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CD-16261 - RODRIGO, J.: Chamber Music (Aria Antigua) (Wolff, Wirsching, Dongois, Gorne, Reetz, Araki)
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Unbekannter Rodrigo

 

Als jüngstes von zehn Kindern einer wohlhabenden Familie wurde Joaquín Rodrigo am 22. November 1901—an Sankt Cäcilia, dem Gedenktag der Schutzpatronin der Musiker—in Sagunto nahe Valencia geboren. Im Alter von drei Jahren raubte ihm die Diphterie das Augenlicht. Später wird er sagen, dass er womöglich eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, wäre er nicht erblindet. Die Unfähigkeit zu sehen bescherte ihm allerdings eine große Sensibilität für Klänge: Für ihn war es die Musik, die sein Herz anrührte, wenn die Familie Theaterabende verlebte.

Mit der Unterstützung von Rafael Ibáñez, der von Rodrigos Eltern als sein Gesellschafter angestellt war, begann Rodrigo in jungen Jahren Klavier, Harmonielehre und Komposition zu lernen. Von frühen Erfolgen ermutigt, ging er 1927 nach Paris, um bei Paul Dukas zu studieren. Diese Entscheidung führte Rodrigo auf denselben glanzvollen Weg, den auch seine berühmten Landsleute in früheren Jahrzehnten beschritten hatten, und es stellte sich bald heraus, dass Rodrigo zu diesem Kreis gehören würde. Dukas selbst meinte: “Ich habe Falla, Albéniz und Rodrigo nach Paris kommen sehen, und ich glaube fast, dass der letztgenannte der Begabteste von allen ist.”

Als Rodrigo 1933 die türkische Pianistin Victoria Kamhi heiratete, war als Künstler bereits erfolgreich. Und dennoch waren die 30er Jahre eine schwierige Zeit. Während in Spanien der Bürgerkrieg wütete, hielten sich die Rodrigos mit Spanisch- und Klavierunterricht in Paris und Freiburg über Wasser. Erst mit dem Ende des Bürgerkriegs 1939 (dem bald ein noch größerer Konflikt folgen sollte) konnte Rodrigo in seine Heimat zurückkehren, wo er an der Universität von Sevilla eine Professur erhielt.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Rodrigo zum Professor für Musikgeschichte an die Universität von Madrid berufen und wirkte dort über 30 Jahre lang. Während andere Komponisten mit den Extremen von Dissonanz und Chaos experimentierten, vertrat Rodrigo als Neoklassizist entschieden das reiche Erbe der Kunstmusik. In seinen Kompositionen ebenso wie in seiner Lehre stand er für Geradlinigkeit und Anmut.

Rodrigo erhielt im Laufe seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen. Die größte Ehre jedoch wurde ihm in seinem 90. Lebensjahr zuteil, als König Juan Carlos I ihn zum “Marqués de los jardines de Aranjuez” ernannte: Hatten doch hunderte Komponisten dem Adel gedient, so wurden nur sehr wenige von ihnen selbst in den Adelsstand erhoben. Der Titel erinnert an den historischen Palast von Aranjuez, Sommerresidenz der spanischen Regenten und Inspiration für Rodrigos bekannteste Komposition, das Concierto de Aranjuez. Im Juli 1999 wurde dort in Aranjuez Spaniens größter Komponist des Jahrhunderts begraben.

Rodrigo, ein bekennender Literaturliebhaber, hatte eine besondere Vorliebe für Lyrik, die auch in seinen Liedern ihren Platz findet. Das früheste Werk auf der vorliegenden Produktion ist das Lied Coplas del Pastor Enamorado, das während seines Aufenthaltes in den 30er Jahren in Paris entstand. An Cantaloubes Chants d’Auvergne erinnernd, erzählt es von einem unglücklich verliebten Schäfer, den die Schönheit der Natur über seinen Schmerz und Liebeskummer hinwegtröstet. Bekannt wurde es ebenso wie die Tres Villancicos (Drei Weihnachtslieder) durch die große spanische Sopranistin Victoria de los Angeles. Rodrigo selbst war Pastorcito Santo aus den Tres Villancicos das zweitliebste aller seiner Lieder—nur übertroffen vom Cantico de la esposa (Lied der Braut), das er für seine Frau kurz nach ihrer Hochzeit geschrieben hatte.

Wie viele seiner Landsleute war Rodrigo sehr empfänglich für das reiche kulturelle Erbe seiner Heimat. Tänze der Kanarischen Inseln sind die Inspirationsquelle für Folias Canarias, ein Wiegenlied für die Inseln, die vom murmelnden Ozean in den Schlaf gesungen werden. Eher höfisch inspiriert sind die drei Liebeslieder Líricas Castellanas (Kastilische Gedichte). Für Sopran, Gitarre, Blockflöte und das Renaissance-Blasinstrument Zink geschrieben, erwecken sie Renaissancetänze zu neuem Leben. Ehrengast der Premiere 1980 war die spanische Königin Sofía, der die Liricas Castellanas auf eigenen Wunsch hin gewidmet wurden.

Die “Serenade an das Morgenrot” (Serenata al Alba del Dia) greift, in zwei knappe Sätze geteilt, Themen aus Rodrigos Heimat Valencia auf. Auf das klare und ruhige Andante moderato folgt ein fröhliches, lebhaftes Allegro, als ob mit der aufgehenden Sonne ein Schwarm kleiner Vögel auffliegt. Im Jahre 1982 für Flöte und Gitarre komponiert, wurde die beliebte Serenata im Folgejahr auch für Violine und Gitarre transkribiert.

Die Aria Antigua (1959) gibt es ebenfalls in mehreren Fassungen. Zunächst entstand es als Stück für Flöte und Klavier, unmittelbar danach transkribierte Rodrigo es für Flöte und Gitarre und später auch noch für Flöte und Cembalo. Von Wystraete gibt es zudem eine Orchesterfassung. Das Stück spiegelt ein zentrales musikalisches Interesse Rodrigos wider, die spanische Musik der Renaissance zur Zeit der vihuela, der Vorläuferin der Gitarre. Auch sein einziges Solowerk für Cembalo, Preludio y Ritornello (1978), verweist auf die Alte Musik. Rodrigo zitiert hier Bachs Technik, ein virtuoses Thema mit einem Präludium zu verbinden.

Das Impromptu für Soloharfe ist eine Auftragskomposition für das Königliche Konservatorium Madrid. 1959 wurde es von Ana Maria Martini Gil uraufgeführt.

In Rodrigos Gitarrenmusik finden sich häufig folkloristische Elemente wie das flamencotypische rasgueado, so auch in ¡Que buen caminito! aus den Dos pequeñas fantasías. Die “zwei kleinen Fantasien” sind die letzten von vielen Gitarrenstücken, die Rodrigo geschrieben hat. Sie entstanden 1987, mehr als 50 Jahre nach dem frühesten auf der vorliegenden CD vertretenen Werk. Das erste Stück ist eine ungewöhnlich ruhige sevillana—eher eine Erinnerung an einen Tanz denn ein Tanz selbst. Das zweite Stück Ecos de Sefarad bietet eine lebendige, sephardisch inspirierte Melodie.

Einführung von Betsy Schwarm

 

Weiterführende Lektüre:
A Singer’s Guide to the Songs of Joaquín Rodrigo von Suzanne Rhodes Draayer
Distant Sarabandes: The Solo Guitar Music of Joaquín Rodrigo von Graham Wade
Joaquín Rodrigo: a Life in Music von Graham Wade


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