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GP624 - SCHMITT, F.: Piano Duet and Duo Works (Complete), Vol. 4 (Invencia Piano Duo)
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Florent Schmitt (1870–1958)
Sämtliche OriginialWerke für Klavier zu vier Händen und zwei Klaviere • 4

 

Die französische Musik der Spätromantik und des frühen 20. Jahrhunderts war eine so imposante Kollektion individueller Stile, dass es nicht möglich ist, sie als »Schule« zu definieren. Gabriel Fauré, Jules Massenet, Georges Bizet, Albert Roussel, Maurice Ravel, Claude Debussy, Erik Satie, Camille Saint-Saëns, Francis Poulenc, Darius Milhaud, Emanuel Chabrier und andere leisteten ihre persönlichen Beiträge zur Musik des Landes und beeinflussten auf unterschiedliche Weise die nächsten Musikergenerationen.

Florent Schmitt ist da eher ein Außenseiter. Seine Kompositionen sind noch weniger leicht einzuordnen, da das kompositorische Ethos und die stilistischen Aspekte seines Schaffens, abhängig von musikalischen Erfordernissen beziehungsweise literarischen, historischen oder geographischen Inspirationsquellen, noch deutlicher als bei seinen Zeitgenossen variierten. Mit siebzehn Jahren schlug er eine musikalische Laufbahn ein, und fortan blieb er seiner französischen Abstammung treu—wobei er ein wesentliches Element seiner künstlerischen Herkunft nach eigenen Worten in einer »verführerischen Harmonik« sah. Seine individuelle Musiksprache bezog freilich Energie aus allem, was Schmitt begegnete: Sie erscheint wie ein Produkt der deutschen Romantik und der französischen Sinnlichkeit, ist von exotischen Regionen ebenso wie von den Experimenten der Russen und dem Orientalismus beeinflusst, und verrät doch in Wahrheit eine selbständige schöpferische Kraft, mit der zu rechnen war und die authentische, originelle Beiträge zur Musik des 20. Jahrhunderts leistete.

Florent Schmitt wurde am 28. September 1870, mithin während des preußischfranzösischen Krieges, im lothringischen Blâmont geboren. Er studierte Klavier und Harmonielehre am Konservatorium von Nancy, wo er sich auf die Aufnahmeprüfungen des Pariser Conservatoire vorbereitete. Die Ausbildung in der Hauptstadt brachte ihn in einen Kreis einflussreicher, meisterhafter Lehrer wie André Gédalge (Kontrapunkt und Fuge) und Albert Lavignac (Musikwissenschaft). Dazu kamen als Komponisten Theodore Dubois und Jules Massenet, bevor Schmitt nach der Ableistung seines Militärdienstes auch von Gabriel Fauré unterwiesen wurde. Nach vier vorherigen Versuchen erhielt er im Jahre 1900 den begehrten Prix de Rome, der ihm vier sorgenfreie Jahre der künstlerischen Entwicklung bescherte. Anstatt jedoch in Rom zu verweilen und dort zu komponieren, wie man das von ihm erwarten durfte, unternahm er ausgiebige Reisen im Mittelmeerraum, in die islamische Türkei, nach Kleinasien und Nordeuropa, bevor er sich in die überaus fruchtbare Atmosphäre von Paris begab. Während er allenthalben Eindrücke sammelte, verfolgte man ihn von Stadt zu Stadt mit offiziellen Schreiben, um Erkundigungen über den Fortgang seiner Arbeit einzuziehen. Die wichtigsten Werke dieser Zeit sind Reflexionen dieser ereignisreichen Reisen, in denen sich bereits seine lebenslange Wanderlust erkennen ließ: Der letzte Reisepass, den man Schmitt zwei Jahre vor seinem Tode—er starb am 17. August 1958 in Paris—ausgestellt hatte, enthält nicht weniger als 41 Visa. Wenn er nach Rom zurückkehrte, probierte er in der Villa Medici viele neue Kreationen mit seinem engen Freund André Caplet in vierhändigen Fassungen aus.

