About this Recording
CD-16289 - Lute Recital: Bailes, Anthony - HUET, G. / VALLET, N. / HOVE, J. van den (Lute Music of the Netherlands)
English  French  German 

Lautenmusik in den Niederlanden

 

In der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erblühte die junge niederländische Republik der sieben Provinzen in nie dagewesener Kraft. In diesem „goldenen Zeitalter“ hatten die Laute und ihre Musik einen hohen Stellenwert in der Kultur, was auch aus den vielen Gemälden dieser Zeit deutlich wird, auf denen Lauten abgebildet sind. Trotzdem handelte es sich hier um ein noch junges Phänomen. Von den Lautenisten selbst ist kaum etwas überliefert. Nur wenige sind heute noch namentlich bekannt, und fast nichts von ihrer Musik hat die Zeiten überlebt. Eine Ausnahme ist der sogenannte „Meister David“, dessen voller Name vermutlich David Janszoon Padbrué (ca. 1553–1635) war und von dem einige wenige Stücke erhalten sind (Nr 5 auf dieser Aufnahme). Seine Werke sind uns in dem berühmten „Thysius Lautenbuch“ überliefert, eines der wenigen erhaltenen niederländischen Lautenmanuskripte. Mit seinen 521 Seiten und insgesamt 907 Stücken ist es eine der umfangreichsten Sammlungen von Lautenmusik überhaupt. Benannt ist es nach seinem späteren Besitzer Joan Thijs—ursprünglich zusammengestellt wurde es allerdings von dem umstrittenen protestantischen Geistlichen und Theologen Adriaan Joriszoon Smout (1578/9–1646), der mit dieser Arbeit 1595 als Student der Universität von Leiden begann und sein ganzes Leben lang weitere Stücke hinzufügte. Die Sammlung enthält Tänze, Fantasien, Psalmsätze und Intavolierungen von Vokalmusik aus Frankreich, England und Italien sowie schlichte niederländische Volkslieder (Nr 1–4, 6).

Um die Jahrhundertwende herum kamen viele ausländische Lautenisten in die Republik, insbesondere nach Holland, zweifellos angezogen von günstigen wirtschaftlichen Aussichten und dem generell der Laute freundlich gesonnenen musikalischen Klima. Einer der Bedeutendsten unter ihnen war der Franzose Nicolas Vallet (ca 1583–nach 1644), der sich um das Jahr 1613 herum in Amsterdam niederließ. In den ersten Jahren betätigte er sich erfolgreich als Musiker, Lautenlehrer, Gründer und Leiter einer Tanzschule und wurde zusammen mit seinem Ensemble häufig eingeladen, auf Festen und Hochzeiten zu spielen. Zwischen 1615 und 1620 veröffentlichte er vier wunderbar gravierte Lautenbücher mit eigenen Kompositionen sowie Arrangements englischen und französischen Repertoires (Nr 8–11). In späteren Jahren verließ ihn jedoch sein Glück, und 1633 wurde gar ein Teil seines Besitzes konfisziert. Später scheint sich die Situation wieder gebessert zu haben, denn in den 1640er Jahren veröffentlichte er noch zwei weitere Musiksammlungen.

Schon lange vor dem Aufstieg der Laute in der Republik existierte in den südlichen Niederlanden eine reiche Tradition des Lautenspiels mit einer großen Anzahl von Veröffentlichungen seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Während der 1580er Jahre bildete Antwerpen das Zentrum dieser Lautenkultur, deren prominentester Vertreter Emanuel Adriaenssen (ca 1554–1604) war, welcher zwischen 1584 und 1600 drei wichtige Lautenbücher mit eigenen Kompositionen, meist basierend auf italienischen, französischen und englischen Vorlagen, herausgab. Nr 24–26 sind dem Pratum Musicum, der ersten dieser Veröffentlichungen, entnommen.

