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GP636 - BALAKIREV, M.A.: Piano Works (Complete), Vol. 1 (N. Walker)
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Mili Alexejewitsch Balakirew (1837–1910)
Sämtliche Klavierwerke Folge 1
Klavier sonaten

 

Überraschenderweise weiß heute kaum noch jemand, welch brillanter Pianist und Improvisator, renommierter Dirigent und selbstloser Anwalt anderer Komponisten Mili Balakirew war. Dabei übte er nicht nur auf das aus Rimsky-Korssakoff, Mussorgsky, Borodin und Cui bestehende Mächtige Häuflein, dessen geistiger Führer er war, einen starken Einfluss aus: Indirekt wirkte er auch auf Tschaikowsky, Debussy, Ravel und Strawinsky, indem er Maßstäbe aufstellte, an denen andere gemessen wurden. Aus mancherlei Gründen vernachlässigte er jedoch sein eigenes Schaffen: Einige Werke hatte er jahrelang nur als Klavierimprovisationen im Kopf. Nachdem er etliche Rückschläge erlitten hatte und infolgedessen in eine tiefe Depression gefallen war, arbeitete er während der 1870-er Jahre als Beamter bei der Warschauer Eisenbahn. 1883 ernannte man ihn zum Chordirektor der Kaiserlichen Kapelle, womit freilich viele administrative Pflichten verbunden waren. Als er endlich seine letzte schöpferische Blüte erlebte (1900–1910), waren viele seiner früheren Helden bereits gestorben, und er selbst trat nicht länger pianistisch in Erscheinung. Jetzt, wo er sich der Komposition widmen konnte, war er stilistisch nicht mehr aktuell; die meisten seiner Werke waren schon bald nach ihrer Niederschrift vergessen.

Geboren wurde Mili Balakirew in Nischni-Nowgorod. Die Familie war nicht gerade mit materiellen Gütern gesegnet, doch der ortsansässige Grundbesitzer und Kunstmäzen Alexander Dmitrijewitsch Ulibischew (1794–1858) sorgte für die musikalische Ausbildung des Knaben, der freilich angesichts seiner mittellosen Familie zunächst beschloss, an der Universität von Kazan Mathematik zu studieren. Nach einem Jahr gab er das Vorhaben auf, und 1855 reiste er mit seinem Gönner nach St. Petersburg, wo er in die höchsten Kreise eingeführt wurde und die ersten Schritte zu einer musikalischen Laufbahn tun konnte.—Neben einer Fülle an Klavierstücken und Liedern komponierte Balakirew zwei Symphonien, verschiedene symphonische Dichtungen, Werke für Klavier und Orchester, Chorwerke und eine Schauspielmusik zu Shakespeares King Lear.

Eines seiner frühesten kompositorischen Vorhaben war eine »russische Symphonie«, die sein Land gewissermaßen geographisch, dichterisch und politisch betrachten sollte. Wie Tatiana Zaitseva auf Seite 71 ihrer Quellensammlung Istoki (Sankt Petersburg, 2000) darlegt, sollte dieses Werk aus vier Sätzen bestehen:

1a) Russland (Adagio b-moll, 5/4)—Täler, die gewundene Wolga, grenzenlose Ebenen, auf denen sich kleine Gruppen heidnischer Ureinwohner verteilen.

1b) Allegro (D-dur)—die Freien von Nowgorod—Glocken, die die Menschen zur Volksversammlung (»Wetsche«) von Nowgorod rufen.

2) Allegro (Scherzo)—russische Mythologie, Kobolde, groteske Geschöpfe des Waldes und Baba Yaga.

3) Adagio—Mondnacht, Feengarten, goldene Äpfel und der Feuervogel in einem goldenen Käfig.

4) Allegretto maestoso (B-dur 12/8)—Stärke; die Ansprache von Kuzma Minin in Nischni-Nowgorod (der von dort stammende Kaufmann wurde eine Berühmtheit, als er im 17. Jahrhundert gemeinsam mit dem Fürsten Dmitry Pozharsky die Heimat gegen die polnischen Invasoren verteidigte), Glockenläuten, Feiern, Ausdruck der russischen Nationalstärke und Energie.

Diese Symphonie hat Balakirew nie geschrieben, doch die Gedanken finden sich interessanterweise im Schaffen seiner Schüler, Landsleute und künstlerischen Nachkommen wieder. Ein derart gewaltiges Projekt wäre zwar über die Kräfte eines Jugendlichen gegangen; verschiedene Elemente des Vorhabens sind indessen vor allem in den Sonaten erhalten.

Als der junge Mili Balakirew mit der Komposition einer echt russischen Sonate begann, die also nicht eine bloße Wiederholung der großen deutschen Modelle sein sollte, da stellte er sich eine gewaltige Aufgabe, die er in allen drei Sonaten auf jeweils eigene Weise löste.

Die 1905 entstandene Sonate b-moll nimmt dabei einen einzigartigen Rang ein, insofern sie die früheren Bemühungen des Komponisten um die Gattung—die Grande Sonate op. 3 von 1855 sowie die daraus ein Jahr später hervorgegangene 1 re Sonate op. 5—in sich zusammenfasst. Alle drei Werke stehen in derselben Tonart. Die lange Entstehungsgeschichte verdankte sich Balakirews Idee, in einem Musikstück die gesamte Geschichte seines Landes sowie die Völker, Landschaften und kulturellen Aspekte Russlands ausdrücken zu wollen. Nach 1856 ließ er das Projekt ruhen, bis er schließlich im Jahre 1900 wieder darauf zurückkam. Die neue, völlig anders geartete Spätfassung wurde 1905 vollendet. Balakirew widmete sie einem Schüler, dem Pianisten und Komponisten Sergej M. Ljapunow.

