About this Recording
CD-16285 - Vocal Music (More Hispano) - CARA, M. / TROMBONCINO, B. / NARVAEZ, L. de / JOSQUIN DES PREZ / VERDELOT, P. (New Glosas on Early Music)
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Glosas

„Glosas“ ist ein sehr persönliches Projekt, das originale und neue, unveröffentlichte Musik vereint und mir schon lange am Herzen lag. Es bedeutete eine neue Herausforderung für mich. Während unsere letzte Einspielung (Yr a oydo, 2010) sich vor allem dem dringenden Bedürfnis nach mehr Improvisation in der Alten Musik stellte, ist die Idee hinter „Glosas“ eine andere: Eine Einspielung Alter Musik, in der jede Note, die ich spiele, auf eine gewisse Weise meine eigene ist (bis auf die Originalmelodien natürlich): Von mir improvisiert, komponiert, oder wie im Falle der Ganassi-Verzierungen, ausgewählt. Diese drei Möglichkeiten der Interpretation wusste ein Musiker der Renaissance mit Sicherheit zu beherrschen, und zwar höchstwahrscheinlich in dieser Reihen- und Rangfolge.

Über die Glosse

Die Rolle der Glosse in der Musik, speziell der Musik der Renaissance, ist der ihres literarischen Äquivalents in ihrer Bedeutung ganz ebenbürtig. Als Bob Marvin mich im April 2011 in Sevilla besuchte, sagte er Folgendes: „Literarische Glossen verstärken den eigentlichen Text und geben ihm eine weitere Dimension, eine neue Tiefe. Sie können aber auch die Reaktion eines Lesers auf den Text wiedergeben. Sollte eine  musikalische Glosse das nicht auch können, anstatt nur bloße Verzierung zu sein?“ Mit Sicherheit sollte sie das. Die musikalische Glosse (deren Geschichte vermutlich ebenso alt ist wie die der Musik selbst) hat ebenso wie ihr literarisches Äquivalent die Fähigkeit, einen (Noten-) Text zu kommentieren, verständlicher zu machen, zu erklären oder auch ihm zu widersprechen und damit einen Meta-Text zu erschaffen, der wiederum mindestens so viele neue Interpretationen zulässt, wie er Hörer findet. In unterschiedlichen Graden von Präsenz, Entwicklungsstand, Komplexität, Kodifizierung und Wichtigkeit, und ohne geografische oder zeitliche Einschränkung, erscheint die musikalische Glosse in den unterschiedlichsten musikalischen Zusammenhängen. Diese Beständigkeit durch die Geschichte hindurch ist nicht überraschend, wenn wir die Glosse als einen inhärenten Bestandteil musikalischer Sprache begreifen, was der ausgiebige und regelmäßige Gebrauch dieses Stilmittels als Werkzeug der Interpreten, die vielfältigsten musikalischen Ideen zu manifestieren, nahelegt. In der Musik der Renaissance hat die Glosse ob ihrer Omnipräsenz eine besondere Stellung. Sie erscheint sowohl in Musikdrucken als auch in theoretischen Traktaten der Zeit, spiegelt die Stile und persönlichen Vorlieben der Komponisten und Autoren wieder, findet sich in jedem musikalischen Genre und ist damit ein unverzichtbarer Bestandteil dieses musikalischen Repertoires, ohne den eine Wiedergabe desselben unvollständig bleibt.

