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CD-16264 - SANTANA, L.: Viola da Gamba and Lute Music (Perl, Santana)
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The Star and the Sea

 

Lee Santana:

“Schriftsteller schreiben nicht, sie lesen und übertragen. Nur manchmal wird ihnen der Zugang zu ihren Büchern gestattet: diese Gelegenheiten müssen sie gut nutzen.” (William Burroughs)

Hille und ich fuhren irgendwann im Spätsommer 1987 durch die Nacht. Wir hatten einen langen Weg vor uns, von Westberlin aus durch die DDR bis nach Bremen, wo wir damals wohnten. Als wir an der Grenze bei der Passkontrolle warten mußten, hörten wir die 23 Uhr-Nachrichtensendung mit detaillierten Berichten über die Umweltprobleme der Nordsee: die Küstengebiete Frieslands waren praktisch ‘geschlossen’ und es gab die üblichen und vorhersehbaren Klagen der Arbeitslosen, der Tourismusindustrie und der Handelskammern. Nicht vorhersehbar waren die Anklagen der Touristen, die sich aufregten, nicht in der Dünnsäure-salzigen Algensuppe voller chemischer Abfälle mit toten oder sterbenden Tieren schwimmen zu können.

Als wir endlich die Grenzkontrollen hinter uns hatten, gab es noch einige Sonderberichte über diese bis dato schlimmste Umweltkatastrophe die unsere Küstenregion befallen hatte. Als wir weiterfuhren und aus dem Sendebereich irgendwann verschwanden, blieb unsere Stimmung nachdenklich und still, übertrug sich in die sternenklare Transitnacht die vor uns lag; die Schuld, die Traurigkeit und Ironie unseres kurzen, privaten Aufenthaltes auf diesem Planeten.

Unsere ursprüngliche Idee war es, unser Leben damit zu verbringen Musik zu spielen, die einer post-industriellen Welt am angemessensten ist: Musik, die wenige Energieen und Rohstoffe aufbraucht…

Die Ironie war natürlich (und ist es bis auf den heutigen Tag), daß der Export unserer Klänge außerordentliche Mengen an Umweltverschmutzung hervorbringt: in diesem Fall war es unser Auto. Wir verbringen unser Leben in müßigem Protestieren, während der Planet Rom vor sich hinbrennt. So geht’s…

Jedenfalls: dies in etwa war mein Gemütszustand, meine Situation in ebenjener Nacht, als eine riesengroße Sternschnuppe direkt über unsere Kühlerhaube flog, einen weißen Blitz durch unsere Seelen sendend, jeden Winkel userer Gedanken erhellend…

Ich fühlte mich getröstet und hoffnungsfroh, gleichzeitig weit weg und sehr nah bei mir, vermischt mit den ‘echten’ Gefühlen von Trauer und Verzweiflung. Und dann hörte ich Musik: keine Offenbarungssinfonien oder bombastische Gesamtkunst, sondern einen sehr kleinen, klaren, süßen Strom von Klängen, der blubbernd seinen Weg einen Berghang herunterwand, gleichgültig ob man ihm Gehör schenkte oder ihn ignorierte, selbstgenügsam und still. Und ich hörte zu.

Etwa dreieinhalb Stunden lang, während wir die Autobahn entlangdonnerten hörte ich kristallene Stille und Klänge in meinem Kopf. Wachträumend, traumwach…Als wir Zuhause ankamen und das Auto ausluden, war es als ob ich das Radio ausstellen und ins Bett gehen konnte.

Der Großteil der Musik auf dieser CD entstand in dieser Nacht. Die kompositorische Arbeit bestand hauptsächlich darin, mich zu erinnern, zu rationalisieren, zu transkribieren. Ich habe mich bemüht, ein gewissenhafter Kopist zu sein, und wo ich mich nicht genau erinnern konnte habe ich zumindest die Stimmung des gehörten wiedergegeben.

