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GP656 - CRAMER, J.B.: Air Anglo-Calédonien Varié / Piano Sonatas, Op. 25, No. 2 and Op. 27, No. 1 / La Gigue (Napoli)
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Johann Baptist Cramer (1771–1858)
Klaviersonaten

 

Die Aktivitäten der Musikerfamilie Cramer erstrecken sich über mehrere Jahrhunderte. Der bekannteste von allen, Johann Baptist Cramer, wurde am 24. Februar 1771 in Mannheim geboren. Sein Großvater Jakob war einst aus seiner schlesischen Heimat in die kurpfälzische Metropole gekommen, in deren berühmten Hoforchester er zunächst als Paukist und dann als Geiger sowie als Kopist eine Anstellung fand. Der ältere Sohn Jakobs, wie der nachmalige Enkel Johann Baptist geheißen, widmete sich ähnlichen Tätigkeiten, und auch dessen Söhne Franz-Seraph und Gerhard Cramer dienten als Paukisten—nunmehr allerdings in München, da sich der kurfürstliche Hof 1778 an die Isar begeben hatte.

Jakob Cramers jüngerer Sohn Wilhelm wurde am 2. Juni 1746 in Mannheim geboren und war Schüler von Johann Stamitz, der das Mannheimer Orchester begründet hatte. Außerdem lernte er bei Domenico Basconi und Stamitzens Amtsnachfolger Christian Cannabich. Besagter Wilhelm Cramer saß bereits mit zehn Jahren als Geiger in der Kapelle des Kurfürsten und machte sich später in der nämlichen Profession sowie als Komponist auch über die Grenzen der Region hinaus einen Namen: Er bereiste die Niederlande und Deutschland, hielt sich im Gefolge des Herzogs Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken, der alles daransetzte, ihn aus Mannheim wegzulocken, längere Zeit in Paris auf. Dort nahm er die französische Sängerin und Harfenisten Angélique Canavas zur Frau, mit der er 1772 vermöge eines von Mannheim genehmigten Urlaubsantrags nach England ging. In London konnte man Cramern bei den Konzerten von Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel hören, und hier vermochte er sich nicht allein als Virtuose und Konzertmeister, sondern auch als Komponist dergestalt zu etablieren, dass sich Ihre Majestät, die englische Königin Charlotte, höchstselbst dafür verwandte, ihm seinen endgültigen Abschied von Mannheim zu ermöglichen. Nachdem seine Frau den Pocken zum Opfer gefallen war, verehelichte sich Wilhelm Cramer mit der irischen Sängerin Mary Maddan. Nach wie vor präsentierte er sich als Geiger: Noch 1791 kam er nach Amsterdam, und in den frühen Neunzigern spielte er eine führende Rolle bei den Konzerten, die Joseph Haydn in England gab. Wilhelm Cramer starb am 5. Oktober 1799.

Johann Baptist Cramer der Jüngere, der sich als Pianist einen überragenden Namen machen sollte, war nun also der ältere Sohn aus Wilhelm Cramers erster Ehe. Mit drei Jahren hatten ihn seine Eltern nach London gebracht, wo er als zehnjähriges Wunderkind seinen ersten Auftritt hatte und drei Jahre später (1784) mit Muzio Clementi, dessen Unterricht er zeitweilig genoss, eine Sonate für zwei Klaviere exekutierte. Nachdem er die Anfangsgründe bei seinem Vater gelernt hatte, kam Johann Baptist zu Johann Schroeter in die Lehre (dessen Witwe nachher übrigens Joseph Haydns Londoner Visiten versüßte). Weitere Unterweisungen erhielt der junge Cramer durch Carl Friedrich Abel, indessen seine Kontrapunktstudien auf Friedrich Wilhelm Marpurgs und Johann Philipp Kirnbergers Schriften fußten. 1788 unternahm Johann Baptist Cramer seine erste Europatournee, die ihn nach Paris und Berlin führte. In London wurde er derweil als führender Clavierspieler der Gegenwart und als erfolgreicher Lehrer bekannt. Im Zuge seiner zweiten Kontinentalreise kam er 1799 nach Wien, wo er sich mit Beethoven anfreundete: Man schätzte sich offenbar gegenseitig, jener diesen als großartigen Improvisator und dieser jenen ob seiner pianistischen Fertigkeiten. Ein weiteres Mal hielt sich Cramer von 1816 bis 1818 in Wien auf. Man liebte vor allem die Sensibilität seines singenden Klavierspiels, das die nächste Pianistengeneration stark beeinflussen sollte. Weitere Fahrten brachten Cramer nach München und wieder nach Wien (1835). Außerdem verbrachte er etliche Jahre in Paris, ehe er 1848 endgültig nach London zurückkehrte. Am 16. April 1858 endete ein langes Leben, das zu Mozarts Zeit begonnen und sich bis zu dem Tastenlöwen Franz Liszt erstreckt hatte, der mit Cramer 1841 selbst im Duett musizierte. Der fleißige Mann war nicht nur als Komponist, sondern auch als Musikverleger und Klavierhändler tätig gewesen: Seine geschäftlichen Beziehungen wirkten noch bis weit ins 20. Jahrhundert fort.

