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GP618 - MEDTNER, N.: Piano Sonatas (Complete), Vol. 2 (P. Stewart)
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NIKOLAJ MEDTNER (1880–1951)
SÄMTLICHE KLAVIERSONATEN • 2

 

»Die Inspiration kommt, wenn der Gedanke mit Emotion gesättigt und Emotion mit Sinn durchtränkt ist« (Nikolaj Medtner)

Was an Nikolaj Medtner so viel Vergnügen bereitet, ist unter anderem die pure Freude, die mit der Entdeckung seines großen, wenig bekannten OEuvres einhergeht—eines Kanons fabelhafter Werke von seltener Schönheit und Kraft: Drei Klavierkonzerte, zahlreiche Miniaturen, Kammermusik, über einhundert Lieder und schließlich vierzehn Klaviersonaten, die die bedeutendste Leistung auf diesem Gebiet seit Ludwig van Beethoven darstellen. Mitsamt einer Sonate Vocalise für Singstimme und Klavier sowie verschiedenen nicht publizierten Stücken beschreiben diese Sonaten Medtners gesamte Karriere von den frühen russischen Triumphen über die Enttäuschungen bis hin zum englischen Exil der dreißiger Jahre.

Nikolaj Karlowitsch Medtner wurde in Moskau als Sohn deutscher Vorfahren geboren und erzogen. Schon als Kind ließ er musikalische Anlagen erkennen. Seine Mutter gab ihm Klavierunterricht, bis er als Zwölfjähriger ans Moskauer Konservatorium kam, wo er bei Wassily Safonoff (Klavier), Anton Arensky (Harmonie) und Sergej Tanejew (Kontrapunkt) studierte. Besonders Tanejew übte einen starken Einfluss auf seine musikalische Entwicklung aus: Er weckte in seinen Schülern den Respekt vor den alten Meistern—Palestrina, Bach, Mozart und vor allem Beethoven—und legte größten Wert auf die handwerklich-kompositorische Beherrschung des Kontrapunkts und der Strukturen.

Medtner beendete das Konservatorium 1900 mit einer Goldmedaille für Klavierspiel. Nachdem er in Wien beim Dritten Internationalen Rubinstein-Wettbewerb erfolgreich gewesen war, schien seine Karriere als Konzertpianist nur folgerichtig. Er plante demzufolge eine Tournee durch Europa, von der er aber (gegen den Rat der Eltern und Lehrer) dann doch Abstand nahm: Um dem Leben als reisender Virtuose zu entgehen, beschloss er, seiner wahren Berufung nachzugeben—der Komposition. Zwar konzertierte Medtner sein Leben lang, doch mit wenigen Ausnahmen—er war ein gefeierter Beethoven-Interpret—spielte er in der Öffentlichkeit nur seine eigenen Werke.

Der Erfolg seiner ersten Klaviersonate op. 5 (1904) machte viele prominente Musiker der Zeit auf den Namen Nikolaj Medtner aufmerksam. Von diesen ist vor allem Sergej Rachmaninoff zu nennen, der mit dem Kollegen eine lebenslange Freundschaft schloss und sein wichtigster Förderer wurde. Zwischen 1904 und 1906 konzentrierte sich Medtner auf kürzere Klavierstücke und auf die Komposition verschiedener Goethe-Gedichte. Unter anderem dachte er an die Vertonung der Aussöhnung, mit der die Trilogie der Leidenschaft zu Ende geht, doch dann diente ihm die dritte Strophe dieses Gedichtes als Vorwort für seine eigene »Trilogie der Leidenschaft«—die Erstausgabe seiner Sonaten-Triade op. 11.

Zum Verständnis des Werkes und seines Komponisten sind alle drei Strophen der Aussöhnung wichtig:

Die Leidenschaft bringt Leiden!—Wer beschwichtigt Beklommnes Herz, das allzuviel verloren? Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt? Vergebens war das Schönste dir erkoren! Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen; Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen, Verflicht zu Millionen Tön um Töne, Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen, Zu überfüllen ihn mit ew‘ger Schöne: Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen Den Götterwert der Töne wie der Tränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende, Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen, Zum reinsten Dank der überreichen Spende Sich selbst erwidernd willig darzutragen. Da fühlte sich—o daß es ewig bliebe!—Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.

Die junge polnische Pianistin Maria Szymanowska hatte den betagten Goethe noch einmal entflammt und zu der Aussöhnung inspiriert. Der Dichter wusste um die Hoffnungslosigkeit der Romanze, und seine Beklommenheit schlug in Medtner einen verwandten Akkord an, da er sich selbst in einem romantischen Dilemma befand. Seit jungen Jahren liebte er die talentierte Geigerin Anna Bratenskaja, und diese erwiderte seine Zuneigung. Dann aber wurde sie 1902 mit Medtners älterem Bruder Emil verheiratet, und der Komponist war am Boden zerstört. (Schließlich fand man einen Kompromiss, da Emil von Annas wahren Gefühlen wusste und sich fügte. Die Ehe wurde 1914 aufgelöst, und fünf Jahre später konnten Nikolaj und Anna offiziell heiraten.)

