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CD-16251 - Chamber and Vocal Music (17th Century) - ROSENMULLER, J. / KINDERMANN, J.E. / BUCHNER, P.F. (Dulcis Memoria von Schutz bis Rosenmuller) (Zwart)
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Von Schütz bis Rosenmüller:
Komponisten Süd- und Mitteldeutschlands
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

 

Als sich das Ende des 30jährigen Krieges abzeichnete, war Deutschland verwüstet. Wie schon in anderen Bereichen des Lebens versuchte man auch im Musikleben, ein Stück Normalität inmitten des Kriegschaos zu sichern. Mit dem Beginn der Friedensverhandlungen 1644 in Münster und Osnabrück keimte somit auch die Hoffnung auf die Reorganisation eines geregelten, produktiven Musiklebens an den Höfen und Kirchen. Genau 100 Jahre früher weihte Martin Luther in Torgau mit der Kapelle im Schloß Hartenfels, dem Aufnahmeort für die vorliegende Produktion, den ersten reformierten Kirchenbau der Geschichte. In Italien hatten inzwischen grundlegende musikalische Veränderungen stattgefunden. Die alte kontrapunktisch-polyphone Musik wurde durch das „monodische Prinzip“ abgelöst: Als Rückbesinnung auf die altgriechische Gesangspraxis schrieben die Komponisten solistische Melodiestimmen, die von einem Generalbaß akkordisch begleitet wurden. In den deutschen Musikzentren versuchte man Anschluß an die neue Musik aus Italien zu finden. Auf dem Weg zu einer „nationalen“ neuen Musikkultur verarbeitete eine Generation junger Komponisten Einflüsse der norditalienischen Musik, ohne dabei die eigene Tradition zu vergessen. Mitte des 17. Jahrhunderts entstand so eine neue musikalische Identität in den deutschsprachigen Ländern.

Heinrich Schütz ist wohl der bedeutendste Vermittler der norditalienischen Musik in der Mitte des 17. Jahrhunderts. 1585 in Köstriz geboren, wird es Schütz 1599 durch ein Stipendium des Landgrafen von Hessen ermöglicht, in das Gymnasium von Kassel einzutreten. 1608 beginnt er zunächst ein Jura-Studium in Marburg, unternimmt aber ein Jahr später eine Reise nach Venedig, die ihn zu Giovanni Gabrieli führt. Bis zu Gabrielis Tod im Jahre 1612 ist Schütz sein Schüler. Er kehrt nach Deutschland zurück und wird 1617 Hofkapellmeister in Dresden. Der Beginn des 30jährigen Krieges 1618 lähmt das Musikleben. Heinrich Schütz unternimmt eine zweite Reise nach Italien, um die Kunst des neuen Venezianischen Kapellmeisters Claudio Monteverdi kennenzulernen. Ein Ergebnis dieser Studien ist die Aufführung der ersten deutschen Oper „Daphne“ 1627 in Torgau. Nach Anstellungen in Dänemark erscheint 1648, ein Jahr vor dem Westfälischen Frieden, der zweite Teil seiner „Symphoniae Sacrae“ (op. 10). Hieraus stammt die Bearbeitung des Calvisius-Chorals Herzlich lieb hab ich dich, o Herr, meine Stärke. Im Gegensatz zum lateinischen ersten Teil seiner Symphoniae Sacrae von 1629 sind nun Bibeltexte in deutscher Sprache vertont. Hier ist es der 18. Psalm, ein Danklied des Königs David für Rettung und Sieg. Für die Komponisten seiner Zeit ist Schütz Lehrer und Vorbild. Seine Werke werden kopiert und in ganz Deutschland aufgeführt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1672 ist er eine gefragte Autorität.

Der gebürtige Italiener Antonio Bertali (1605 Verona–1669 Wien) kam um 1624 nach Wien. Der Violinist ist dort zunächst Hofmusiker, bis er 1649 Hofkapellmeister wird. Schon während seinen frühen Wiener Jahren ist er auch als Komponist tätig. Leider ist von seinen ca. 600 Werken nur ein kleiner Teil erhalten. Eine wichtige Quelle seiner Werke ist der Codex Rost, eine umfangreiche handschriftliche Sammlung von Kirchen- und Kammermusik, die auf den Baden-Badener Kantor Franz Rost (ca. 1640–1688) zurückgeht. Seit 1726 ist diese Sammlung im Besitz der Bibliotheque Nationale Paris. Im Codex Rost finden sich neben Werken von Rosenmüller u.a. auch fünf Werke Bertalis. Eines davon ist die Sonate à 2 Violin. In dieser für zwei Melodieinstrumente und Generalbaß bestimmten Triosonate entsteht ein bemerkenswerter Dialog zwischen der Violine und dem Zink: suchen-finden, sprechen-hören, Gedanken verneinen-bejahen und weiterführen; das stützende Fundament dabei ist die dritte Stimme, der Baß.

