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GP623 - SCHMITT, F.: Piano Duet and Duo Works (Complete), Vol. 3 (Invencia Piano Duo)
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Florent Schmit (1870–1958)
Sämtliche Werke für Klavier zu vier Händen und zwei Klaviere • 3

 

Die französische Musik der Spätromantik und des frühen 20. Jahrhunderts war eine so imposante Kollektion individueller Stile, dass es nicht möglich ist, sie als »Schule« zu definieren. Gabriel Fauré, Jules Massenet, Georges Bizet, Albert Roussel, Maurice Ravel, Claude Debussy, Erik Satie, Camille Saint-Saëns, Francis Poulenc, Darius Milhaud, Emanuel Chabrier und andere leisteten ihre persönlichen Beiträge zur Musik des Landes und beeinflussten auf unterschiedliche Weise die nächsten Musikergenerationen.

Florent Schmitt ist da eher ein Außenseiter. Seine Kompositionen sind noch weniger leicht einzuordnen, da das kompositorische Ethos und die stilistischen Aspekte seines Schaffens, abhängig von musikalischen Erfordernissen beziehungsweise literarischen, historischen oder geographischen Inspirationsquellen, noch deutlicher als bei seinen Zeitgenossen variierten. Mit siebzehn Jahren schlug er eine musikalische Laufbahn ein, und fortan blieb er seiner französischen Abstammung treu—wobei er ein wesentliches Element seiner künstlerischen Herkunft nach eigenen Worten in einer »verführerischen Harmonik« sah. Seine individuelle Musiksprache bezog freilich Energie aus allem, was Schmitt begegnete: Sie erscheint wie ein Produkt der deutschen Romantik und der französischen Sinnlichkeit, ist von exotischen Regionen ebenso wie von den Experimenten der Russen und dem Orientalismus beeinflusst, und verrät doch in Wahrheit eine selbständige schöpferische Kraft, mit der zu rechnen war und die authentische, originelle Beiträge zur Musik des 20. Jahrhunderts leistete.

Florent Schmitt wurde am 28. September 1870, mithin während des preußischfranzösischen Krieges, im lothringischen Blâmont geboren. Er studierte Klavier und Harmonielehre am Konservatorium von Nancy, wo er sich auf die Aufnahmeprüfungen des Pariser Conservatoire vorbereitete. Die Ausbildung in der Hauptstadt brachte ihn in einen Kreis einflussreicher, meisterhafter Lehrer wie André Gédalge (Kontrapunkt und Fuge) und Albert Lavignac (Musikwissenschaft). Dazu kamen als Komponisten Theodore Dubois und Jules Massenet, bevor Schmitt nach der Ableistung seines Militärdienstes auch von Gabriel Fauré unterwiesen wurde. Nach vier vorherigen Versuchen erhielt er im Jahre 1900 den begehrten Prix de Rome, der ihm vier sorgenfreie Jahre der künstlerischen Entwicklung bescherte. Anstatt jedoch in Rom zu verweilen und dort zu komponieren, wie man das von ihm erwarten durfte, unternahm er ausgiebige Reisen im Mittelmeerraum, in die islamische Türkei, nach Kleinasien und Nordeuropa, bevor er sich in die überaus fruchtbare Atmosphäre von Paris begab. Während er allenthalben Eindrücke sammelte, verfolgte man ihn von Stadt zu Stadt mit offiziellen Schreiben, um Erkundigungen über den Fortgang seiner Arbeit einzuziehen. Die wichtigsten Werke dieser Zeit sind Reflexionen dieser ereignisreichen Reisen, in denen sich bereits seine lebenslange Wanderlust erkennen ließ: Der letzte Reisepass, den man Schmitt zwei Jahre vor seinem Tode—er starb am 17. August 1958 in Paris—ausgestellt hatte, enthält nicht weniger als 41 Visa. Wenn er nach Rom zurückkehrte, probierte er in der Villa Medici viele neue Kreationen mit seinem engen Freund André Caplet in vierhändigen Fassungen aus.

