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CD-16278 - CORBETTA, F. / VISEE, R. de: Guitar Music (Une larme) (Conte)
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…Pour Madame

Epitaphe De Francisque Corbet

Cy gist l’Amphion des nos jours
Francisque, cet homme si rare
Qui fit parler à sa guitarre
Le vray language des amours.

Il gagna par son harmonie
Les coeurs des Princes et de Roy
Et plusieurs ont cru q’un génie
Prenoit le soin de conduire se doigts.

Passant, si tu n’as pas entendu ces merveilles
Appresns qu’il ne devoit jamais finir son sort,
Et qu’il auroit charmé la mort
Mais, helas!, par malheur, elle n’a point d’oreilles.

 

Rémy Médard, Gitarrist, in der Pariser Zeitschrift „Mercure Galant“, zum Tode seines Meisters Francesco Corbetta im Jahre 1681.

In der friedlichen Atmosphäre des Convento dell’Annunziata de Rovato, jenseits aller Zeit, habe ich auf immer in Klang verwandelte Gefühle festhalten können. Die Aufnahme ist eine Hommage an den großen italienischen Gitarristen Francesco Corbetta und an Robert De Visée, der oft als sein Schüler angesehen wird. Mit Hilfe der transparenten und delikaten Klänge der Barockgitarre werden die Gefühle über die Vergänglichkeit aller Schönheit ergründet—den Triumph der Zeit über dieselbe.

Corbetta wird 1615 in Pavia geboren. 1639 veröffentlicht er in Bologna bei dem Verleger Monti e Zenaro sein erstes Buch mit Gitarrenkompositionen, das den Titel De li scherzi armonici trovati e facilitati in alcune curiosissime suonate sopra la chitarra spagnola trägt. Auf dem Titelblatt seines zweiten Werkes, Varii capricii per la ghittara spagnuola, das 1643 in Mailand verlegt wird,  bezeichnet er sich selbst als Mitglied der Accademia bresciana degli Erranti, und zwar unter dem Pseudonym Capriccioso.

Zu dieser Zeit beginnen seine Reisen quer durch ganz Europa, wo er zunehmend von den wichtigsten königlichen Höfen als Gitarrist engagiert wird. Zwischen 1644 und 1653 reist er nach Österreich, Spanien, Niederlande und Deutschland. 1648 veröffentlicht er sein drittes Werk in Brüssel. Sein viertes Buch mit Werken für Gitarre wird in den 50er Jahren in Spanien herausgegeben.

Ab ca. 1644 beginnt er beim französischen Hofe ein- und auszugehen, wo man, im Umfeld des Kardinals Mazarin, große Bewunderung für die italienische Musik hegte. Corbetta berichtet, dass er 1656 als Mitstreiter des Komponisten Jean-Baptiste Lully in Paris gewesen sei. Dort spielt er Basso Continuo und komponiert außerdem einen Einzug für mehrere Gitarren in Lully’s Ballet de la galanterie du Temps.

Er setzt seine Besuche am französischen Hofe bis zum Ende seiner Tage fort, wo er als Gitarrenlehrer des jungen Sonnenkönigs tätig war, einem großen Bewunderer dieses Instruments. Nach dem Tode Corbettas übernimmt Robert De Visée seine Stelle.

Seine Anwesenheit in Paris erlaubt es Corbetta mit Charles II. in Kontakt zu treten, dem Sohn des englischen Königs, der aufgrund des seit 1640 andauernden Bürgerkriegs in Frankreich im Exil weilt.

Nach der Enthauptung Königs Charles I. im Jahre 1649 übernimmt Charles II., der die Gitarre leidenschaftlich liebte, die Krone. Ab der Wiederherstellung des englischen Hofes und dem Wiedereinzug nach England im Jahre 1660 lebt auch Corbetta beinahe ohne Unterbrechung in England. Er kehrt oft nach Paris zurück, wo er 1671 die Erlaubnis erhält, sein vorletztes Buch mit Gitarrenwerken zu veröffentlichen, obwohl es dem König von England gewidmet ist. Dieses Buch wird als sein Meisterwerk betrachtet: es handelt sich um die erste Ausgabe von La Guitarre Royalle (Paris, Bonneüil, 1671). Alle Stücke Corbettas die sich auf dieser Aufnahme finden, sind diesem Buch entnommen.

Das letzte Werk Corbettas mit dem gleichen Titel La Guitarre Royale wird 1674 in Paris veröffentlicht. Diesmal allerdings ist es dem Sonnenkönig gewidmet. In dieser letzten Veröffentlichung kann man eine technische Vereinfachung der Stücke beobachten: Corbetta hat dort fast ausschließlich sogenannte Batteries komponiert—es handelt sich um eine Schlagtechnik der rechten Hand zur Ausführung von Akkorden in schneller Wiederholung. Den Beweggrund für diese Vereinfachung liefert Corbetta selbst im Vorwort zu seinem Werk. Dort gibt er an, dass er so vorgegangen sei, um den beschränkten technischen Möglichkeiten des Königs gerecht zu werden.

