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GP615-16 - NEEFE, C.G.: 12 Keyboard Sonatas (1773) / BEETHOVEN, L. van: 9 Variations on a March by Dressler (S. Kagan)
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Christian Gottlob Neefe (1748–1798)
Zwölf Sonaten für Clavier (1773)

 

Christian Gottlob Neefe ist uns heute vor allem als der erste wichtige Bonner Lehrer Beethovens bekannt. Der 1748 in Chemnitz geborene Musiker war zu seiner Zeit jedoch ein geachteter und erfolgreicher Musiker, der als Hoforganist und Kapellmeister des kurfürstlichen Orchesters in Bonn, Musikdirektor einer bekannten Theatertruppe, Komponist zahlreicher Singspiele und anderer Stücke wie auch als Lehrer von sich reden machte. Um 1780 gab man ihm den zehnjährigen Ludwig van Beethoven in die Lehre, auf dass er ihn im Klavier- und Orgelspiel sowie in Generalbass und Komposition unterrichte. Als großer Bewunderer der Familie Bach machte er seinen jungen Schüler nicht allein mit Johann Sebastians Wohltemperiertem Clavier, sondern auch mit den Werken und Schriften seines berühmten Sohnes Carl Philipp Emanuel bekannt. Beethoven vergaß nie, was er diesem verständnisvollen, väterlichen Freund zu verdanken hatte: »Ich danke Ihnen für Ihren Rat, den Sie mir sehr oft bei dem Weiterkommen in meiner göttlichen Kunst ertheilten. Werde ich einst ein großer Mann, so haben auch Sie Theil daran …«

Es gibt von Neefe recht wenige Instrumentalwerke, und diese sind zumeist für Tasteninstrumente komponiert—vor allem für das Clavichord und den Hammerflügel. Sie entstanden während des tiefgreifenden stilistischen Wandels, in dessen Verlauf die barocke Ästhetik der Klassik wich. In den 1773 veröffentlichten Zwölf Sonaten mischen sich barocker und frühklassischer Stil. Die meisten der Sonaten entsprechen der üblichen klassischen Dreisätzigkeit (schnell-langsam-schnell), wohingegen man den barocken Einfluss an der Zweiteiligkeit der Sätze erkennt, die darin den Klaviersonaten Domenico Scarlattis und den Sätzen aus Johann Sebastian Bachs Tanzsuiten ähneln. Die wichtigste Textur der Barockmusik indes—die Polyphonie oder Kontrapunktik—wird zugunsten einer homophonen Kombination von Melodie und Begleitung praktisch aufgegeben. Nur die Sonate Nr. 1 d-moll (vielleicht die früheste der Sammlung) lässt in den Ecksätzen eine bemerkenswerte Imitationstechnik erkennen.

Dass sich Neefe in besonderem Maße mit der Vokalmusik beschäftigte, erhellt auch aus den gesanglichen Melodien seiner Sonaten. Etliche langsame Sätze sind mit ungewöhnlichen Spielanweisungen versehen, in denen sich die Gefühlswelten des neuen, empfindsamen Stils spiegeln, der in den siebziger Jahren besonders aktuell war: Poco lento e languido (etwas langsam und sehnsüchtig) heißt es in der sechsten Sonate, ein Andante con tenerezza (Andante mit Zärtlichkeit) wird in der dritten Sonate gespielt, Largo e mesto (sehr langsam und traurig) ist der Mittelsatz der fünften Sonate, und ein Andante con gravità (gravitätisches Andante) finden wir in der Elften. In den meisten Sätzen bedient sich Neefe einer rudimentären Sonatenform (ABA), die aus der zweiteiligen Anlage entsteht und bald die formalen Strukturen der Klassik dominieren wird. Typisch für die binäre Form sind die Wiederholungszeichen für beide Satzhälften. Da jedoch das Material der ersten Hälfte normalerweise in der zweiten Hälfte eine Reprise erlebt, wird in der vorliegenden Aufnahme nur der erste Teil wiederholt. Neefes dynamische Angaben sind sparsam. Die Musik ist generell recht zart, was vielleicht auf den feinen Klang des Clavichords zurückzuführen ist.

Dessen ungeachtet unterscheiden sich die Zwölf Sonaten in ihren Tonarten, Tempi und Stilmerkmalen deutlich voneinander. Nicht zwei der Stücke lassen sich verwechseln, jede ihre individuellen, eigenständigen Charakter hat. In ihrer Gesamtheit repräsentieren sie einige wichtige Schritte auf dem Weg zur Hochblüte der Klassik.

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Neun Variationen für Clavier ¨ber Eeinen Marsch von Dressler WoO 63

Die 1782 veröffentlichten »Dreßler-Variationen« waren das erste Stück des jungen Ludwig van Beethoven, das im Druck erschien. Kurz zuvor hatte Neefe seinem damals zwölfjährigen Schüler einen Marsch in c-moll des Sängers und Komponisten Ernst Christoph Dressler (1734–1779) vorgelegt, über den er Variationen schreiben sollte. Neefe war beeindruckt von dem Resultat und vermochte einen Mannheimer Verleger zur Publikation desselben zu bewegen. Die Variationen erschienen unter dem französischen Titel Variations pour le Clavecin sur une Marche de Mr. Dresler Composées […] par un jeune amateur Louis van Beethoven âgé de dix ans. Das Alter des jungen Liebhabers war um zwei Jahre vermindert worden—sicherlich, um ein größeres Kaufinteresse zu wecken (Beethovens Geburtsdatum war freilich sein Leben lang ein Gegenstand gewisser Irrungen). Eine zweite Edition kam 1803 heraus. Sie enthielt kleinere Revisionen (vermutlich von Beethovens eigener Hand) und ist in dieser vorliegenden Aufnahme zu hören.

Beethoven lässt hier bereits etwas von der Originalität erkennen, die seine späteren, großen Variationswerke durchzieht. Während er an dem harmonischen Grundschema und den punktierten Rhythmen der Begleitung festhält, weiß er die Figuration der Oberstimme geistreich zu verändern. Die Tempoangabe für das Thema und die ersten acht Variationen lautet Maestoso und entspricht somit dem Rhythmus und dem trauerhaften Charakter des Marsches. Die achte Variation scheint das Finale der Sonate c-moll op. 13 Pathétique zu erahnen. Auffallend ist ferner der Wechsel von c-moll nach C-dur in der letzten Variation—ein Kunstgriff, den Beethoven später auch in andern c-moll-Werken wie der fünften Symphonie und der letzten Klaviersonate op. 111 verwenden sollte. In der letzten Variation wird zudem das Tempo in ein lebhaftes Allegro verändert: Mit ihren wiederholten Skalen fungiert dieser Teil als eine Coda, in der das C-dur seine triumphale Bestätigung erfährt.


Susan Kagan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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