Durch großangelegte Orchesterwerke konnte Florent Schmitt vor dem Ersten Weltkrieg seine kompositorische Reputation festigen. Der Psaume XLVII, seine wichtigste Einsendung aus Rom, sowie La Tragédie de Salomé fanden bei der Kritik großen Anklang und werden bis heute noch aufgeführt. Der größte Teil des damaligen Schaffens besteht allerdings aus Klavierstücken, von denen nach dem Kriege etliche orchestriert wurden. Neben Maurice Ravel gehörte Schmitt zu den Gründungsmitgliedern der Société Musicale Indépendante, und nach dem Kriege war er für ein Jahrzehnt als einflussreicher Musikkritiker der führenden Pariser Zeitung Le Temps tätig. Er wurde als Nachfolger von Paul Dukas zum Mitglied des Institute de France gewählt (womit er den Vorzug vor Igor Strawinsky erhielt) und leitete als Direktor die Musikhochschule von Lyon. Nach Claude Debussy und Maurice Ravel gehörte er zu den einflussreichsten französischen Komponisten der Zeit.

Florent Schmitt hat sich mit allen musikalischen Gattungen außer der Oper beschäftigt und dabei stets eine große Originalität, einen bemerkenswerten Humor und eine meisterhafte Beherrschung von Form und Kontrapunkt an den Tag gelegt. Bedeutende Bühnen-und Kammermusiken, Klavierstücke, Ballette und geistliche Werke sind ebenso zu nennen wie das, was er an wichtigen Stücken für Blaskapellen (Dionysiaques) und den frühen Film (Salammbô) verfasste. Er verstand sich auf vorzügliche Chorsätze, und seine orchestrale Palette kann mit den instrumentalen Farben eines Nikolai Rimsky-Korssakoff oder Maurice Ravel wetteifern. Zudem war er einer der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts, die wieder für Cembalo schrieben. Viele seiner Schöpfungen sind ebenso prächtig wie konzentriert, und fast alles ist vom Klavier her konzipiert. Schmitt schrieb schwelgerische Melodien, die er im Verlauf eines Werkes für gewöhnlich ausführliche Entwicklungen durchleben ließ. Er ist ein Pionier auf dem Gebiete des Rhythmus. Energisch und oft polymetrisch ist seine Musik, die sich durch große, dynamische und gewaltige Steigerungen auszeichnet. Die Harmonik ist teils scharf dissonant, dann wieder opulent und sinnlich—je nach den Orten oder literarischen Quellen, die es zu beschwören galt. Der fleißige Komponist hinterließ allein 138 numerierte Werke; sein gesamtes OEuvre beläuft sich auf mehr als 200 Stücke. Florent Schmitt war ein Meister der Miniatur und des Massiven gleichermaßen. Eines seiner letzten Werke, die komplexe und kraftvolle Symphonie Nr 2 op 137, wurde zwei Monate vor seinem Tode aufgeführt. Schmitt erhielt danach stehende Ovationen.

Wenngleich sich Schmitt nicht als Konzertpianist verstand, so war er doch in der Lage, seine eigene Klaviermusik auszuführen, womit er gewiss zu einer musikalischen Elite gehörte. Mit dem typisch sarkastischen Humor, der ihn sein Leben lang begleitete, bezeichnete er das Instrument als einen »bequemen, aber enttäuschenden Ersatz« für das Orchester. Dennoch schrieb er eine Fülle an Stücken für Klavier zu zwei oder vier Händen, die oftmals hohe technische Ansprüche stellen. Vielfach ist der Soloklavierpart auf drei oder sogar vier Systemen geschrieben—»alle Hände voll Klavier«, wie er sagte. Diese Aufnahmen enthalten viele Beispiele für seinen virtuosen Klaviersatz.

In mehr als sechzig kreativen Jahren brachte Florent Schmitt ein OEuvre von ungewöhnlicher Reichhaltigkeit und Vielfalt zu Papier. Zwar sind weite Teile seines Schaffens in Vergessenheit geraten, doch in ihrer kühnen, farbigen Diktion spiegelt sich ohne Frage eine der aufregendsten, lebendigsten Phasen der französischen Musikgeschichte. Was auf klassischen Formen basiert, ist von überzeugender Kühnheit, elementarer Intensität und mutiger Harmonik durchglüht. Während sich in diesen Werken einerseits viele ältere Leistungen niedergeschlagen haben, war Schmitt andererseits für seine Zeitgenossen und Schüler ein überaus geachtetes und beachtenswertes Vorbild, das sich durch die Stärke seiner Persönlichkeit und einen persönlichen, nonkonformen Weitblick den Respekt der folgenden Generation erwarb. Seine Musik hat ihre Wiederentdeckung verdient—und das ist das vornehme Ziel dieser wichtigen Einspielungen.

