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GP654 - RAFF, J.: Piano Works, Vol. 5 (Tra Nguyen)
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Joachim Raff (1822–1882)
Klaviermusik • Folge 5

 

Joseph Joachim Raff genoss einst ein solches Ansehen, dass er in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts vielfach als der bedeutendste Symphoniker seiner Zeit galt. Der in der Schweiz geborene Sohn eines deutschen Vaters und einer Schweizer Mutter gab seine verheißungsvolle Karriere als Lehrer auf, um sich der Komposition zu widmen, womit er, obwohl ihm Felix Mendelssohn zugeraten hatte, in große finanzielle Schwierigkeiten geriet. Ein weiteres Idol seiner jungen Jahre war Franz Liszt, der einen dauerhaften Einfluss ausüben sollte: Um einen Klavierabend des großen Virtuosen hören zu können, wanderte Raff im Jahre 1845 zwei Tage durch strömenden Regen bis nach Basel. Liszt war von dem jungen Mann so beeindruckt, dass er ihn mit sich nahm, als er wieder nach Deutschland ging, und dem Mittellosen bei der Arbeitssuche in Köln und Hamburg behilflich war. 1849 gab Liszt seine Konzertkarriere auf, um sich aufs Komponieren zu konzentrieren, und er lud seinen Schützling ein, zu ihm nach Weimar zu kommen, wo Raff denn auch von 1850 bis 1856 seinem Haushalt als Sekretär angehörte. Obwohl die Beziehung—nach Raffs Ansicht wegen der überwältigenden Persönlichkeit seines Mentors—allmählich gespannter wurde, entdeckte der junge Musiker in Weimar dennoch seine eigene Stimme, die ihn schließlich zwischen der relativ konservativen Mendelssohn-Schumann-Tradition und dem revolutionären Liszt-Wagner-Lager plazierte. Nach und nach überwand der reine Autodidakt Raff die Armut der frühen Zeit, die ihn in Weimar sogar einmal wegen seiner Schulden kurz ins Gefängnis gebracht hatte. Während der nächsten einundzwanzig Jahre konnte er in Wiesbaden ein bescheidenes Leben als freischaffender Komponist führen, da er selbst unterrichtete, seine Frau als Schauspielerin ein eigenes Einkommen hatte und auch die immer erfolgreicheren Kompositionen etwas abwarfen. Der Durchbruch kam 1863, als Raff mit seiner ersten Symphonie und einer Kantate wichtige Preise gewann. Seither fand er immer größere Anerkennung, bis er 1877 in Frankfurt am Main Gründungsdirektor des späterhin sehr angesehenen Hoch’schen Konservatoriums wurde. Damals wie heute kannte man ihn vor allem als Symphoniker, doch er betätigte sich auf fast allen musikalischen Gebieten. Sein Werkverzeichnis enthält eine Fülle an Opern, Chorwerken, Kammermusik und Liedern, wobei sein größter Schaffensbereich die Klaviermusik darstellte: Raff schuf mehr als 130 Werke für das Instrument, von denen viele aus mehreren Sätzen oder Nummern bestehen.

Die zwölf Klavierstücke der Blätter und Blüten op. 135 schrieb Raff 1866 in Wiesbaden—unmittelbar nach dem Erfolg seiner ersten Symphonie, durch den er die nationale Berühmtheit geworden war, die er bis zum Ende seines Lebens bleiben sollte. Die zwölf Charakterstücke illustrieren die sogenannte »Sprache der Blumen«, die sich damals einer besonderen Beliebtheit erfreute, da sie es ermöglicht, menschliche Stimmungen, Aussagen und Attribute emblematisch, mithin »durch die Blume« zu bezeichnen. Wie vertraut Raff mit diesen Vorstellungen war, verraten seine sechs Lieder namens Blumensprache op. 191 auf entsprechende Gedichte von Gustav Kastorpp.

