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GP631 - SCHULHOFF, E.: Piano Works, Vol. 2 - 5 Pittoresken / Piano Sonata No. 2 / 2 Studien / Musik fur Klavier / Esquisses de jazz (Weichert)
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ERWIN SCHULHOFF (1894–1942)
KLAVIERMUSIK • FOLGE 2

 

Erwin Schulhoff wurde am 8. Juni 1894 in Prag geboren und ließ schon früh seine musikalische Begabung erkennen. Nachdem kein Geringerer als Antonín Dvořák empfohlen hatte, ihn seinen Weg als Musiker gehen zu lassen, kam der zehnjährige Schulhoff 1904 ans Prager Konservatorium, bevor er 1906 in Wien Klavier studierte, bei Max Reger in Leipzig seit 1908 Kompositionsunterricht erhielt und endlich 1911 in Köln Schüler von Fritz Steinbach wurde. Mittlerweile hatte er das Fundament zu einer Pianistenkarriere gelegt. Als Komponist war er zudem im Jahre 1918 für eine Klaviersonate mit dem Mendelssohn-Preis ausgezeichnet worden. Während die Werke, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, ganz erwartungsgemäß die Einflüsse von Johannes Brahms und Antonín Dvořák über Richard Strauss bis hin zu Claude Debussy und Alexander Skrjabin zeigten, kam er während seiner vierjährigen Dienstzeit beim österreichischen Militär zu radikaleren Ansichten über Kunst und Politik. In den nächsten Jahren übernahm er die Werte des Expressionismus, wie ihn Arnold Schönberg und die Zweite Wiener Schule repräsentierten, sowie den Dadaismus eines George Grosz, dessen Plädoyer für den Jazz sich ganz direkt in vielen Werken Schulhoffs aus der damaligen Zeit niederschlug.

Im weiteren Verlauf der zwanziger Jahre kam es zu einer gewissen Annäherung zwischen diesen beiden ästhetisch entgegengesetzten Richtungen. Offenkundig zeigte sich das in verschiedenen Kammermusiken und Konzerten, in der ersten Symphonie, dem Ballett Ogelala, dem »Jazz-Oratorium« HMS Royal Oak und der Don Juan-Oper Flammen, die bei ihrer Premiere 1932 in Brünn allerdings durchfiel. Im selben Jahr schrieb Schulhoff seine zweite Symphonie, deren neoklassizistische Transparenz jenen Richtungswandel andeutete, der bald darauf in der Kantate Das Manifest auf Texte von Karl Marx und Friedrich Engels seine politischen Motive erkennen ließ. Die UdSSR schien ihm eine Lösung der politischen und ökonomischen Probleme zu bieten, von denen Europa bedrängt war, und in der Gattung der Symphonik sah er die beste Möglichkeit, ein neues, monumentales Idiom zu vermitteln. Zwischen 1935 und 1942 entstanden sechs weitere Symphonien, wobei die Siebte und die Achte allerdings unvollendet blieben. Zwischen den Kriegen hatte Schulhoff vornehmlich in Prag gelebt, um als Pianist bei Theaterproduktionen und Rundfunksendungen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dieser Mittel sah er sich beraubt, nachdem die Tschechoslowakei 1939 unter deutsche Besatzung geraten war. Zwar erhielt er noch die sowjetische Staatsbürgerschaft, doch bevor ihm seine Emigration in die UdSSR gelingen konnte, wurde er verhaftet und in das KZ Wülzburg gebracht, wo er am 18. August 1942 (vermutlich an Tuberkulose) starb.

In Schulhoffs OEuvre bezeichnet die jazz-inspirierte Musik eine ganz spezifische Periode. Sie entfernte sich vom Bildersturm der Werke, die er nach dem Ersten Weltkrieg komponiert hatte, und bewegt sich auf eine Tonsprache zu, die trotz ihrer Aktualität einem größeren Publikum zugänglich war, ohne dass sie schon offenkundig politischer Natur gewesen wäre. Diese Elemente treten dann deutlich hinter das stärkere politische Engagement des Komponisten zurück, der natürlich als freiberuflicher Pianist längere Zeit jazz-artige Stücke spielte, bevor sie in den letzten Lebensjahren aus seinem Repertoire verschwanden. Wie sein älterer Zeitgenosse Bohuslav Martinu hatte auch Schulhoff den Jazz in sein musikalisches Denken integriert, ohne dass er seine Aufmerksamkeit hätte darauf richten müssen.

