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GP641 - CORTOT, A.: Piano Arrangements (Yue He)
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ALFRED CORTOT (1877–1962)
KLAVIERBEARBEITUNGEN

 

Alfred Cortot wurde am 26. September 1877 als Sohn eines französischen Vaters und einer schweizerischen Mutter in der Schweiz geboren. Nach seinem ersten Klavierunterricht kam er als Schüler von Louis Diémer ans Pariser Konservatorium, wo er sich besonders auszeichnete. Seine Pianisten- und Dirigentenkarriere begann 1896. Von 1898 bis 1901 arbeitete er als Chor-Repetitor bei den Bayreuther Festspielen, und 1902 leitete er die erste Pariser Aufführung der Götterdämmerung. 1905 gründete er mit dem Geiger Jacques Thibaud und dem Cellisten Pablo Casals das berühmte Klaviertrio, das während der nächsten vierzig Jahre von sich reden machte. Von 1907 bis 1917 unterrichtete er am Pariser Konservatorium. Zu seinen dortigen Schülerinnen gehörten Clara Haskil, Magda Tagliaferro, Yvonne Lefébure und Yura Guller.

Zwischen den Kriegen unternahm er viele Konzertreisen. Bereits 1919 gründete er mit Casals und André Mangeot die École Normale de musique, wo er wiederum eine Reihe vorzüglicher Pianisten ausbildete. Seine Schallplattenaufnahmen und Klavierrollen wurden inzwischen zu bedeutenden Denkmälern seines Könnens. Seine bemerkenswerten Principes rationnels de la technique pianistique (»Grundbegriffe der Klaviertechnik«) lassen etwas von seiner Unterrichtsmethode erkennen: Der auf sechs Monate angelegte Kurs sollte jedem ausdauernden Schüler systematisch zu einer sicheren technischen Basis verhelfen. Pädagogische Zwecke verfolgte Cortot auch mit seinen praktischen Werkausgaben, die in insgesamt 26 Bänden, den sogenannten Editions de travail, Musik von Chopin, Schumann, Liszt und anderen enthalten.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sorgte Cortot noch für die musikalische Versorgung der französischen Vaterlandsverteidiger. Nachdem das Land kapituliert hatte und Marschall Pétain, der Kriegsheld von Verdun, zum »Staatspräsidenten« des Vichy-Regimes ernannt worden war, ergaben sich besonders für Menschen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen, mancherlei Probleme—nicht zuletzt für Musiker. Einige hatten sich ins Ausland absetzen können, während sich andere, ohne mit Vichy oder der deutschen Besatzung offen zu kollaborieren, mit der neuen Situation arrangierten. Alfred Cortot, der in der Welt der Musik einen konkurrenzlosen Ruf genoß, bekleidete unter dem Vichy-Regime verschiedene Ämter und konzertierte sogar in Deutschland, während er aber zugleich nach besten Möglichkeiten seinen Einfluß zum Schutze jüdischer Musiker nutzte. Gleichwohl brachten ihm seine Aktivitäten nach dem Kriege in Frankreich Vorwürfe und ein einjähriges Auftrittsverbot ein. Cortot kehrte in seine schweizerische Heimat zurück, konnte aber nach und nach seine Karriere wieder aufnehmen. Am 15. Juni 1962 starb er in Lausanne.

In der Repertoireliste, die er seinen Principes rationnels de la technique pianistique beifügte, empfahl Cortot den Lehrern, bei ihrem Unterricht auch zeitgenössische Komponisten wie Gabriel Fauré zu berücksichtigen. Die Dolly Suite für Klavier zu vier Händen entstand in den Jahren 1893 bis 1897 und ist als Zyklus Hélène Bardac (»Dolly«) gewidmet, der Tochter der Sängerin und Bankiersgattin Emma Bardac, für die Fauré seinerzeit entbrannt war. Madame Bardac verließ später ihren Gemahl, um mit Claude Debussy zusammen zu leben, den sie schließlich ehelichte, nachdem sie die gemeinsame Tochter Emma-Claude (»Chou-Chou«) zur Welt gebracht hatte, die ihren Vater zu seiner Children‘s Corner inspirierte.

