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GP652 - NENOV, D.: Piano Music (Valkov)
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Dimitar Nenow (1901–1953)
Klaviermusik

 

Der Pianist, Komponist und Architekt Dimitar Nenow gehörte in der ersten Hälfte 20. Jahrhunderts zweifellos zu den führenden Künstlerpersönlichkeiten Bulgariens und war eine der zentralen Gestalten, an denen sich die nachfolgende Komponistengeneration der bulgarischen Avantgarde in den fünfziger und sechziger Jahren orientierte.

Dimitar Nenow wurde am 19. Dezember 1901 in Rasgrad geboren und schon als Kind im Klavierspiel unterrichtet. Als Jugendlicher war er Schüler von Andrej Stojanow. 1920 ging er nach Dresden, um an der Technischen Hochschule Architektur sowie am Konservatorium Klavier, Theorie und Komposition zu studieren. Nach seinem Hochschul-Examen kehrte er 1927 in die Heimat zurück, wo er bis 1930 als Architekt beim Bauministerium und von 1929 bis 1932 bei der Eisenbahndirektion arbeitete. Anfang der dreißiger Jahre richtete sich seine Kreativität allmählich bis zur Ausschließlichkeit auf die Musik. 1931 ging er für sechs Monate nach Zakopane, um sich bei Egon Petri den letzten pianistischen Schliff zu holen. Eine Ausbildung am Konservatorium von Bologna beendete er im nächsten Jahr mit einem Diplom. Von 1933 bis 1943 leitete er in Sofia ein privates Konservatorium. Dann übernahm er—inzwischen als Pianist, Pädagoge und Komponist etabliert—eine Klavierprofessur an der Staatlichen Musikakademie von Sofia.

Dimitar Nenow zeigte schon früh ein lebhaftes Interesse am Komponieren und hatte bereits als Fünfundzwanzigjähriger neben einer Symphonie und zwei Klaviersonaten (von denen eine leider verloren ist) eine Violinsonate sowie etliche kleinere Stücke für Klavier bzw. für Orchester verfasst. Während die erste bulgarische Komponistengeneration sich bei der Schaffung eines nationalen Stils um die Verbindung der heimischen Folklore und der westlichen Harmonik des 19. Jahrhunderts bemühte, bediente sich Nenow als Angehöriger der zweiten Generation in seinen frühen Werken einer ungewöhnlichen »internationalen« Diktion, die selbst auf das Publikum des 21. Jahrhunderts noch recht dissonant wirkt. Vermutlich hat die musikalische Umgebung Dresdens in den zwanziger Jahren diese Werke beeinflusst, wenngleich sie einen entschieden persönlichen Tonfall verraten, den der Komponist im Laufe seines Lebens weiterentwickeln und kristallisieren sollte.

Auch während der dreißiger Jahre ließ Nenow eine gewisse internationale Ausrichtung erkennen, wobei es zugleich zu einer beträchtlichen Entwicklung seines Klavierstils kam, die sich in einer gewissermaßen romantischen Großartigkeit, Virtuosität und Hingabe niederschlug. Es war dies die Zeit der Zwei Etüden (1931/32), der Variationen in Fis-dur (1931), der unerbittlichen Toccata (1939) und des großartigen Klavierkonzertes (1936). In diesem Jahrzehnt erlangte der Gegenstand der nationalen Musik und künstlerischen Identität eine immer größere Bedeutung, und Dimitar Nenow engagierte sich mit höchster Begeisterung für die Suche nach einem authentischen bulgarischen Stil und einer individuellen, unverwechselbaren musikalischen Ästhetik, die ihn veranlasste, sich tiefer und gründlicher mit der Folklore und ihren wesensmäßigen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, um so einen eigenen Standpunkt gegenüber der Klassik des Westens zu beziehen. Nenow begriff, dass das Volkslied oder eine aus der Folklore stammende Melodie nicht authentisch sein würde, wenn man sie mit der westlichen Harmonik verband. Er glaubte, dass jedem einzelnen Stück eine einmalige Harmonie innewohnte, die ihrem melodischen Gehalt abgewonnen werden sollte. Infolge dieser Ansicht weicht Nenow immer wieder vorübergehend von der funktionalen Tonalität ab, indessen er sich der traditionellen bulgarischen Modi bediente und vielfach oktatonische Skalen benutzte. Zu Beginn der vierziger Jahre schlug Nenow sowohl als Pianist wie auch als Komponist eine entschieden andere Richtung ein. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken war seine neue Ästhetik von Klarheit, Einfachheit und einem beinahe absichtlichen Verzicht auf jeden virtuosen Selbstzweck gekennzeichnet.

