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CD-16262 - FAURE, G.: Violin Sonatas Nos. 1 and 2 / Romance, Op. 28 (L'Horizon Fantastique) (Daskalakis, Ishay)
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JENSEITS DER PAVANE
Elizabeth Schwarm Glesner

 

Wenn es das schlimmste Schicksal eines Komponisten ist, vollständig in Vergessenheit zu geraten, dann ist das zweitschlimmste, daß sein Ruf nur auf einem einzelnen Werk basiert, während alle anderen, an denen er mühselig gearbeitet hat, unbeachtet bleiben. Im Fall des Franzosen Gabriel Fauré wird sich der durchschnittliche Liebhaber klassischer Musik kaum an etwas jenseits der berühmten Pavane erinnern, obwohl der Komponist selbst nicht viel von dieser entzückenden Miniatur hielt: „Elegant, sicherlich!“ gab er zu, „aber nicht wirklich von Bedeutung.“ Statt loyal zu seinem berühmtesten Werk
zu stehen, zog Fauré es vor, an andere seiner musikalischen Unternehmungen zu denken—Lieder, Kammermusik, Klavier- und Bühnenwerke—Kompositionen, die ihre Zuhörer mit einem dichten Gewebe fließender Melodien und ideenvoller Harmonien reich belohnen.

Am 12. Mai 1845 wurde Gabriel Urbain Fauré als das jüngste von sechs Kindern in Pamiers, einer kleinen Stadt am Fuß der Pyrenäen, geboren. Schon kurz darauf zog sein Vater mit der Familie nach Montgauzy, nahe Foix, um eine Anstellung als Direktor einer pädagogischen Hochschule anzunehmen, und hier verbrachte Fauré seine Jugend. In seinen letzten Lebensjahren rekapitulierte er, wie an diesem Ort die Musik in sein Leben getreten ist: „Das einzige, an das ich mich wirklich klar erinnern kann, ist das Harmonium in der kleinen Kapelle [in der Hochschule]. Wann immer ich konnte, lief ich dorthin—und genoß... ich spielte gräßlich... völlig planlos, ohne jede Technik, und was immer mir in den Sinn kam, da ich nie unterrichtet wurde. Aber ich erinnere mich, daß ich glücklich war, und wenn das bedeutet, eine Berufung zu haben, dann ist das eine sehr erfreuliche Sache.“

Als schließlich den Eltern das Talent ihres Sohnes bewußt wurde, entschieden sie, den frühreifen Neunjährigen nach Paris zu schicken, um ihm dort eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen. Die Wahl fiel auf die École Niedermeyer, gegründet von dem in der Schweiz geborenen Komponisten und Pädagogen Louis Niedermeyer, dessen eigene Kompositionen weitaus weniger Erfolg hatten als die seiner besten Studenten. Die École Niedermeyer war ein Internat, an dem die Fächer von Harmonielehre und Kontrapunkt bis zu Latein reichten, und wo Disziplin und Eßkultur Stoff für einen zweiten Oliver Twist geboten hätten. An einem solchen Ort konnte ein Kind nicht Kind sein. „Aber“, wie Fauré später einmal sagte, „wir machten Musik“, und das schien zu genügen. Der Lehrplan der eher  konservativen École Niedermeyer konzentrierte sich auf die großen Werke Bachs, Mozarts und Beethovens. Camille Saint-Saëns aber, Klavierlehrer an der École Niedermeyer, war kein Konformist und sah offenbar keinen Grund, warum die Klavierstudenten nicht ihren Horizont erweitern sollten. So lernten  seineStudenten neben den klassischen Standardwerken auch ungewöhnlichere Kost kennen: Liszt, Schumann und Wagner. Es war Faurés erste Berührung mit den umstrittenen radikalen Geistern seiner Zeit, den Komponisten, die, obwohl sie zur Generation seines Vaters gehörten, den Bruch mit der etablierten Kultur vorantrieben und so die Zukunft der klassischen Musik veränderten.

