About this Recording
CD-16279 - Vocal Music (16th-17th Centuries) - ORTIZ, D. / CABEZON, A. de / ATTAINGNANT, P. / VALDERRABANO, E. de (Yr A Oydo) (More Hispano)
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Yr a oydo ist ein altspanischer Ausdruck „für sich dem Gehör folgend bewegen”, im übertragenen Sinne: auswendig spielen. Er überdenkt und hinterfragt die Rolle des heutigen Interpreten von Alter Musik, d er sich oft nur auf die in Noten geschriebene Musik beschränkt . Er möchte stattdessen den kreativen Aspekt herausstellen, welcher der Interpretation zu Eigen ist und welchem sich diese nicht verschließen sollte.

Improvisation war ein integraler Bestandteil der alltäglichen Musizierpraxis in der Renaissance. Spanische Musiker bildeten dafür ausgezeichnete Beispiele: Egal welcher Art ihre musikalischen Veröffentlichungen waren, ob theoretische Werke wie bei Tomás de Sancta Marías Arte de tañer fantasía (Valladolid 1565) oder bei Francisco Salinas’ De Musica libri septem (Salamanca 1577), ob Lehrwerke wie z.B. Trattado de Glosas… (Roma 1553) von Diego Ortiz oder einfache Notendrucke—all diese schriftlichen Quellen über Improvisations- und Verzierungstechnik können als Spiegel für die jeweilige Improvisationspraxis verstanden werden.

Ein kurzer Blick in eins der genannten Werke oder in Musikbücher des sechzehnten Jahrhunderts mit ihren Spielanweisungen, sowie eine Analyse von Werken der großen Meister wie Cabezón oder den Vihuelistas, offenbart sofort die aktive Kompositions- und Arbeitsweise dieser Musiker.

Es wird deutlich, dass die Kompositionen den Musiker dazu einladen, die Musik angefangen von einfachen Verzierungen bis zu durchdachten Rekompositionen neu auszugestalten.

Dieser freie Umgang mit der Musik war zu dieser Zeit nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern wurde auch von den Komponisten eingefordert. Dies führt uns zu der Erkenntnis, dass die Rolle von Komponist und Interpret in dieser Zeit nicht so klar zu trennen ist.

Wenn wir die Tatsache ignorieren, dass fast alle Musiksammlungen für Vihuela und Cembalo in der Renaissance diesen neuschöpferischen Prozess zu durchlaufen haben, können wir dem Repertoire nicht gerecht werden.

More Hispano zeigt mit Yr a oydo einen aktiven Umgang, der sich nicht nur mit dem notengetreuen Abspielen der Musik begnügt, sondern einen Schritt weiter geht. Wir fügen dem Spiel dieser Musik eine weitere Dimension hinzu, genau wie die Musiker der Renaissance. Anstatt passiv zu spielen, nutzen wir die Mittel und Werkzeuge jener Zeit. Wir erfinden neue melodische Linien, improvisierte Solos, Zwischentöne und agogische Gesten—nie vorhersehbar, sondern spontan erschaffen als Ausdruck der musikalischen Interaktion auf der Bühne. Wir arbeiten mit offenen musikalischen Formen, die sich im Lauf des Spiels neu entwickeln und uns immer wieder unerwartete Wege und Möglichkeiten aufzeigen. Unser Anspruch an die Renaissancemusik findet seinen Ausdruck in der vollständig improvisierten Aufführung nahezu aller unserer Stücke.

Eines unserer Ziele besteht darin zu zeigen, dass im Repertoire der Renaissance und des Barock dieser kreative Aspekt nicht nur möglich oder erlaubt ist, sondern auch fast immer eine selbstverständliche Verpflichtung für den professionellen Interpreten darstellt. Dies macht ihn unterscheidbar und verleiht ihm eine klare und ausgeprägte Individualität, die wiederum seine Interpretationen einzigartig macht und ihm die Entwicklung einer eigenen, persönlichen und nicht übertragbaren Sprache ermöglicht. Genau das finden wir in jeder der vielen Abhandlungen über die Ornamentik des 16. und 17. Jahrhundert, was man allerdings in heutigen Interpretationen dieser Musik häufig vermisst.

Im Gegensatz zu einigen der aktuellen Tendenzen, die das historische Repertoire durch Hinzufügen von Elementen der zeitgenössischen Musik zu modernisieren versucht, wagt sich More Hispano an eine vielleicht noch schwierigere Aufgabe: die Kunst der Improvisation wieder zu etablieren und sich dabei ausschließlich auf das überlieferte Material in den vielen alten Publikationen zu beziehen.

Es ist schwer zu sagen, ob das damit erzielte Ergebnis als alt oder modern zu bezeichnen ist, da einerseits das benutzte Material tatsächlich alt ist, aber andererseits alles, was wir heutzutage erschaffen, per Definition modern ist—was vielleicht gerade recht ist, denn man muss ja beachten, dass die etwas unglücklich so bezeichnete “Alte Musik” zu ihrer Entstehungszeit schließlich auch modern war.

Yr a oydo ist unser zweites Album nach einer elfjährigen Aufnahmepause. In diesen elf Jahren des Experimentierens und reger Konzerttätigkeit reiften Ideen und Konzepte durch hinzugewonnene Lebens- und Lektüreerfahrung.

So haben wir im Vergleich zum ersten Album eine bedeutende Richtungsänderung erfahren: Das Repertoire wurde nicht nach einem Komponisten, einem Stil, einem Zeitraum, einem Land oder den Interpreten selber ausgewählt, sondern nach dem, was wir damit zeigen wollen. In diesem Zusammenhang kommt auch die Improvisation ins Spiel. Bei dieser Aufnahme haben wir manchmal ganz frei und bewusst auf einen der Parameter der heutigen Aufnahmen verzichtet: die Perfektion jeder einzelnen Note. Dadurch haben wir aber Anderes gewonnen. Die musikalische Interpretation gewinnt durch die Improvisation eine Reihe von Aspekten: Einen gänzlich freien Ausdruck, die Befähigung, mit dem Publikum zu kommunizieren, das damit verbundene Risiko aber vor allem die Möglichkeit, etwas ganz Neues entstehen zu lassen.

Für den Musiker kann dies schon ein wenig zur Sucht werden wegen der großartigen Möglichkeiten und Gefühle die er erfährt. Ebenso sind all diese Elemente für den Zuhörer spürbar und wecken in ihm die Freude und das Verlangen nach dieser Art der Interpretation.

Durch die Improvisation gestaltet und definiert der Interpret sein Spiel und füllt es mit Bedeutung und musikalischem Fluss; etwas das kaum zu spüren wäre, wenn die Interpretation ausschließlich anhand eines geschriebenen Text erfolgen würde. Mit der Kraft der so erlangten Entscheidungsfreiheit sowie der Fähigkeit zur direkten Kommunikation mit  dem Zuhörer wird die Improvisation zum perfekten Träger des künstlerischen Gestaltungswillens. Gleichzeitig ermöglicht dies dem Interpreten etwas Wesentliches, das ihn eng mit seiner eigenen Zeit verbindet, und das heutzutage auf dem Gebiet der klassischen Musik ausschließlich den Komponisten vorbehalten ist: etwas Neues zu erschaffen.


Vicente Parilla


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