Das Repertoire

Die Glosse, ebenso wie die Improvisation, erscheint spontan, zumindest in meinem Kopf: „Herr Doktor, ich höre Glossen!“. Sie entstehen ganz  natürlich, wenn wir eine besonders schöne Melodie oder Harmonie (eine von denen, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen) wirklich genießen, und diese sich, einmal von uns aufgesogen, verinnerlicht und gelebt, in unserem Kopf mit mehr oder weniger leichten Variationen immer wieder neu bildet. Das ist der Grund für diese Aufnahme, auf der sich viele Lieder und Madrigale finden, die in der Renaissance sehr beliebt und bekannt waren (Mille regretz, De tous biens playne, Anchor che col partire, Je suis une jeune fillette, oder Doulce Memoire), wie die Menge der erhaltenen Quellen belegt. Eine andere Abteilung von Stücken sind frühe italienische mehrstimmige Werke, wie die Frottolas Chi me dara und Per dolor, oder die Madrigale Verdelots Madonna per voi ardo und Igno soave. Für zwei der Stücke habe ich Kontrapunkte komponiert: Der recercada von Diego Ortiz fügte ich eine imitierende Stimme hinzu, dem Contrapunto sobre Ave Maris Stella eine sehr freie Linie, inspiriert von den Duos des Antonio de Cabezón.
Schließlich gibt es zwei Stücke, die mehr als Bonustracks zu verstehen sind, da sie nicht zu meinen eigentlichen Glossen gehören: Diferencias sobre La Dama le Demanda, das hier so erscheint, wie es in Cabezóns Obras veröffentlicht wurde (allerdings für Gesang und Instrumente statt Tasteninstrument arrangiert), sowie eine freie Improvisation über eine Passacaglia-Basslinie, die wir am letzten Abend der CD-Aufnahme einspielten—körperlich schon erschöpft, aber immer noch voller Ideen.

Der Zugang zum Repertoire

Die Hauptidee dieser Aufnahme war die Kreation neuer Glossen über das Repertoire der Renaissance. Diese Glossen sind Neuschöpfungen, bisher unveröffentlicht und ungehört und daher von großer, auch persönlicher Bedeutung für mich. Der Prozess dieser Neuschöpfung verlief oft unterschiedlich, von der Auswahl bestehender Glossen und Fragmente Alter Meister bis zur Neukomposition und Improvisation. Bei vielen der von mir komponierten Glossen zog ich keinerlei historische Traktate zu Rate. Ich notierte einfach die Melodien, die in meinem Kopf entstanden, so zum Beispiel bei Mille Regretz, Anchor che col partire, Une jeune fillette, und Doulce Memoire. Besondere Erwähnung verdient De tous biens playne. Es ist die Niederschrift einer spontanen und ungeplanten Live-Improvisation, die ich in einem Konzert in Sevilla im Mai 2002 spielte. Zum Glück wurde das Konzert mitgeschnitten, so dass ich die Musik später niederschreiben konnte. Ich präsentiere das Ergebnis hier einerseits, weil ich es als gelungen empfinde, andererseits, weil  es meines Wissens das erste Mal war, dass ich öffentlich im Konzert improvisierte, ohne dass diese geplant gewesen wäre.

Die Instrumente und die Stimme

Die Besetzung ist bei fast allen Stücken klein. Hauptsächlich gibt es Duos für Blockflöte (oder Gesang) und Laute, denen hier und da eine Gambe hinzugefügt wird, sowie einige wenige Stücke mit Gambenconsort, Laute und Cembalo.

Die menschliche Stimme war ohne Frage das Modell und die Vorlage für die Instrumentalisten der Renaissance (und in gewisser Weise für die Instrumentalisten sämtlicher Epochen). Die Deklamation, die Farben, die Beweglichkeit und die unterschiedlichen Klangnuancen der Stimme (und welch besseres Beispiel dafür gäbe es als die wunderbare Stimme Raquel Anduezas!) lassen viele Musiker in ihr das Vorbild ihres Wirkens suchen und ihre überragende Stellung über den Instrumenten fraglos anerkennen. Allerdings gibt es durchaus Bereiche, in denen Instrumente eine so reichhaltige musikalische Welt erschaffen, dass sie auch als Instrumentalstimme zu Recht großes Interesse auf sich ziehen. Diese Bereiche haben nach meiner Erfahrung—und dabei spreche ich von meiner Erfahrung als Hörer, nicht als Komponist oder Interpret—immer einen Bezug zum Kreativen, zum spontan Schöpferischen. Wo diese Kreativität zur Exzellenz gelangt, ist sie dem Musiker ein Weg (und vielleicht der einzige Weg), Momente von solcher Intensität und Relevanz zu schaffen, wie man sie sonst nur dem Klang und Wirken der menschlichen Stimme zugetraut. Aus meiner Sicht ist die musikalische Glosse, zumindest in den Händen der alten Meister, ein solcher Weg.


Vicente Parrilla, April 2011


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