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GP664 - BAGDASARIAN, E.: Piano and Violin Music - 24 Preludes / Rhapsody / Nocturne (Ayrapetyan, V. Sergeev)
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Eduard Iwanowitsch Bagdasarjan (1922–1987)
Musik für Klavi er und Violine

 

Die Musik Armeniens erfreut sich einer langen, ruhmreichen Geschichte, die bis ins Mittelalter und noch weiter zurückreicht. Die weltlichen Wurzeln liegen im armenischen Hochland, wo man üblicherweise die volkstümlichen Lieder sang und wo die fahrenden Aschugen—die armenischen »Barden«—die Musik mit ihren traditionellen Instrumenten und ihrem Gesang von Ort zu Ort brachten. Das war zu der Zeit, als Armenien von den muslimischen Türken beherrscht wurde. Noch heute genießt der Aschuge Sayat Nova (um 1712–1795), der zum christlichen Priester geweiht wurde, als Dichter und Liedkomponist höchstes Ansehen. Die moderne armenische Musik hat oftmals die Tradition der Aschugen beschworen. Daneben besteht eine sehr alte Tradition geistlicher Gesänge, die ihre polyphone Ausprägung den Bemühungen von Komitas Vardapet (1869–1935) verdankte, dem entscheidenden Reformer und Bewahrer der geistlichen und weltlichen Musik Armeniens.

Im 20. Jahrhundert machten sich die armenischen Komponisten allmählich auch international einen Namen. Aram Chatschaturjan (1903–1978) wurde seit den dreißiger Jahren durch seine Konzerte, Ballette und Symphonien bekannt, und auch geborene Armenier, die—wie der produktive Amerikaner Alan Hovhaness—in der Diaspora lebten, weckten den Sinn für das reiche musikalische und kulturelle Erbe ihrer Heimat, das nicht auf dem europäischen Tonsystem basiert, sondern vielmehr aus verzahnten Tetrachorden besteht, die wie endlose Skalen wirken.

Zu den Schlüsselfiguren für die Entwicklung der armenischen Musik gehörte Eduard Iwanowitsch Bagdasarjan, einer der markantesten und meistgeachteten Künstler, die vor allem in ihrer Heimat wirkten, ohne sich um eine weltweite Reputation zu kümmern. Eine Generation jünger als Aram Chatschaturjan, wurde Bagdasarjan am 22. November 1922 in Eriwan geboren. Seine erste Ausbildung erhielt er in Tiflis. Dann kam er ans Konservatorium von Eriwan, wo ihn Giorgy Sardzhew, H.S. Kushniarow und V.G. Talian im Klavierspiel unterwiesen und Grigory Egiazarian sein Kompositionslehrer wurde. Seine Examensarbeit bestand in einer Symphonischen Dichtung. 1951 ging er nach Moskau, um sein Kompositionsstudium bei G.I. Litinsky und Nikolai Peiko im Haus der Armenischen Kultur fortzusetzen. 1953 nahm er an einer Expedition teil, die im armenischen Bezirk Sisian Volkslieder sammelte. Viele dieser Melodien verwandte er später in eigenen Kompositionen. Zunächst unterrichtete er Komposition an der Musikschule Romanos Melikian, dann wurde er Lehrer am Konservatorium. Während er sich allmählich mit seinen Werken für den Konzertsaal einen Namen machte, widmete er sich seit der Mitte der fünfziger Jahre zunehmend der Film-und Schauspielmusik, um schließlich auch für das Fernsehen zu komponieren, wobei er sich auf ein volkstümlicheres Terrain begab, ohne dass er seine niveauvolle musikalische Ausbildung kompromittiert hätte. (Unter anderem schrieb er die Musik zu Arman Manarjans Tzhwzhik, der 1961 als erster Film überhaupt in westarmenischer Sprache gedreht wurde und als Klassiker gilt.) In den sechziger Jahren war Bagdasarjan Abteilungsleiter für Instrumental-und Popmusik beim Armenischen Rundfunk, und viele seiner Lieder wurden weithin bekannt. Seine Prominenz im eigenen Lande machte ihn zu einem echten Botschafter der armenischen Musik: Als solcher trat er viele Male in den anderen Sowjetrepubliken sowie in Polen, im Libanon und andernorts auf den Plan. Der »Verdiente Künstler der Armenischen SSR« war überdies häufig als Juror sowjetischer Klavier-und Kompositionswettbewerbe tätig. Er starb am 5. November 1987 in seiner Heimatstadt Eriwan.