Thema und Variationen Fis-dur aus dem Jahre 1931 stellen einen Höhepunkt in Nenows Klaviermusik dar. Aus diesen achtzehn Variationen spricht deutlich seine damalige Ästhetik und Philosophie. Das einfache Thema entstammt dem langsamen Satz einer frühen Klaviersonate und wird durch mannigfache pianistische Techniken einer Reihe exquisiter, fantasievoller Metamorphosen unterzogen. Trotz des soliden Fundaments sind die rhapsodischen Neigungen des Komponisten sogleich erkennbar. Das Stück gliedert sich, grob gesprochen, in vier umfangreiche Teile, die jeweils in einer eigenen Tonart stehen. Der erste Abschnitt (Fis-dur/fis-moll) endet mit der sechsten Variation, die mit ihrem D-dur den zweiten Teil (in cis-moll) vorbereitet. Mit der zehnten Veränderung kehrt die Musik nach Fis-dur/fis-moll zurück, um den Kreis nach der fünfzehnten Variation zu runden. Die harmonische Progression ist im Thema selbst enthalten, und hier wird deutlich, dass sich Nenow prinzipiell von der harmonischen Struktur des Anfangs mit einer gewissen Freizügigkeit hat leiten lassen. Die drei letzten Variationen (16–18) fungieren als Coda. Nach einer grandiosen Wiederholung des Themas löst sich das Stück in seliger Ruhe auf.

Mit Märchen und Tanz schrieb Nenow 1947, sechs Jahre vor seinem Tod am 30. August 1953, sein letztes Klavierstück, worin sich auf besondere Weise seine Kunst konzentrierte. Stilistisch ähnlich sind die zwei Jahre älteren Miniaturen. Die fünf Stücke gehören zu den kostbarsten Exemplaren ihrer Art: In kaum neun Minuten beschwören sie Visionen von Dorffesten, wehmütigen Liedern und heiteren Landschaften.

Der Tanz von 1941 markiert einen gewissen stilistischen Übergang. Zwar handelt es sich auch bei diesem Werk um eine virtuose Komposition, doch diese ist gedrängter als das, was Nenow in der vorigen Dekade geschrieben hatte. Die bravourösen Figuren, die das Geschehen weithin dominieren, erinnern an die charakteristische Spielweise der gadulka, eines traditionellen bulgarischen Streichinstruments. Aus den dreißiger Jahren stammen die Zwei Etüden wie auch die Toccata. Die Erste Etüde komponierte Nenow 1931 in Zakopane, und sie ist das erste Stück, das er ausschließlich auf den drei Transpositionsmöglichkeiten der oktatonischen Leiter aufgebaut hat. In jedem der drei Formabschnitte wird zur Erzeugung unterschiedlicher Klangerscheinungen eine dieser Transpositionen benutzt, und während einerseits die Form des Ganzen betont wird, ist andererseits eine gleichbleibende Textur erreicht. Die Zweite Etüde behandelt dieses organisatorische Problem auf andere Weise. Das Stück beginnt harmonisch recht unentschieden. Erst auf halbem Wege erkennt man, dass die Musik um Cis-dur kreist. Diese Etüde ist ein einzigartiges Beispiel für den pianistischen Wagemut und die Fantasie ihres Schöpfers: Das Stück bringt in der rechten Hand durchweg chromatische Doppelquartgänge, und ich glaube, dass Nenow hier Skrjabins Etüde op. 42 Nr. 3 erweitert und ausgearbeitet hat. Man fühlt sich an Johannes Brahms erinnert, der bekanntlich Chopins Etüde f-moll op. 25 Nr. 2 in doppelten Sexten ausgeführt hat. Bei Nenow spüren wir das Original freilich nur schattenhaft im Hintergrund.

An der Toccata arbeitete Nenow sieben Jahre, bevor sie 1939 als eine seiner mächtigsten Kompositionen vollendet war. Sie ist als Sonate oder Sonaten-Rondo gestaltet, wobei ein zusätzliches Thema in der Durchführung hinzutritt. Am Schluss des Stückes vermerkte Nenow: »Die Idee von 1932 (und auch der Anfang), (17. Dezember 1932), der Anfang des zweiten Themas am 24. Februar 1935; die Hauptarbeit Ende August und September 1939, vollendet am 14. Oktober 1939, einige kleine Korrekturen, Änderungen und Zufügungen Ende 1939 und Anfang 1940, alles ausgearbeitet in 21 Sitzungen zu 1 bis 1 ½ Stunden.«

Die sechs Sätze der Kino-Suite datieren aus den Jahren 1924 und 1925. Es ist die erste Komposition, die Nenow publizierte. Man weiß, dass er während seiner Dresdner Studienzeit als Stummfilmpianist arbeitete. Unbekannt hingegen ist, ob diese Musik je für einen Film verwendet wurde. In diesen völlig anders gearteten, strengen, dissonanten, ja aggressiven Klängen tritt uns der junge Komponist Dimitar Nenow in all seiner überwältigenden Begeisterung und Leidenschaft entgegen. Obwohl die Stücke in zwei kurzen Schaffensphasen während der Sommermonate 1924 und 1925 entstanden, bilden sie aufgrund ihrer harmonischen und melodischen Gemeinsamkeiten einen sehr gelungenen Zyklus. Charakteristisch ist die Verwendung langer Halteakkorde und glockenartiger Töne sowie eine Entwicklung, die auf Variation und Improvisation basiert. Das letzte Stück, eine wahnwitzige tour de force, endet abrupt inmitten des Satzes. Vielleicht hat der Komponist dieses jugendliche Stück einfach abgebrochen, weil es ihm nicht möglich schien, an dieser Stelle noch fortzufahren.


Viktor Valkov
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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