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GP637 - BOWEN, Y.: 24 Preludes / Suite Mignonne / Berceuse (Ortiz)
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York Bowen (1884–1961)
Vierundzwanzig Preludes op. 102 • Berceuse op. 83 • Barcarolle aus der Suite Nr. 2 G-dur op. 30 • Suite Mignonne op. 39

 

Nach den Worten von Camille Saint-Saëns war York Bowen der bemerkenswerteste britische Komponist der jungen Generation. Der weithin auch als Pianist bekannte Künstler erreichte den Zenith seines Ruhms in den unmittelbaren Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Als der jüngste von drei Brüdern wurde er am 22. Februar 1884 in Crouch Hill, London, geboren. Seine Mutter, eine vorzügliche Musikerin, unterwies ihn im Klavierspiel und in der Harmonielehre, bevor er als Achtjähriger bereits ans Blackheath Conservatoire kam. 1898 erhielt er ein Stipendium der Royal Academy of Music, wo er bis 1905 bei Tobias Matthay Klavier und bei Frederick Corder Komposition studierte. Der begabte Schüler gewann als Pianist und Komponist zahlreiche Preise—unter anderem die Medaille der »Worshipful Company of Musicians«. 1909 übertrug ihm die Royal Academy eine Professur, die er während der nächsten fünfzig Jahre innehatte. Die Konzerte, die er als Pianist regelmäßig in der Queen’s Hall und später in der Royal Albert Hall gab, wurden von den Kritikern als technische und künstlerische Ereignisse gefeiert. Neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als solistischer Virtuose war er in Duos mit dem großen Bratschisten Lionel Tertis und mit dem Pianisten Harry Isaacs zu hören. Bowen war bis zuletzt als Musiker aktiv. Er starb am 23. November 1961 mit siebenundsiebzig Jahren völlig überraschend in seinem Heim in Hampstead.

Im Laufe seiner rund sechzigjährigen Tätigkeit erwies sich Bowen als produktiver Komponist. Es gibt mehr als 160 numerierte Werke sowie etliche mehr, denen er keine Opuszahl zuwies. Zu seinen großen Schöpfungen gehören vier Symphonien und vier Klavierkonzerte, deren erstes er unter Henry Wood bei den Proms spielen durfte. An Orchesterwerken schuf er ferner die Konzerte für Violine, für Bratsche und für Horn, die Marjorie Hayward, Lionel Tertis und Dennis Brain aus der Taufe hoben, sowie verschiedene Tondichtungen wie etwa The Lament of Tasso, der im August 1903 unter Sir Henry Wood seine Premiere erlebte.

Seinem Umgang mit dem Orchester kam es zugute, dass er viele Instrumente—insbesondere das Horn und die Bratsche—spielen konnte. An Kammermusiken hinterließ er Streichquartette und Klaviertrios, ein Hornquintett und ein Bassklarinettenquintett. Zwischen 1900 und 1961 entstanden ferner sechs Sonaten für Klavier sowie solche für Klarinette, Flöte, Oboe, Blockflöte, Horn, Violine, Bratsche und Violoncello. Unter dem Eindruck des vorzüglichen Bratschers Tertis sorgte Bowen zudem für eine deutliche Erweiterung des Repertoires: Neben dem Konzert und den beiden Sonaten, die bereits erwähnt wurden, schrieb er eine Fantasie für Bratsche und ein Quartett für vier Bratschen.

Indessen dominierte das Klavier sein Schaffen in einem Grade, der für einen britischen Komponisten des 20. Jahrhunderts außergewöhnlich war. Dabei verdankte er seiner auffallend idiomatischen Schreibweise den Spitznamen »der englische Rachmaninoff«.

Die Vierundzwanzig Preludes op. 102 stehen in der langen Werkreihe, die sämtliche Dur- und Molltonarten enthalten und deren bekannteste Beispiele wohl von Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin, Charles-Valentin Alkan, Alexander Skrjabin, Sergej Rachmaninoff und Dmitrij Schostakowitsch stammen dürften. Bowen hat seine Präludien in derselben Weise angeordnet, wie das Bach in den beiden Bänden seines Wohl-Temperierten Claviers getan hat, das heißt: in chromatisch von C-dur bis h-moll aufsteigender Folge. Mit Ausnahme des letzten Stückes bietet er in jedem Präludium eine einzige Stimmung, und es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass die Kollektion einen miteinander verknüpften, übergreifenden Zyklus bildete. Die Vierundzwanzig Preludes sind die bedeutendsten der vielen Charakterstücke, die Bowen für Klavier geschrieben hat, und stellen so etwas wie einen Überblick über seine pianistische Technik dar. Widmungsträger ist der Komponist, Pianist und Kritiker Kaikhosru Shapurji Sorabji, der sie in seinem Buch Mi contra fa als die »schönsten englischen Klavierwerke unserer Zeit« bezeichnete und zudem versicherte, dass Bowen die verschiedensten Arten des Klaviersatzes meisterhaft beherrsche und sie als großer Künstler nicht verwende, um Talmi und leeres Virtuosengeklingel zu erzeugen, sondern um damit äußerst individuellen, interessanten Einfällen eine stark glühende Brillanz und einen reichen Ausdruck zu verleihen. Die Arbeit an den Vierundzwanzig Preludes begann einige Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, die Veröffentlichung erfolgte jedoch erst im Jahre 1950.

