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CD-16277 - GODARD, Michel: Concert des Parfums (Le)
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Parfumiers und Musiker bedienen sich einer ähnlichen Sprache. Sie sprechen von Akkorden, Noten und Harmonien. Sobald diese verweht oder verklungen sind, bleibt nichts weiter als eine ferne Erinnerung, die in bestimmten Momenten wieder erscheinen kann. Michel Godard und Ursula S. Yeo lassen einen Dialog zwischen Klang und Duft entstehen. Die Parfumiere entwickelt zunächst Duftakkorde, die von den Werken des Komponisten inspiriert sind. Während des Konzerts werden Ihre Parfums im Raum verteilt. Die Kompositionen lassen viel Raum für Improvisation und geben so den Musikern die Möglichkeit, auf die Düfte direkt zu reagieren.

Alte und zeitgenössische Musik, Instrumente des 17. und 21. Jahrhunderts, kostbare natürliche Düfte aus Vergangenheit und Gegenwart—ein Traum von Zeitlosigkeit.

Interview mit Michel Godard (MG), Sébastien Marq (SM) und Ursula S. Yeo (UY) in der Abbaye de Noirlac, während der Aufnahme von „Le concert des parfums“

Wie entstand die Idee zu „Le concert des parfums“? Welcher Gedanke steckt dahinter?

MG: Ich hatte die Idee zu dem Projekt schon lange. Das Schwierigste war es, einen Parfumiere zu finden, der sich auf diese Begegnung mit Musik und Musikern einlassen würde. Über einen befreundeten Maler lernte ich Ursula Yeo kennen, und die Dinge entwickelten sich wie von selbst.

Die Idee bei diesem Projekt hier in Noirlac war es, eine neue Musik zu schaffen, die eine Verbindung herstellt zwischen Alter Musik und zeitgenössischer Improvisation und den Parfums, die Ursula eigens hierfür kreiert hat. Wir spielen moderne Instrumente wie Gitarre und Saxophon, aber auch alte, wie den Serpent oder die Blockflöte.

Warum hast du für diese Aufnahme die Abbaye de Noirlac gewählt? Was ist daran besonders?

MG: Nicht ich habe die Abbaye ausgewählt, vielmehr hat die Abbaye uns gewählt! Ich habe nach einem geeigneten Ort für die Aufnahme gesucht, und dank Paul Fournier, dem Direktor von Noirlac, wurde es uns ermöglicht, diese Klosteranlage dafür zu nutzen.

SM: Es kommen verschiedene Gefühle zusammen. Für mein Empfinden ist dieser Ort unwahrscheinlich schön in seinen Proportionen. Ist es der goldene Schnitt? Oder die Tatsache, dass die Abtei entsprechend den Regeln der Zisterzienser erbaut wurde?

Außerdem die Farben: Ich liebe die Steine in diesem schönen orange-gelb, die Dächer und die Landschaft mit dem vielen Grün. Dazu der Himmel, der sich in dieser Jahreszeit oft verändert.

Was bedeutet es für euch zu den Parfums zu musizieren, die Ursula kreiert hat?

MG: Ursula kreierte die Parfums zu unserer Musik, und wir spielen jetzt die Musik zu ihren Parfums. Die Kompositionen lassen viel Raum für Improvisation, und da wir (hoffentlich!) sensible Musiker sind, gehen unsere Improvisationen wiederum auf die Düfte ein.

SM: Wir hatten mit Ursula ein Gespräch darüber, wie man Gefühle beschreiben kann—das ist nicht einfach. Das ist es, was ich an Musik mag: Wir können uns mitteilen, ohne Worte zu gebrauchen. Mit Parfum ist das ganz ähnlich.

Es hat etwas mit Berührung zu tun: Wenn man ein Instrument spielt, berührt man es. Etwas zu Riechen ist sehr ähnlich wie das Gefühl etwas zu berühren.

UY: Um Parfums zu kreieren, ist diese Musik genial, da kann ich mir nichts Besseres vorstellen. Die Musik ist langsam und zugleich schnell genug, um das Gefühl zu vermitteln, dass sie etwas transportiert—dass die Musik den Duft trägt und der Duft die Musik. Es ist ein ständiger Austausch, der Energie und Schwingungen erzeugt.

Was haben für Euch Alte Musik und Jazz gemeinsam?

MG: Ein heutiger Jazzmusiker ist einem Musiker des 16. oder 17. Jahrhunderts eigentlich sehr ähnlich. Wir bewegen uns ständig zwischen Komposition und Improvisation.

