About this Recording
GP639 - SILVESTROV, V.: Piano Music - Naive Music / Der Bote / 2 Waltzes / 4 Pieces / 2 Bagatelles / Kitsch-Musik (Blumina)
English  German 

Valentin Silvestrov (Geb. 1937)
Klaviermusik

 

Diese vorliegende Aufnahme ist Klavierwerken aus verschiedenen Schaffensperioden des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov gewidmet. Das Klavier bildet die wichtigste Schaffenssphäre des Komponisten und umfasst eine breite Palette von Gattungen: Klavierzyklen, Sonaten und die großen Kompositionen für Klavier mit Orchester.

In den letzten Jahren, die er als Bagatellen-Periode bezeichnet, hat sich Silvestrov besonders intensiv der Miniatur für verschiedene Besetzungen, vor allem für Klavier, zugewandt. Nach seinen Worten interessiert ihn hier in erster Linie die Melodie, aber nicht als etwas Fertiges, sondern als eine Antwort auf die augenblicklich aufkeimenden Motive, Ausrufe oder Floskeln. Daher der bei vielen Miniaturen beliebte Titel: “Augenblick (e)…”

Unweigerlich entsteht eine Assoziation zu Franz Schuberts Moments musicaux, wie ein findiger Verleger 1828 die Klavierstücke op 94 (D 780) nannte. Nach den Worten des Musikwissenschaftlers Horst Weber „erhaschte“ dieser Verleger „mit dieser Benennung etwas von dem, was sich in Schuberts Musik zuträgt: dem Augenblick Dauer zu verleihen.“

Vor unseren Augen (Ohren) geboren, bildet jedes solche Stück, wie Silvestrov es ausdrückte, ein „Duett mit der Stille“. Ein Duett, in dem nicht nur die Klänge selbst, sondern auch die Nachklänge, die „klingenden“ Pausen, die Zäsuren, die agogischen Akzente, die Tempowechsel sowie die dynamischen Schattierungen eine große Rolle spielen—all das, was den reifen, sogenannten „metaphorischen“ Stil ausmacht, in dem Silvestrov seit den 70er Jahren bis heute arbeitet. Dabei werden im Notentext alle kleinsten Details erfasst. In dieser extremen Präzision spiegelt sich zweifellos die pointillistische und serielle Empirie der früheren Avantgardeperiode im Schaffen Silvestrovs der 60er Jahre wider.

Hier kann man auch auf einen anderen großen Vorfahren Silvestrovs, François Couperin, verweisen, dessen Worte er bestimmt unterzeichnet hätte: “Man wird darin ein neues Zeichen folgender Gestalt finden—(…) es zeigt die Beendigung der Melodie oder eher harmonischen Phrasierung an, damit man wisse, dass man sie, bevor man mit der neuen beginne, ein wenig von ihr zu trennen habe. Obwohl im Allgemeinen beinahe unmerkbar, werden Zuhörer guten Geschmackes ohne diese kleine Pause irgendeinen Mangel beim Vortrag empfinden.“ ¹ Vergleichen wir dieses Zitat mit den Worten, die Silvestrov an die Interpreten seiner Klavierwerke richtet: „Im Jahr 2000 habe ich angefangen kleine Stücke in der Art von Bagatellen zu schreiben…Bagatellen sind kostbar, weil sie überhaupt nicht ideologisch befrachtet sind und der schöpferische Akt immer blitzschnell passiert…Wenn du das Stück auf dem Klavier wiedergeben kannst, ist es schon fertig, auch wenn es noch nicht aufgeschrieben ist. Sobald dann Musik in Noten notiert ist, entfernst du dich schon von ihr—der Text beginnt selbständig zu existieren…

Meine mikrodynamischen und agogischen Bezeichnungen sind genauso ein Text wie die Noten, ihre Dauer und Höhe…Für mich sind diese Bezeichnungen kein schmückendes Beiwerk, sondern genauso wichtig wie Intervalle…Dies auszuführen ist zweifellos nicht einfach. Doch um ein begnadetes Resultat zu erreichen, lohnt sich sicherlich die Mühe…Mit diesen Dynamik- und Agogik-Bezeichnungen komponiert der Komponist. Ohne sie würde ihm sein Text nicht vollwertig vorkommen…Es ist etwas anderes, wenn diese Nuancen erst nach Schaffung des Notentextes eingetragen werden, als wenn sie gleichzeitig mit ihm notiert werden und so zu einer ebenso inhaltsreichen Komponente werden wie alle anderen musikalischen Parameter. Interpreten achten auf solche Dinge nur selten, weil sie sie gewohnheitsmäßig als zweitrangig betrachten. Dabei bestimmt ihre Ausführung die Einmaligkeit des Textes.²