Die Gitarre gehörte zu den meist gespielten Instrumenten am französischen Hof. Der Adel schätzte sie sehr. Man spielte auf den Instrumenten der besten Gitarrenbauer, und nahm das Instrument zur Hand, um klare und galante Klänge zum Singen zu bringen. Die Gitarre konnte man auch ohne Probleme mit sich führen und unter freiem Himmel spielen und so den bukolischen Feiern einen galanten Anstrich verleihen.

Von vier a solo Stücken in La Guitarre Royalle von 1671 liefert Corbetta auch eine Vokalversion, die sich am Ende des Buchs befindet. Es handelt sich um die Allemande cherie de son Altesse le Duc d’York in F-Dur (Titel 8) und um die Allemande du Roy der Suite in h-moll (Titel 15). Beide Stücke sind für zwei Soprane, Bass, Gitarre und Basso Continuo umgeschrieben. Des Weiteren gibt es Vokalfassungen von der Gavotte aymée du Duc de Montmouth (Titel 20) sowie von der Sarabande de Madame (Titel 23),  jeweils für Sopran, Bass, Gitarre und Basso Continuo.

Die Sarabande de Madame und das Tombeau de Madame D’Orléans (Titel 12) sind Kompositionen zum Gedenken des Todes der jungen Henrietta Anne Stuart im Jahre 1670. Es heißt, sie habe sich im Alter von 26 Jahren mit Arsen umgebracht. Henrietta Anne Stuart, Madame D’Orléans oder einfach Madame genannt, Frau des Herzogs von Orléans, seinerseits einer der Brüder des Roy Soleil, wurde vom ganzen Hof geliebt. Ihr Tod wurde im Frankreich der damaligen Zeit mit großem Schmerz aufgenommen. Auch Corbetta huldigte ihrer Schönheit und ihren Tugenden, die im schönsten Alter ein so jähes Ende gefunden hatten, mit der Komposition eines Tombeau zu ihrem Tod. Es handelt sich um ein einzigartiges und geradezu verblüffendes Stück, in dem Corbetta Klangeigenschaften der Gitarre entstehen lässt, die so noch nie zuvor auf diesem Instrument entwickelt wurden. Corbetta ergründet dabei, ohne jedoch auf die idiomatischen Besonderheiten des Instruments zu verzichten, eine Sprache von großer Tiefe. Die Spannung der Melodielinien bringt das Instrument im Hinblick auf die Tondauer an seine Grenzen und lässt so eine wundervolle und überraschende Komposition entstehen, voller Zwielicht, durchbrochen von plötzlichen Schimmern. Dieses Stück, das in der klassischen Form einer Allemande grave geschrieben ist, endet mit einer Exclamatio in Dur, die als Echo in einer kurzen Reprise wiederholt wird.

Im Caprice de chaconne sowie in dem Stück L’autre chaconne findet man zwei Arten von Batteries. Im italienischen und im französischen Vorwort zu La Guitarre Royalle von 1671 beschreibt Corbetta minutiös die Ausführung der beiden Batteries-Typen und liefert auf diese Weise einen der wenigen didaktischen Beiträge dieser Zeit zu dieser Technik.

Ob Robert De Visée wirklich bei Corbetta gelernt hat, kann niemand mit Sicherheit sagen. Allerdings hat ein junger Gitarrist wie er mit hoher Wahrscheinlichkeit den ungefähr 35 Jahre älteren Corbetta, der für alle als einer der größten lebenden Gitarristen galt, als Referenz angesehen. Der Beweis für die Bewunderung, die De Visée dem italienischen Meister entgegenbrachte, ist die Komposition einer Allemande Tombeau de Monsieur Francisque, die man in seinem ersten Buch, dem Livre de Guittarre (Paris, Bonneüil 1682) findet. Dieses Stück, das in der typischen Form einer Allemande grave komponiert ist und dem ein Prélude vorangestellt ist, zeigt uns einen De Visée, der die gesamte Palette der Ausdrucksmöglichkeiten der Gitarre vollkommen beherrscht. Mit diesem Stück fügt De Visée dem Repertoire für Barockgitarre eine weitere wertvolle Perle hinzu.

Corbetta stirbt im Jahre 1681 in Paris. Sein Leben als reisender Musiker und Kosmopolit fließt in seine Kompositionen und insbesondere in La Guitarre Royalle von 1671 ein. Seine Musik spricht eine internationale musikalische Sprache, in der mehrere Stile—der italienische und der spanische sowie der französische und der englische Stil—sich begegnen.

Corbettas Musik spricht eine zeitlose Sprache, ganz wie es zu jeder Zeit die besten Musiken aller Epochen getan haben. Es ist eine Musik, die mich seit jeher tief berührt hat, sowohl während der Aufnahme als auch von dem Moment an, an dem ich das Caprice de chaconne zum ersten Mal gespielt habe—in einer Sommernacht, im schönsten Theater der Welt: einer Meeresbucht auf Sardinien, die Tramariglio genannt wird. Die Musik Corbettas vereint Zartheit des Stils, große Kenntnis des Instruments und Tiefe der Sprache; in dieser Musik schwingt stets auf dem Grunde die Stille mit in den zarten Klängen der Gitarre—Klänge, mit denen die Stille einen immerwährenden Dialog führt. Nach dem Ende der letzten Note erobert sie sich ihren Platz zurück, ganz so wie es der Tod mit unserem Leben macht.


Rosario Conte
Basel, im Herbst 2007


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