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GP653 - RAFF, J.: Piano Works, Vol. 4 (Tra Nguyen)
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Joachim Raff (1822–1882)
Klaviermusik • Folge 4

 

Joseph Joachim Raff genoss einst ein solches Ansehen, dass er in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts vielfach als der bedeutendste Symphoniker seiner Zeit galt. Der in der Schweiz geborene Sohn eines deutschen Vaters und einer Schweizer Mutter gab seine verheißungsvolle Karriere als Lehrer auf, um sich der Komposition zu widmen, womit er, obwohl ihm Felix Mendelssohn zugeraten hatte, in große finanzielle Schwierigkeiten geriet. Ein weiteres Idol seiner jungen Jahre war Franz Liszt, der einen dauerhaften Einfluss ausüben sollte: Um einen Klavierabend des großen Virtuosen hören zu können, wanderte Raff im Jahre 1845 zwei Tage durch strömenden Regen bis nach Basel. Liszt war von dem jungen Mann so beeindruckt, dass er ihn mit sich nahm, als er wieder nach Deutschland ging, und dem Mittellosen bei der Arbeitssuche in Köln und Hamburg behilflich war. 1849 gab Liszt seine Konzertkarriere auf, um sich aufs Komponieren zu konzentrieren, und er lud seinen Schützling ein, zu ihm nach Weimar zu kommen, wo Raff denn auch von 1850 bis 1856 seinem Haushalt als Sekretär angehörte. Obwohl die Beziehung—nach Raffs Ansicht wegen der überwältigenden Persönlichkeit seines Mentors—allmählich gespannter wurde, entdeckte der junge Musiker in Weimar dennoch seine eigene Stimme, die ihn schließlich zwischen der relativ konservativen Mendelssohn- Schumann-Tradition und dem revolutionären Liszt-Wagner-Lager plazierte. Nach und nach überwand der reine Autodidakt Raff die Armut der frühen Zeit, die ihn in Weimar sogar einmal wegen seiner Schulden kurz ins Gefängnis gebracht hatte. Während der nächsten einundzwanzig Jahre konnte er in Wiesbaden ein bescheidenes Leben als freischaffender Komponist führen, da er selbst unterrichtete, seine Frau als Schauspielerin ein eigenes Einkommen hatte und auch die immer erfolgreicheren Kompositionen etwas abwarfen. Der Durchbruch kam 1863, als Raff mit seiner ersten Symphonie und einer Kantate wichtige Preise gewann. Seither fand er immer größere Anerkennung, bis er 1877 in Frankfurt am Main Gründungsdirektor des späterhin sehr angesehenen Hoch’schen Konservatoriums wurde. Damals wie heute kannte man ihn vor allem als Symphoniker, doch er betätigte sich auf fast allen musikalischen Gebieten. Sein Werkverzeichnis enthält eine Fülle an Opern, Chorwerken, Kammermusik und Liedern, wobei sein größter Schaffensbereich die Klaviermusik darstellte: Raff schuf mehr als 130 Werke für das Instrument, von denen viele aus mehreren Sätzen oder Nummern bestehen.

Eines der hier vorliegenden Werke ist von den anderen Stücken der Aufnahme durch genau die fünfundzwanzig Jahre getrennt, in denen Raff von einem unbekannten Amateurkomponisten zu einem der erfolgreichsten Symphoniker seiner Zeit aufstieg: Die Douze Romances en forme d’ études op. 8 entstanden im Herbst 1843 und sind die Kreationen des Schullehrers von Rapperswil am Zürichsee. Ein Jahr später brachten ihn seine Freunde dazu, diese Romanzen sowie etliches weitere an Klaviermusik seinem damaligen Idol Felix Mendelssohn, einem der bekanntesten Tonkünstler der Zeit, mit der Bitte um Durchsicht zuzuschicken: Er möge ihm mit brutaler Ehrlichkeit raten, ob er überhaupt eine Zukunft als Komponist habe. In seiner großzügigen und begeisterten Antwort drängte Mendelssohn den jungen »Kollegen« nicht nur, den Musikerberuf zu greifen, sondern es erwies sich auch, dass der große Mann sämtliche Stücke dem Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel empfohlen hatte, bei dem seine eigenen Werke erschienen. Hier wurden denn 1845 auch die Douze Romances mit einer begreiflicherweise überschwenglichen Widmung an Mendelssohn publiziert. Inzwischen war Raff freilich in arge Not geraten. Mendelssohns Rat folgend, hatte er seinen Posten aufgegeben—weswegen er von seiner entgeisterten Familie nicht nur enterbt wurde, sondern bald auch völlig mittellos dastand, weil es in der provinziellen Schweiz offenbar unmöglich war, als Vollzeitkomponist ein Auskommen zu finden.