Die improvisierten Stellen auf dieser CD gehören auch zu dieser Vision als wichtiges Element des Ausdrucks und der Interaktion—eine endgültige Form wäre natürlich nicht träumbar, aber das Potential für ‘freien Raum’ ist ein genauso klares kompositorisches Element in diesen Klängen wie jede durchkomponierte Passage. Selbst wenn es dem Zuhörer vielleicht schwerfällt die genauen Grenzen zwischen den ausgeschriebenen und improvisierten Stellen zu benennen…Alas poor critic! Alles ist zufällig und vorherbestimmt. Zufällig absichtlich, vorsätzlich zufällig.

Lee Santana, Los Angeles, California, 19. April 2002 (genau 10 Jahre nach den Rassenunruhen in Los Angeles).

P.S.: Vielen Dank den Greenpeace-Kämpfern auf der ganzen Welt, die sich so tapfer dafür einsetzen unsere Selbstzerstörung aufzuhalten. Wir hoffen, daß ihr diesen Höllenzug bremsen könnt.

 

Hille sagt dazu:

Seit beinahe zwei Jahrzehnten bewegen sich Lee und ich auf der Oberfläche der Erde zusammen herum, in unterschiedlichen klanglichen Sphären, durch großen Kummer und vergnügliche Lust. Manchmal auch durch das Mysterium der Existenz so wie es in unseren gegeseitigen Seelen verborgen ist. Das permanentwechselnde Kontinuum unseres gemeinsamen Musikmachens hat uns kaum wahrnehmen oder auch wieder vergessen lassen, wie schnell nicht bloß die Zeit verfliegt, sondern auch, wie schnell sich bestimmte Aspekte des Lebens verändern und verändert haben, wie schnell sich die Menschen den neuen Bedingungen anpassen, sie hinnehmen. Was für eine großartige, beängstigende Tatsache.

Als wir uns zusammen aufmachten in das Abenteuer des Musikerlebens, da hatte man noch kaum Anrufbeantworter. Keiner hatte ein Faxgerät, niemand rannte mit tragbaren Computern durch die Gegend oder hatte Emailadressen, die Idee ein Mobiltelephon zu besitzen war unvorstellbar. Das war so ungefähr die Situation als die Idee für den Großteil der Musik auf dieser CD entstand.

In einer Gesellschaft in der Kommunikationsmedien wie Email oder Mobiltelephone ein essentieller Teil dessen werden, wie sich Menschen miteinander verständigen, ist es unmöglich, diese zu ignorieren. Musiker jedenfalls, für die das Konzept eines regelmäßigen Einkommens eine Illusion ist können sich davon kaum fernhalten: wir sind tatsächlich von einer möglichst effizienten Verständigung zwischen uns, den Agenten und Veranstaltern abhängig.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Musik verstanden und gehört habe, die in Lees Kopf spielte—es dauerte noch länger, bis ich sie so spielen konnte, wie ich sie in meinem Kopf hörte. Musik ist ein Kommunikationsmedium, welches auch durch große Zeiträume verbinden kann:

indem wir die Musik von Komponisten spielen die vor langer Zeit lebten, können wir ihre Gefühle nachempfinden, die Farben ihres Lebens erkennen, ihre Systeme von Ordnung und Freiheit erleben und nachvollziehen. Wir lernen viel über die idiomatischen Möglichkeiten unserer Instrumente, die jemand in einer Lebensspanne wohl kaum in diesem Maße entwickeln kann. Solches ist der Inhalt unserer Ausbildung, all diese Dinge haben wir gelernt und studiert: die Wurzeln unserer musikalischen Herkunft, ähnlich wie man eine fremde Sprache lernt um mit Menschen aus anderen Ländern oder Erdteilen zu reden. Wir haben das Idiom zur Kommunikation mit einer lang vergessenen Vergangenheit gelernt und uns zu eigen gemacht.

