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GP621 - SCHMITT, F.: Piano Duet and Duo Works (Complete), Vol. 1 (Invencia Piano Duo)
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Florent Schmitt (1870–1958)
Sämtlich Werke für Klavier Zu Vier Händen und Zwei Klaviere • 1

 

Die französische Musik der Spätromantik und des frühen 20. Jahrhunderts war eine so imposante Kollektion individueller Stile, dass es nicht möglich ist, sie als »Schule« zu definieren. Gabriel Fauré, Jules Massenet, Georges Bizet, Albert Roussel, Maurice Ravel, Claude Debussy, Erik Satie, Camille Saint-Saëns, Francis Poulenc, Darius Milhaud, Emanuel Chabrier und andere leisteten ihre persönlichen Beiträge zur Musik des Landes und beeinflussten auf unterschiedliche Weise die nächsten Musikergenerationen.

Florent Schmitt ist da eher ein Außenseiter. Seine Kompositionen sind noch weniger leicht einzuordnen, da das kompositorische Ethos und die stilistischen Aspekte seines Schaffens, abhängig von musikalischen Erfordernissen beziehungsweise literarischen, historischen oder geographischen Inspirationsquellen, noch deutlicher als bei seinen Zeitgenossen variierten. Mit siebzehn Jahren schlug er eine musikalische Laufbahn ein, und fortan blieb er seiner französischen Abstammung treu—wobei er ein wesentliches Element seiner künstlerischen Herkunft nach eigenen Worten in einer »verführerischen Harmonik« sah. Seine individuelle Musiksprache bezog freilich Energie aus allem, was Schmitt begegnete: Sie erscheint wie ein Produkt der deutschen Romantik und der französischen Sinnlichkeit, ist von exotischen Regionen ebenso wie von den Experimenten der Russen und dem Orientalismus beeinflusst, und verrät doch in Wahrheit eine selbständige schöpferische Kraft, mit der zu rechnen war und die authentische, originelle Beiträge zur Musik des 20. Jahrhunderts leistete.

Florent Schmitt wurde am 28. September 1870, mithin während des preußisch-französischen Krieges, im lothringischen Blâmont geboren. Er studierte Klavier und Harmonielehre am Konservatorium von Nancy, wo er sich auf die Aufnahmeprüfungen des Pariser Conservatoire vorbereitete. Die Ausbildung in der Hauptstadt brachte ihn in einen Kreis einflussreicher, meisterhafter Lehrer wie André Gédalge (Kontrapunkt und Fuge) und Albert Lavignac (Musikwissenschaft). Dazu kamen als Komponisten Théodore Dubois und Jules Massenet, bevor Schmitt nach der Ableistung seines Militärdienstes auch von Gabriel Fauré unterwiesen wurde. Nach vier vorherigen Versuchen erhielt er im Jahre 1900 den begehrten Prix de Rome, der ihm vier sorgenfreie Jahre der künstlerischen Entwicklung bescherte. Anstatt jedoch in Rom zu verweilen und dort zu komponieren, wie man das von ihm erwarten durfte, unternahm er ausgiebige Reisen im Mittelmeerraum, in die islamische Türkei, nach Kleinasien und Nordeuropa, bevor er sich in die überaus fruchtbare Atmosphäre von Paris begab. Während er allenthalben Eindrücke sammelte, verfolgte man ihn von Stadt zu Stadt mit offiziellen Schreiben, um Erkundigungen über den Fortgang seiner Arbeit einzuziehen. Die wichtigsten Werke dieser Zeit sind Reflexionen dieser ereignisreichen Reisen, in denen sich bereits seine lebenslange Wanderlust erkennen ließ: Der letzte Reisepass, den man Schmitt zwei Jahre vor seinem Tode—er starb am 17. August 1958 in Paris—ausgestellt hatte, enthält nicht weniger als 41 Visa. Wenn er nach Rom zurückkehrte, probierte er in der Villa Medici viele neue Kreationen mit seinem engen Freund André Caplet in vierhändigen Fassungen aus.