Leidenschaft, Leiden, Ergebung in die Realität, Erlösung durch Musik und Liebe—Medtners Sonaten-Triade überträgt in Klänge, was Goethes Gedicht in Worten sagt. Die drei einsätzigen Sonaten waren beinahe vollendet, als sich Annas Bruder Andrej Mitte 1906 das Leben nahm. Er widmete die Trilogie »dem Gedächtnis Andrej Bratenskijs«, wobei allerdings nur die zweite Sonate (»Elegie«) im direkten Bezug zu dem tragischen Anlass steht.

Die erste Sonate in As-dur ist ein Allegro non troppo. Sie beginnt mit einer einfachen Dreiklangsbrechung, auf die eine schrittweise pendelnde Melodie antwortet, die eine gewisse, wenngleich sicher unbeabsichtigte Ähnlichkeit mit dem berühmten Hymnus aus Sibelius’ Finlandia (gleichfalls in As-dur) erkennen lässt. Ein anfangs zögerliches Motiv im Rhythmus eines Anapäst trägt zu dem zuversichtlichen Beginn des Satzes bei. Im Überfluss der leidenschaftlichen Melodik zeigt sich auch etwas von der majestätisch-zeremoniellen Art der zuvor entstandenen Dithyramben op. 10. Zu Medtners sympathischsten Einfällen gehört das Nebenthema in Esdur, dessen Vortragsanweisung giocondamente (»freudig«) sich auf die gesamte Sonate übertragen ließe. Von einem düsteren Moment (sognando—träumend) in der Durchführung abgesehen, dominieren Munterkeit und Selbstbewusstsein. Eine kurze Coda bringt das Werk con brio e più mosso zu einem strahlenden Ende.

Die Sonaten-Elegie ist mit Andante molto espressivo überschrieben. Nach einer kurzen Einleitung wird das schwermütige erste Thema exponiert, das von einer harmonischen Progression durch den Quintenzirkel getragen wird (Rachmaninoff hat denselben harmonischen Kunstgriff 1913 in dem ebenso elegischen Lento seiner zweiten Klaviersonate verwandt). Den deutlichsten Hinweis auf den Widmungsträger liefert das zweite Thema, das auf subtile Weise auf das Dies Irae der lateinischen Totenliturgie anspielt (und wiederum an Rachmaninoff denken lässt, für den diese mittelalterliche Melodie eine lebenslange Obsession war). Bei Medtner klingt sie tröstlich und zart. In der Reprise sind beide Themen simultan zu hören. Nachdem molto appassionato ein Höhepunkt erreicht wurde, kommt der Überschwang der Coda (Allegro molto, doppio movimento) wie eine Überraschung: Das dominierende Dies Irae-Motiv ist völlig verwandelt, und die Sonate endet in einem positiven, wenn nicht gar triumphierenden Dur. (Mehr als einmal wurde in Kommentaren auf Medtners Hang zu »jazzigen« Rhythmen hingewiesen, für die diese Coda ein exzellentes Beispiel liefert.)

Moderato, con passione innocente lautet die Anweisung der dritten Sonate (in späteren Ausgaben wurde aus dem Moderato ein Allegro moderato), und damit ist treffend die gewinnende Natur des Werkes beschrieben, das zu den attraktivsten Kreationen Medtners gehört. Die Tonart C-dur hat er oft benutzt, wenn er in der Musik Reinheit und Ehrfurcht ausdrücken wollte. Das erste Thema zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit Skrjabins vierter Klaviersonate (1903) und gelangt zu einer Melodie, die man lange nicht mehr vergessen wird (jeder Anklang an einen Popsong der sechziger Jahre ist purer Zufall!) Die Exposition wird wiederholt und dann mit neuem Material, das in der Coda prominent hervortritt, weiter verarbeitet. Dieser letzte Formteil—Animato (più mosso) – verwebt sämtliche thematischen Materialien zu einer reichen Tapisserie, die von einem spielerischheiteren glissando bis ans obere Ende der Klaviatur gekrönt wird. Ein herrlicher Abschluss dieser drei Werke, die sich zum Leben und der Liebe bekennen.

Die beiden Klaviersonaten op. 25 entstanden in den Jahren 1910/11 und bilden eine Studie in Kontrasten. Trotz ihrer gemeinsamen Opuszahl sind sie nicht als Zusammenhang gedacht und wurden von Medtner auch nie paarweise aufgeführt. Die zweite, der formidable »Nächtliche Sturm«, ist ein monumentales Stück, das nicht nur an den Interpreten, sondern auch an die Hörer furchteinflößende Ansprüche stellt. Demgegenüber ist die Sonata-Skazka c-moll op. 25 Nr. 1 ein Meisterwerk en miniature und beträchtlich publikumsfreundlicher. Medtner hat sie dem Komponisten Alexander Goedicke, seinem Vetter, gewidmet. Die drei kurzen Sätze verbinden die formale Anlage der Sonate mit der Idee einer skazka, was man für gewöhnlich mit »Märchen« oder »Geschichte« übersetzt, am besten aber vielleicht »Legende« nennen sollte. Ob sich hinter diesem Stück tatsächlich eine skazka verbirgt, erfahren wir nicht, weshalb wir auch nicht wissen können, was uns die Musik erzählt. Doch die Musik ist so fantasie-anregend, dass sich jeder Hörer leicht eine eigene Geschichte vorstellen kann.

