About this Recording
GP622 - SCHMITT, F.: Piano Duet and Duo Works (Complete), Vol. 2 (Invencia Piano Duo)
English  French  German 

FLORENT SCHMITT (1870–1958)
SÄMTLICHE WERKE FÜR KLAVIER ZU VIER HÄNDEN UND ZWEI KLAVIERE • 2

 

Die französische Musik der Spätromantik und des frühen 20. Jahrhunderts war eine so imposante Kollektion individueller Stile, dass es nicht möglich ist, sie als »Schule« zu definieren. Gabriel Fauré, Jules Massenet, Georges Bizet, Albert Roussel, Maurice Ravel, Claude Debussy, Erik Satie, Camille Saint-Saëns, Francis Poulenc, Darius Milhaud, Emanuel Chabrier und andere leisteten ihre persönlichen Beiträge zur Musik des Landes und beeinflussten auf unterschiedliche Weise die nächsten Musikergenerationen.

Florent Schmitt ist da eher ein Außenseiter. Seine Kompositionen sind noch weniger leicht einzuordnen, da das kompositorische Ethos und die stilistischen Aspekte seines Schaffens, abhängig von musikalischen Erfordernissen beziehungsweise literarischen, historischen oder geographischen Inspirationsquellen, noch deutlicher als bei seinen Zeitgenossen variierten. Mit siebzehn Jahren schlug er eine musikalische Laufbahn ein, und fortan blieb er seiner französischen Abstammung treu—wobei er ein wesentliches Element seiner künstlerischen Herkunft nach eigenen Worten in einer »verführerischen Harmonik« sah. Seine individuelle Musiksprache bezog freilich Energie aus allem, was Schmitt begegnete: Sie erscheint wie ein Produkt der deutschen Romantik und der französischen Sinnlichkeit, ist von exotischen Regionen ebenso wie von den Experimenten der Russen und dem Orientalismus beeinflusst, und verrät doch in Wahrheit eine selbständige schöpferische Kraft, mit der zu rechnen war und die authentische, originelle Beiträge zur Musik des 20. Jahrhunderts leistete.

Florent Schmitt wurde am 28. September 1870, mithin während des preußisch-französischen Krieges, im lothringischen Blâmont geboren. Er studierte Klavier und Harmonielehre am Konservatorium von Nancy, wo er sich auf die Aufnahmeprüfungen des Pariser Conservatoire vorbereitete. Die Ausbildung in der Hauptstadt brachte ihn in einen Kreis einflussreicher, meisterhafter Lehrer wie André Gédalge (Kontrapunkt und Fuge) und Albert Lavignac (Musikwissenschaft). Dazu kamen als Komponisten Theodore Dubois und Jules Massenet, bevor Schmitt nach der Ableistung seines Militärdienstes auch von Gabriel Fauré unterwiesen wurde. Nach vier vorherigen Versuchen erhielt er im Jahre 1900 den begehrten Prix de Rome, der ihm vier sorgenfreie Jahre der künstlerischen Entwicklung bescherte. Anstatt jedoch in Rom zu verweilen und dort zu komponieren, wie man das von ihm erwarten durfte, unternahm er ausgiebige Reisen im Mittelmeerraum, in die islamische Türkei, nach Kleinasien und Nordeuropa, bevor er sich in die überaus fruchtbare Atmosphäre von Paris begab. Während er allenthalben Eindrücke sammelte, verfolgte man ihn von Stadt zu Stadt mit offiziellen Schreiben, um Erkundigungen über den Fortgang seiner Arbeit einzuziehen. Die wichtigsten Werke dieser Zeit sind Reflexionen dieser ereignisreichen Reisen, in denen sich bereits seine lebenslange Wanderlust erkennen ließ: Der letzte Reisepass, den man Schmitt zwei Jahre vor seinem Tode—er starb am 17. August 1958 in Paris—ausgestellt hatte, enthält nicht weniger als 41 Visa. Wenn er nach Rom zurückkehrte, probierte er in der Villa Medici viele neue Kreationen mit seinem engen Freund André Caplet in vierhändigen Fassungen aus.