Auf diese Weise klingt jede noch so harmlose Floskel, jede noch so einfache Faktur, wie sie eine Melodie mit Begleitung darstellt, wie verwandelt. Die „Genremusik“—diese zahlreichen silvestrovschen Serenaden, Pastoralen, Walzer, Wiegenlieder, Postludien—hören auf, bloß musikalische Kleinigkeiten (wörtl. Übersetzung des französischen Wortes Bagatelle) zu sein; sie werden zu “erhabenen Unbedeutsamkeiten“, wie Silvestrov sie halb scherzhaft, halb ernst nennt.

Anfang der 90er Jahre, nachdem der Komponist eine Reihe großer Orchesterwerke vollendet hatte (Sinfonie Nr 5, Postludium für Klavier und Orchester, Exegi monumentum, Widmung, Metamusik), wendet er sich seiner eigenen Vergangenheit zu, den “zufällig“ wiedergefundenen “alten Heften“ der 50er Jahre. Damals hatte der junge Silvestrov, ohne bisher an eine professionelle Laufbahn zu denken, mit einer Verliebtheit in die Musik, die nur ein Dilettant empfinden kann, eine wahre Flut romantischer Miniaturen im Stile Schumanns, Brahms’, Tschaikowskys, Liadows, Griegs und Chopins, den er über Jahre besonders liebte, geschrieben. In einer neuerlichen Überarbeitung bilden diese Miniaturen insbesondere den Klavierzyklus Naive Musik (1954 / revidiert 1993). Diese anspruchslose Musik ist zu neuem Leben “erwacht“ auch durch die Merkmale des “metaphorischen“ Stils, d.h. durch die besondere Art, das musikalische Material zu entfalten und zu artikulieren. Der von Interjektionen (Pausen, Fermaten) unterbrochene, mit feinsten Nuancierungen und unter ständiger Verwendung des Pedals (das lt. Anweisung des Komponisten fast nie wechselt) „vernebelte“ Klang, der sich wie Eisblumen am Fenster bildet, lässt eine Art neuer „unendlicher Melodie“ entstehen, die nicht mit einem Stück endet, sondern fließend (attacca—wie in all seinen Zyklen) in das nächste übergeht.

Diese Rückkehr in die Vergangenheit hat für Silvestrov eine konzeptionelle Bedeutung. “Ich verstehe meine eigene Entwicklung als einen kreisförmigen Prozess, den man mit den geflügelten Worten von T. S. Eliot: ‚In meinem Ende ist mein Anfang, in meinem Anfang ist mein Ende’ beschreiben kann. Ich habe mit naiver Musik angefangen und ein bisschen Chopin nachgeahmt, bin dann stürmisch durch die Avantgarde gegangen, habe diese zugunsten des ’metaphorischen Stils’ genauso entschieden abgelehnt und bin zur naiven Musik zurückgekehrt.“ Gemeint sind damit die für den späteren Silvestrov typischen „kleinen Gattungen“, zu denen die schon erwähnten Bagatellen der letzten Jahre gehören.

Ihren klassischen Vorbildern ähnlich (wie etwa den Klavierzyklen von Schumann oder Beethoven) sammeln sich Silvestrovs Stücke nach seiner Begriffsbestimmung „in Kolonien und Familien“, in denen das eine aus dem anderen geboren wird und alle miteinander verwandt sind. Zwischen 2002 und 2012 sind mehr als 200 (!) Klavierzyklen von ihm entstanden, die als die Glieder einer endlosen Kette wahrgenommen werden können. Dennoch hat bei aller „Verwandtschaft“ jeder Zyklus, jede Bagatelle dank der sofortigen „Erkennbarkeit“ der Melodie ein eigenes, unverwechselbares Gesicht. Dies ist deutlich in den von der Interpretin für diese Aufnahme ausgewählten Stücke zu hören: Vier Stücke op 2 (2006—Wiegenlied, Pastorale, Bagatelle, Postludium), Zwei Bagatellen op 173 (2011) und Zwei Walzer op 153 (2009, welche ihr gewidmet sind). Hier bleibt der Komponist, der in jeder Schaffensperiode versuchte, bei aller zeitlichen und räumlichen Grenzenlosigkeit der zeitgenössischen Musik, trotzdem nach Gehör zu komponieren und die ganze Form als eine Melodie zu bauen, seinem schöpferischen Credo treu.