Der erste Satz ist eine sehr originelle Kombination von Fugen- und Sonatenform. Das Hauptthema beschwört sogleich die ganze russische Seele. Immer neue Details werden in beinahe mittelalterlicher Manier geschichtet—vielleicht ein Einfluss der orthodoxen Kirche (man denke nur an die Mosaiken und Ikonostasen). Die brillante Mazurka, die sich anschließt, entstand 1900 als komplette Revision der Mazurkas von 1855–1856. Diese Musik wirkt in ihrer opernhaften Haltung wie die Massenszene aus einem großen russischen Bühnenwerk. Ein kontemplatives Intermezzo leitet zu dem unglaublich energiegeladenen Finale über, das an einen ukrainischen Gopak erinnert und noch einmal kurz auf das Intermezzo zurückkommt. Die Musik verliert sich ruhig und sehr faszinierend—gewissermaßen in den endlosen russischen Weiten, die sich über Tundra, Taiga und Waldgebiete nach Osten ausdehnen.

Diese b-moll-Sonate ist zweifellos die originellste, strukturell geglückteste und anrührendste aller wahrhaft »russischen« Sonaten—ein Werk, das den Vergleich mit Liszts h-moll-Sonate aushält. Dass sie nur selten im Konzertsaal zu hören ist, dürfte sowohl an ihrem leisen Verklingen wie an den technischen Herausforderungen liegen, denen sich der Spieler gegenübersieht.

Anders als das op. 3 liegt die Sonate b-moll op. 5 in einer sehr schönen Reinschrift vor. Diese entstand vom 23. bis 26. März 1856. Zwar fehlt das Titelblatt, doch auf der ersten Seite stehen neben Balakirews Bleistiftsignatur die Worte: »Ich widme diese meinem lieben Freund César Antonowitsch Cui«. Interessanterweise bezeichnet er das Werk als seine erste Sonate. Offenbar wollte er das op. 3 nicht vollenden, während er als junger, aufstrebender Komponist in St. Petersburg gewiss eine Sonate hätte vorweisen sollen.

Der erste Satz beginnt mit der feierlichen, recht opernhaften Einleitung zu einem stürmischen Allegro assai, dessen Nebenthema den Skizzen eines völlig anderen Stückes entstammt. Der zweite Satz ist eine Variante der Mazurka, die Balakirew für sein op. 3 komponiert hatte, und zugleich die ältere Version des Tanzes, der in der späten Sonate dieselbe Stelle einnimmt. Der Unterschied zwischen den früheren Versionen und der Umarbeitung aus dem Jahre 1900 wird sofort deutlich. Der letzte Satz steht—wie der langsame Satz des op. 3—in Ges-dur und ähnelt diesem auch atmosphärisch. Das erste Thema erinnert an den Mittelteil des unveröffentlichten Nocturne gis-moll vom 15. Februar 1856. Nach diesem überaus anrührenden Satz wünschte man sich ein Finale; doch Balakirew ließ das Sonatenprojekt für die nächsten vierunddreißig Jahre ruhen.

Die Grande Sonate op. 3 entstand vom 20. März bis 4. August 1855 noch in Kazan. Balakirew widmete das außerordentliche Werk, dessen fünfter und letzter Satz unvollendet blieb, dem vielbewunderten Mikhail Glinka. Das Titelblatt ist mit einem Epigraph Lermontows versehen:

»In meiner Seele liegt wie in einem Meer
eine Fracht zerbrochener Hoffnungen.«

Der großartig-heroische Stil des Kopfsatzes verlangt vom Ausführenden ein Höchstmaß an Kondition und Virtuosität. Er enthält zwei Themen. Die Angaben zum Charakter der Musik sowie zu Ort und Zeit der Komposition hat Balakirew mit Bleistift in den Noten vermerkt, und es ist klar, dass weite Strecken des Stückes (vermutlich ohne Klavier) ohne Unterbrechung geschrieben wurden.

Dass als zweiter Satz kein übliches Scherzo, sondern eine Mazurka folgte, ist ein Hinweis darauf, dass schon der achtzehnjährige Balakirew etwas wahrhaft Russisches zu schreiben gewillt war. Der äußerst virtuose Satz ist ein funkelndes Stück im nationalen Charakter. Den dritten Satz überschrieb der Komponist mit dem Wort Cherubim. Er beginnt mit einem beinahe Brucknerschen Hymnus. Am Ende des ersten Abschnitts vermerkte Balakirew: »Damit bin ich sehr zufrieden.« Und weiter: »Ich weiß nicht, was als nächstes kommt / in der Nacht des 19. März.« Der vierte Satz, mit dem er am 31. März begann, zeigt die meisten Korrekturen. Zwischendurch hätte eine Fuge kommen sollen, doch der Anfang derselben ist ausgestrichen. Die Musik hat einen enormen Schwung und Elan, obwohl sie erst im August abgeschlossen wurde. Sie endet mit Erinnerungen an den ersten und den dritten Satz, weshalb zu vermuten ist, dass der fugierte Epilog über die Melodie der Mazurka thematische Materialien aller vier voraufgegangenen Sätze hätte kombinieren sollen. Leider notierte Balakirew davon nur zweiundzwanzig Takte, und diese gewähren einen schmerzlichen Blick auf ein Fragment, das eine Fuge von Busonischer Komplexität zu werden versprach.


Nicholas Walker
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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