About this Recording
GP666 - HOFFMEISTER, F.A.: Keyboard Sonatas, Vol. 1 (Tzinlikova)
English  German 

Franz Anton Hoffmeister (1754–1812)
Sonaten für Klavier • 1

 

Franz Anton Hoffmeister zählt zu den „bekannten Unbekannten“ in der Musikgeschichte. Bekannt ist er als einer der Väter des Musikverlagswesens, welches im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert zur Hochblüte kam und bis heute nachwirkt. Große Musikverlage in Deutschland und Österreich führen den Schwaben aus Rottenburg am Neckar in ihrer Ahnengalerie. Sein „lieber Bruder“ Beethoven, aber auch Mozart, Haydn und viele andere Komponisten seiner Zeit verdankten viel seinem verlegerischen Weitblick, mit dem seine kaufmännische Begabung allerdings nicht immer Schritt halten konnte. „Brüder“ waren die Genannten im Geiste des Freimaurertum—„Brüder“ aber auch im musikalischen Ausdruck ihrer Zeit. Sein zwei Jahre jüngerer Freund Mozart widmete ihm 1786 ein Streichquartett, in D-Dur KV 499. Es ist ungerecht, Hoffmeister als nebenbei nette Musik komponierenden Geschäftsmann zu bezeichnen, noch dazu, wo er mehr visionärer Gründer als tüchtiger Händler gewesen ist. Ebenso greift es zu kurz, ihn als einen Kleinmeister unter vielen in der Schublade „Wiener Klassik“ abzulegen.

Franz Anton, das achte von elf Kindern, entstammte einer Familie von wohlbestallten Stadtbürgern. Unter seinen Ahnen finden sich Bürgermeister der Stadt Rottenburg. Schon als 14jähriger wurde er nach Wien geschickt, um Jura zu studieren, doch die Musik, besonders das Orgelspiel, gewann immer mehr die Oberhand. In der Kaiserstadt feierte er erste Erfolge mit phantasievollen Kompositionen. Seine erste Verlagsgründung war eine Pioniertat, aber auf Dauer nicht von finanziellem Erfolg gekrönt. Erst das 1800 in Leipzig gemeinsam mit Ambrosius Kühnel ins Leben gerufene „Bureau de musique“, heute C. F. Peters, wurde zum weltweit agierenden Verlag. Hoffmeister scheint sich aber in erster Linie doch als Komponist und Organist gesehen zu haben, denn nach der Etablierung des „Bureaus“ überließ er, nicht ohne Konflikte, schon 1805 die Firma seinen Mitarbeitern und kehrte in seine zweite Heimat Wien zurück, wo er 1812 hoch geachtet verstarb.

Symphonien, Streichquartette, Klarinettenkonzerte, Notturni—es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Hoffmeister-Aufnahmen. Was fehlt, ist ein wirkliches Verzeichnis seiner Werke. Immerhin hat Hoffmeister nicht nur mindestens 60 Symphonien und wahrscheinlich fünf Klavierkonzerte sowie das als „Pflichtstück“ sich um Orchesterstellen bewerbender Bratscher bekannte Violakonzert, sondern auch neun Opern geschrieben, von denen eine, „Der Königssohn von Ithaka“ auf ein Libretto von Emanuel Schikaneder, um 1800 ein veritables Erfolgsstück war. Da gibt es noch viel zu entdecken. Doch selbst die exakte Zählung und zeitliche Einordnung vieler Werke Hoffmeisters ist derzeit kaum möglich. Dies betrifft auch die rund 12 Klaviersonaten, die Sonatinen und weitere Klavierstücke.

Beim Anhören der Sonaten drängt sich allerdings die Zeit des jungen Beethoven in Wien, also die Jahre nach 1792, als möglicher Entstehungszeitraum auf. Hoffmeister bediente durchaus den Geschmack des Publikums im späten Rokoko, tat dies jedoch mit beachtlicher melodischer Inspiration, formaler Eleganz und harmonischem Können. Ohne die Tiefen der großen Kollegen ganz erreichen zu können, hat er die Untiefen seichter Salonunterhaltung souverän vermieden. Das eingängig heitere Hauptthema des Kopfsatzes der A-Dur-Sonate wird nicht nur kunstvoll moduliert, sondern auch mit ernsteren Seitengedanken kontrastiert. Im folgenden, langsamen, aber kaum gesanglichen, sondern erstaunlich zerklüfteten Satz scheint Beethoven deutlich anzuklopfen. Dabei bleibt Hoffmeisters Handschrift immer eigenwillig, erst recht im brillanten Finale.

Ebenso verspielt wie selbstbewusst beginnt die G-Dur-Sonate, in welcher die damals am Tasteninstrument mögliche Virtuosität—wir befinden uns ja mitten in der Epoche des Hammerklaviers—gekonnt ausgelotet wird. Eine Neigung zu schroffen Akzenten und jähen Stimmungseinbrüchen verblüfft auch hier, bis hin zu den lapidaren, harten Schlusstakten. Betont nachdenkliche Töne werden im Mittelsatz angeschlagen, in dem sich Idyllen stets als scheinbar herausstellen. Natürlich kannte Hoffmeister die „Sturm und Drang“-Musik Carl Philipp Emanuel Bachs mit ihren ständigen Überraschungsakkorden ebenso gut wie Joseph Haydns geistvollen Spielwitz, der in im Grunde fröhlichen Finalsatz eigentümlich nachklingt. Nicht zuletzt ist Hoffmeister zu jenen Komponisten zu zählen, die Wege in die Romantik eröffnet haben.

Kraftvolle Vitalität verströmt das abwechslungsreiche Allegro der B-Dur-Sonate, mit ernsthaft fragenden Akkorden zwischen hurtig dahin perlenden Läufen. In der Mitte des Satzes kommt es zu immer dramatischeren Entwicklungen, welche die gelöste Atmosphäre bis zum Ende bedrohen. Die späten barocken Anklänge des Mittelsatzes werden gleichsam zerlegt und neu zusammengebaut. Wie in allen drei Sonaten gibt es auch in diesem langsamen Satz kein gesangliches Schwelgen, sondern von Gegensätzen bewegte Theatralik, die aus einem Fundus konziser Kurzmotive gewonnen wird. Tänzerische Rhythmik leitet das vielschichtig formulierte Allegro-Finale nicht nur ein, sondern bestimmt es.

Von Hoffmeister sind eine ganze Reihe von Variationen für verschiedene Instrumente, etwa für Flöte oder Flötenquartett, überliefert. Die hier wie die Klaviersonaten erstmals eingespielten Klaviervariationen in C-Dur, offenbar über eine damals populäre Melodie, zeigen ihn als versierten Komponisten im besten klassischen Stil.


Gottfried Franz Kasparek


Close the window