Lees Kompositionen verbinden alle diese Möglichkeiten mit seiner eigenen Vision und dem Kontext unseres Lebens hier und jetzt. Wir laden euch ein mit uns eine Welt der Stille und Konzentration zu betreten, eine Sphäre von Ruhe und Frieden, Erregung und Schönheit, in dem Bewußtsein, daß wir jetzt und hier sind und Verantwortung für unser eigenes Leben auf uns nehmen müssen, darin liegt die Freiheit des Daseins.

CALIBAN

Die Worte des wilden Caliban, wie wir sie hier aus Shakespeares Sturm entliehen haben, sind für uns der Ausdruck des Konfliktes zwischen ‘Zivilisation’ und der ewigen Kraft ungezähmter Natur. Das Bändigen wilder Kreaturen geht selten ohne Gewalt vonstatten und ist immer ein ausbeuterischer Akt.

Die Vorherrschaft des ‘Menschen’ über die ‘Natur’ hat sich bis jetzt nur als totale Katastrophe für die letztere herausgestellt; und weil der Mensch permanent zu vergessen scheint, daß ohne die Natur keinerlei Leben auf diesem Planeten existieren kann, schreitet die Zerstörung unser aller Lebensräume mit unverminderter Geschwindigkeit voran. Für viele von uns gibt es den Traum von der ‘Insel’, die endlose Suche—wonach—Frieden? nach der ewig-glorreichen Vergangenheit? der großen Wahrheit des Lebens?

Und dann: wenn man sie findet, die Insel: wenn man endlich in der freien Natur, im wilden Walde ist muß man feststellen, daß endlose Mengen blutsaugerischer Insekten, seltsame Geräusche und Millionen von Kreaturen völlig außerhalb unserer Kontrolle die gesegnete Insel bevölkern: alles in allem ziemlich unhygienisch…wie kann man darauf reagieren? Soll man versuchen damit zu leben, alles was einem nicht paßt töten, oder versuchen es zu lieben und zu akzeptieren?

Die Menschheit ist an einem Punkt ihrer Entwicklung angelangt, wo es absolut essentiell ist zu begreifen, daß wir den schrecklichen Caliban nicht nur zum Überleben brauchen, sondern daß er ein wesentlicher Teil von uns ist, vielleicht der wesentlichste Teil überhaupt. Die Wissenschaft kann keine wirklich eindeutige Aussage zu dem Thema machen, ob wir zumindest über wirklich freie Willensentscheidungen verfügen können oder tatsächlich unsere Entscheidungen immer aus einem evolutionären, naturgeschichtlich gesteuerten Kontext heraus fällen.

Der immerwährende Konflikt zwischen den verschiedenen Spezies von Männern und Frauen ist nur ein kleines, unwesentliches Beispiel für die Komplexität dieser Frage. Wir können an dieser Stelle nicht beantworten, warum in dieser Zeit immer noch Menschen desselben genetischen Materials darauf bestehen, sich auf furchtbarste Weise gegenseitig umzubringen: warum es tatsächlich so zu sein scheint, daß die einzige Lehre, die die Weltgeschichte uns vermittelt die ist, daß wir aus Geschichte nichts lernen können. Sind wir tatsächlich dazu verdammt bis in alle Ewigkeit dieselben Fehler zu wiederholen, nur in immer größerem Ausmaß:

Ehen zerbrechen in vorgelebten Mustern, Kriege werden auf alte Weisen geführt—? Wir hoffen, daß dem nicht so sein muß; wir sitzen hier nur sehr still und spielen unsere Musik für Euch: das ist die Essenz unserer Gedanken die wir nicht in Worte fassen können nicht ohne Konflikt aber ohne Krieg am Ende voller Vergebung und Verständnis darum leihen wir Caliban unsere Stimme vielleicht hörst Du unsere Musik in der Wüste aller Dissonanzen des Lebens—und dann kannst Du verstehen, daß alles in diesem Leben irgendwie miteinander verbunden ist…

Winkelsett, 7. August 2002 hp 


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