Die Blätter und Blüten zeigen deutlich den Meister, der mit wenigen Strichen seine Stimmungen und Farben zu entfalten weiß, während jedes der kurzen, eleganten Stücke zugleich auf Raffs unverwechselbarem Talent für dankbare und einprägsame Melodien basiert. Rund ein Dutzend derartiger Kollektionen hat er im Laufe seiner Karriere für Klavier geschrieben, wobei er stets eine delikate Aussage mit erheblichen pianistischen Ansprüchen verband. Das Opus 135 wurde 1867 in vier Heften veröffentlicht. Außerdem richtete Raff eine Version für Klavier zu vier Händen ein.

Das Epheu, ein zartes Andantino in G-dur, ist eine stillvergnügte Beschwörung ehelicher Treue, wenngleich der aufgeregtere Mittelteil an einen unerwarteten Streit könnte denken lassen. Es folgt das recht karge Larghetto As-dur der Cypresse—ein Ausdruck der Trauer, der im Mittelteil den Charakter großer Beklommenheit annimmt. Mit dem letzten Stück des ersten Heftes, der Nelke, beleben sich die Geister wieder, denn Raff zeichnet die stolze Schönheit mit einem selbstsicheren g-moll-Presto, das eine würdevollere, langsamere Passage in Dur unterbricht.

Das zweite Heft beginnt mit einem lichten, lebhaften Allegro vivace in Es-dur, das Ruhm und Ehrgeiz des Lorbeers ausdrückt. Der meditativ kontrastierende Mittelteil steht in der Tonart H-dur. Für die Rose und ihre reine Schönheit erfand Raff, wie nicht anders zu erwarten, eine lieblich-kantable Melodie: Dieses Andantino, non troppo lento in C-dur ist das kürzeste Stück der Sammlung. Die Glückseligkeit setzt sich im Frohsinn des Vergissmeinnicht fort—einem Allegro grazioso in B-dur, das in den süßen Gesang des G-dur- Mittelteils hinübersinkt, bevor der unbekümmerte Anfang wiederholt wird.

Die Reseda steht am Anfang des dritten Heftes: ein niedliches Allegretto in C-dur, dessen Zögerlichkeit nur zu verständlich ist, da diese Blüte das zweifelhafte Kompliment ausdrückt, wonach »deine Qualitäten deine Reize übertreffen«. Die Lubine oszilliert in einem nachdenklichen Andante zwischen H-dur und h-moll, während der recht mutlose Tonfall eine Folge der Unersättlichkeit ist, für die diese Blume steht. Das anschließende F-dur- Allegro symbolisiert in seiner unterkühlten Haltung die Verlassenheit, die aus der Animone spricht.

Nach den pessimistischen Stücken des dritten Heftes sind die drei Nummern des letzten Bandes zuversichtlicher gestimmt. Das Immergrün ist ein quirliges, fröhliches Allegretto in a-moll mit einem warmherzig-lyrischen Mittelteil: ein schönes Bild der jungen Liebe, deren Fortdauer man sich mit dieser Blume wünscht. Das nachfolgende Allegretto pastorale (quasi Andantino) gilt dem Maiglöckchen und somit der Wiederkehr des Glücks, dessen einfache, stille Zufriedenheit von einer glühenden, geschmackvoll ornamentierten B-dur- Melodie beschworen wird. Die abschließende Kornblume—wiederum dreiteilig wie die meisten Stücke der Kollektion—stellt den kecken Presto-Episoden in C-dur einen langsamen a-moll-Mittelteil gegenüber, dessen raffinierte Lyrik das Zartgefühl repräsentiert, das mit der Kornblume ausgedrückt wird.