Der Komponist ist nicht die höchste Autorität. Wir kennen uns als Musiker so gut, dass wir nicht alles aufschreiben müssen. Oft reicht eine Melodie, eine Basslinie. Jeder Musiker ist auch Komponist—warum sollten wir für jemanden alle Noten exakt aufschreiben, wenn seine eigenen Ideen vielleicht besser sind?

SM: Ich könnte die Grenze zwischen Ausführung und Improvisation gar nicht so genau benennen. Ich glaube, je weiter man in der Geschichte zurück geht, um so weniger geschriebene Musik gibt es—oder es gibt sie, aber man muss immer etwas dazu erfinden. Je mehr man in die klassische Musik geht bis ins 19./20. Jahrhundert, desto präziser geben die Komponisten die musikalische Ausführung vor. Dies ändert sich wieder ungefähr in der Mitte des 20. Jahrhunderts—möglicherweise auch durch den Einfluss des Theaters...

Michel, wie kamst du auf die Idee, Sébastien als Blockflötisten in dieses Projekt zu involvieren?

MG: In diesem Fall geht es weniger um das Instrument als um den Musiker. Sébastien ist einer meiner liebsten Interpreten für Alte Musik. Als wir das erste Mal zusammen spielten, war es ein Konzert mit ausschließlich improvisierter Musik—sehr abstrakt, es war fantastisch! Ich weiß, dass er diese Art von Projekten liebt und könnte ihn mir in seinem nächsten Leben gut als Jazzmusiker vorstellen.

Sébastien, wann hast du begonnen, Musik zu improvisieren?

SM: Ich kann nicht sagen, wann ich damit begann. Ich habe es schon immer getan, weil das im Sinne der Alten Musik ist. Oft ist man sich gar nicht darüber bewusst, ob man gerade improvisiert oder nicht. Es ist eine schlichte Tatsache, dass das Geschriebene unvollständig ist und man mehr darin sehen muss als nur Tinte auf Papier. Das bringt einen dazu, um die geschriebene Musik herum eine ganz andere Welt zu erfinden.

Michel, inwiefern sind deine Kompositionen von Alter Musik beeinflusst?

MG: Ich höre viel Alte Musik, mir tun diese Klänge so gut!

Ich liebe Biber, zum Beispiel. Seine Basslinien sind so wunderschön! Man kann eine davon nehmen und sie dann anders harmonisieren.

Außerdem inspirieren mich die Phrasierungweisen in der Alten Musik für meine eigenen Kompositionen. Und es gibt noch eine Verbindung zwischen Alter Musik und Jazz: Wenn man ein Thema komponiert, muss es nicht gleich für die Ewigkeit bestimmt oder gar ein Meisterwerk sein: Wenn es gut ist, ist es gut, wenn nicht, lässt man es bleiben und sucht etwas anderes.

Ursula, wie hast du die Parfums für dieses Projekt entwickelt?

UY: Nicht wie ein Parfumiere—ganz anders. Ich spüre einfach die Schwingungen der Musik. Ich möchte es nicht nur für mich machen, jeder soll es spüren können. Es entsteht einfach. Und wenn es für mich vollkommen ist, weiß ich, dass es fertig ist. Das ist die gute, die echte Schwingung. Ich nehme dafür nur die besten Essenzen und das spüren die Menschen, sie riechen und fühlen, dass das Parfum wahr und ursprünglich ist—wie die Musik.

Was ist für euch das Besondere an „Le concert des parfums“? Warum sollte ein Hörer dieses spezielle Konzert erleben?

MG: Normalerweise benötigen wir in Konzerten unsere Nase nicht. Manchmal würden wir sie sogar gerne schließen, um nicht von den Parfums unserer Sitznachbarn gestört zu werden.

In „Le concert des parfums“ wird das Publikum herausgefordert, gleichzeitig zu hören und zu riechen, mit offenen Ohren und offener Nase. Man kann sich so in neuer Weise auf eine innere Reise begeben.

UY: Wenn man die Musik hört und dabei diese Düfte wahrnimmt, tritt man ein wenig aus seinem Verstand heraus. Ich glaube, das lieben die Leute. Vielleicht merken sie es erst nicht sofort, manchmal erst einige Stunden oder gar einen Tag später.

Die „Abbaye de Noirlac“ ist seit Oktober 2008 Kultur- und Begegnungszentrum und hat sich zur Aufgabe gemacht, die reiche Geschichte der ehemaligen Zisterzienserabtei mit herausragenden Künstlern unserer Zeit zusammenzubringen.

Die Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart, von Künstlern und dem historischen Klosterbau, von Publikum mit der Kunst liegen im Fokus dieses Projektes. (www.abbayedenoirlac.fr)


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