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CD-16283 -
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Kurofune ist eine phantastische Reise weit zurück in die Vergangenheit der Musikgeschichte, insbesondere ins 16. und 17. Jahrhundert, eine Reise zwischen Europa und Japan. Kurofune ist Japanisch und bedeutet Schwarze Schiffe. Es ist der Name, der den aus Europa kommenden Segelschiffen gegeben wurde, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert nach Japan gesegelt sind.

Mit Kurofune sind vor allem vier amerikanische Segelschiffe gemeint, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Japan eintrafen. Sie segelten unter dem Oberbefehl des Kapitäns M. Perry. Ihre Ankunft an Japans Küste im Jahre 1853 war der Beginn der Wiederöffnung des Landes nach mehr als zweihundert Jahren selbst auferlegter Isolation, denn von 1639 bis 1853 war Japan gänzlich von der Außenwelt abgeschottet. Fremde konnten sich während dieser Zeit nur auf einer kleinen Insel namens Dejima, die im Hafen von Nagasaki liegt, aufhalten. In dieser Zeit des „abgeriegelten Landes“, was auf Japanisch Sakoku heißt, waren es vorwiegend holländische Händler, die in der Isolation auf Dejima weilten. So wurden die amerikanischen Kurofune zu einem Symbol der Beendigung der Isolation.

Doch das Wort Kurofune meint auch die Schiffe, die im 16., 17. und 18. Jahrhundert zwischen Europa und Japan segelten. Es ist das 16. Jahrhundert, das eine sehr spannende Geschichte zu Europa und Japan bereit hält, eine Geschichte, die das Projekt der musikalischen Reise dieser CD stark inspiriert hat. Es handelt sich um die Geschichte der sogenannten Tenshō-Jungen, und diese Geschichte steht in direktem Zusammenhang mit der Anwesenheit jesuitischer Missionare in Japan.

Einer der Jesuitenpriester, die nach Japan kamen, war Francisco Xavier. Er ging 1549 an Land und blieb etwas mehr als zwei Jahre, in denen er im westlichen Teil Japans das Christentum verbreitete, und von diesem Zeitpunkt an bis zum Beginn der Sakoku-Ära kamen zahlreiche katholische Missionare nach Japan, um die Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Sie agierten unter dem Schutz einiger japanischer christlicher Feudalherren (den sogenannten Kirishitan Daimyos). Die ersten Missionare waren Jesuiten, die von der portugiesischen Kirche finanziert wurden, später kamen auch Dominikaner und Franziskaner, die die spanische Kirche schickte; die Missionare kamen also vorwiegend aus Portugal, Spanien und Italien…Es gab einen italienischen Jesuit namens Alessandro Valignano (1539–1606), der es nicht nur für nötig hielt, japanische Christen für das Priesteramt auszubilden, sondern der noch dazu japanische Gesandte nach Rom und in andere europäische Länder schicken wollte, damit sie den Papst treffen mögen, und um ihnen die Pracht und die Macht der Kirche und der Höfe des Westens vorzuführen. Zu diesem Zweck wurde eine Delegation junger Menschen als Vertreter der Kirishitan Daimyos ausgewählt, insbesondere vier japanische Jungen (Itō Mancio, Miguel Chijiwa Seiyemon, Julião Nakamura sowie Martin Hara): Sprösslinge aus vornehmen Samurai-Familien, die am japanischen Jesuitenseminar studierten. Die Jungen stachen in Begleitung jesuitischer Priester und Valignano selbst im Jahre 1582 in See, erreichten Portugal 1584, bereisten, neben Portugal, auch Spanien und Italien und waren 1590 zurück in Japan. Die gesamte Reise dauerte also acht Jahre. Es ist diese Reise, die später dann den Namen “Tenshō-Ken-o-Shonen-Shisetsu” erhielt (die “jugendlichen Gesandten nach Europa aus der Tenshō-Ära”). Tenshō bezeichnet die Jahre von 1573 bis 1592.

Die Reise der Tenshō-Gesandten stellt ein sehr wichtiges Ereignis in der Geschichte des Westens und Japans dar: diese jungen Leute nämlich waren die ersten Japaner, die solch eine „diplomatische“ Reise nach Europa unternahmen. Im Jahre 1584 hatten sie eine Audienz bei König Philip II. von Spanien, und im Jahre 1585 dann trafen sie Papst Gregor XIII., der noch im selben Jahr starb. Die Jungen verließen Lissabon im Jahre 1586 und reisten zurück nach Japan. Ihre Reise führte sie über Länder und Orte wie Mozambik und Goa in Westindien. Auf ihren Reisen innerhalb Europas besuchten sie zahlreiche Messen, Konzerte, religiöse Opern und Dramen sowie Ballettaufführungen. Sie erhielten Musikunterricht auf verschiedenen Instrumenten wie z. Bsp. dem Cembalo und womöglich auch der Vihuela. Die musikalische Reise dieser CD ist frei inspiriert von dem, was die Jungen bei ihren Besuchen in Europa alles an Musik gehört haben könnten, sowie von der Musik, die im 17. Jahrhundert durch die englischen und holländischen Händler nach Japan gelangt sein könnte und dort mit japanischer Musik aus dieser Zeit zusammentraf.