Durch großangelegte Orchesterwerke konnte Florent Schmitt vor dem Ersten Weltkrieg seine kompositorische Reputation festigen. Der Psaume XLVII, seine wichtigste Einsendung aus Rom, sowie La Tragédie de Salomé fanden bei der Kritik großen Anklang und werden bis heute noch aufgeführt. Der größte Teil des damaligen Schaffens besteht allerdings aus Klavierstücken, von denen nach dem Kriege etliche orchestriert wurden. Neben Maurice Ravel gehörte Schmitt zu den Gründungsmitgliedern der Société Musicale Indépendante, und nach dem Kriege war er für ein Jahrzehnt als einflussreicher Musikkritiker der führenden Pariser Zeitung Le Temps tätig. Er wurde als Nachfolger von Paul Dukas zum Mitglied des Institute de France gewählt (womit er den Vorzug vor Igor Strawinsky erhielt) und leitete als Direktor die Musikhochschule von Lyon. Nach Claude Debussy und Maurice Ravel gehörte er zu den einflussreichsten französischen Komponisten der Zeit.

Florent Schmitt hat sich mit allen musikalischen Gattungen außer der Oper beschäftigt und dabei stets eine große Originalität, einen bemerkenswerten Humor und eine meisterhafte Beherrschung von Form und Kontrapunkt an den Tag gelegt. Bedeutende Bühnen- und Kammermusiken, Klavierstücke, Ballette und geistliche Werke sind ebenso zu nennen wie das, was er an wichtigen Stücken für Blaskapellen (Dionysiaques) und den frühen Film (Salammbô) verfasste. Er verstand sich auf vorzügliche Chorsätze, und seine orchestrale Palette kann mit den instrumentalen Farben eines Nikolai Rimsky-Korssakoff oder Maurice Ravel wetteifern. Zudem war er einer der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts, die wieder für Cembalo schrieben. Viele seiner Schöpfungen sind ebenso prächtig wie konzentriert, und fast alles ist vom Klavier her konzipiert. Schmitt schrieb schwelgerische Melodien, die er im Verlauf eines Werkes für gewöhnlich ausführliche Entwicklungen durchleben ließ. Er ist ein Pionier auf dem Gebiete des Rhythmus. Energisch und oft polymetrisch ist seine Musik, die sich durch große, dynamische und gewaltige Steigerungen auszeichnet. Die Harmonik ist teils scharf dissonant, dann wieder opulent und sinnlich—je nach den Orten oder literarischen Quellen, die es zu beschwören galt. Der fleißige Komponist hinterließ allein 138 numerierte Werke; sein gesamtes OEuvre beläuft sich auf mehr als 200 Stücke. Florent Schmitt war ein Meister der Miniatur und des Massiven gleichermaßen. Eines seiner letzten Werke, die komplexe und kraftvolle Symphonie Nr. 2 op. 137, wurde zwei Monate vor seinem Tode aufgeführt. Schmitt erhielt danach stehende Ovationen.

Wenngleich sich Schmitt nicht als Konzertpianist verstand, so war er doch in der Lage, seine eigene Klaviermusik auszuführen, womit er gewiss zu einer musikalischen Elite gehörte. Mit dem typisch sarkastischen Humor, der ihn sein Leben lang begleitete, bezeichnete er das Instrument als einen »bequemen, aber enttäuschenden Ersatz« für das Orchester. Dennoch schrieb er eine Fülle an Stücken für Klavier zu zwei oder vier Händen, die oftmals hohe technische Ansprüche stellen. Vielfach ist der Soloklavierpart auf drei oder sogar vier Systemen geschrieben—»alle Hände voll Klavier«, wie er sagte. Diese Aufnahmen enthalten viele Beispiele für seinen virtuosen Klaviersatz.

In mehr als sechzig kreativen Jahren brachte Florent Schmitt ein OEuvre von ungewöhnlicher Reichhaltigkeit und Vielfalt zu Papier. Zwar sind weite Teile seines Schaffens in Vergessenheit geraten, doch in ihrer kühnen, farbigen Diktion spiegelt sich ohne Frage eine der aufregendsten, lebendigsten Phasen der französischen Musikgeschichte. Was auf klassischen Formen basiert, ist von überzeugender Kühnheit, elementarer Intensität und mutiger Harmonik durchglüht. Während sich in diesen Werken einerseits viele ältere Leistungen niedergeschlagen haben, war Schmitt andererseits für seine Zeitgenossen und Schüler ein überaus geachtetes und beachtenswertes Vorbild, das sich durch die Stärke seiner Persönlichkeit und einen persönlichen, nonkonformen Weitblick den Respekt der folgenden Generation erwarb. Seine Musik hat ihre Wiederentdeckung verdient—und das ist das vornehme Ziel dieser wichtigen Einspielungen.