Jerry E Rife
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Im Laufe seiner langen und produktiven Karriere hat Florent Schmitt eine große Zahl seiner Klavierwerke orchestriert. Gleichermaßen arrangierte er einige der wichtigsten Kreationen aus anderen Bereichen für zwei oder vier Hände. Während nun die vorliegende Kollektion insbesondere den vierhändigen Originalwerken für ein oder zwei Klaviere gewidmet ist, wurden dennoch einige dieser Transkriptionen berücksichtigt.

Die Marche du 163e RI oder Marche du CXLIII (»Marsch des 163. Infanterieregiments«) op 48 Nr 2 aus dem Jahre 1916 entstand an der Front bei Toul und war eigentlich für eine Militärkapelle gedacht. Was aus dem Originalmanuskript wurde, weiß heute niemand mehr zu sagen, und die ursprüngliche Fassung blieb unveröffentlicht.

Besonders bekannt ist heute hingegen das vierhändige Arrangement der Marche, das hier aus Rücksicht auf die orchestrale Natur des Werkes an zwei Klavieren aufgenommen wurde. Gedanklich steht das sonatenförmig gestaltete Stück im engen Zusammenhang mit der Musik, die Schmitts Landsleute während der Kriegsjahre verfassten—unter anderem gehören dazu Claude Debussys En blanc et noir und Maurice Ravels Klaviertrio. Das großartige Gefühls-und Farbenspektrum der Marche mischt patriotische Empfindungen mit Sorge, Wehmut, Heimweh und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Eine Ahnung des kommenden Blutvergießens ist vor allem in der zentralen Durchführung zu spüren, die unheilvoll im tiefen Register beginnt, ehe sie zu den einleitenden Fanfarenrufen zurückkehrt.

Die Feuillets de voyage (»Reiseblätter«) op 26 aus den Jahren 1903 bis 1913 sind eine große Sammlung, die den unabhängigen Geist und die Reiselust des Komponisten darstellt. Die Feuillets stehen Robert Schumann besonders nahe und gehören zu Schmitts romantischsten Schöpfungen.

Im ersten Heft wechseln drei schnellere Sätze mit zwei langsameren. Der einleitenden, graziös-eleganten Sérénade folgt eine intime, feinsinnige Visite, worauf die ebenso noblen wie charmanten Compliments der durch und durch poetischen Aura der Douceur du soir (»Milde des Abends«) weichen. Frech und energisch beschließt die Danse britannique den ersten Teil.

Das zweite Heft ist insofern anders angelegt, als es mit einem langsamen Satz beginnt—mit einer zwar atmosphärischen und zart fließenden, gleichwohl aber hier und da kontrapunktisch ausgearbeiteten Berceuse, der sich eine kurze, melodisch attraktive Mazurka anschließt. Im auffallenden Kontrast dazu steht die Marche burlesque, die groteske, bisweilen sogar sarkastische Qualitäten an den Tag legt. Die Reise endet mit der stillen Freude über die Retour à l‘endroit familier (»Rückkehr in die vertraute Umgebung«) und dem überschwenglichen Elan einer prächtigen Valse.

In der Musiques foraines (»Musik zum Karneval«) op 22 aus den Jahren 1895–1902 spricht erstmals deutlich der Humorist Florent Schmitt, der seine Hörer hier mit den Oktav-Repetitionen der jovialen Parade sogleich in eine theatralischfestliche Stimmung versetzt. Diese erbauliche Atmosphäre bestimmt das gesamte Werk und findet in dem heiteren Ritt auf den Chevaux de bois (»Holzpferde«), der an Bizets und Debussys gleichnamige Stücke erinnert, ihren abschließenden Höhepunkt. Dazwischen gibt es verschiedene zirzensische Ereignisse: Der Boniment de clowns (»Unfug der Clowns«), dann die nordafrikanische Bauchtänzerin La belle Fathma (»Die schöne Fatima«) mit ihren betörenden Bewegungen und ihrem zauberhaften Gewand, die majestätischen Auftritte der Éléphants savants (»Die klugen Elefanten«) und die Prophezeiungen der Wahrsagerin La pythonisse (»Die Pythonische«). Mit seinen Musiques foraines, die zu den spieltechnisch und rhythmisch anspruchsvollsten Werken der Literatur gehören, tat Florent Schmitt einen wichtigen Schritt auf diesem Gebiet.

Andrey Kasparov
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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