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GP650 - TCHEREPNIN, A.: Piano Music, Vol. 5 (Koukl)
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Alexander Tscherepnin (1899–1977)
Sämtliche Klavierwerke • 5

 

Der Komponist, Pianist und Dirigent Alexander Tscherepnin war das Kind einer russischen Künstlerfamilie, deren St. Petersburger Heim durch die engen Beziehungen zu den Familien der Benois und Diaghilew ein Treffpunkt für Musiker, Künstler und andere schöpferische Köpfe des Landes geworden war. Der Vater Nikolai Tscherepnin hatte bei Nikolai Rimsky-Korssakoff studiert und sich selbst als Dirigent, Pianist und Komponist einen Namen gemacht. Sein Sprössling begann so früh mit dem Klavierspiel und dem Komponieren, dass er schon vor seinem zwanzigsten Geburtstag etliche hundert Stücke, darunter dreizehn Klaviersonaten, vorweisen konnte. Als die Oktoberrevolution ausbrach, flüchteten die Tscherepnins vor Hunger, Cholera und politischen Turbulenzen ins georgische Tiflis. Von hier ging es 1921 weiter nach Paris, als die Sowjets Georgien besetzten und annektierten. Vor dem Beginn seiner internationalen Karriere schloss Alexander seine formellen Studien als Schüler von Paul Vidal und Isidor Philipp am Pariser Conservatoire ab. Danach führten ihn viele Reisen in die USA sowie nach Japan und China. Hier lernte er die Pianistin Lee Hsien Ming kennen, die er später heiratete und die ihm die Söhne Peter, Serge und Iwan schenkte. Nachdem man die Jahre des Zweiten Weltkriegs in Frankreich verbracht hatte, ging es 1948 in die USA, und seither pendelte Alexander Tscherepnin regelmäßig zwischen der Neuen und der Alten Welt. 1977 starb er in Paris.

Schon ein erster Blick auf die Spieldauer dieser Produktion lässt erkennen, dass jedes einzelne der hier vorliegenden 63 Stücke nicht einmal zwei Minuten dauern kann. Viele sind sogar kürzer als eine Minute, und so könnte die CD ein veritables Schatzkästlein für Rundfunkstationen sein, die immer nach winzigen Musikstückchen suchen, mit denen sich kurze Pausen nach längeren Beiträgen füllen lassen. Amüsant ist auch die Idee, niveauvollere Nachrichtensendungen könnten diese Kleinigkeiten als Jingles nutzen, die auf den jeweiligen Inhalt der anschließenden Meldung vorbereiteten. Wenn man diese kurzen musikalischen Ereignisse hört, wird man an den Aphorismus erinnert, womit der deutsche Philosoph Friedrich Schlegel den Aphorismus beschrieb: »Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel«.

Die Acht Préludes op. 9 gehören zu den vielen Stücken, die der junge Alexander Tscherepnin noch in Tiflis komponierte. In Paris half ihm sein Lehrer Isidor Philipp dann, eine Auswahl zu treffen, die bei dem französischen Verlag Heugel erschien. Als Tscherepnin an die Seine kam, brachte er eine Fülle dieser Miniaturen mit, die er wegen ihrer vielen sprunghaften Bewegungen als bloshky (»kleine Flöhe«) bezeichnete. Sprünge erkennt man denn auch sogleich im ersten Prélude, in dem der langsame Schlag großer Glocken und das schnellere Läuten kleinerer Glöckchen nebeneinander stehen. Auf die abschließende Akkordfortschreitung wäre Rachmaninoff sehr stolz gewesen.—Im zweiten Prélude wird eine trauerhafte Weise über einer Wellenbewegung der linken Hand ausgesponnen, derweil exotische Melismen eine wahre Volière entstehen lassen: Leicht kann man sich einen gemächlichen Waldspaziergang vorstellen, zu dem die Vögel in den Bäumen tirilieren.—Exotische Skalen verleihen dem repetierten Fünftonmotiv des dritten Prélude ein Gefühl neugieriger Unruhe, bevor sich im nachfolgenden Satz eine wehmütige Erinnerung bis zu einem Schmerzensschrei über den erlittenen Verlust steigert. Im fünften Prélude bewegt sich eine einfache Melodie zu einer beinahe hypnotisierenden Begleitung schrittweise abwärts, bis der Anfang wieder erreicht ist—allerdings eine Oktave tiefer. Das sechste Prélude, eine bildhafte und wirkungsvolle kleine Köstlichkeit, beginnt und endet mit einer merkwürdigen Erinnerung an das erste Prélude von Frédéric Chopin. Danach wirbelt das siebte Prélude wie ein Irrlicht am Ende zu seinem Anfang zurück. Das letzte Prélude dieser ad hoc-Kollektion bringt eine ebenso einfache wie unvergessliche, mit exotischen Schnörkeln versehene Melodie, die allmählich zu einem ausgesparten, baritonalen Schluss hinuntersteigt.