Durch großangelegte Orchesterwerke konnte Florent Schmitt vor dem Ersten Weltkrieg seine kompositorische Reputation festigen. Der Psaume XLVII, seine wichtigste Einsendung aus Rom, sowie La Tragédie de Salomé fanden bei der Kritik großen Anklang und werden bis heute noch aufgeführt. Der größte Teil des damaligen Schaffens besteht allerdings aus Klavierstücken, von denen nach dem Kriege etliche orchestriert wurden. Neben Maurice Ravel gehörte Schmitt zu den Gründungsmitgliedern der Société Musicale Indépendante, und nach dem Kriege war er für ein Jahrzehnt als einflussreicher Musikkritiker der führenden Pariser Zeitung Le Temps tätig. Er wurde als Nachfolger von Paul Dukas zum Mitglied des Institute de France gewählt (womit er den Vorzug vor Igor Strawinsky erhielt) und leitete als Direktor die Musikhochschule von Lyon. Nach Claude Debussy und Maurice Ravel gehörte er zu den einflussreichsten französischen Komponisten der Zeit.

Florent Schmitt hat sich mit allen musikalischen Gattungen außer der Oper beschäftigt und dabei stets eine große Originalität, einen bemerkenswerten Humor und eine meisterhafte Beherrschung von Form und Kontrapunkt an den Tag gelegt. Bedeutende Bühnen- und Kammermusiken, Klavierstücke, Ballette und geistliche Werke sind ebenso zu nennen wie das, was er an wichtigen Stücken für Blaskapelle (Dionysiaques) und den frühen Film (Salammbô) verfasste. Er verstand sich auf vorzügliche Chorsätze, und seine orchestrale Palette kann mit den instrumentalen Farben eines Nikolai Rimsky-Korssakoff oder Maurice Ravel wetteifern. Zudem war er einer der ersten Komponisten des 20. Jahrhunderts, die wieder für Cembalo schrieben. Viele seiner Schöpfungen sind ebenso prächtig wie konzentriert, und fast alles ist vom Klavier her konzipiert. Schmitt schrieb schwelgerische Melodien, die er im Verlauf eines Werkes für gewöhnlich ausführliche Entwicklungen durchleben ließ. Er ist ein Pionier auf dem Gebiete des Rhythmus. Energisch und oft polymetrisch ist seine Musik, die sich durch große, dynamische und gewaltige Steigerungen auszeichnet. Die Harmonik ist teils scharf dissonant, dann wieder opulent und sinnlich—je nach den Orten oder literarischen Quellen, die es zu beschwören galt. Der fleißige Komponist hinterließ allein 138 numerierte Werke; sein gesamtes OEuvre beläuft sich auf mehr als 200 Stücke. Florent Schmitt war ein Meister der Miniatur und des Massiven gleichermaßen. Eines seiner letzten Werke, die komplexe und kraftvolle Symphonie Nr. 2 op. 137, wurde zwei Monate vor seinem Tode aufgeführt. Schmitt erhielt danach stehende Ovationen.

Wenngleich sich Schmitt nicht als Konzertpianist verstand, so war er doch in der Lage, seine eigene Klaviermusik auszuführen, womit er gewiss zu einer musikalischen Elite gehörte. Mit dem typisch sarkastischen Humor, der ihn sein Leben lang begleitete, bezeichnete er das Instrument als einen »bequemen, aber enttäuschenden Ersatz« für das Orchester. Dennoch schrieb er eine Fülle an Stücken für Klavier zu zwei oder vier Händen, die oftmals hohe technische Ansprüche stellen. Vielfach ist der Soloklavierpart auf drei oder sogar vier Systemen geschrieben—»alle Hände voll Klavier«, wie er sagte. Diese Aufnahmen enthalten viele Beispiele für seinen virtuosen Klaviersatz.

In mehr als sechzig kreativen Jahren brachte Florent Schmitt ein OEuvre von ungewöhnlicher Reichhaltigkeit und Vielfalt zu Papier. Zwar sind weite Teile seines Schaffens in Vergessenheit geraten, doch in ihrer kühnen, farbigen Diktion spiegelt sich ohne Frage eine der aufregendsten, lebendigsten Phasen der französischen Musikgeschichte. Was auf klassischen Formen basiert, ist von überzeugender Kühnheit, elementarer Intensität und mutiger Harmonik durchglüht. Während sich in diesen Werken einerseits viele ältere Leistungen niedergeschlagen haben, war Schmitt andererseits für seine Zeitgenossen und Schüler ein überaus geachtetes und beachtenswertes Vorbild, das sich durch die Stärke seiner Persönlichkeit und einen persönlichen, nonkonformen Weitblick den Respekt der folgenden Generation erwarb. Seine Musik hat ihre Wiederentdeckung verdient—und das ist das vornehme Ziel dieser wichtigen Einspielungen.

