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GP665 - ABRAMIAN, E.: 24 Preludes (Ayrapetyan)
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Eduard Abramjan (1923–1986)
Vierundzwanzig Préludes

 

Die Musik Armeniens erfreut sich einer langen, ruhmreichen Geschichte, die bis ins Mittelalter und noch weiter zurückreicht. Die weltlichen Wurzeln liegen im armenischen Hochland, wo man üblicherweise die volkstümlichen Lieder sang und wo die fahrenden Aschugen—die armenischen »Barden«—die Musik mit ihren traditionellen Instrumenten und ihrem Gesang von Ort zu Ort brachten. Das war zu der Zeit, als Armenien von den muslimischen Türken beherrscht wurde. Noch heute genießt der Aschuge Sayat Nova (um 1712–1795), der zum christlichen Priester geweiht wurde, als Dichter und Liedkomponist höchstes Ansehen. Die moderne armenische Musik hat oftmals die Tradition der Aschugen beschworen. Daneben besteht eine sehr alte Tradition geistlicher Gesänge, die ihre polyphone Ausprägung den Bemühungen von Komitas Vardapet (1869–1935) verdankte, dem entscheidenden Reformer und Bewahrer der geistlichen und weltlichen Musik Armeniens. Im 20. Jahrhundert machten sich die armenischen Komponisten allmählich auch international einen Namen. Aram Chatschaturjan (1903–1978) wurde seit den dreißiger Jahren durch seine Konzerte, Ballette und Symphonien bekannt, und auch geborene Armenier, die—wie der produktive Amerikaner Alan Hovhaness—in der Diaspora lebten, weckten den Sinn für das reiche musikalische und kulturelle Erbe ihrer Heimat, das nicht auf dem europäischen Tonsystem basiert, sondern vielmehr aus verzahnten Tetrachorden besteht, die wie endlose Skalen wirken.

Einer der Künstler, die vor allem in Armenien arbeiteten, ohne nach weltweiter Anerkennung zu streben, war der Komponist, Pianist und Lehrer Eduard Aslanowitsch Abramjan—eine der markantesten, meistgeachteten Persönlichkeiten und eine Schlüsselfigur in der Entwicklung der modernen armenischen Musik. Er wurde am 22. Mai 1923 in Tiflis geboren und schon bald als Frühbegabung gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Kinder am Staatlichen Konservatorium seiner Heimatstadt von dem bekannten Komponisten und Pädagogen Sergej Barkhudarjan unterwiesen. Die Schüler bildeten später den Kern einer zehnjährigen musikalischen Sekundarschule. Im Zweiten Weltkrieg musste Abramjan sein Studium unterbrechen und in einer Flugzeugfabrik arbeiten. Nachdem er mit einem Tschaikowsky-Preis ausgezeichnet worden war, bestand er 1950 die Kompositions- und Klavierprüfungen des Staatlichen Konservatoriums mit Auszeichnung.

1960 ging Abramjan nach Eriwan, um von 1961 bis 1982 am Konservatorium der Stadt zu unterrichten (seit 1980 als Professor). In diesen Jahren engagierte er sich stark für den Armenischen Komponistenverband, wodurch sich ihm vorteilhafte Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten eröffneten. Überdies nahm er über 150 Mal an Treffen armenischer Komponisten mit Arbeitern aus entlegenen Regionen der Republik teil. So lernte er eine Fülle heimischer Volksmusik kennen. Eduard Abramjan starb mit 63 Jahren in Eriwan.

Als brillanten Pianisten konnte man Abramjan in Solorecitals sowie in Konzerten mit Orchester und Kammermusik hören. In seinem Schaffen überwiegen zwar die Klavierwerke, doch schrieb er daneben auch die Musik zu mehr als einem Dutzend Bühnenwerke sowie die Tänze für Symphonieorchester (1952), die symphonische Dichtung Meiner Heimat (inspiriert durch das gleichnamige Gedicht von Avetik Isaakjan) und die Ode an die Freundschaft (1958) auf Gedichte von Villi P. Arutjunjan und Gabriel El-Registan. Dazu kommen zahlreiche Lieder auf Worte dieser und anderer Dichter, Unterrichtsstücke für Kinder und eine Reihe konzertanter Stücke wie etwa Tanz und Lied für Balalaika und Orchester (1956). Gleichwohl beruht seine Reputation vor allem auf der Musik für Klavier. Abramjan schrieb unter anderem zwei Klavierkonzerte (1950, 1953), eine große Sonate (1954) und als sein womöglich wichtigstes Werk für das Instrument die Vierundzwanzig Préludes, deren Nummern 1–6 schon 1952 erschienen, bevor zwanzig Jahre später (1972) der komplette Zyklus herauskam.

