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GP632 - TCHEREPNIN, A.: Piano Music, Vol. 2 (Koukl)
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Alexander Tscherepnin (1899–1977)
Sämtliche Klavierwerke 2

 

Der Komponist, Pianist und Dirigent Alexander Tscherepnin war das Kind einer russischen Künstlerfamilie, deren St. Petersburger Heim durch die engen Beziehungen zu den Familien der Benois und Diaghilew ein Treffpunkt für Musiker, Künstler und andere schöpferische Köpfe des Landes geworden war. Der Vater Nikolai Tscherepnin hatte bei Nikolai Rimsky-Korssakoff studiert und sich selbst als Dirigent, Pianist und Komponist einen Namen gemacht. Sein Sprössling begann so früh mit dem Klavierspiel und dem Komponieren, dass er schon vor seinem zwanzigsten Geburtstag etliche hundert Stücke, darunter dreizehn Klaviersonaten, vorweisen konnte. Als die Oktoberrevolution ausbrach, flüchteten die Tscherepnins vor Hunger, Cholera und politischen Turbulenzen ins georgische Tiflis. Von hier ging es 1921 weiter nach Paris, als die Sowjets Georgien besetzten und annektierten. Vor dem Beginn seiner internationalen Karriere schloss Alexander seine formellen Studien als Schüler von Paul Vidal und Isidor Philipp am Pariser Conservatoire ab. Danach führten ihn viele Reisen in die USA sowie nach Japan und China. Hier lernte er die Pianistin Lee Hsien Ming kennen, die er später heiratete und die ihm die Söhne Peter, Serge und Iwan schenkte. Nachdem man die Jahre des Zweiten Weltkriegs in Frankreich verbracht hatte, ging es 1948 in die USA, und seither pendelte Alexander Tscherepnin regelmäßig zwischen der Neuen und der Alten Welt. 1977 starb er in Paris.

Die meisten der hier zusammengestellten Klavierstücke gehören zu den ersten acht Opusnummern in Tscherepnins Werkverzeichnis. Die Sonatine romantique op. 4 entstand offenbar in vier Tagen der Karwoche 1918, ist also eine Kreation des erst 19-jährigen Komponisten. In ihrer Abhandlung A manifestation of Apollonian ecumenism in selected piano works of Alexander Tcherepnin (1899–1977) führt Svetlana Yashirin das Werk als ein Beispiel für die programmatischen Neigungen der russischen Musik an. Der Kopfsatz beginnt mit einem einfachen, repetitive Thema, das sich zwischen Triolen, Trillern und exotischen Neunton-Skalen ein wenig bedrohlich umtreibt. Das nicht minder einfache, in den Diskant gelegte Nebenthema ist optimistischer. Abgerundet wird der Satz von einer absteigenden Folge herrlicher Akkorde, die schließlich noch einmal die tiefen Klänge des nunmehr leicht gebändigten Hauptthemas erreichen. Den zweiten Satz kennzeichnet ein geschäftig funkelndes Figurenwerk, das eine volksliedhafte Weise ornamentiert. Tscherepnin verwandte hier eine freie Adaption eines frühen Liedes, das an den Überschwang vieler troikas erinnert. Im dritten Satz soll man die österlichen Glocken der St. Nikolaus-Kathedrale hören, die der Wohnung der Tscherepnins gegenüberlag. Das festliche Läuten beginnt mit opulenten, beinahe impressionistischen Harmonien und wird nach und nach immer grandioser—ein interessantes Gegenstück zu den kraftvolleren Glockentönen, die Sergej Rachmaninoff im »Oster-Satz« seiner ersten Suite für zwei Klaviere anschlug. Im Finale seiner Sonatine greift Tscherepnin mit stürmischem Figurenwerk auf Materialien des Kopfsatzes zurück. Selbst die schöne Folge absteigender Akkorde ist noch einmal zu hören, wirkt jetzt aber entschieden bedrohlicher, als wollte sie ein Bild der damaligen politischen Aufregungen zeichnen.

Wie die bekannteren Bagatellen op. 5 ist auch die Petite Suite op. 6 offenkundig eine Zusammenstellung verschiedener Miniaturen, die Alexander Tscherepnin im Gepäck hatte, als er mit seiner Familie aus Georgien nach Paris übersiedelte. Mit seinen Trompetenrufen und dem stampfenden Tritt, der aus der Ferne naht, vorüberzieht und wieder verschwindet, macht der Marsch seinem Titel alle Ehre. Das Lied ohne Worte bringt eine bewegende Melodie, die nach ihrem schlichten Beginn immer komplexer wird, bis der dramatische Schluss auf ein tragisches Ereignis hindeutet. Die Berceuse zeigt sehr überzeugend eine etwas schiefe Wiege, worin das unruhige Kind endlich doch einschläft. Das Scherzo gibt sich wie eine fröhliche Variante von Sergej Prokofieffs tobender Toccata. Die kleine Episode der Badinage bietet ein entzückend frivoles Geplänkel, und die Humoreske könnte man schließlich als einen entschieden augenzwinkernden »Triller des Lebens« bezeichnen.