Jerry E. Rife
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Sein umfangreiches OEuvre für Klavier zu vier Händen beschloss Florent Schmitt mit einem seiner bekanntesten Werke: Une semaine du petit elfe Ferme-l’oeil. Diese hier eingespielte Musik ist auch die vierte und letzte Arbeit, bei deren melodischen Erfindungen sich der Komponist auf die ersten fünf Töne der diatonischen Leiter beschränkte. Dazu enthält das Programm die Humoresques, die Trois pièces récréatives sowie das vierhändige Arrangement der Bläserstücke Lied et scherzo.

Die Humoresques op. 43 aus dem Jahre 1911 sind Paradebeispiele für den Humor des Komponisten und bilden einen Mikrokosmos unterschiedlichster Ideen. Den Anfang bildet eine Marche militaire, die zwar mit einer explosiven Fanfare beginnt, dann aber auf unerwartete, untypische Weise verklingt. Es folgen das friedliche Bucolique und die anrührende Valse sentimentale, in der sich Schmitt als intimer Lyriker zeigt. In dem spielerischen Rondeau und dem bezaubernden Scherzetto gibt er sich wieder fröhlich, während er zugleich etwas von seinem rhythmischen und kontrapunktischen Einfallsreichtum erkennen lässt. Am Ende des Zyklus steht die Danse grotesque, deren akzentuierte »Tutti«-Akkorde Strawinskys frühe Ballette beschwören.

Lied et scherzo op. 54 aus dem Jahre 1910 ist eine Komposition für doppeltes Bläserquintett, worin dem ersten Horn eine solistische Rolle zukommt. Die beiden Sätze, in denen sich der meisterhafte Visionär Schmitt auf ganz besondere Weise artikuliert, wurden für diese Produktion auf zwei Klavieren aufgenommen. Das melodische Lied geht allmählich in das vorwärtsstrebende, zielgerichtete Scherzo über, das mit seinen oftmals polymetrisch überlagerten, gegensätzlichen Materialien an ähnliche Gebilde von Maurice Ravel, Elliott Carter und anderen denken lassen. In der rätselhaften Introduktion entwickeln sich die thematischen Hauptelemente sowie die zwischen diesen bestehenden Tempo-Relationen. Während des gesamten Stückes, das mit einer ausgedehnten, kontemplativen Coda zu Ende geht, entspricht eine Viertelnote des Lent zwei punktierten Vierteln des Animé.

Die Trois pièces récréatives op. 37 von 1907 gehören zu Schmitts kompaktesten und fröhlichsten Werken, wie man bereits aus dem Titel (»Drei unterhaltende Stücke«) schließen kann. Der Auftakt besteht in einer energischen Quadrille, der eine Gavotte und eine Marche von unverschämter Ironie und »Satierischem« Geiste folgen. Ähnlich wie in Une semaine bildet auch hier eine diatonische Fünftonfolge die melodische Matrix der drei Sätze.

Une semaine du petit elfe Ferme-l’oeil ou Les songes de Hialmar (»Eine Woche im Leben des kleinen Augenschließers oder: Hjalmars Träume«) op. 58 entstand 1912 nach Hans Christian Andersens Märchen Ole-Lukøie. Das Männchen mit Namen Augenschließer kommt nächtens zu dem kleinen Hjalmar und erzählt ihm Geschichten, die dann zu den Träumen des Kindes werden. Nacheinander sieht Hjalmar: La noce des souris, eine zeremoniöse Hochzeitsversammlung fein gewandeter Mäuse; einen vom vielen Fliegen ermüdeten Storch (La cigogne lasse), der sich vom Geflügel verspotten lassen muss; den auf einem Pferd reitenden Tod (Le cheval de Ferme-l’oeil); ein verliebtes Puppenpaar, das von der Liebe allein leben will (Le mariage de la poupée Berthe); lautstark protestierende Buchstaben, die sich mit ihren weichen Knien bei der Ronde des lettres boiteuses (»Ronde der lahmen Lettern«) nicht auf den Linien des Schönschreibheftes halten können; und Zeichnungen von Gegenständen, die in der Promenade à travers le tableau (»Spaziergang durch das Gemälde«) durch Zauberkraft lebendig werden. Am Ende verwandelt Augenschließer seinen Schirm in eine reich verzierte chinesische Schale—und bei diesem Parapluie chinois nehmen die fünf diatonischen Melodietöne eine pentatonische Gestalt an.

Andrey Kasparov
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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