Die Grande Sonate pour le Piano aus dem Jahre 1881 gehört zu Raffs großen Werken. Insgesamt dreimal hat er sich mit dieser Gattung auseinandergesetzt: zunächst im Jahre 1844 mit einem frühen Versuch, dann 1871 mit der kompakten, einsätzigen Fantasie-Sonate op. 168 (sie ist auf der zweiten CD unserer Serie als GP 612 erhältlich), und endlich mit dem hier eingespielten Werk aus der letzten Lebenszeit. Sowohl die erstgenannte als auch die späte Sonate gehorchen der konventionellen Viersätzigkeit. Verwirrend ist, dass beide nicht nur die Tonart es-moll, sondern auch die Opuszahl 14 miteinander teilen. Man könnte also vermuten, dass das letzte Stück eine bloße Revision der alten Sonate ist—doch tatsächlich handelt es sich um eine völlig andere Komposition, die mit ihrer älteren Schwester nichts als den Titel und die Tonart gemein hat. Zum Verständnis dieser Situation ist es nötig, in das Jahr 1844 zurückzukehren, in dem die Freunde den damals zweiundzwanzigjährigen Schullehrer Raff überredeten, Felix Mendelssohn ein Paket mit seinen Kompositionen zu schicken und den großen Komponisten um sein Werturteil zu bitten. Der Empfänger war beeindruckt und riet dem jungen Mann, sich ganz der Musik zu verschreiben. Zudem empfahl er die Klaviersachen—darunter die jüngst vollendete »erste« es-moll-Sonate—seinen eigenen Verlegern Breitkopf & Härtel, die sie bereitwillig unter den Opuszahlen 2 bis 14 herausbrachten. Obwohl sich Robert Schumann in einer Rezension für die Musik begeisterte, machte die Firma mit dem unbekannten Komponisten kein gutes Geschäft und veröffentlichte bald dreißig Jahre nichts mehr von ihm. In den frühen siebziger Jahren hatte Raff jedoch die Höhe seines Ruhms erreicht, worauf der Leipziger Verlag beschloss, das zweite Heft der Douze Romances op. 8 neu aufzulegen (Folge 4 dieser Serie—GP653). Aufgrund des Verkaufserlöses schlug Breitkopf jetzt vor, Raffs Jugendwerke wieder herauszubringen, worauf der Gefragte allerdings erwiderte, dass er sie lieber allesamt völlig neu schreiben wolle. So entstanden zwischen 1876 und 1882 die Stellvertreter für neun der ursprünglichen dreizehn Opera, wobei Raff nicht nur die alte Opuszahl und einen zumindest ganz ähnlichen Titel, sondern oft genug auch die alte Tonart beibehielt. Das bei weitem bedeutendste dieser Werke ist die Grande Sonate pour le Piano, mit der sich Raff im Oktober und November 1881 befasste. Es sollte seine vorletzte Klavierkomposition werden. Die posthume Veröffentlichung erfolgte noch in Raffs Todesjahr 1882.

Mit einer Spieldauer von 35 Minuten bewegt sich Raffs späte Grande Sonate pour le Piano in symphonischen Dimensionen. Den Allegro-Kopfsatz in es-moll umgibt eine rauhe Würde, die sich im wesentlichen zwar an der erwartungsgemäßen Sonatenform ausrichtet, dabei aber eine für Raff eher untypische Episodengliederung aufweist, worin dicht-polyphonische und homophone Passagen einander kontrastierend gegenübertreten. Mit seiner charakteristischen melodischen Stärke garantiert der Komponist derweil dem Publikum die nötige Kontinuität. In es-moll steht auch das tumultuöse, kurze Allegro molto, das ebenso pianistisch angelegt ist wie alle anderen Sätze des Werkes. Der lyrische Mittelteil ist erneut typischer Raff.

Das Gravitationszentrum der Sonate ist das klangvolle Larghetto in H-dur. Eine reuevolle Ehrfurcht dominiert die langen, schleppenden Melodien, die ein strafferer und lebhafterer Mittelteil unterbricht, bevor der erste Abschnitt in modifizierter Gestalt wieder aufgegriffen wird. Das gutmütige Allegro-Finale in Es-dur vermeidet die überreiche Kontrapunktik der voraufgegangenen Sätze. Dennoch kann sich Raff ein ausgedehntes Fugato nicht verkneifen—womöglich ein leiser Gruß an die Fuge, mit der das ursprüngliche Opus 14 zu Ende ging. Seine Finalsätze hat Raff oftmals nicht als Höhepunkte seiner Werke angelegt. Sie dienen ihm vielmehr zur Entschärfung der vorher erzeugten Spannungen, und so erlebt man jetzt auch weniger einen Triumph als eine Katharsis und den geglückten philosophischen Schluss eines Stückes, mit dem sich Joachim Raff in komplexen, oft düsteren Strukturen vom Klavier verabschiedete.


Mark Thomas
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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