Durch großangelegte Orchesterwerke konnte Florent Schmitt vor dem Ersten Weltkrieg seine kompositorische Reputation festigen. Der Psaume XLVII, seine wichtigste Einsendung aus Rom, sowie La Tragédie de Salomé fanden bei der Kritik großen Anklang und werden bis heute noch aufgeführt. Der größte Teil des damaligen Schaffens besteht allerdings aus Klavierstücken, von denen nach dem Kriege etliche orchestriert wurden. Neben Maurice Ravel gehörte Schmitt zu den Gründungsmitgliedern der Société Musicale Indépendante, und nach dem Kriege war er für ein Jahrzehnt als einflussreicher Musikkritiker der führenden Pariser Zeitung Le Temps tätig. Er wurde als Nachfolger von Paul Dukas zum Mitglied des Institute de France gewählt (womit er den Vorzug vor Igor Strawinsky erhielt) und leitete als Direktor die Musikhochschule von Lyon. Nach Claude Debussy und Maurice Ravel gehörte er zu den einflussreichsten französischen Komponisten der Zeit.

Florent Schmitt hat sich mit allen musikalischen Gattungen außer der Oper beschäftigt und dabei stets eine große Originalität, einen bemerkenswerten Humor und eine meisterhafte Beherrschung von Form und Kontrapunkt an den Tag gelegt. Bedeutende Bühnen- und Kammermusiken, Klavierstücke, Ballette und geistliche Werke sind ebenso zu nennen wie das, was er an wichtigen Stücken für Blaskapellen (Dionysiaques) und den frühen Film (Salammbô) verfasste. Er verstand sich auf vorzügliche Chorsätze, und seine orchestrale Palette kann mit den instrumentalen Farben eines Nikolai Rimsky-Korssakoff oder Maurice Ravel wetteifern. Zudem war er einer der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts, die wieder für Cembalo schrieben. Viele seiner Schöpfungen sind ebenso prächtig wie konzentriert, und fast alles ist vom Klavier her konzipiert. Schmitt schrieb schwelgerische Melodien, die er im Verlauf eines Werkes für gewöhnlich ausführliche Entwicklungen durchleben ließ. Er ist ein Pionier auf dem Gebiete des Rhythmus. Energisch und oft polymetrisch ist seine Musik, die sich durch große, dynamische und gewaltige Steigerungen auszeichnet. Die Harmonik ist teils scharf dissonant, dann wieder opulent und sinnlich—je nach den Orten oder literarischen Quellen, die es zu beschwören galt. Der fleißige Komponist hinterließ allein 138 numerierte Werke; sein gesamtes OEuvre beläuft sich auf mehr als 200 Stücke. Florent Schmitt war ein Meister der Miniatur und des Massiven gleichermaßen. Eines seiner letzten Werke, die komplexe und kraftvolle Symphonie Nr. 2 op. 137, wurde zwei Monate vor seinem Tode aufgeführt. Schmitt erhielt danach stehende Ovationen.

Wenngleich sich Schmitt nicht als Konzertpianist verstand, so war er doch in der Lage, seine eigene Klaviermusik auszuführen, womit er gewiss zu einer musikalischen Elite gehörte. Mit dem typisch sarkastischen Humor, der ihn sein Leben lang begleitete, bezeichnete er das Instrument als einen »bequemen, aber enttäuschenden« Ersatz für das Orchester. Dennoch schrieb er eine Fülle an Stücken für Klavier zu zwei oder vier Händen, die oftmals hohe technische Ansprüche stellen. Vielfach ist der Soloklavierpart auf drei oder sogar vier Systemen geschrieben—»alle Hände voll Klavier«, wie er sagte. Diese Aufnahmen enthalten viele Beispiele für seinen virtuosen Klaviersatz.

In mehr als sechzig kreativen Jahren brachte Florent Schmitt ein OEuvre von ungewöhnlicher Reichhaltigkeit und Vielfalt zu Papier. Zwar sind weite Teile seines Schaffens in Vergessenheit geraten, doch in ihrer kühnen, farbigen Diktion spiegelt sich ohne Frage eine der aufregendsten, lebendigsten Phasen der französischen Musikgeschichte. Was auf klassischen Formen basiert, ist von überzeugender Kühnheit, elementarer Intensität und mutiger Harmonik durchglüht. Während sich in diesen Werken einerseits viele ältere Leistungen niedergeschlagen haben, war Schmitt andererseits für seine Zeitgenossen und Schüler ein überaus geachtetes und beachtenswertes Vorbild, das sich durch die Stärke seiner Persönlichkeit und einen persönlichen, nonkonformen Weitblick den Respekt der folgenden Generation erwarb. Seine Musik hat ihre Wiederentdeckung verdient—und das ist das vornehme Ziel dieser wichtigen Einspielungen.