Die Fünf Pittoresken (1919) gehören zu den ersten Stücken, in denen Erwin Schulhoff sich mit den Möglichkeiten des Jazz auseinandersetzte. Dazu treten hier noch die Tendenzen des Dadaismus, der für ihn kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle spielte. Der Foxtrott wirkt auf geradezu unheimliche Weise wie einer der Ragtimes, die Scott Joplin um dieselbe Zeit komponierte, wenngleich Schulhoff im weiteren Verlauf raffiniertere Phrasenbildungen und Rhythmen an den Tag legt. Unterkühlter ist der anschließende Ragtime, dessen größere Nonchalance ein wenig an Claude Debussy oder Erik Satie erinnert, wohingegen In futurum sozusagen die Experimente eines John Cage um beinahe vier Jahrzehnte vorwegnimmt. Der lebhafte One-Step stellt mit seinen passenden harmonischen Ausweichungen wieder die klanglichen Aspekte her, ehe der Maxixe die Suite mit einem kunstvolleren Wechselspiel der voraufgegangenen Tänze abrundet. Damit kontrastiert ein eher introvertierter Mittelteil, worauf der lebhafte Anfang noch einmal kurz aufgegriffen wird.

In der zweiten Klaviersonate von 1926 werden Schulhoffs jazzige Neigungen durch klassizistische Tendenzen gezügelt. Der erste Satz ist eine Studie der Untertreibung, deren Hauptgedanke weniger ein Thema als vielmehr eine harmonische Sequenz ist, die in ihrem harmonischen Raffinement durchaus an Maurice Ravel erinnert und in ständiger Transformation ihren Weg über einen expressiven Höhepunkt zu einem verhaltenen Schluss findet. Dem quecksilbrigen Scherzo, das gewissermaßen als perpetuum mobile bis zu seinem ironischen Schlussakkord dahinschnurrt, folgt einer der anziehendsten, unaffektiertesten Sätze, die Schulhoff überhaupt komponierte: Die elegische Harmonik und die geschmeidigen Rhythmen verbreiten eine Stimmung stiller Zufriedenheit, die sich ins Finale überträgt, das in seiner Verbindung von expressiver Behendigkeit und robustem Humor wieder an Ravel erinnert, indessen die Musik ihrem entschlossenen, nüchternen Ende zusteuert.

Die Zwei Klavierstücke schrieb Schulhoff im Februar 1936 in Ostrava. Das erste Stück demonstriert seine »Originalität« in einer Harmonik, die offenkundig modal getönt ist. Nach einem kurzen Höhepunkt findet die Musik zu ihrem anfänglichen Gleichgewicht zurück. Das zweite Stück entwickelt sich über einem stetigen Marschrhythmus im kanonischen Dialog der beiden Hände und steigert unablässig seine emotionale Kraft, bevor es einen unheilvollen, ja bedrohlichen Abschluss findet.

Die Musik für Klavier (1920) gehört demgegenüber wieder zu den ersten »jazzigen« Rendezvous des Komponisten. Der Untertitel »in vier Teilen« lässt vermuten, dass er hier eine Sonate schreiben wollte, deren Sätze nicht in klassischem Sinne aufeinander bezogen sind. Das knappe erste Stück, ein freitonales Prelude von großer Delikatesse, steht im Gegensatz zu der anschließenden Variationsfolge über ein auffallend einfaches, gelassenes Thema, das zehn Veränderungen von erheblich differierender Länge und Ausdrucksweise erlebt, die freilich nirgends sehr weit vom ursprünglichen Charakter des Sujets abschweifen. An dritter Stelle folgt attacca ein Scherzo, dessen anfängliche Beweglichkeit bald eine düstere Resonanz erfährt, die auch im abschließenden Nachspiel weiterwirkt—einem durchweg eleganten, abgehobenen Satz, der harmonisch einige bemerkenswert entlegene Regionen berührt, ehe er seinen stillen, obzwar keineswegs heiter-gelassenen Schluss erreicht.

Bei den Esquisses de Jazz (1927) dürfte es sich wohl um die gelungenste Auseinandersetzung Schulhoffs mit dem modernen Idiom aus Übersee handeln. Jeder der fünf Sätze steht im Zeichen des Tanzes, den der Titel bezeichnet, ist aber keineswegs sklavisch an die jeweilige Routine gefesselt. Auch wenn der Komponist derartige Musik in seinen späteren Jahren nachdrücklich ablehnte, so zeigt sich doch ein persönlicher und unbestreitbar meisterhafter Umgang mit der Materie. Der einleitende, ironisch-humorvolle und beinahe flapsige Rag ist typisch für Schulhoffs damalige Kreationen, worauf der Boston jenes wehmütige Bedauern zeigt, das für gewöhnlich mit dem Genre assoziiert wird. Es folgen ein diskret synkopierter Tango sowie ein Blues, der einiges an harmonischen Doppeldeutigkeiten über seine scheinbar improvisierte Begleitung verteilt. Als nächstes kommt ein fließender Charleston, der deutlich abstrakter und raffinierter ist als der Modetanz, auf dem er basiert. Der Black Bottom rundet die Ereignisse schließlich mit einem schrägen Humor und einer Lässigkeit ab, die sehr gut zu der gesamten Kollektion passt—und auch zu der Musik insgesamt, die Schulhoff während seiner »jazz-orientierten« Phase geschrieben hat.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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