Bagdasarjan hat sich auf fast allen kompositorischen Gebieten betätigt (sein Ballett Schach (1960) und sein Klavierkonzert (1978) gehören zu seinen bekanntesten Werken), doch seine besondere Bedeutung zeigt sich in seiner Musik für Klavier. Schon als Student verriet er ein Talent für brillante, charakteristische Präludien, und einige dieser frühen Stücke fanden ihren Weg in den großen Zyklus der Vierundzwanzig Préludes. Diese entstanden als vier sechsteilige Hefte (1951, 1953, 1954 und 1958) und wurden 1961 erstmals veröffentlicht. Bagdasarjan bringt in seinen Préludes sämtliche Dur-und Molltonarten, die er nach einem klassischen Schema im doppelten Quintenzirkel anlegt: Die ungeradzahligen Stücke beschreiben den Kreis der zwölf Durtonarten (C, D, G …), während die geradzahligen Sätze in der jeweils entsprechenden Mollparallele stehen (a, e, h …). Im Rahmen dieses generell »europäischen« Tonartenplans spielt Bagdasarjan jedoch ständig auf armenische Modi an—vor allem in dem komplizierten, verwickelten Figurenwerk, das den Préludes ihren verhaltenen, »orientalischen« Charakter verleiht. Diese Tendenz tritt bereits im Prélude Nr. 1 C-dur hervor.

In den Préludes zeigen sich überdies vielerlei Methoden und Charakteristika sowie unterschiedlichste pianistische Merkmale: Praktisch jedes Stück verlangt einen Kommentar, wobei hier nur der Raum ist, um auf einige der Sätze einzugehen. Das winzige Prélude Nr. 2 ist eines der Tanzlieder, die sich verschiedentlich in dem Zyklus finden, während die Nummer 4 eine äußerst anspruchsvolle Toccata darstellt. Als Meister der expressiven Kontraste erweist sich Bagdasarjan unter anderem, wenn er dem episch-romantischen Prélude Nr. 6—einem der Höhepunkte des gesamten Zyklus, der die weite Landschaft Armeniens zu beschwören scheint und auch separat gespielt werden könnte—die verspielte, jazzige Nummer 7 folgen lässt, in deren Mittelteil gewissermaßen auf die große Trommel geschlagen wird. Einen weiteren, geradezu altertümlichen Kontrast bildet das Prélude Nr. 9, bei dem es sich um ein Menuett handelt. Gekonnt weiß der Komponist auch einzelne, charakteristische Figuren durch Kaleidoskope fantastischer Zusammenhänge zu führen (ein vorzügliches Beispiel sind die magischen, frei dahinströmenden Außenteile des Prélude Nr. 11, die einer sehr soliden, marschartigen Idee begegnen). Oft führt ein erster Gedanke zu etwas Unerwartetem—wie etwa im Falle des Prélude Nr. 14, in dessen dramatischem und passionierten Mittelteil Figurenwerk à la Ravel dahinströmt. Ähnliches geschieht im Prélude Nr. 20, worin uns eine unschuldige, volksliedartige Weise zu einem rhetorisch intensiven Mittelteil führt. Nach der winzigen Miniaturtoccata (Nr. 23) endet der Zyklus nicht mit einer grandiosen Geste, sondern mit einem Prélude, das auf besonders eindringliche Weise den armenischen Gesang zu beschwören scheint.

Insgesamt erweist sich Bagdasarjan in seinen Vierundzwanzig Préludes als Meister der Miniatur. Demgegenüber ist die Rhapsodie für Violine und Klavier, die auch in einer Fassung für Violine und Orchester existiert, ein ambitionierteres Werk. Die mitunter auch als »Armenische Rhapsodie« betitelte Komposition aus dem Jahre 1958 ist von großer Stimmungsvielfalt und gliedert sich deutlich in mehrere Abschnitte. Nach einer geheimnisvollen Einleitung tritt die Violine mit einer leidenschaftlichen Klage ins Rampenlicht. Ein kadenzartiges Verströmen führt zu einem elegischen, melancholischen Thema von großer expressiver Intensität, bevor eine allmähliche Temposteigerung mit einer reich ornamentierten Violinstimme zum plötzlichen Ausbruch eines wilden Tanzes führt, der den weiteren Verlauf des Werkes beherrscht. Bereits erklungene Themen werden in neuen, rhythmisch belebten Zusammenhängen aufgegriffen. Eine ekstatische Klimax löst sich geheimnisvoll in einer Ganztonleiter auf.

Das Nocturne A-dur für Violine und Klavier entstand ein Jahr vor der Rhapsodie und unterstreicht, wie diese, die Fertigkeit des Komponisten im Umgang mit der Geige. Hier haben wir ein beinahe erzromantisches Stück vor uns, das auf einer weitgespannten, kantablen Melodie beruht. Dieses Stück ist nicht so unverkennbar »armenisch« wie die anderen Werke dieser CD: Es ist ein Beitrag zur großen Tradition russischer Adagio-Sätze, und seine Beliebtheit beruht offensichtlich auf seiner ausgezeichnet gestalteten Oberfläche.


Malcolm MacDonald
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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