In seiner gesamten Laufbahn zeigte sich Fauré immer wieder fasziniert von derartig neuen Einflüssen, und obwohl seine eigenen Arbeiten nicht derart offensichtlich progressiv waren, ist er bis ans Ende seiner Tage ein Freund der modernen Musik geblieben. Faurés eigene Kompositionen erhielten zum ersten Mal im Jahr 1861 öffentlich Zustimmung, als er fünfzehnjährig für zwei Fugen eine lobende Erwähnung beim Kompositionswettbewerb des Internats erhielt. Es folgten weitere Auszeichnungen, dieihren Höhepunkt 1865 mit einem ersten Preis für seinen vorzüglichen Chorsatz Cantique de Jean Racine erreichten. Im Juli des gleichen Jahres verließ er die École Niedermeyer, um eine Stelle als Organist der Kirche St. Sauveur im bretonischen Rennes anzutreten. Einige wenige fähige Sänger und die sporadisch an Musik interessierte, schlecht ausgebildete Jugend boten kaum Inspiration. Wären nicht die ermutigenden Briefe seines alten Lehrers Saint-Saëns gewesen, hätte Fauré vielleicht seinen einstigen Ehrgeiz verloren. Der französisch-preußische Krieg von 1870 führte zu einer kurzen Schaffenspause, in der Fauré Militärdienst leistete, danach kehrte er in sein geliebtes Paris zurück. Seinen Lebensunterhalt verdiente er wieder als Kirchenmusiker. Er bekleidete eine Reihe von Organistenstellen an renommierten Pariser Kirchen, zunächst an St. Sulpice, wo er sich mit Charles–Marie Widor Improvisationswettbewerbe lieferte und so die Gemeinde in Verwirrung stürzte. Später wechselte Fauré zur Madeleine, um dort während der häufigen Abwesenheiten seines Mentors Saint-Saëns auszuhelfen. Fauré reiste u.a. nach Weimar, wo er Bekanntschaft mit Liszt machte, sowie nach Köln und München, wo die Wagner-Oper Aufsehen erregte.

Der Franzose war entzückt davon, einem Komponisten so nahe zu kommen, dessen Musik er schon seit langem bewunderte. „Ich bin voller Begeisterung!“ schrieb er einem Freund. „Nach den Meistersingern wollte ich Nürnberg sehen. Es ist wundervoll! Aber die Meistersinger selbst sind nicht weniger wundervoll!“ Dem wagnerischen Zauber verfallen, komponierte Fauré eine Fantasie für Klavier mit dem Titel Andenken an Bayreuth. Dennoch ließ er in seinen Kompositionen nicht viel deutschen Einfluß zu. Mochte der Rest der Welt verrückt nach Wagner sein—Fauré bevorzugte es, aus der Distanz zu bewundern.

Im Sommer 1876—Wagners Ring des Nibelungen wurde in Bayreuth uraufgeführt—schrieb Fauré sein erstes kammermusikalischesMeisterstück, während er in der Normandie bei wohlhabenden Freunden, Camille und Marie Clerc, weilte. Wissend um die Leidenschaft der Clercs für Kammermusik, und auf Rat des belgischen Geigers Hubert Léonard, der ebenfalls dort Sommergast war, begann Fauré mit der Arbeit an einer Sonate für Violine und Klavier. Er stellte das Stück mit ungewohntem Eifer fertig, sah sich dann aber der schwierigen Aufgabe gegenüber, einen Verlag zu finden. Nachdem verschiedene französische Verleger kein Interesse zeigten, wandte sich Fauré an seinen Freund Clerc und bat ihn um Hilfe, und dieser, gewappnet mit dem Selbstbewußtsein des erfolgreichen Geschäftsmannes, schickte die Arbeit seines jungen Freundes der renommierten Leipziger Firma Breitkopf und Härtel. Die Antwort war, obwohl nicht gänzlich ablehnend, wenig ermutigend: „Die Sonate ist zweifellos eine außergewöhnliche Arbeit und wir sind von ihr begeistert, aber Monsieur Faurés Name ist in Deutschland unbekannt und der Musikmarkt ist zudem mit Werken wie diesem gesättigt, auch wenn viele nicht das Niveau des Vorliegenden aufweisen. Wir hätten große Schwierigkeiten unsere Kosten zu decken, würden wir dem Komponisten eine dem Werk angemessene Beteiligung zustehen, oder, in einfachen Worten: Wir können diese Sonate nicht verlegen, wenn nicht Monsieur Fauré auf sein Honorar verzichtet.“