Faurés Suite, die Alfred Cortot trefflich für einen Spieler eingerichtet hat, beginnt mit der heute bekannten Berceuse. Das scheinbar »katzenhafte« Mi-a-ou, das sich anschließt, ist eigentlich auf Dollys Bruder Raoul (Messieu Aoul) gemünzt. Le jardin de Dolly (»Dollys Garten«) entstand als wohlklingendes Geschenk zum Neujahrstag 1895, während die Kitty-Valse, die ursprünglich Raouls Hündchen portraitierte, zu Dollys Geburtstag 1896 geschrieben wurde. Tendresse (»Zärtlichkeit«) hingegen war zunächst der Komponistin Adela Maddison gewidmet: Die Gattin eines Musikverlegers war damals und wohl auch später, nachdem sie sich von ihrem Gemahl getrennt und in Paris niedergelassen hatte, anscheinend eine besondere Herzensangelegenheit Faurés. Beschlossen wird die Dolly Suite von einem exotischen Ausflug nach Spanien.

Johann Sebastian Bachs Musik bezeichnet Cortot in seiner Repertoireliste als das wahre Brevier für jeden Musiker und Pianisten. Gleichwohl listet er nur solche Werke auf, die für ihn von unmittelbarer technischer Relevanz waren. Dazu gehört die berühmte Toccata und Fuge d-moll BWV 565, die Bach vermutlich noch während seiner Arnstädter Organistenjahre und somit vor seiner Tätigkeit als Organist und Kammermusiker bei Herzog Wilhelm Ernst in Weimar (1708–1717) komponierte. Das vorliegende Arrangement verstärkt noch die erste Kadenz und die nachfolgenden Orgeltexturen der dramatisch einsetzenden Toccata, die zu einer immer imposanteren Fuge führt, bevor ein letztes Recitativo und der Schlußabschnitt mit seinen äußerst eindrucksvollen Akkorden erreicht wird.

Bei den vier Adaptations pianistiques handelt es sich um Klavierübertragungen mehr oder minder bekannter Werke. Den Auftakt bildet das zarte Wiegenlied von Johannes Brahms. Darauf folgt ein Arioso nach dem Largo aus Bachs Cembalokonzert f-moll, dessen Ecksätze der Leipziger Thomaskantor selbst zu Beginn der 1730er Jahre in Leipzig nach einem Oboenkonzert arrangierte hatte, das in seiner Zeit als Hofmusikdirektor des Fürsten Leopold von Anhalt-Cöthen (1717–1723) entstanden war. Weniger vertraut ist die Klavierfassung des langsamen Satzes aus Frédéric Chopins Sonate g-moll op. 65, dem weitaus gehaltvollsten der drei Stücke, die der Komponist für Violoncello und Klavier geschrieben hat. Die Sonate entstand 1845/46 in Paris und ist dem Cellisten Auguste Franchomme gewidmet, der die Sätze II bis IV 1848 in Paris mit seinem Freund Chopin bei dessen letztem Konzert aufführte. Der dritte Satz, das Largo, steht in B-dur und beginnt in der Originalfassung mit einer kantablen Cellomelodie, die dann leise vom Klavier übernommen wird. Die vierte Adaptation pianistique ist eine Bearbeitung des Schubertschen Goethe-Liedes vom Heidenröslein, dessen Melodie im Laufe der weiteren Entwicklung in verschiedenen Stimmen erscheint.

César Francks Sonate für Violine und Klavier ist eine Herausforderung für den Bearbeiter und den Spieler. Franck hatte widerstrebend eine Laufbahn als Klaviervirtuose eingeschlagen, bevor er in Paris als Komponist und Organist seine wahre Wirkungsstätte fand und dort eine Reihe loyaler Jünger um sich scharte. Seine einzige Violinsonate aus dem Jahre 1886 zeigt in der thematischen Verbindung der verschiedenen Sätze dasselbe zyklische Prinzip, dessen sich der Komponist auch in anderen großen Werken bediente. Sie ist dem Geiger Eugène Ysaÿe gewidmet, der sie auch aus der Taufe hob. Das Allegretto dient im Grunde als Einleitung des gewichtigeren Allegro-Satzes, der schon in seiner originalen Fassung für den Pianisten anspruchsvoll genug ist. Seine leidenschaftliche Intensität führt zu einer Recitativo-Fantasia, die an den Anfang der Sonate erinnert. Das abschließende Allegretto poco mosso beginnt mit einem beinahe pastoralen Kanon, dessen Thema im Verlauf des Satzes in verschiedenen Tonarten wiederkehrt, bevor das Werk zu einem kulminierenden Ende kommt.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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