Aus alten Zeiten bis zum heutigen Tag
kommen die schwarzen Schiffe gesegelt.
Werden die Taue gekappt,
werden wir zum Köder für die Haie.
Santa Maria.

Zwei Dichter vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts—Kitahara Hakushū (1885–1942) und Takehisa Yumeji (1884–1934), der auch Maler war—bewahrten den Text dieses Alten Kurofune Liedes der portugiesischen Seeleute des 16. Jahrhunderts. Das Lied ist in dieser Form nicht auf der CD zu finden, doch steht es für eine weitere Spur, die von der alten Geschichte Kunde gibt. Die Malereien in unserem Booklet stammen von Yumeji. Chiyomi Yamada widmet diese CD diesen beiden Dichtern. Das überleitende Element des 19. Jahrhunderts findet sich ebenfalls in den japanischen Liedern der CD wieder, und zwar insofern als die Lieder nicht auf dem traditionellen japanischen Instrument namens Shamisen, sondern auf der europäischen romantischen Gitarre begleitet werden.

Die Reihenfolge der Stücke folgt einer gänzlich intuitiven innermusikalischen Kohärenz. Eine rationale Begründung dieser Reihenfolge ist nicht notwendig. Es ist vielmehr wichtig, ein paar Worte zu der Musik selbst zu sagen.

Die japanischen Lieder sind vorwiegend Wiegenlieder. Zunächst einige Worte hierzu:

Vergnügungsviertel spielten in der japanischen Kultur eine wichtige Rolle. Sie waren Orte, an denen japanische Musik gespielt und gepflegt wurde. Wiegenlieder waren auch Teil der Musik solcher Vergnügungsviertel, und es gab sie auch auf Dejima zu hören. Eines der Vergnügen der holländischen Händler, die auf der Insel Dejima in Isolation lebten, war das Hören genau solcher Wiegenlieder. Sendo no Yamma ist ein Lied, in dem ein Mädchen versucht, ihrem zukünftigen Ehemann die richtigen Antworten auf die schwierigen Fragen, die bei der Auswahl eines Ehemannes gestellt wurden, zu geben. Im Lied Hakata klagt ein Kindermädchen auf sarkastische Art über ihre Herrin. Das Kindermädchen im Takeda Schlafliedbeklagt ihre Armut und sehnt sich nach ihrer Heimatstadt. Dieses Klagemotiv ist in vielen japanischen Wiegenliedern zu finden. Nen nen korori schließlich ist ein Lied, das bis heute in Japan gesungen wird. Es ist ein “reines” Wiegenlied ohne Kadenzen, ein Gesang für die ewige Schutzgöttin, die für einen Japaner nicht in Maria zu finden ist, sondern in der Person der leiblichen Mutter.

Es gibt drei weitere japanische Stücke: Inoko ist ein festliches Lied, mit dem Menschen ihrem Wunsch nach zahlreichen Nachkommen und Wohlstand Ausdruck verleihen. Es geht zurück auf die im Oktober stattfindenden Festlichkeiten für den Gott der Landwirtschaft und kann bis ins 8. Jahrhundert zurück verfolgt werden. Kocha e bushi war Anfang des 20. Jahrhunderts das erste japanische Musikstück, das in westlicher Notenschrift gedruckt wurde. Es wurde mit einer Malerei von Yumeji auf dem Titelblatt veröffentlicht. Das Lied beschreibt die 53 Poststationen entlang der Tōkaidō Handelsstraße, die 500 km entlang der Meeresküste verlief und Edo (das heutige Tokio) mit Kyoto verband. In dem Lied werden wunderschöne Panoramen, gute einheimische Küche und aufregende Vergnügungsviertel beschrieben. Kocha e bedeutet ‘komm hierher’ oder ‘du bist hier willkommen’. Das dritte Lied—ebenfalls kein Wiegenlied—heißt Kurokami . Es ist das einzige japanische Stück auf unserer CD, dessen Komponist benannt werden kann: sein Name ist Koide Ichijyuro. Auf einer ersten Ebene beschreibt dieses Lied den untröstlichen Kummer einer Frau, die von ihrem Geliebten verlassen wurde, doch darunter liegt die tiefsinnigere Ebene des sogenannten mujō oder der Wandlung und Vergänglichkeit allen Seins, eine Grundidee des Buddhismus. Der Text beginnt mit dem kurokami, dem schwarzen Haar, und endet im weißen Schnee.