Johann Rosenmüller wurde 1619 in Ölznitz im Voigtland geboren. Den Beginn einer aussichtsreichen Karriere bildete nach seiner Einschreibung in die theologische Fakultät Leipzigs seine Assistenz unter dem Thomaskantor Tobias Michael ab 1642. 1653 erteilt ihm der Rat der Stadt die Expektanz auf das Thomaskantorat. Seine Leipziger Karriere findet aber einen jähen Abbruch durch den Verdacht der Homosexualität. 1655 verläßt Rosenmüller Leipzig und gelangt—wahrscheinlich über Hamburg-nach Venedig. Seit 1678 am Ospedale della Pietà tätig, steigert sich sein Ansehen rasch, so daß noch 1736 J.A. Scheibe in seinem „Critischen Musicus“ bemerkt, daß „ein Rosenmüller fast ganz Italien durch seine Music beschämte“. In Italien verliert Rosenmüller aber nicht die Verbindung nach Deutschland, er hielt u.a. Kontakt zur Weimarer Hofkapelle. Im Alter von 63 Jahren kehrt er nach Deutschland zurück, um in Wolfenbüttel die aufgelöste Hofkapelle wiederaufzubauen. In dieser Zeit entstehen auch die „12 Sonate à2, 3, 4 e 5 stromenti da arco e alti & Basso cont.“. Die Sonata Prima und Seconda entstammen dieser Sammlung. Rosenmüllers Sonaten orientieren sich am Stil der deutschen Suite und der venezianischen Opernsinfonia. 1684 stirbt Rosenmüller 65jährig in Wolfenbüttel. Er gilt als einer der produktivsten und musikgeschichtlich bedeutendsten deutschen Komponisten des 17. Jahrhunderts.

Der Nürnberger Erasmus Kindermann (1616–1655) war wie Rosenmüller in der Lage, die „neue Musik an der Quelle studieren zu können“. Auf seiner Italienreise 1634/35 war eine Zusammenkunft mit Frescobaldi und Carissimi möglich. Nach Nürnberg zurückgekehrt ist er zunächst 2. Organist an der Frauenkirche und wird 1640 Organist der St. Egidien-Kirche. Seine Vertonung des 6. Psalms Ach Herr straff mich nicht in deinem Zoren (Sonata a tre Viol. & Alto concertato se piace) ist in Schützscher Manier geschrieben: Die Instrumentalstimmen sind thematisch eng mit dem Text verbunden und bringen selbständige Vor- und Zwischenspiele. Die Devise Dem Text gehört die Vorherrschaft in der Vokalmusik„ kommt hier zum Ausdruck: In Anlehnung an die Rhetorik wird die Musik zur Sprache des Tones. So wird der Sinn der Worte mit musikalischen Mitteln verdeutlicht. Aus Kindermanns Instrumentalsammlung “Canzoni.Sonatae„ von 1653 stammen die Sonata a Violino Solo und die Canzon Quinta. Im Gegensatz zu Italien und Frankreich stand die Violine im deutschsprachigen Raum noch nicht im Vordergrund; in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Zink sehr gebräuchlich. Die Sonata a Violino Solo ist somit ein sehr frühes Beispiel deutscher Violin-Literatur. Kindermann unterscheidet zwischen der älteren Instrumentalform Canzon“ und der neueren „Sonata“. Der Aufbau beider Formen ist mit mehreren durch Takt- und Tempowechsel kontrastierenden Teilen gleich. J.G. Walther beschreibt 1732 die Sonate als „eine gravitätisches und künstliches Stuck, so in abgewechseltem adagio und allegro bestehet“. Die Canzone dagegen wird „mit kurzen Fugen und artigen Fantasien durchgeführt, und zwar so, daß am Ende die erste Fuge von vornem meistentheils wiederholt, und damit geschlossen wird“. Kindermanns Magnificat im achten Ton, also der alten Kirchentonart Hypomixolydisch (die sich hier aber mehr dem G-Dur erschließt), stammt aus seiner „Harmoniam Organicum, Nüremberg 1645“. Das Magnificat, der Lobgesang der Jungfrau Maria nach dem Anfangswort des lateinischen Textes „Magnificat anima mea Dominum“, ist hier die Grundlage einer Orgelbearbeitung, deren Abschnitte im Wechsel mit den im Choralgesang ausgeführten Versen vorgetragen wurden.

Samuel Capricornus zählt zu den einflußreichsten protestantischen Komponisten des süddeutschen Raums im 17. Jahrhundert. 1628 im böhmischen Scharditz (Zercice) als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren, studiert er zunächst Theologie in Schlesien und nimmt später in Wien ein Musikstudium auf. Mit u.a. Bertali als kompositorisches Vorbild wird er schließlich ein Meister des instrumentalbegleiteten Liedes. Seine Tonsprache wird als „zart, weich, von tiefer, satter Farbe“ beschrieben. Von 1651 bis 1657 ist Capricornus Direktor Musices in Preßburg und führt dort Werke von Komponisten wie Schütz und Rosenmüller auf. Bis zu seinem Tod im Jahre 1665 ist er Hofkapellmeister in Stuttgart, wo er auch sein erstes Druckwerk „Opus Musicum“ veröffentlicht. Sein österliches Surrexit Pastor Bonus bezeichnet er als „Motetto a 2 Voci, Alto con cornettino overo Violino“.

