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GP667 - HOFFMEISTER, F.A.: Keyboard Sonatas, Vol. 2 (Tzinlikova)
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Franz Anton Hoffmeister (1754–1812)
Sonaten für Klavier • 2

 

Noch immer zählt Franz Anton Hoffmeister (geboren 1754 in Rottenburg am Neckar, gestorben 1812 in Wien) zu den vielen Komponisten der Zeit der Wiener Klassik, die vom Schattenwurf der allbekannten Meister verdeckt werden. Eine monographische Darstellung seines Lebenswegs existiert (sieht man von einigen wenigen Aufsätzen und Lexikonartikeln ab) ebenso wenig wie ein bibliographisch umfassendes Werkverzeichnis, und die musikalische Praxis unserer Tage macht gemeinhin einen großen Bogen um sein Schaffen. Hoffmeister wird allenfalls registriert als ein gleichsam auswechselbares Stück von Mozarts Lebensumständen, die Nennung seines Namens hier und da rechtfertigen, als eine der vielen Personen, mit denen der Meister eben verkehrte oder verkehren musste, wobei die Neugier des späteren Betrachters sich auf Mozart richtet—Nebenpersonen sinken zur Fußnote herab, und manchmal wünscht man sich eine Geschichtsschreibung herbei, die Gewichtung schlicht umkehrt.

Als der gerade einmal 14-jährige Hoffmeister 1768 nach Wien aufbrach, so tat er dies nicht um der Musik Willen, sondern um die Rechte zu studieren. Dass er sich nebenbei mit Musik befasste, darf man annehmen, und es deutet manches darauf hin, dass jene Beschäftigung mehr und mehr die Überhand gewann. Der Beginn der 1780er Jahre, mithin die Zeit, als Mozart sich in der Donaumetropole zu etablieren suchte, ist gekennzeichnet durch einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung; vor allem Mitglieder des Adels und des Großbürgertums entfalteten einen enormen Luxusbedarf, der sich nicht nur auf die Textilindustrie und hiermit verwandte Wirtschaftszweige positiv auswirkte, sondern auch und in besonderem Maße auf die Musik. Sich in diesem Bereich nicht nur interessiert, sondern im weitesten Sinne auch aktiv zu zeigen, gehörte unabdingbar zum Selbstverständnis der gehobenen Gesellschaftsschichten hinzu, die freilich nicht ohne professionelle Unterstützung auskamen. Musikalische Ausbildung, ein sich ausdehnendes Konzertwesen und vor allem auch die Belieferung der musikhungrigen Liebhaberschaft mit immer neuen Musiziergut lagen in den Händen ungezählter Fachleute, unter denen sich Franz Anton Hoffmeister schon einen Namen gemacht hatte. Jedoch ging er einen Schritt weiter als seine vielen Kollegen: Er begründete zu Beginn des Jahres 1784 einen Musikverlag, und wissend, dass er sich mit diesem Schritt in Konkurrenz zur Firma Artaria begab, deren Monopolstellung auch aufgrund weit ausgebreiteter Handelsbeziehungen bis dahin unangefochten war, ersann er eine Geschäftsidee, die sich zumindest über einige Jahre hinweg als tragfähig erwies. Mit seinen 1785 begonnenen Pränumerationsreihen für Klavier, für Streicher-Kammermusik und für Flötenwerke gedachte er, die regelmäßige Versorgung seiner Kundschaft mit neuen Kompositionen aus eigener Feder, aber auch mit Werken von Mozart, Haydn, Dittersdorf, Pleyel, Vanhal und vielen anderen sicherzustellen. Dass er seinen ambitionierten und für Wien ungewöhnlichen Plan nur über rund zwei Jahre zu realisieren vermochte, sei ebenso nur am Rande erwähnt wie die Gründe hierfür, die sicherlich in einer gewissen Sorglosigkeit in geschäftlichen Dingen liegen; wichtiger ist die Tatsache, dass zumindest die meisten seiner Klaviersonaten im Zusammenhang mit jenem Vermarktungskonzept zu sehen sind und vermutlich zu diesem Zweck komponiert wurden.

Selbstzeugnisse in Form von Briefen und Tagebüchern, in denen Hoffmeister irgendwelche Gedanken hinsichtlich seiner Kompositionen formuliert hätte, existieren ebenso wenig wie Skizzen und Entwürfe. Auch wenn manches verlorengegangen sein mag, ist nicht davon auszugehen, dass er seine Ideen kommuniziert, lange mit sich herumgetragen und immer wieder umgeformt hätte, um—etwa in der Art, wie man es von Beethoven weiß—schließlich zu einem einmaligen, charakteristischen und unverwechselbaren Kunstwerk zu gelangen. Er musste auch nicht dokumentieren, dass er selbstverständlich wusste, wie man Sinfonien, Konzerte, Streichquartette oder Klaviersonaten schreibt; schließlich kannte er sein mit den Gattungskonventionen vertrautes Publikum, dessen Wünsche es zu befriedigen galt. Das Lösen kompositorischer Probleme, das Hinterfragen von formalen und inhaltlichen Normen, das Streben nach einer die Zeitgenossen möglicherweise vor den Kopf stoßenden Fortschrittlichkeit lagen nicht in seiner Absicht. Hierbei kann es gar nicht um die Beantwortung der Frage gehen, ob jene Intentionen, die man gerne (ausgehend von den später gewachsenen ästhetischen Normen) den bekannten Meistern seiner Zeit unterstellt, seine Fähigkeiten überstiegen hätten, da ein solcher Ansatz die historischen Gegebenheiten gründlich verkennen würde. Hoffmeisters kompositorisches Interesse lag in der Bestätigung der durchaus vielfältigen, aber auch bestimmten Normen unterworfenen musikalischen Alltagssprache. Auch seine Klaviersonaten repräsentieren jenen spezifischen Anspruch, der ebenso wenig als gering eingestuft werden darf wie derjenige, den das gebildete und wohlhabende und eben im eigentlichen Sinne anspruchsvolle Publikum an andere Luxusartikel richtete, die in gleicher Weise kunsthandwerkliche Meisterschaft erforderten und noch immer zeigen wie die Erzeugnisse der Tonkunst. Und ohne Zweifel stießen sie auf Gegenliebe—andernfalls wären nicht so viele handschriftliche Kopien von den Originalausgaben angefertigt worden und bis heute überliefert. Insgesamt verdienen Hoffmeisters Klaviersonaten als wertvolle kulturhistorische Dokumente wahrgenommen zu werden, die zudem noch in ihrer musikalischen Gestaltung abwechslungsreich, mithin auch noch heute spielens-und hörenswert sind.

