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GP661 - HENSELT, A. von: Piano Works (Gallo)
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Adolf von Henselt (1814–1889)
Klavierwerke

 

Auf einem kleinen Steinsockel auf einem zentralen Platz in der mittelfränkischen Stadt Schwabach steht die Bronzestatue eines ernsten, spitzbärtigen Mannes im Schwalbenschwanz. Er sitzt mit erhobenen Armen vor einer Klaviatur, und seine Fingerhaltung lässt vermuten, dass er im nächsten Moment einen Akkord anschlagen wird. Eine kleine Gedenktafel erläutert uns, dass es sich bei diesem Herrn um den Pianisten und Komponisten Adolf von Henselt handel, der in der nämlichen Stadt am 9. Mai 1814 geboren wurde. Liszt lobte das unvergleichliche cantabile-Spiel des Kollegen, der zu der Galaxie pianistischer Sterne gehörte, die alle—wie Chopin, Schumann, Thalberg und natürlich Liszt selbst—ungefähr gleichen Alters waren.

Henselt hatte seinen Musikunterricht zwar auf der Geige begonnen, war aber schon bald auf das Klavier umgestiegen und machte darauf sensationell rasche Fortschritte. Schon als Kind fasste er eine starke, dauerhafte Zuneigung zu Carl Maria von Webers musikalischer Romantik. Nach seiner Ausbildung bei Johann Nepomuk Hummel in Weimar und bei Simon Sechter in Wien mied er zwei Jahre lang das Rampenlicht und perfektionierte seine einzigartige Technik—weite Akkorde nämlich ohne die Unterstützung des Haltepedals zu spielen. Angesichts der dauerhaften Schädigungen, die Robert Schumann seinen Händen durch seine Dehnungsübungen beibrachte, ist davon auszugehen, dass auch Henselt viel riskierte, als er so hartnäckig an seiner unverwechselbaren Technik arbeitete. Doch die Willenskraft musste sich wohl ausgezahlt zu haben, denn selbst Liszt soll gelegentlich erbleicht sein, wenn Henselt in bestimmten Momenten zum Draufgänger wurde.

Ungeachtet all dessen, was er auf den Tasten vermochte, litt Henselt stets unter schrecklichem Lampenfieber, und mit 22 Jahren kam es zum Nervenzusammenbruch. Man diagnostizierte übermäßige Anstrengung und Überarbeitung und riet ihm, einige Zeit kürzer zu treten. Er reiste also nach Carlsbad und hoffte, dass sich die Freuden des böhmischen Kurortes als Tonikum und Mittel der Erholung erweisen würden. Quellen des 19. Jahrhunderts behaupten, er habe hier Chopin kennengelernt, doch gibt es für diese These kaum wirkliche Indizien. In anderer Hinsicht sollte das Jahre 1836 freilich verheißungsvoll werden, denn Henselt begegnete Rosalie Vogel, der Frau eines Weimarer Hofarztes, die nach und nach einen solchen Eindruck auf ihn machte, dass sich zunächst die musikalische und dann auch die physische Seelenverwandtschaft offenbarte. Wie man sich vorstellen kann, war Dr. Vogel alles andere als begeistert. Doch er konnte nicht verhindern, dass sich das verliebte Paar im Herbst des nächsten Jahres vermählte.

1838 begab sich Henselt nach St. Petersburg. Hier beeindruckte er die Zarentochter Maria Pawlowna, die wie er bei Hummel studiert hatte. Seine neue Funktion als Hofpianist fiel mit einer regen kompositorischen Tätigkeit zusammen, die durch sein fortwährendes Glück mit Rosalie angetrieben wurde. Damals entstanden die beiden Etüden-Hefte op. 2 und op. 5. Dass die heutigen Konzertbesucher den Namen Henselt überhaupt noch kennen, ist einzig der sechsten Nummer des Opus 2 zu verdanken, die immer noch bedenklich im Repertoire einiger Solisten umherspukt. Dieses Stück mit dem »Si oiseau j’étais, à toi je volerais« bewegt sich in denselben Gegenden wie das deutsche Volkslied »Wenn ich ein Vöglein wär’ und auch zwei Flügel hätt’, flög’ ich zu dir«, dem sich Schumann mehrfach zugewandt hat. Übrigens stieß sich Schumann an den französischen Titeln dieser Études, deren Geist ihm so durch und durch deutsch erschien. Sicherlich verkannte er dabei, dass sich der leidenschaftlich für Rosalie entflammte Henselt womöglich des Französischen als der Sprache der Liebe und Romanze bedient hatte. Zudem sprachen natürlich auch kultivierte Russen gern Französisch, und Henselts Einfluss hatte sich inzwischen bereits in St. Petersburg bemerkbar gemacht. So könnte beispielsweise die zweite Etüde des Opus 2 »Pensez un peu à moi qui pense toujours à vous« (»Denke ein wenig an mich, wie ich stets an dich denke«) eine gewisse Anregung für Balakirews Grande Fantaisie über Russische Volkslieder gewesen sein. Die Etüde op. 2 Nr. 3 »Exauce mes voeux« (»Erfülle meine Begierden«) ist eine Studie in rasch absteigenden Akkordbrechungen, während die vierte Etüde des Heftes »Repos d’amour« (»Ruhe von Liebe«) wie ein Mendelssohn’sches »Lied ohne Worte« wirkt, indessen sie zugleich ein wenig an die mittlere der Trois Romances pour le piano erinnert, die Henselts Freundin und Kollegin Clara Schumann als ihr Opus 11 komponiert hat.