Ein Vertreter des neuen Stils in der katholischen Kirchenmusik ist Philipp Friedrich Buchner, 1614 in Wertheim am Main geboren. Nachdem er 1634–1636 eine Anstellung als Organist an der Barfüßerkirche in Frankfurt am Main innehatte, begab er sich auf Reisen, die ihn nach Krakau, Frankreich und Italien führten. Zum katholischen Glauben konvertiert, wirkt er unter Bischof J.Ph. von Schönborn in Würzburg. Schönborn wird 1647 zum Erzbischof und Kurfürst von Mainz gewählt. Buchner folgt ihm als Hofkapellmeister nach. 1652 schreibt Buchner in Mainz die Sonata III und IV. Buchners Vokalschaffen ist ein gutes Beispiel für den geringstimmig konzertierenden „modernen Stil“. Wie Schütz und Kindermann gestaltet Buchner von der Wortdeklaration her. Sein Jesu Dulcis Memoria für Altstimme und zwei Diskantinstrumente geht auf den Hymnus des Stundengebetes zurück, der dem Hl. Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wird.
– © Johannes Hüttenmüller 1997

 

In den deutschsprachigen Ländern genoß der Zink (Cornetto), ein Blasinstrument aus Holz oder Elfenbein in charakteristisch gekrümmter Form mit trompetenartigem Mundstück und Grifflöchern, die längste Phase der Popularität. Er wurde vom 14. bis ins 19. Jahrhundert verwendet. Bildliche und literarische Darstellungen aus dem mittelalterlichen Deutschland zeugen von Tierhörnern, zunächst ohne, später mit Grifflöchern. Im Remede de Fortune von Guillaume de Machaut aus dem 14. Jahrhundert wird ein grant cornet d’Alemaigne erwähnt, ein „großes Horn aus Deutschland“. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die geographische Herkunft des Instruments.

Wie aus einer außerordentlich großen Zahl von bildlichen Darstellungen hervorgeht, reicht das „goldene Zeitalter“ des Zink vom Anfang des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Zinkvirtuosen waren an den Höfen von Innsbruck, München, Salzburg und Baden-Baden zu finden. Ein Stich von Hans Burgkmair von 1517 zeigt den seinerzeit berühmten Zinkenisten Schubinger.

Eine wichtige Aufgabe im bürgerlichen Umfeld kam dem Zink in den Städten zu, die—wie Hamburg, Leipzig und Nürnberg—zunftmäßig organisierte Stadtpfeifer„ hatten. So entstand Zinkmusik für private und öffentliche, für weltliche wie auch kirchliche Veranstaltungen, bei denen die Zinkenisten der Stadt aufspielten. Eine große Zahl von Kompositionen wurde eigens für diese Berufsmusiker geschrieben.

In dieser durch ihre lokale Umgebung geprägten Musik finden sich eine ganze Reihe von charakteristischen Zügen, so unter anderem ungewöhnliche Instrumentierungen (wie bei Bertali) und eine Vorliebe der Komponisten für das hohe und höchste Register des Instruments (wie bei Biber, Schütz und Muffat). Auffällig ist auch der bevorzugte Einsatz des stillen Zink (cornetto muto, ein Instrument ohne die sonst typische gekrümmte Form, bei dem das Mundstück in das Horn selbst hineingeschnitten ist) und des Kleinzink (cornettino, klingt eine Quarte höher als der gewöhnliche“ Krummzink). Darüberhinaus finden sich exponierte konzertante Passagen für Zink in der Vokalmusik (z.B. bei Buxtehude und Capricornus). Noch im 18. Jahrhundert wurde im deutschen Sprachraum für den Zink komponiert.

Berücksichtigt man, daß es Zinkvirtuosen bis ins 18. Jahrhundert hinein gegeben hat, muß dem ausdrücklich für Zink geschriebenen Repertoire die gesamte editierte Kammermusik hinzugefügt werden, soweit sie auf dem Zink spielbar und wohlklingend ist. So konnte ein Teil der Violinliteratur das Interesse der Zinkenisten wecken. Man zog sie vor allem dann in Betracht, wenn sie ohne die für Streichinstrumente typischen Merkmale wie Doppelgriffe, Scordatura und entlegene Tonarten auskam.

Einige Komponisten, wie Johann Rosenmülller, schrieben Instrumentalmusik wahlweise für Streicher oder Bläser. Rosenmüllers Sonata Prima und Seconda aus den Sonate à2, 3, 4 e 5 stromenti da arco e alti (Sonaten „für Streich- oder andere Instrumente“) gehören zu dieser Gruppe von Werken. Die Besetzung der beiden Diskantstimmen mit Zink und Violine ist sicherlich im Geiste Rosenmüllers—seine Zusammenarbeit mit den Leipziger Stadtpfeifern, seine Anstellung als Posaunist an der St. Markus-Kirche in Venedig und die Komposition wichtiger obligati für Trompete und Zink in seinen kirchlichen Werken zeigen seine Nähe zu diesem Instrument.
– © William Dongois & Christian Pointet 1997
Übersetzung: Henrike Leclercq


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