Axel Beer, Mainz

Seine damalige Beliebtheit als Komponist dürfte Franz Anton Hoffmeister unter anderem der Tatsache verdankt haben, dass eine seiner Sonaten in die Select Collection of Choice Music for the Harpsichord or Pianoforte einging, die der aus Italien stammende Komponist, Impresario, Gesangslehrer und Verleger Domenico Corri (1746–1825) im Jahre 1790 für das schottische und englische Publikum veröffentlichte—eine gedruckte Publikation, die man bezeichnenderweise unter Jane Austens Noten in Chawton entdeckte. Hoffmeisters Sonaten sind mustergültige Beispiele für den Stil der Wiener Klassik, und sie sind in Formen gehalten, die diesen Stil nicht zuletzt für ambitionierte Amateure besonders annehmbar machten. Zu diesem Repertoire gehörten die Werke von Daniel Steibelt und Ignaz Pleyel, wenn nicht sogar kühnere Kreationen Beethovens.

Man hat die zwanzig bis sechsundzwanzig Sonaten, die Hoffmeister komponierte, auf die Zeit von 1785 bis 1803 datiert¹. Die drei ersten Sonaten der vorliegenden Aufnahme wurden ursprünglich zusammen in einem Heft publiziert. Die Sonate C-dur beginnt mit einem klassischen Sonatenallegro. Der zweite Satz besteht in einem Menuett mit Trio, und den Abschluss bildet ein lebhaftes Rondo. Die D-dur-Sonate beginnt mit kräftigen Akkorden, erlaubt in der Exposition ihres Kopfsatzes manch technische Zurschaustellung und bringt in ihrer zentralen Durchführung eine gewisse Dramatik. Das nachfolgende Poco adagio in der Moll-Tonika verbindet die Schmerzlichkeit des Hauptgedankens mit der kontrastierenden Stimmung ihres Mittelteils. Die Sonate endet mit einem Vivace, das mit typischem Figurenwerk und anderen seinerzeit vertrauten Elementen aufwartet. Die letzte Sonate der Gruppe ist zweisätzig, wobei sich der zarten Melodik des Andante con espressione ein fröhliches, mit raschen Figuren gewürztes Rondo anschließt.

Aus der Kollektion Pölitz² stammen die beiden 1793 entstandenen Sonaten, die Hoffmeister in Wien unter dem Titel II Sonates pour le Fortepiano, ou pour Clavecin veröffentlichte und in seinem dortigen »Magazin« vertrieb. Die F-dur-Sonate ist deutlich aus dem Geiste der Haydn-Sonaten komponiert. Das einleitende Moderato wird von dem Hauptthema beherrscht. Eine dramatisch getönte Überleitung führt zu dem Nebengedanken. Der Wiederholung der Exposition schließt sich nach dem Prinzip des einfachen klassischen Sonatensatzes die Durchführung an, die vor der Reprise des ersten Teils einige Modulationen in andere Tonarten unternimmt. Der dreiteilige langsame Satz steht in B-dur, und die Sonate endet mit einem Allegretto, dessen Hauptthema einen dramatischeren Abstecher nach d-moll einfasst.—Der Allegro-Kopfsatz der B-dur-Sonate gleicht in seiner Anlage dem Moderato des vorigen Werkes, wobei die zentrale Durchführung das emphatische Hauptthema näher erkundet und entferntere Tonarten aufsucht. Dem Adagio in Esdur folgt schließlich ein Allegretto in Sonatenrondoform, das alles an technischen Möglichkeiten enthält, um den gewünschten Beifall des Publikums hervorzurufen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ W.S. Newman: The Sonata in the Classic Era. (S 550f)

² So besitzt die Leipziger Stadtbibliothek seit 1839 die Musikaliensammlung des Leipziger Universitätsprofessors Karl Heinrich Ludwig Pölitz mit ca. 380 Handschriften und 250 Drucken, darunter durch die Abschrift Pölitz selbst überlieferte Kompositionen von Bach, Krebs, Tag u.a.. Pölitz begann mit der Anlage seiner Sammlung um 1785, die um 1800 im wesentlichen abgeschlossen war.


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