Auf europäischer Seite finden wir Musik von Luis de Narváez, Miguel de Fuenllana, Giulio Caccini, John Dowland, Constantijn Huygens und Claudio Monteverdi sowie den  iberischen Hymnus O Gloriosa Domina , mit dem unsere Reise beginnt. Es ist das Original eines lateinischen Gebetsgesangs (oartio auf Latein, orasho auf Japanisch), den die sogenannten „Versteckten Christen“ auf der Insel Ikitsuki bei Nagasaki bis heute singen.

Passeávase el Rey Moro von De Narváez ist eine Romanze, die die Geschichte des Falls der muslimischen Stadt Granada erzählt. Si los Delfines Mueren de Amores von De Fuenllana ist ein sehnsuchtsvolles Lied, von dem man sich gut vorstellen kann, dass die Seeleute auf den Schwarzen Schiffen es gesungen haben ... Beide spanischen Komponisten, De Narváez wie auch De Fuenllana, dienten am Hofe Philips II., den auch die Tenshō-Jungen trafen, und beide Komponisten haben für die Vihuela komponiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Tenshō-Botschafter am spanischen Hof mit der Vihuela in Kontakt kamen. Irgendwann zu dieser Zeit wurde die Vihuela sicherlich auf westlichen Schiffen nach Japan gebracht. In dem Japanisch-Portugiesischen Lexikon aus dem Jahre 1603, das aus der Feder der portugiesischen Missionare Nagasakis stammt, wird selbst die japanische Shamisen als ‘ceria viola de tres cordas’ bezeichnet. Zu dieser Zeit war viola eine andere Bezeichnung für vihuela.

Auf der italienischen Halbinsel empfing Francesco I. de’ Medici die Tenshō-Jungen mit großer Begeisterung. An seinem Hof verkehrten viele Intellektuelle. In dieser anregenden Atmosphäre intellektuellen Austauschs veröffentlichte der virtuose Giulio Caccini den Musikband Le nuove musiche (1602), in dem dem Text die größte Bedeutung beigemessen wird. Dies führte zu seiner „Musik des Geistes” und einem Rezitationsstil, der mit alten Psalmodien in Verbindung steht. Movetevi à Pietà ist dieser Veröffentlichung entnommen. Die Tenshō-Gesandten besuchten auch Cremona, wo Claudio Monteverdi lebte. Er und die Tenshō-Jungen waren von der gleichen Generation. Sein Pianto della Madonna , auf derselben Melodie wie Il lamento d’Arianna, basiert auf der Geschichte des Märtyrertums Jesu Christi. Es erzählt von dem universalen Motiv der Tränen einer Mutter, jenseits von Raum und Zeit. Eine ganz andere Seite von Monteverdis Schaffen erklingt durch die jubelnde Motette Exulta Filia .

Bei unserem musikalischen Abenteuer zwischen Ost und West erklingen des Weiteren zwei Lieder von John Dowland. Die Engländer, wie die Holländer auch, kamen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Japan, nicht als Missionare sondern als Händler. Im Jahre 1600 erreichte das holländische Schiff De Liefde, unter dem Piloten William Adams, Japan. 1613 eröffnete England in der Stadt Hirado, ebenfalls in der Präfektur von Nagasaki gelegen, ein Handelshaus. Come Away, Come Sweet Love ist Dowlands First Book of Ayres (1597) entnommen. In darkness let me dwell wurde von Dowlands Sohn Robert Dowland in der Liedsammlung mit dem Titel Musicall Banquet (1610) veröffentlicht. Beide Lieder stehen für die englische Musik, die dank der Bewegungen der Kurofune zu dieser Zeit nach Japan gelangt sein mag.

Dann haben wir noch den holländischen Komponisten Constantijn Huygens, der auch Diplomat, Dichter und Wissenschaftler war. Er komponierte höfische Monodien in der Übergangszeit von modaler zu tonaler Musik. Wie bereits gesagt, hatte Japan während der Ära der nationalen Abschottung nur über die holländischen Handelsschiffe Kontakt zur westlichen Welt. Den holländischen Händlern, die auf Dejima lebten, war es unter keinen Umständen gestattet, die christliche Religion auszuüben; dies musste heimlich geschehen. Die Monodie Sospiro della Sua Donna von Huygens stammt aus dieser sehr speziellen Zeit der Beziehungen zwischen Japan und den Niederlanden.

Kurofune—unsere phantastische Reise zu See—kann nun beginnen und uns zurücktragen in jene Zeit, in der Menschen aus West und Ost ihre musikalischen Ideale über viele kulturelle Unterschiede hinweg zu teilen versuchten.


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