An Anglo-Caledonian Air, with Variations for the Piano-forte wurde im August 1812 in dem Londoner Monthly Magazine angekündigt. Cramer widmete das Werk »Miss Baillie in der Grosvenor Street«, bei der es sich vermutlich um die Dichterin und Bühnenautorin Joanna Baillie handelte. Das Magazin vermeldet das Erscheinen der Air and Variations mit anerkennenden Worten: »Herr Cramer hat in der gegenwärtigen Ausgießung seines Genies eine Etüde für das Pianoforte produziert, woraus der angehende Praktiker gleichermaßen viel Vergnügen wie Vorteil ziehen wird. Der generelle Stil dieser Musik ist blühend, frei und spielerisch; alles wird dem Thema abgewonnen, das zwar nicht eben lieblich, aber doch von beträchtlicher Anziehungskraft ist, und die gesamte Wirkung entspricht den seit langem bekannten Talenten des Komponisten«. Auch Marmontel betont in seiner französischen Ausgabe von 1817 den pädagogischen Nutzen, der sich aus dem Studium des Werkes ziehen lässt. Die Introduction endet mit einem kadenzartigen Aufschwung, an den sich das Thema in D-dur anschließt, das auch in seinen neun Variationen da capo wiederholt wird. Die fünfte Veränderung steht in der Molltonika, und die siebte ist ein Andante espressivo, dessen Kadenz zu der Coda führt.

Die Sonate D-dur op. 25 Nr. 2 ist die mittlere einer dreiteiligen Veröffentlichung. Sie ist der »Baronne de Kloest, née Jacobi« gewidmet und entstand 1801, als Freiherr von Kloest als preußischer Botschafter in London weilte. Der erste Satz—Allegro spiritoso – steht im Sechsachteltakt und ist in einer deutlichen Sonatenform gehalten. Das munter punktierte erste Thema erreicht vorschriftsmäßig das Nebenthema in der Dominanttonart A-dur. Gleichermaßen vorschriftsmäßig wird die Exposition wiederholt, und die zentrale Durchführung schickt sich an, verschiedene Tonarten zu erforschen, bevor mit der Reprise das erste Thema wiederkehrt. Der zarte Singsang des nachfolgenden Andantino con moto in G-dur weicht im Mittelteil des Satzes einem Abstecher nach e-moll. Den Abschluss bildet ein Rondo quasi presto von größerem Elan und Überschwang; auffallend ist der Gebrauch der acciaccature, der »kleinen« Noten, mit denen das Finale beginnt und endet.

La Gigue ist die letzte von drei Sonaten aus dem Jahre 1807, deren zwei Geschwister mit zusätzlichen Stimmen für Violine oder Flöte erschienen. Die G-dur-Sonate beginnt mit einer Variationsfolge, die zu einem Scherzo in Es-dur und seinem kontrastierenden B-dur-Trio führt. Die Sonate endet mit der lebhaften Gigue, der sie ihren Beinamen verdankt.

Die Sonate f-moll op. 27 Nr. 1 entstand 1802 und deutet eine andere musikalische Welt an. Sie beginnt mit einer langsamen, opernhaften Einleitung (patetico e lento), auf die ein dramatisches, vom punktierten Rhythmus des Hauptthemas beherrschtes Allegro mit seinem virtuosen Passagenwerk antwortet. Das gleichmäßig schreitende Andante con moto und sein unheilvolles Hauptthema münden in ein fröhliches Rondo-Finale, das ebenso wie die vorherigen Sätze ein wenig nach Beethoven klingt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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