Die Douze Romances wurden nicht nur mit einem französischen Titel gedruckt, sondern über jeder einzelnen Etüde prangte auch, als habe der Verfasser besonders gebildet erscheinen wollen, eine italienische Überschrift. In jedem Fall sind die Produkte des jungen Komponisten, der hier in seinen neu gefundenen Fertigkeiten schwelgt, von einer melodischen Frische und einem naiven Charme, die sehr anziehend wirken. Deutlich ist zu sehen, warum Mendelssohn von diesen Schöpfungen des einundzwanzigjährigen Raff beeindruckt war, der keinerlei formale Musikausbildung genossen hatte oder jemals genießen sollte.

Die Etüde Nr. 1, L‘abbandonata (»Die Verlassene«) ist ein Allegro moderato. Den Rahmen bildet eine Melodie, die an Erik Satie denken lässt und sicherlich das Bild einer verstörten, untröstlichen Frau beschwört. Konventioneller ist der Mittelteil angelegt, der gleichwohl einen ausgewogenen Kontrast dazu bildet. Entsprechend der schlichten Dreiteiligkeit wechseln die Tonarten des kleinen Schmuckstücks von b-moll nach B-dur und wieder zurück. Bei der Pastorale handelt es sich um ein Andante in As-dur, dessen unbeschwerte Melodie zu einer Ostinato-Begleitung wiederholt wird. Im Gegensatz dazu ist Il fuggitivo (»Der Flüchtling«), die dritte Etüde, mit ihrem Allegro agitato quasi presto, in dem Raff ein einziges g-moll-Thema wiederholt, eine irrwitzige Studie der Aufgeregtheit. L‘amicizia (»Die Freundschaft«), ein Andantino in B-dur, bringt mehrfach ein recht bukolisches Hauptthema, mit dem der energische Staccato-Abschnitt zunächst kontrastiert und dann kombiniert wird. Die fünfte Etüde Il pianto dell‘amante (»Die Tränen eines Liebenden«), ein Adagio ma non troppo in e-moll, ist ein bezauberndes Stück sentimentaler Salonmusik, worin das erste, pathetisch-sehnsüchtige Thema einem zweiten, fröhlicheren Einfall begegnet. Dem dritten Gedanken fehlt es an solchem Raffinement. Das erste Heft wird von Il delirio (»Das Delirium«) abgeschlossen, einem tumultuösen Stück, in dem die rechte Hand reichlich tremoliert, während die linke in dieser zweiten Studie der Angst ihre düster bedrohlichen Passagen spielt. Das Allegro agitato, cioè smanioso beginnt in c-moll, unternimmt einen kurzen Ausflug nach Dur und führt bald wieder zur Anfangstonart zurück.