Von zwei Ausnahmen abgesehen, haben auch die Études op. 5 deskriptive Titel, die Henselt allerdings in seiner deutschen Muttersprache und nicht auf Französisch formulierte. Die wilde Arpeggienübung der dritten Etüde bezeichnet er als einen »Hexentanz«, in dem er Dezimspannungen verlangt. Das »Danklied nach Sturm«, die sechste Nummer, beginnt mit einem vollgriffig harmonisierten Choral, und das lediglich mit »Allegro con leggerezza« überschriebene neunte Stück ist eine chopineske Studie in rascher Fingerarbeit. Nicht ohne Grund sah Schumann in Henselt den »Chopin des Nordens«.—Aus dem Jahre 1838 stammt auch die Rhapsodie op. 4, deren zwei kontrastierende Abschnitte ursprünglich mit »Erinnerung und Freundschaft« betitelt waren.

In den kommenden Jahren verminderte Henselt die Zahl seiner öffentlichen Auftritte. Auch schrieb er weniger Musik. Zeitaufwendig waren vor allem der Unterricht am Zarenhof und die Reisen, die er in seiner Eigenschaft als Generalinspekteur der russischen Musikschulen und Lehrinstitute unternahm. Mit seinem Kollegen Anton Rubinstein war er wesentlich an der Gründung einer echt russischen Pianistenschule beteiligt, die Sergej Rachmaninoff später auf so bemerkenswerte Weise repräsentierte. Zu den charakteristischen Stücken, zu denen Henselt damals tatsächlich Zeit hatte, gehören die beiden Nocturnes op. 6. Das erste der beiden (»Moderato con molto agitatione« [sic!]) heißt »Schmerz im Glück«. Zehn ganz unterschiedliche Stücke bilden das Opus 10, dessen zweite Nummer, eine Etüde in Gestalt einer sanft wiegenden Barkarole, den passenden Titel »La gondola« trägt. Das Wiegenlied op. 45 aus dem Jahre 1840 ist Großherzogin Maria Nikolajewna gewidmet, der Tochter des Zaren Nikolaus I. und Gemahlin des Herzogs von Leuchtenberg, Maximilian de Beauharnais. In diesem entschieden schumannesken Schlaflied ist der Ausführende gehalten, das Pedal »jeden Takt mindestens 2 mal [zu] wechseln«.

1889 starb der inzwischen geadelte Adolf von Henselt in dem schlesischen Kurort Warmbrunn. Ein Nachruf in der Musical Times spricht von seinen zwei Englandreisen (1852 und 1867) und berichtet, er habe beim zweiten Aufenthalt auf öffentliche Auftritte verzichtet. Diese Zurückhaltung stützt die These, dass er sein chronisches Lampenfieber nie wirklich überwunden hat. Trotz dieses Handicaps und seines großen Arbeitspensums in Russland komponierte er in den fünfziger Jahren einige Werke—darunter die beiden graziösen Petites Valses op. 28, die Petite Romance in b-moll und die lyrische Valse mélancolique op. 36.

Dass sich Henselt mit bestimmten Orten identifizierte, erhellt aus den hier eingespielten Transkriptionen. Aus der Bearbeitung der Aufforderung zum Tanz spricht nicht nur die seit der Jugend ungebrochene Bewunderung Webers, sondern auch dieselbe dauerhafte Bindung an seine Wurzeln der deutsch-österreichischen Kultur, die in der Transkription eines Walzers von Johann Strauß I zu Tage tritt. Der musikalische Geschmack seiner Wahlheimat spricht schließlich aus der Romance russe op. 33b, die Henselt 1855/56 in Paris nach Alexandr Dargomyshkijs Lied Я всё ещё его люблю (»Ich liebe ihn immer noch«) verfaßte.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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