Die Boten (…) beobachten die ursprüngliche Verbindung des Existierenden mit dem Nichtexistierenden.…

Die Boten kennen die umgekehrte Richtung. Sie kennen das, was hinter den Dingen steht. (…) Sie haben ein Gleichgewicht mit geringer Abweichung gefunden. Sie sprechen von diesem und jenem.“

Diese Zeilen des bedeutenden russischen Philosophen Jakov Druskin ³, zu dem Silvestrov eine geistige Verwandtschaft verspürt, inspirierten ihn, das Stück Der Bote (1996/1997) zu schaffen, das in zwei Varianten existiert—einer für Klavier und einer für Klavier und Kammerorchester. Druskin zufolge ist der „Bote“ eine symbolische Figur für die Verbindung zwischen „dieser“ und „jener“ Welt.

Am Anfang des Stückes spielt der Pianist die von Pausen unterbrochenen Dur- Dreiklänge, aus denen ein schönes „mozartsches“ Thema (dolcissimo, lontano, hell und traurig) und mit ihm eine altertümliche Sonatine im Geiste des 18. Jahrhunderts geboren wird. Aber wie immer bei Silvestrov wird sich dieses Thema im Inneren verwandeln. Kaum entstanden, lösen sich die Melodien des „Boten“ in der verschwommenen Faktur, in den dynamischen Nuancen, den schwankenden Tempi und flimmernden Echos auf. „Nebelhaft: Das ganze Stück ist mit leichtestem Anschlag zu spielen. Der Deckel ist völlig zu schließen. Pedal sofort wieder treten, sodass der vorhergehende Klang nachhallt.“ (Anmerkung in der Partitur). Das Werk ist der früh verstorbenen Frau des Komponsiten, Larissa Bondarenko, gewidmet.

Kitschmusik (1977) ist eines der eindrucksvollsten Werke Silvestrovs, das im Zeichen des reifen „metaphorischen Stils“ erschaffen wurde. Wie in dem für seinen Stil emblematischen Gesangszyklus Stille Lieder (1974–1977), greift der Komponist bis zu den Phonemen der romantischen Epoche zurück: etwa auf Schumann im ersten, auf Chopin im zweiten, auf Brahms im dritten und vierten Stück dieses Zyklus. Ein auf den ersten Blick (dem ersten Hinhören) sehr einfacher oder, wie der Komponist sagt, „schwacher“ Text wird durch die feinsten agogischen, Tempo- und dynamischen Schattierungen „metaphorisch“ umgestaltet. Immer wieder treten hier die vielfältigsten Anweisungen wie „halb“-legato, -tenuto, -staccato auf. Der fließende Strom der Musik wird mittels rubato mal beschleunigt, mal verzögert. Mit ständigem accelerando, ritenuto, a tempo, mit unerwarteten Pausen, dem Anhalten sowie Betonungen versucht Silvestov, dieses rubato im Notentext festzuhalten. In der Dynamik herrschen leise Klänge vor (fast immer unter Verwendung des Pedals una corda): von pppp bis zum „leisen“ mf. Dem Pedal kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, das, nach der Überzeugung des Komponisten, eine eigenständige Oberton-Stimme darstellt. Auf diese Weise realisiert der Komponist seine Vorstellung, die er im Vorwort des Zyklus folgendermaßen formuliert: „Sehr leise spielen (pp) bzw. äußerst leise (ppp), wie aus der Ferne. Die Melodie sehr vorsichtig hervorheben und sie quasi aus der Begleitung heraus entstehen lassen. Es ist sehr zart, mit einem im tiefen Innern verborgenen Ton zu spielen, als ob die Musik das Gedächtnis des Hörers vorsichtig berührt und so im inneren Bewusstsein erklingt, als ob das Gedächtnis des Hörers diese Musik selbst sänge. Der Komponist versteht die Bezeichnung Kitsch” (das Schwache, Abgelehnte, Misslungene) im elegischen, nicht im ironischen Sinn.4

Tatjana Frumkis

¹ François Couperin: L’art de toucher le clavecin. (Die Kunst das Clavier zu spielen) Paris 1717.

² Valentin Silvestrov: Musik – Gesang der Welt über sich selbst. Gespräche mit Marina Nest’eva, Kiew 2004, russ. In: BEL 686, Valentin Silvestrov: Bagatellen S.3.

³ Я. Друскин «Разговоры вестников»(Jakov Druskin „Die Gespräche von Boten“)“Činari”.Texten und Dokumenten B.I. Moskau, 2000 S.547–548. Übersetzungvon Gabriele Leupold.

4Valentin Silvestrov, Klavierwerke Band I. BEL 681a, S. 93.


Close the window