Diese Préludes gestatten einen faszinierenden Vergleich mit den beinahe gleichaltrigen Vierundzwanzig Préludes, die Eduard Bagdasarjan in den Jahren 1951–58 komponiert hat (und die auf Grand Piano GP664 veröffentlicht wurden). Auch Abramjan scheint auf den ersten Blick den Kreis der Dur- und Molltonarten auszuschreiten. Doch während Bagdasarjan nach einer genauen Struktur die zwei Quintenzirkel dergestalt miteinander verschränkt, dass immer einer Dur-Tonart die entsprechende Moll-Parallele folgt, ist bei Abramjan ein solcher Bauplan nicht zu finden. Hier herrscht eine Spontaneität, in der die Tonartenwechsel vor allem dem Bedürfnis nach dramatischen Stimmungs- und Farbkontrasten gehorchen. Tatsächlich werden wir im Verlauf des Zyklus feststellen, dass der Komponist nicht sämtliche vierundzwanzig Tonarten verwendet, sondern einige wiederholt. (Es gibt beispielsweise zwei Préludes in es-moll.) Beide Préludes-Sammlungen sind der Tonalität verpflichtet, die Abramjan jedoch durch chromatische Elemente oder auch gelegentliche Überlagerungen so deutlich erweitert und dehnt, dass oft eine Harmonik von beträchtlicher Komplexität entsteht.

Man hat Abramjan oft als einen »Romantiker« bezeichnet, doch seine Romantik entsprang nicht dem nostalgischen Wunsch, wieder ins 19. Jahrhundert zurückzukehren, sondern vielmehr dem Streben, die Stilistik jener Epoche den Materialien und Zielsetzungen der Gegenwart anzupassen. So klingt zum Beispiel das Prélude Nr. 6 cis-moll nach Borodin und Rachmaninoff, während Abramjan gleichzeitig (wie Bagdasarjan) die Figuren und Farben der armenischen Volksmusik einsetzt. Im Gegensatz zu seinem Kollegen liebt er jedoch die grandiosen Gesten, die den folkloristischen Stoff mit der ganzen Kraft und Intensität der Konzertmusik des 20. Jahrhunderts durchwirken. So dürfte sich auch erklären, warum Abramjans Préludes generell größer angelegt sind als Bagdasarjans Kreationen: Wo dieser ein brillanter Miniaturist war, unternahm es Abramjan, mit seinen Préludes die Grenzen der kleinen Form zu sprengen. Allein schon in der Bandbreite seiner satztechnischen Mittel, die er nicht nur von Prélude zu Prélude, sondern auch innerhalb der einzelnen Stücke verwendet, übertrifft er Bagdasarjan bei weitem, um gewissermaßen eine fortlaufende fantastische Erzählung zu erschaffen. Viele seine Titel sind von einer herrlichen, stürmischen Extravaganz gekennzeichnet: ob nun eine ergreifende Melodie von einer Flut wogender Figuren dahingetragen oder das Klavier in perkussiv-tokkatenartiger Manier behandelt wird, ob knifflige, orientalisch getönte fiorituren oder kraftvolle, zielstrebige Kontrapunktik dominieren.

Aus einem derart komplexen musikalischen Gefüge lassen sich kaum die Höhepunkte herausgreifen. Man könnte indes auf das eindringliche Prélude C-dur (Nr. 2) hinweisen, worin die getragene Melodie und die obstinate Motivwiederholung perfekt ausbalanciert sind; ferner auf die eloquenten Innenstimmen des ersten der zwei es-moll-Stücke (Nr. 4), ein elegisches »Wiegenlied«, das der Komponist der Erinnerung an seine Mutter widmete; das meditative, dem früheren Lehrer Sergej Barkhudarjan zugeeignete Prélude d-moll (Nr. 5); das ausgelassen tanzende fismoll-Prélude (Nr. 11); das poetisch eigensinnige Grave g-moll (Nr. 18); und das witzige, rhythmisch einfallsreiche, vom Jazz beeinflusste es-moll-Prélude (Nr. 23). Dieser beeindruckende Zyklus stellt sich nicht eigentlich als Ausdruck nationaler Empfindungen dar, sondern vielmehr als ein Ausbruch, in dem die Zeit nachklingt, als Russland und Armenien noch eins waren.


Malcolm MacDonald
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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