Das Allegro abbandonamente ist mal nachdenklich, mal kapriziös oder geheimnisvoll. Das melancholische zweite Thema, das die linke Hand quasi violoncello zu spielen hat, führt zu einer energiegeladenen Klimax und einer Sechzehnteltriolen-Passage, deren Repetionen die Finger auf eine harte Probe stellen. Nach einer kurzen Entwicklung des Materials endet der Satz, während er langsam Fahrt aufnimmt, in einem strahlenden C-dur und dem jubilierenden quasi violoncello-Thema.

Das Andantino con moto besteht aus einer außergewöhnlich schönen Es-dur-Melodie, die sich über ganze sechsundachtzig Takte ausbreitet. (Man hat viel über die entfernte Ähnlichkeit mit der berühmten Variation Nr. 18 aus der Paganini-Rhapsodie geschrieben, die Rachmaninoff 32 Jahre später komponiert hat. Er hatte zwar die Sonata-Skazka in seinem Repertoire, doch die betreffende Variation entstand aus einer Umkehrung des Paganini-Themas, weshalb jede Ähnlichkeit mit Medtners Melodie rein zufällig ist.) Tempo und Intensität steigern sich allmählich bis zu einer quasi cadenza, die sich bis in die höchsten Höhen aufschwingt, um anschließend über einem Dominant-Orgelpunkt träumerisch herabzusinken. Dieser hinreißende Moment ist von kurzer Dauer: Schlagartig wechselt das Tempo, wirbelnde Skalen der linken Hand erheben sich wie ein Sturmwind aus dem Nirgendwo und zerstreuen die Bestandteile wie Laub, das in die Nacht hinausgeblasen wird …

… worauf sich sofort das Allegro con spirito anschließt. Es hat den Charakter eines heftigen, etwas grotesken Marsches, der allerdings nicht im Vierviertel-, sondern im Fünfhalbe-Takt geschrieben ist. Der nächste, mit Wiederholungszeichen versehene Abschnitt stimmt knurrende Fagott-Triller à la Mahler und eine cantabile-Variante des Marsches an. Dann taucht zwischen ruckartig-punktierten Rhythmen eine einsame Erinnerung an die Melodie des zweiten Satzes auf, die jetzt in neue Harmonien gekleidet ist. Eine lärmende Klimax endet fortississimo auf dem tiefsten C der Tastatur, das wie eine Alarmglocke läutet und verklingt. Die Coda gehört zu den besten »Schlüssen«, die Medtner verfasst hat: Im Hintergrund erklingt der Marsch, derweil mit atemberaubender Fingerfertigkeit auf Themen des ersten Satzes zurückgegriffen wird; die Textur dünnt nach und nach aus, bis nichts mehr bleibt als ein langes »Es«, das in die Unendlichkeit ausgehalten wird.

Seine vierzehnte und letzte Klaviersonate komponierte Medtner in den Jahren des Exils. Bei seinem vorübergehenden Aufenthalt in Paris hatte er 1935 die spätere Sonata-Idyll G-dur op. 56 skizziert, die er 1937 in London vollendete und am 10. Februar 1939 selbst uraufführte. Das aus zwei konzisen Sätzen bestehende Stück ist Lev und Olga Conus gewidmet, die wie er die Heimat verlassen hatten. Die einleitende Pastorale: Allegretto cantabile zeichnet eine bukolische Szene, die zu offenen Bordunquinten und Orgelpunkten die kurze kanonische Einleitung sowie das entwaffnende erste Thema vorstellt. Die erste der beiden nachfolgenden Episoden erinnert an einen Hymnus aus der russischen Liturgie (bezeichnenderweise war der geborene Lutheraner Medtner kurz zuvor zur orthodoxen Kirche übergetreten), die zweite ist von eher kontemplativer, eindringlicher Art. Eine kurze Coda fasst das gesamte Material zusammen und schließt mit einer einfachen Kadenz.

Das Allegro moderato e cantabile (sempre al rigore di tempo) ist ein ausgewachsenes Sonatenallegro, worin der Komponist gelegentlich auf seine eigene Vergangenheit zurückblickt—auf die Skazka op. 26 Nr. 2 vor allem, deren spritzig punktierte Rhythmen jetzt eine prominente Rolle spielen. Wie die entsprechende Stelle der dritten Triaden-Sonate, so wird man auch das außergewöhnlich eloquente Nebenthema dieses Satzes lange nicht vergessen; seine prächtige fortissimo- Reprise gegen Ende (molto sostenuto, maestoso) ist einer der größten Momente in Medtners Schaffen überhaupt. Nach und nach entspannt sich die verklingende Musik, und so endet Nikolaj Medtners letzte Klaviersonate mit einer glitzernden, magischen Kadenz im dreifachen piano—ein zutiefst überzeugendes Schlusswort.

Paul Stewart
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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