Trotz der harten Bedingungen akzeptierte Fauré das Angebot. Die Violinsonate Nr. 1 in A-Dur, op. 13 wurde 1877 veröffentlicht, einige Monate nach der Premiere in der Société Nationale de Musique in Paris am 27. Januar. Bei der Uraufführung saß der Komponist selbst am Klavier, die Violine wurde von Marie Tayau gespielt. „Dieser Abend übertraf alle meine Erwartungen!“ schrieb Fauré überglücklich an Marie Clerc. „Vom Scherzo wurde so hartnäckig eine Zugabe verlangt, daß wir keine Wahl hatten, als es noch einmal zu spielen. Viele meiner Kollegen waren da und ich muß sagen, daß sie sich sehr begeistert zeigten.“ Saint-Saëns, der ebenfalls anwesend war, äußerte gedankenvoll gegenüber Fauré den Schmerz, den ein Elternteil fühlt, wenn ein Kind erwachsen geworden ist: Der Mentor mußte erkennen, daß sein Student nun auf eigenen Füßen stand. Obwohl zwei verschiedene Geiger, Mademoiselle Tayau und Monsieur Léonard, an der Entstehung der Sonate mitgewirkt hatten, widmete Fauré diese Arbeit Paul Viardot, Sohn der angesehenen Sängerin und Gelegenheitskomponistin Pauline Viardot-Garcia. Fauré zählte die Viardots zu seinen engsten und wertvollsten Freunden. Durch ihre Beziehungen war es Fauré möglich, Gounod und andere einflußreiche Persönlichkeiten zu treffen, und 1877 war er für einige Monate mit Madame Viardots Tochter Marianne verlobt. Zu Faurés größter Enttäuschung löste Marianne diese Verbindung jedoch bald wieder auf. 1883 heiratete er schließlich Marie Fremiet, die Tochter eines bekannten Bildhauers, um über den Schmerz hinwegzukommen. Im gleichen Jahr widmete er sich wieder der Violine und dem Klavier: Die einsätzige Romanze B-Dur op. 28 wird von Fauré und Paul Viardot im September in Bougival uraufgeführt. Doch leider genoß diese nicht den sofortigen Erfolg wie damals die längere Sonate, und so erinnerte sich Fauré: „Beim ersten Hören wurde sie mit viel Zähneknirschen aufgenommen, beim zweiten Hören ging allmählich das Licht an und beim dritten Hören wurde sie mit einem klaren Fluß verglichen, der sich durch grüne Wiesen schlängelt! Wie schade es doch ist, daß man nicht immer mit dem dritten Hören beginnen kann.“ Trotz der ermutigenden Reaktionen auf seine frühen Werke hatte Fauré schwierige Jahre vor sich, Jahre, in denen er sich mit schlecht bezahlten Beschäftigungen als Organist in der Madeleine, als Klavier- und Kompositionslehrer über Wasser hielt. Seine Frau und seine Söhne Emmanuel und Philippe zu versorgen, nahm Fauré so sehr in Anspruch, daß er nur noch während des Sommerurlaubs Zeit fand, zu komponieren. Und so schien er derart zu  Bedeutungslosigkeit verurteilt zu sein, daß 1890 Le Figaro in der Rezension eines von ihm dirigierten Konzertes ihn mit einem gewissen Jean-Baptiste Faure verwechselte, seinerzeit ein bekannter Opern-Bariton. Späte Genugtuung erlebte Fauré 1903, als ihn die Zeitung, die ihn einst ignorierte, zu ihrem Chefmusikkritiker machte. Trotz der Gleichgültigkeit der Verleger und Journalisten begeisterte Fauré in den großen Salons von Paris, wo er mit seiner stattlichen Erscheinung und seiner gewandten Klaviertechnik treue Anhänger in Kreisen der Aristokratie und Künstlerelite gewann. In einer früheren Generation setzte Chopin auf die gleiche Weise in der Gesellschaft sein Zeichen; jetzt entdeckte auch Fauré die Vorteile von Beziehungen in höheren Kreisen. Zu seinen Gönnern gehörten die Fürstin Edmond de Polignac (geborene Winnie Singer, Tochter des amerikanischen Nähmaschinenherstellers) und die Gräfin Elisabeth Greffulhe, für deren Salon er seine berühmte Pavane komponierte. Durch Konzerte an solchen Orten gewann er zudem ein Publikum aus dem Kreis einflußreicher Literaten wie Montesquiou und Proust, der einmal zu Fauré bemerkte: „Es ist nicht nur daß ich sie mag, ich bewundere und bete ihre Musik wirklich an, ich bin schon seit längerer Zeit in sie verliebt und werde immer in sie verliebt sein.“