Jerry E. Rife

Die vierhändigen Originalwerke für ein bzw. zwei Klaviere, die Florent Schmitt zwischen 1893 und 1912 verfasste, nehmen in dem gehaltvollen OEuvre des Komponisten einen besonderen Platz ein. Sie repräsentieren eine bunte Vielfalt an Stilen, Tendenzen und Techniken, die er eingehend auch auf andere Formen, Gattungen und Besetzungen übertrug. Beachtenswert ist allein schon die Menge dieser Klavierduos, die quantitativ wohl nur hinter den entsprechenden Werken Franz Schuberts zurückbleiben dürften.

Die Trois rapsodies op. 53 (1903–1904) gehören zu Schmitts bekannteren Klavierwerken. Robert und Gaby Casadesus setzten sich für diese Stücke ein und nahmen sie 1956 auch für eine LP auf. Die Rhapsodien sind in einem hochromantischen Stil geschrieben, wobei der Komponist die vielschichtigen Texturen und farblichen Möglichkeiten der beiden Klaviere in jeder Hinsicht ausnutzt. Trotz ihrer starken Kontrapunktik und bisweilen komplexen Harmonik verlieren die Werke niemals ihren gallischen Charme, Lyrik und Humor. Alle drei Sätze deuten auf eine bestimmte Nation oder Geographie: Die Française stellt zunächst den lebhaften Witz des französischen Geistes dar, bevor der melancholische Charakter der Polonaise wie eine Erinnerung an Frédéric Chopin wirken könnte und die Viennoise schließlich mit ihrer offensichtlichen Beziehung zum Wiener Walzer den Schlusspunkt setzt.

Die Sept pièces op. 15 (1899) bilden den ersten größeren Zyklus, den Schmitt dem vierhändigen Klavier zugedacht hat. Die Gesamtanlage erinnert insofern an Robert Schumann, als auch dieser seine substantiellen Zyklen gern mit einem langsamen Satz beschloss. Verschiedene Einflüsse werden deutlich: Claude Debussy ist in Souhaits de jeune fille (»Wünsche eines Mädchens«) zu spüren, Edvard Grieg in der Fête septentrionale (»Nordisches Fest«) und Alexander Borodin in der Traversée heureuse (»Glückliche Überfahrt«). Dessen ungeachtet zeigt sich eine selbständige, innovative Stimme—etwa dort, wo der Klaviersatz mit originellen harmonischen Überlagerungen und Gegenüberstellungen sowie von kühnen Farbvorstellungen durchsetzt ist. Gleich zu Beginn der Somnolence (»Schläfrigkeit«) hört man Schmitts reiche harmonische Palette. Original sind auch die breite Melodik des Souvenir de Ribeaupierre, in dem sich der Komponist an ein mittelalterliches Schloss aus seiner Heimatgegend erinnert, sowie die rhythmische Lebendigkeit der Fête septentrionale. Beide Pianisten haben zum Beispiel in Scintillement (»Funkeln«) hohe technische Ansprüche zu erfüllen, womit sie ganz direkt eine Linie fortsetzen, die mit Georges Bizet Jeux d’infants (»Kinderspielen«) begonnen hatte.

Die Rhapsodie parisienne WoO (1900) ist eine von zwei unveröffentlichten Duokompositionen. Das heute in der französischen Nationalbibliothek aufbewahrte Manuskript enthält verschiedene Bleistifteintragungen, die darauf hindeuten, dass Schmitt das Stück eigentlich orchestrieren wollte. Das zweite Duett, die 1893 entstandene Marche spectrale, wurde hier nicht eingespielt, um dem Wunsche des Komponisten, der das Stück nicht publiziert wissen wollte, Rechnung zu tragen. Mit der Genehmigung von Annie Schmitt, der Enkelin des Komponisten, spielte das Invencia Piano Duo am 18. März 2011 in Culpeper, Virginia, die amerikanische Premiere der Rhapsodie parisienne. In ihrer überschwenglichen Energie und Brillanz lässt die Komposition an Chabriers Orchestersatz denken. Gleichermaßen faszinierend sind die vertrackten Polymetren und die kraftvolle dynamische Schluss-Steigerung, die bereits Ravels La Valse erahnen lässt. Dieser Merkmale wegen wurde die vorliegende Aufnahme auf zwei Klavieren gemacht.

Andrey Kasparov

 

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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