Jedes der vierundzwanzig Preludes ist eine höchst expressive, sorgfältig polierte, unmittelbar kommunizierende und konzise Studie, die im allgemeinen zunächst ein klar definiertes Thema exponiert, das anschließend mit subtilen harmonischen Veränderungen wiederholt wird. Bowen lässt virtuos-leidenschaftliche Eruptionen kontrastierend auf delikate, eher versonnene Aussagen treffen. So folgt beispielsweise dem überschwenglichen C-dur-Präludium, das die Sammlung dank seiner brillanten Schlusspassage fürwahr eindrucksvoll einleitet, ein sanft wiegendes Stück in c-moll, dessen gesangliche Melodie im mittleren Register liegt und von der Begleitung eingefasst ist. Zwei besonders denkwürdige Eingebungen dürften in dem äußerst atmosphärischen Es-dur-Prelude (Nr. 7) und der kühlen Expressivität der Nr. 13 in Ges-dur zu finden sein. Bemerkenswert ist auch das kapriziöse e-moll- Prelude (Nr. 10), das geschickt zwei gegensätzliche Elemente nebeneinanderstellt—eine feingesponnene Kaskade und ein gewichtiges Akkordmotiv.

Verschiedene Präludien wirken wie düstere Prozessionen: die dunkel getönte Nr. 8 in es-moll etwa und das unbekümmerte Geschwister in g-moll, in dessen beunruhigenden, seltsam ätherischen Schlusstakten dieselbe Eindringlichkeit widerhallt, die am Ende des zehnten Stückes zu hören war. Diese trauerhaften Äußerungen werden durch manches an stürmischer Bravour ausgeglichen—so durch das rastlose, weit gespannte cis-moll-Prelude (Nr. 4), die leidenschaftliche Nr. 18 in gis-moll, die konzentrierte Nr. 20 in a-moll und das wilde b-moll-Prelude (Nr. 22), das von einem besonders barbarischen Schluss gekrönt wird. Bowen wusste genau, dass er eine solche Kollektion mit einem gehaltvollen Stück abzurunden hatte, und hob sich daher einige seiner zwingendsten Ideen für das abschließende h-moll- Präludium auf. Anders als alle anderen Nummern des Opus bringt dieses Finale mehrere Stimmungslagen: die verhaltene, introvertierte Einleitung wird nach und nach immer intensiver und steigert sich zu einer glühenden Klimax, bevor sie in das wehmütige Sinnen des Anfangs zurückfällt. Mit der dramatischen Eindringlichkeit eines Tongedichts erreicht Bowens Opus 102, das man als die Krönung seiner Soloklaviermusik ansehen darf, also einen gelungenen Kulminationspunkt.

Eine auf charakteristische Weise ausgefeilte Miniatur ist die Berceuse D-dur op. 83 aus dem Jahre 1928. Aus dem Geiste des Lyrikers Chopin erfunden, eignet ihr eine quasi-improvisatorische Eloquenz, die sie zu einem von Bowens intimsten Stücken macht. Das fließende Hauptthema und die filigranen Ornamente sind ebenso typisch für den Komponisten wie die verschiedenen harmonischen Wendungen, mit denen er überrascht.

Man nimmt an, dass Bowen seine Zweite Suite für Klavier G-dur op. 30 um 1910 vollendete. Der dritte der vier Sätze ist eine Barcarolle, die sich bei der Exposition ihres zart wiegenden Themas von einer trügerischen Schlichtheit zeigt: Während der weiteren Entwicklung eröffnen immer kühnere Harmonien und Pedalangaben einige schattenhafte Ausdrucksgebiete, bevor der unschuldig klingende Anfang wiederholt wird. Der transparente, gedämpfte Schluss ist von exquisitem Raffinement.

Die Suite Mignonne op. 39 aus dem Jahre 1915 ist die vierte von fünf Klaviersuiten aus Bowens Feder. Ihre drei kurzen Sätze zeichnen sich durch ihre Verfeinerung aus und verlangen vom Spieler einen denkbar leichten, überaus delikaten Anschlag. Einem graziös fließenden Prelude folgt eine Valse in Des-dur, bei der man sogleich an die übliche Unterhaltungsmusik der Zeit denkt, die sie aber durch die Eleganz und den Geschmack ihres Verfasser transzendiert. Das abschließende Moto perpetuo ist eine brillante, toccatenhafte Studie, die sich kaum einmal über ein Flüstern erhebt: Luftig und irrlichtern erreicht das Stück endlich seine zauberhafte, geschickte, für Bowen kennzeichnende Schlussfigur.


Paul Conway
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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