Das Opus 11 besteht aus fünf Arabesken, von denen eine allerdings für Violine und Klavier geschrieben ist und daher in der gegenwärtigen Produktion unberücksichtigt blieb. Auch diese Musik entstammt den frühen georgischen Jahren. Man erkennt durchweg, wie sehr sich der Komponist für exotische Skalen interessierte. Die erste, filigrane Arabeske hinterlässt trotz ihres zentralen Gefühlsausbruchs eine durchaus beruhigende Wirkung. Das Gewirk der melodischen Interludien wird dem Namen »Arabeske« voll und ganz gerecht. Von deutlich fröhlicherer Art ist das zweite Stück. Eine unbeschwerte, einfache Melodie erklingt über den Arabesken der linken Hand. Glockenschall unterbricht den Verlauf. In der dritten Arabeske beschränken sich die musikalischen Schnörkel auf das gleitende Figurenwerk, mit der die einfache, wiederholte Melodie unterlegt ist. Der Effekt erinnert an Claude Debussys »Goldfische«. Ganz ähnlich rauscht und wirbelt die vierte Arabeske dahin.

1969 schrieb Alexander Tscherepnin zwölf kleine Stücke für den Verlag Choudens, der eines davon in einem Band mit Musik für Kinder publizieren wollte. Die Wahl fiel auf Ascension. Alles andere blieb unveröffentlicht und wurde erst für diese Produktion von der Tcherepnin Society zur Verfügung gestellt. Die Zwölf Stücke verteilen sich hier auf elf Tracks, weil die Nummern 4 und 5 attacca ineinander übergehen sollen und somit eine Unterteilung keinen Sinn macht—desto weniger, als das fünfte Stück unbetitelt ist und die Verwirrung nur noch vermehren könnte.

Nr. 1 Moderato beginnt sehr sparsam. Die anfangs weit auseinander liegenden Hände nähern sich allmählich an, ohne dass dabei die Textur fülliger würde. Das Stück endet mit einem einzigen, lauten Ton. Ausgedünnt ist auch das anschließende Lento, worin eine Figur des vorherigen Stückes ergriffen und, wenn auch vielleicht nicht eigentlich entwickelt, so aber doch umher geworfen wird. Die dritte Nummer, Animato, ist ein vergnüglicher Marsch, dessen raffinierte Rhythmen und Tonwiederholungen nach einem Spielmannszug klingen, der unglaublichen Spaß hat.

Wie bereits ausgeführt, sind die Nummern 4 und 5 zu einem Track zusammengefasst [16]. Das Agitato bringt verzwickte Rhythmen und heikle Sprünge, die unbetitelte Nr. 5 stößt auf freundlichere, wenngleich hartnäckige Weise in eine Trompete. Man könnte sich ein fröhliches Kinderspiel vorstellen, das murrend zu Ende geht, wenn die Eltern ihren Nachwuchs ins Haus rufen. Rätselhaft verspielt fließt und stolziert dann die Musik in der sechsten Nummer, Molto animato.

Mit dem siebten Stück schließt sich ein weiteres Lento an. Es ist eine sehr interessante Konstruktion, worin die Hände sich in immer wieder überraschenden Intervallen bewegen—mal in großen oder kleinen Terzen, mal im Tritonus, bisweilen in Sekunden. En allant bringt die Nr. 8 dann eine mäandernde Melodie mit Begleitung, die mal nach links oder rechts und schließlich simultan in beide Richtungen strebt. Am Schluss dieses klug ausgeführten Stückes spiegeln sich die Hände. Die unbetitelte neunte Nummer besteht aus einer traurigen, volksliedhaften Melodie, die von einer absteigenden chromatischen Skala der linken Hand begleitet wird.

Die zehnte Nummer ist das dritte Lento der Kollektion. Hier konvergieren eine hohe und eine tiefe Melodie—wie in einer bizarren Variation über »Die Schöne und das Biest«, wozu in der Mitte ein Konzert singender Vögel ertönt. Die an elfter Stelle rangierende Ascension (»Himmelfahrt«), das einzige von Choudens publizierte Stück, erfüllt die Erwartungen, die der Titel weckt, indem es binnen einer knappen Minute aus den tiefsten Tiefen des Klaviers zur höchsten Glorie auffährt. Das letzte Stück der Sammlung mit dem Titel Jeu de cubes (»Spiel mit Bauklötzen«) klingt nach einem großen Spielvergnügen: Deutlich entsteht das Bild eines Kindes, das seine Klötzchen aufeinanderstapelt, um anschließend die Konstruktion zum Einsturz zu bringen.

Die übrigen 39 Stücke dieser CD ([24]—[62]) wurden unter dem Titel Opivochki (»Kleine Überbleibsel« oder auch »Kleine Nichtigkeiten«) zusammengefasst. Sie gehören zu Tscherepnins spätesten Entwürfen und erhielten daher die letzte Opuszahl 109. Bei einigen handelt es sich um Skizzen zu größeren Werken, doch immer geht es um einen besonderen kompositorischen Belang. Für die vorliegende Aufnahme hat die Tcherepnin Society auch diese Manuskripte zur Verfügung gestellt.