Das zweite Heft beginnt mit der sanft wiegenden Bewegung der siebten Etüde, einem herrlich unschuldigen Allegretto in G-dur. Dabei handelt es sich um die erste der zahlreichen Barkarolen, die Raff im Laufe seiner Karriere schreiben sollte. Danach breitet die Preghiera (»Gebet«), ein Andante religioso in Ges-dur, eine feierliche Atmosphäre aus. Raff verbindet das choralartige Anfangsthema mit einer freundlicher aufstrebenden Melodie. Die nächste Etüde, I gladiatori (»Die Gladiatoren), besteht in einer munteren Es-dur-Studie über ein monothematisches Staccato. Anschließend löst sich Raff von dem Einfluss Mendelssohns, der bis dahin die Kollektion ausgezeichnet hatte, um erstmals einen polnischen Tanz nach der Art Frédéric Chopins zu schreiben. Die zehnte Etüde Allegro moderato ist eine Mazurka in E-dur. Darauf folgt das Andante La contentezza (»Zufriedenheit«), ein Salonstück par excellence, worin ein einziges Thema—wie in vielen derartigen Kreationen—fast tongetreu wiederholt wird, bevor es eine bescheidene Verarbeitung und Durchführung erfährt. Die äußeren Abschnitte stehen in A-dur, der Mittelteil in C-dur. Ein zweiter polnischer Tanz markiert das Ende der Kollektion: eine noble Des-dur-Polonaise von größerer Individualität als die voraufgegangene Verwandte. Die Douze Romances erfreuten sich zu Raffs Lebzeiten aufgrund ihrer Attraktivität einer gewissen Beliebtheit. Im Mai 1874—der Komponist hatte inzwischen den Gipfel seines Ruhms erreicht—brachte Breitkopf & Härtel eine neue Ausgabe auf den Markt, die vier Jahre nach dem Tode Raffs noch einmal aufgelegt wurde.

Die übrigen vier Werke des gegenwärtigen Programms sind typisch für die Qualität sowie den Abwechslungs- und Einfallsreichtum der Klavierwerke, die Raff im Laufe seiner Karriere selbst dann noch hervorströmen ließ, als er sich mehr und mehr auf seine großen Orchester-, Vokal- und Kammermusikwerke konzentrierte. Das Allegro Agitato c-moll op. 151 wurde 1871, drei Jahre nach seinem Entstehen, veröffentlicht und zeigt den reifen Klavierstil Raffs in all seiner individuellen Souveränität. Das leidenschaftliche, wild bewegte Stück, das sich in seinem C-dur-Mittelteil vorübergehend beruhigt, war nicht unbeliebt unter den zeitgenössischen Virtuosen, die in seinen »schauspielerischen« Möglichkeiten schwelgten.

In Raffs OEuvre gibt es viele Variationswerke, von denen diejenigen für Klavier die gelungensten sein dürften: zwei inhaltsschwere, je viertelstündige Sätze in den Suiten d-moll und g-moll sowie die doppelt so langen, teuflisch schweren Variationen über ein Originalthema op. 179 [s. Folge 2 der vorliegenden Serie]. Weitaus kürzer ist La Cicerenella – Nouveau Carnaval a-moll op. 165, wobei es dem Komponisten allerdings gelungen ist, auch in dieser kleinen Zeitspanne dreizehn Variationen und einiges an furchterregendem Tastenfeuerwerk unterzubringen. Die Grundlage bildet das populäre neapolitanische Lied Cicerenella (»Kleine Kicher-Erbse«, ein Kosewort) aus dem 18. Jahrhundert, das Raff jedoch erst nach einer mächtigen Presto-Einleitung bringt. In den kurzen Veränderungen wechseln moderate und rasche Tempi, deren Abfolge einen nahtlosen erzählerischen Verlauf ergibt. Der Gang der Dinge kommt vorübergehend in dem delikaten Larghetto der zehnten Variation zur Ruhe und findet in einem Prestissimo-Finale seinen Abschluss. Das Werk entstand Anfang 1871 und gehört somit in die Zeit der ersten Italienreise, in deren Verlauf Raff zu etlichen Werken angeregt wurde—darunter als bedeutendste Schöpfung die Italienische Suite für Orchester.

Zeitgleich mit La Cicerenella sind zwei liebenswerte Stücke entstanden, die Raffs Opus 166 bilden: die lyrische Idylle und die verführerische Valse champêtre. Die entzückende, meditative Idylle ist ein Andante in C-dur, das den Melodiker Raff in den Vordergrund stellt, wohingegen die Valse (Allegro Des-dur) ungeachtet ihres sanften, entspannten Zaubers für unvorsichtige Pianisten ein Minenfeld bereithält. Die drei Sätze op. 165 und op. 166 erschienen 1872, fanden aber anscheinend keinen sonderlichen Anklang.


Mark Thomas
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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