Während dieser Zeit waren die Niederlande Schauplatz des Konfliktes zwischen König Phillip II und den (meist calvinistischen) Aufständischen. 1585 wurde Antwerpen von spanischen Truppen eingenommen und die Stadt in eine längere Zeit des Verfalls gestoßen. Zu seinem eigenen Schutz konvertierte Adriaenssen zum Katholizismus und blieb seiner Heimat treu, wohingegen andere Lautenisten das Land verließen und anderswo ihr Glück versuchten, wenn auch nicht unbedingt immer aus religiösen Gründen. Adriaen Denss beispielsweise siedelte nach Köln um, und Gregorio Huwet (vor 1550–ca. 1610) diente an verschiedenen deutschen Höfen. In den 1590er Jahren lebte er an den Höfen des Herzogs von Braunschweig in Wolfenbüttel und des Landgrafs von Hessen in Kassel, zur gleichen Zeit, in der auch der Engländer John Dowland dort wirkte. Dies mag die englischen Einflüsse in manchen von Huwets Stücken erklären: Von den zwei Fantasien auf dieser Einspielung wurde Nr 7 in Robert Dowlands Varietie of Lute Lessons (London, 1610) veröffentlicht, und Nr 12 zeigt eine starke stilistische Anlehnung an die Musik John Dowlands.

Vielleicht der wichtigste der aus Antwerpen ausgewanderten Lautenisten war Joachim van den Hove (1667–1620). Er ließ sich in Leiden nieder und blieb dort von 1593 bis 1616, zuerst in einem gemieteten Haus und später, als sein Wohlstand es zuließ, in einem eigenen Haus nahe der Sankt Peters Kirche. Aus seinem Privatleben ist wenig bekannt, außer dass er mit Anna Rodius aus Utrecht verheiratet war und mehrere Kinder hatte (einschließlich eines unehelichen). Van den Hove galt als respektabler Mann, verkehrte in den großbürgerlichen und adeligen Kreisen und konzertierte auf Veranstaltungen von Stadt und Universität. Er unterrichtete auch Lautenschüler, meist Universitätsstudenten, unter anderem den jungen Prinz Friedrich Heinrich von Nassau.

Van den Hove veröffentlichte drei Bücher mit Lautenmusik: Florida (1601), Delitiae musicae (1612) und Praeludia testitudinis (1616). Die dritte Sammlung besteht ausschließlich aus eigenen Kompositionen, während die zwei früheren Bücher eher die internationale Orientierung der damaligen niederländischen Lautenmusik widerspiegeln. In diesen Büchern finden wir nicht nur seine eigenen Werke in der Form von Präludien, Fantasien (Nr 13, 20), Intavolierungen von Vokalmusik (meist italienischer Madrigale), Variationen auf italienischen Passamezzo-Bassfiguren und Tänzen (Nr 14), sondern auch Werke anderer Komponisten, wie z.B. Favorito von Diomedes Cato (Nr 18). Die Liedintavolierungen, vermutlich von Van den Hove selbst angefertigt, basieren auf internationalem Repertoire sowie auf holländischen Weisen (Nr 16, 23).

Von der Musik Van den Hoves ist außergewöhnlich viel überliefert: Zusätzlich zu den drei gedruckten Büchern finden sich Werke von ihm in zwei Handschriften von deutschen Studenten, die in Leiden studiert hatten. Eine dieser Handschriften, das sog. Ernst Schele Lautenbuch (Hamburg 1619), enthält Van den Hoves reich verzierte Fassung von John Dowlands berühmter Lachrimae Pavane (Nr 15), außerdem einige Abschiedsstücke für Freunde, die Leiden verließen (Nr 17). Durch einen außergewöhnlichen Glücksfall hat ein weiteres Manuskript überlebt, welches heute in der Staatsbibliothek Berlin aufbewahrt wird. Diese autografe Sammlung, die Van den Hove zwischen 1614 und 1615 geschrieben haben muss, war höchstwahrscheinlich seinem Freund und Mäzen Adam Leenaerts, einem wohlhabenden Schüler Van den Hoves, zugedacht. In ihr finden wir viele Tänze, wie z.B. Allemanden und Galliarden, die von Van den Hove komponiert oder intavoliert wurden (Nr 21, 22), sowie wieder Sätze von Volksliedern (wie z.B. Nr 19, welches trotz seines holländischen Titels auf einer französische Weise beruht).

Wie es schon bei Vallet der Fall war, ging auch Van den Hoves Glück schließlich zur Neige. Möglicherweise hatten ihn seine kostspieligen Publikationen in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, so dass sein Eigentum 1616 konfisziert wurde, um seine Schulden zu bezahlen. Was auch immer letztlich der Grund war, sein Haus in Leiden wurde 1618 zwangsversteigert. Zu diesem Zeitpunkt war Van den Hove schon nach Den Haag geflohen, wo er 1620 als armer Mann verstarb.


Jan WJ Burgers


Close the window