Es dürfte eigentlich kontraproduktiv sein, die einzelnen Stücke zu beschreiben oder auch nachzulesen, worum es jeweils geht, da das Hör-Erlebnis kürzer als die Lektüre ist. Wer aber dennoch gern einige Worte lesen möchte, der findet hier hinter den Tracks und Satznummern eine kurze Charakterisierung der einzelnen »Überbleibsel«.

[24] Nr. 1 – ein Hauch Messiaen’schen Vogelgesangs, wobei der Vogel am Ende recht groß wird.
[25] Nr. 2 – ekstatische Vogelmusik über schönen, dichten Harmonien.
[26] Nr. 3 – noch einmal ertönt anfangs Vogelgesang; pointillistische M itte, knurriger Schluss
[27] Nr. 4 – ein bisschen spukhaft; in der Ferne Glocken, ein Fragezeichen am Ende
[28] Nr. 5 – eine optimistische Melodie auf Harmonien, die eine leise Unsicherheit vermitteln sollen
[29] Nr. 6 – eine einfache Melodie, die dann in sehr angenehmer Weise harmonisiert ist
[30] Nr. 7 – die anziehende, wiegende Weise wird von einer allmählich aufsteigenden chromatischen Leiter begleitet
[31] Nr. 8 – ein sonderbar trauriges, aber friedliches und gelungenes Zwischenspiel
[32] Nr. 9 – ein rüstiger Marsch
[33] Nr. 10 – zwei aufeinandertreffende Linien erzeugen ein erstaunliches M aß an Spannung
[34] Nr. 11 – ein ruhiges Antidot zu dem vorigen Epigramm mit russisch tönenden Harmonien
[35] Nr. 12 – eine zarte, zuversichtliche Weise mit fließendem, durchweg umhergleitenden Akkompagnement
[36] Nr. 13 – ernster im Tonfall; beim Spiel sollten die Augenbrauen zusammengezogen sein
[37] Nr. 14 – reiche, atmosphärische Akkorde umgeben eine etwas ominöse Repetitionsfigur
[38] Nr. 15 – Regentropfen, die an der Fensterscheibe abgleiten
[39] Nr. 16 – eine zweistimmige Invention à la Strawinsky mit fesselnder Kadenz
[40] Nr. 17 – das stetige, mechanische perpetuum mobile endet mit einem H auch von Jazz
[41] Nr. 18 – sparsame Musik für einen geheiligten Raum
[42] Nr. 19 – ein fröhlicher Gruß an Strawinsky
[43] Nr. 20 – eine weitere stolzierende Hommage an Strawinsky
[44] Nr. 21 – stachlige Harmonien zu einer einfachen, sangbaren Melodie
[45] Nr. 22 – eine beinahe romantische Atmosphäre mit relativ reicher Harmonik
[46] Nr. 23 – eine tieftraurige und nachdenkliche Rêverie
[47] Nr. 24 – ein nachdenkliches Stück, das aufhört, wie es begann
[48] Nr. 25 – Trompeten und ätherische Skalen beschwören das Bild eines Kindes, das mit seinen Zinnsoldaten spielt
[49] Nr. 26 – ein nachdenkliches, überspanntes, pikantes Schmankerl zu zwei Stimmen
[50] Nr. 27 – eine relativ fröhliche Melodie zu kraftloser Begleitung
[51] Nr. 28 – ein kurzer Marsch mit einem starken Anfang, der sich in einer Rauchwolke auflöst
[52] Nr. 29 – eine wiederholte Melodie, die immer reichere und überzeugendere Harmonien erhält
[53] Nr. 30 – ein weiterer kräftiger Marsch, der auf seinem kurzen Lebensweg immer zögerlicher und nachdenklicher wird
[54] Nr. 31 – eine zuversichtliche Melodie, zu der eine sture Begleitung keift, bis endlich die Erlösung kommt
[55] Nr. 32 – die linke Hand widmet sich allein einer gründlichen E rkundung des tiefen Klavierregisters
[56] Nr. 33 – eine völlig unschuldige, fröhliche Weise, die sich durch die seltsame Begleitung in ein Fragezeichen verwandelt
[57] Nr. 34 – eine schlichte, attraktive Melodie mit faszinierend gleitenden Harmonien
[58] Nr. 35 – Musik für schwere Zeiten
[59] Nr. 36 – gewichtige Musik mit russischen Harmonien, die durch gelegentliche kurze Vogelrufe aufgelockert wird
[60] Nr. 37 – eine erschlaffte Musik
[61] Nr. 38 – ein friedliches, romantisches Zwischenspiel
[62] Nr. 39 – ein kleines Duett, das diese Kollektion unschuldig und optimistisch beschließt

Keine Frage, Alexander Tscherepnin war ein Meister der Miniatur!


Cary Lewis und Mark Gresham
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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