aber es muß doch auch irgendwo eine Art Glücks—oder Freudenmauer geben!

Diesem Postulat insgeheim nachhorchend, erklingt dann palimpsestartig die Fanfare für Trompete und Ensemble. Polyvalent verhüllt, zugleich verbindliche Antwort auf die Unanswered Question von Charles Ives. Wiederum ein Stück für Solo & Ensemble. Abermals ein Zwiegespräch. Vielleicht des Komponisten mit sich selbst als Künstler. Sich in diese subtile Klangwelt subtil hineindenkend und zugleich darin INS OFFENE verschwindend.–Um wieder aufzutauchen: auf der Suche nach dem ganz anderen TON im ganz Anderen. Noch einmal Viola in my life.

En passant le piano.

David Coleman, selbst ein (nach Thomas Bernhard) glenngenialer Komponist, fungiert hier nach René Leibowitz als Compositeur et son Double. Die kleinen Sätze sind allesamt Charakterstücke. Der letzte Satz, Notturno interrotto, erklingt wie eine traum-tingierte Spurensuche unausgesprochener Sehnsucht. Nichts umschreibt das Credo von Colemans Musik insgesamt noch genauer. Indem sie etwas tangiert, das imaginär zu singen beginnt, was man sonst nicht sagen kann. Insofern weisen diese innovativen Klangwelten sogar über die Zonen jeglicher ‚Zwiegesprächʻ hinaus—mit ihren mulitversalen musikalischen Artikulationen stets neuen und geheimeren Beziehungszauber entfaltend.

Wolfgang Hofer


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