Jerry E. Rife
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Seit 1906 experimentierte Florent Schmitt mit einem kompositorischen Verfahren, bei dem er sich in melodischer Hinsicht grundsätzlich auf die ersten fünf Töne der diatonischen Leiter beschränkte. Hatte er diese fünftönigen Kombinationen erst einmal exponiert, so blieben sie unverändert, indessen diese selbstverordnete Beschränkung sich hinter einer Fülle anderer Mittel versteckte. Diese Methode wurde später auch von anderen Komponisten genutzt: Igor Strawinsky kam darauf 1917 in seinen Fünf leichten Stücken zu vier Händen und 1921 in den Fünf Fingern für einen Spieler zurück.

Sur cinq notes (»Über fünf Töne«) op. 34 aus dem Jahre 1906 sind die ersten von insgesamt vier vierhändigen Kompositionen, die sich dieses Prinzips bedienen. Den Auftakt bildet die lebhafte, humorvolle Ronde, deren lichtes, elastisches Thema an Michail Glinkas Kamarinskaja erinnert. Danach folgen als eine Art »Untergruppe« die delikaten, chopinesk angehauchten Sätze Barcarolle, Mazurka und Bercement mit ihren subtilen Schattierungen und zarten Nuancen. In der Danse pyrénéenne kommen dann wieder rhythmischer Elan und verspielter Humor zu ihrem Recht, worauf die chansonhafte Mélodie einige harmonische Wendungen und Weisen der populären Musik vorwegnimmt. Die anschließende Pastorale erinnert mit ihrem wiegenden, beinahe schwerelosen Gang an die rhythmischen Modi, die man in der französischen Polyphonie des Mittelalters findet. Eine synkopierte, harmonisch interessante Farandole bringt das Opus 34 zu einem begeisternden, rauschenden Ende.

Die Reflets d‘Allemagne op. 28 hob Florent Schmitt im Jahr nach ihrer Entstehung (1905) zusammen mit Maurice Ravel aus der Taufe. 1932 verwandelte er das Werk in ein Ballett, bevor er die vierhändige Fassung auf eine amerikanische Tournee mitnahm, die wesentlich zur Verbreitung und Bekanntheit des Werkes beitrug. Die acht Walzer zeigen einen weitaus freizügigeren Umgang mit der Melodik als die Sätze Sur cinq notes: Die »Reflexionen aus Deutschland« sprechen eindeutig von der dichterischen Begabung und Reiselust des Komponisten sowie von seiner Freude an der Natur und der Architektur. In seiner Gesamtheit bildet das Opus 28 einen großen Bogen, der sich auf die äußerst energischen Pfeiler Heidelberg, Wien und München stützt. Die nostalgische Schönheit der Stadt Lübeck (III) und die pittoreske Flusslandschaft bei Koblenz (II) kontrastieren mit den turbulenten Straßen von Heidelberg (I), die Nachdenklichkeit in Werder (IV) und die abendliche Magie von Dresden (VI) werden durch das helle Tageslicht und den Trubel in Wien (V) voneinander getrennt. Dem gemächlichen Bummel durch die Altstadt und über den Marktplatz des malerischen Nürnberg (VII) folgt schließlich das halsbrecherische Tempo von München (VIII), das offenbar gerade in der Hauptverkehrszeit eingefangen wurde.

Die Huit courtes pièces pour préparer l‘élève à la musique moderne op. 41 (1907/08) bilden den dritten Zyklus vierhändiger Klavierstücke, in denen Schmitt die oben beschriebene Fünftonmethode anwandte. Ganz offensichtlich sind in diesen »acht Stücke[n] zur Vorbereitung des Schülers auf die moderne Musik« die pädagogischen Absichten des Komponisten. Nach der neckischen Ouverture, die bei ihrem ersten fortissimo »nicht ohne einen gewissen Pomp« gespielt werden soll, macht Schmitt die Schüler der Reihe nach mit den verschiedenen Gattungen, Formen, Techniken und Ideen bekannt, die am Anfang des 20. Jahrhunderts en vogue waren. Klassisch-neoklassizistische Formen repräsentieren das graziöse Menuet und die augenzwinkernde Sérénade, während aus Virelai und Complainte (»Klage«) das wiedererwachende Interesse an der Alten Musik bis hin zum Mittelalter spricht. Der spanisch getönte Boléro und die russisch gewürzte Cortège verraten ausländische Einflüsse, während sich in dem modalen Chanson Schmitts französische Zeitgenossen wiederfinden.

Andrey Kasparov
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window