Die Toccata op. 1 steht offenbar Johann Sebastian Bachs gleichnamigen Werken näher als den eher technisch orientierten Stücken gleichen Namens. Sie stützt sich zunächst auf herabfahrende Akkordbrechungen in Dur und Moll, die sich über einem langen Orgelpunkt ergehen. Daraus entsteht ein bedrohliches Viertonmotiv, das an die B-A-C-H-Signatur aus der Kunst der Fuge erinnert, ohne dieselbe wörtlich zu zitieren. Diese Figur macht sich anschließend auch in dem lyrischpolyphonen Abschnitt bemerkbar, den Tscherepnin nach Bachs Vorbild gestaltete. Die Rückkehr zum Beginn des Werkes findet in Oktaven statt—ganz so, wie man bei Klavierarrangements Bachscher Orgelwerke gekoppelte Register umsetzen würde. Das muss zwangsläufig in einem langsameren Tempo vonstatten gehen, führt aber dennoch zu einer erstaunlichen Klimax. Eine abschließende Erscheinung des »Beinahe-BACH«-Motivs wirkt wie ein Seitenblick auf den Schluss des berühmten cis-moll-Préludes von Sergej Rachmaninoff.

Die Pièces sans titres op. 7 bestehen aus acht kostbaren Miniaturen aus Tscherepnins Jugendzeit, die durchschnittlich nicht länger als eine Minute dauern. Die Kollektion »unbetitelter Stück« beginnt mit einem Allegro, in dem ein fröhliches Thema über Akkordwiederholungen leise dahingaloppiert. Das nachfolgende Allegretto kombiniert eine neckische Melodie mit einer eigentümlichen Ticktack-Begleitung. Ein wenig ernster gibt sich das Moderato: Die brütende Melodie wird von der linken Hand immer turbulenter begleitet, bevor sich gegen Ende die Sache wieder entspannt. Das Andantino wirkt wie ein schmerzerfülltes russisches Volkslied, das in verstörend-gruselige, an Prokofieff erinnernde Akkorde eingebettet ist. Im Gegensatz dazu besteht das Allegro molto aus einer schwungvollen Akkordbrechung, die mit merklicher Aufgeregtheit über kräftigen Glockenschlägen wiederholt wird. Mit seiner einfachen Melodie und den wogenden Harmonien ähnelt das Sostenuto zweifellos der Stimmung des Andantino, wobei die Atmosphäre jetzt insgesamt ruhiger ist. Einem weiteren, dreisten und kecken Allegretto folgt das verschmitzte, freche Impetuoso, das uns wie eine drastisch gekürzte Variante des Scarbo von Maurice Ravel vorkommen könnte.

Interessant ist der Vergleich der Opera 2 und 8. Beide entstanden im Jahre 1919, und beide bestehen aus Nocturne und Tanz. Das Opus 2 repräsentiert eine russische Romantik, die auf die Musik Alexander Skrjabins hört. Das Nocturne ist keineswegs friedlich, sondern vielmehr von Ahnungen erfüllt, indessen ein Motiv wiederholt wird, das an das »Dies Irae« gemahnt. Der eindringliche, von einigen auffallend metallischen Klängen charakterisierte Tanz hingegen verrät Ähnlichkeiten mit Franz Liszts erstem Mephisto-Walzer.

Das Nocturne des Opus 8 erinnert in seinem ruhigen Anfang und Ende ein wenig an Frédéric Chopins Prélude op. 28 Nr. 2, wohingegen der Komponist im Mittelteil einen bezeichnenden Ausflug in Peter Tschaikowskys erstes Klavierkonzert unternimmt. Der nachfolgende Tanz basiert auf einem verwandten Thema, das sich bei seinen verschiedenen Exkursionen durch Akkordwiederholungen, Arpeggien und ein bisschen »Humta« immer weiter auflöst, bis schließlich wieder der Anfang erreicht wird und alles in einer sehr gelungenen, typisch russischen Akkordfortschreitung endet.

Das Scherzo op. 3 aus dem Jahre 1917 ist eine rhythmische Komposition, die mehr Wert auf energische Akkordwiederholungen legt und nur im Mittelteil auch der Melodik eine gewisse Rolle zubilligt. Tscherepnin hat hier anscheinend ein wenig mit Quartenharmonien experimentiert, die zum Teil in George Gershwins Porgy and Bess nicht unangebracht wären.

Beschlossen wird die CD mit einem deutlichen Zeitsprung, der zu der 1926 entstandenen Message op. 39 führt. Bei dieser Komposition dürfte es sich um den längsten Einzelsatz handeln, den Alexander Tscherepnin für Klavier geschrieben hat. Hier ist die höchste Konzentration eines Stils erreicht, der durch Rhythmus, exotische Skalen und den sogenannten »vertikalen Interpunkt« gekennzeichnet ist. (Interessierte finden auf der englischsprachigen Website der Tcherepnin Society www.tcherepnin.com unter dem Namen »Alexander« und der Rubrik »basic elements« detailliertere Informationen über diese technischen Merkmale.) Hier wird der Rhythmus um seiner selbst willen verwandt, und das Stück endet mit drei harten Schlägen auf das Gehäuse des Instruments. Der Titel—Botschaft—stellt natürlich die Frage, ob in den verschiedenen Rhythmen möglicherweise eine telegraphische Nachricht versteckt ist. Strukturell geht das Werk deutlich über die sonst knappen, einfach nachzuvollziehenden ABA-Formen hinaus, in die die Miniaturen dieses Albums gegossen sind. Die »Botschaft« ist eine unnachgiebige Musik auch in den leiseren Abschnitten. Sie verlangt ernsthafte, äußerst aufmerksame Hörer, die die Wechselspiele der einzelnen Elemente wahrzunehmen vermögen.


Cary Lewis und Mark Gresham
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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