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges war Fauré fast siebzig. Einige seiner jüngeren Kollegen fürchteten Angriffe der Deutschen und suchten deshalb Zuflucht in der Schweiz. Fauré entschied sich in dieser Zeit, in Paris zu bleiben, und es sollten einige der produktivsten Jahre seiner Laufbahn als Komponist werden. Seine Musik zeigte eine in Frankreich selten gehörte Kraft, er schuf Werke voll Energie und Feuer. In dieser Zeit, nach nunmehr vierzig Jahren, löste Fauré endlich das mit der frühen Violinsonate gegebene Versprechen ein und schuf eine zweites Werk im gleichen Genre. Die Uraufführung der Violinsonate Nr. 2 in e-moll, op. 108 erfolgte am 10. November 1917 in der Société Nationale. Am darauffolgenden Tag schrieb Paul Dukas an Fauré über die Freude, die ihm das Stück bereitet hat: „Hier endlich ist Musik, die die Musik wieder an ihren rechtmäßigen Platz rückt; sie ist weder javanesisch noch russisch oder polynesisch, und in ihr verschmelzen die Vernunft des Geistes mit der des Herzens, ohne sie daran zu hindern zu fliegen, uns zu berühren und zu erfreuen. Ich danke ihnen herzlichst für die schönen Momente, die sie mir erlaubt haben zu erfahren.“

Im Oktober 1920 zwangen die zunehmende Schwerhörigkeit und die Beschwerden des hohen Alters Fauré, seinen Abschied vom Konservatorium zu nehmen. Er war fünfundsiebzig, und in seiner Zeit erlebte er, wie die anmutigen Melodien Mendelssohns von den stürmischen Rhythmen Strawinskis abgelöst wurden. Viele weniger offene Menschen hätten sich aus dem Ring zurückgezogen und sich geweigert, an einer derart veränderten musikalischen Welt teilzuhaben. Fauré aber verlor nie die Geduld mit den neuen Ideen, in seinen späten Kompositionen hat er selbst mit ihnen gespielt. Als er 1924 starb, wurde er nicht als ein überholtes Relikt einer früheren Zeit beiseite geschoben, sondern als ein Mensch gewürdigt, der immer noch in Verbindung stand mit dem, was die Welt zu bieten hatte, als ein Komponist, der durch seine Werke und Schriften Generationen von Musikern und Zuhörern berührte. In seiner Kammermusik, den Liedern und vielfältigen anderen Werken bietet Fauré die Summe eines Jahrhunderts musikalischer Entwicklung.


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