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GP673 - KHACHATURIAN, A.: Original Piano Works and Transcriptions (Poghosyan)
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Aram Chatschaturjan (1903–1978)
ORIGINALWERKE UND BEARBEITUNGEN FÜR KLAVIER

 

Aram Chatschaturjan wurde am 6. Juni 1903 in der georgischen Hauptstadt Tiflis als Sohn armenischer Eltern geboren und entwickelte sich zu einer der markantesten musikalischen Erscheinungen der Sowjetunion. Relativ spät kam er an das Moskauer Gnessin-Institut, wo er bis 1925 Violoncello studierte. Aus diesem Jahr datieren auch seine ersten eigenen Werke, die ihm den Weg in die Kompositionsklasse von Reinhold Glière ebneten, dessen Schüler er bis 1929 war. Anschließend nahm ihn das Moskauer Konservatorium auf, wo er bis 1936 von Persönlichkeiten wie Nikolaij Mjaskowskij ausgebildet wurde.

Vier Jahre zuvor war Chatschaturjan bereits dem Komponistenverband beigetreten. Dass auch er—wie unter anderem seine prominenten Kollegen Sergej Prokofieff und Dmitrij Schostakowitsch—durch die »antiformalistische« Hetzjagd des stalinistischen Kulturpolitikers Andrej Schdanow in Mitleidenschaft gezogen wurde, konnte seine Bedeutung für das sowjetische Musikleben nicht beeinträchtigen: Nachdem er von 1939 bis zu Schdanows »Dekret« 1948 als stellvertretender Vorsitzender des Komponistenverbandes aktiv gewesen war, wirkte er von 1957 bis zu seinem Tode als Sekretär der mächtigen Vereinigung. 1950 unternahm er die erste seiner vielen Auslandsreisen, die ihn als Dirigent seiner eigenen Werke in alle Welt führten. Zahlreiche Aufnahmen seiner Musik resultierten aus diesen Tourneen—nicht zuletzt die legendären Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern und dem London Symphony Orchestra. Chatschaturjans siebzigster Geburtstag wurde beiderseits des Eisernen Vorhangs in großem Stil gefeiert. Nach vielen Orden und Auszeichnungen ehrte ihn der Kreml aus diesem Anlass als »Held der sozialistischen Arbeit«. Er starb am 1. Mai 1978 in Moskau.

Wenngleich Aram Chatschaturjan als Komponist ein »Spätentwickler« war, so hat er doch die meisten seiner großen Werke in der ersten Hälfte seiner Laufbahn geschrieben. Es waren dies unter anderem die drei Symphonien aus den Jahren 1934, 1943 und 1947, die drei Konzerte für Klavier (1936), Violine (1940) und Violoncello (1946) sowie die Ballette Gajaneh (1942) und Spartakus (1954). Seine dirigentischen und administrativen Verpflichtungen ließen ihm danach deutlich weniger Zeit zu schöpferischer Arbeit. Dennoch entstanden neben Film- und Schauspielmusiken die drei Konzertrhapsodien für Violine (1961), Violoncello (1963) und Klavier (1968), worauf in der allerletzten Lebensphase mit den drei Solosonaten für Violoncello, Violine und Bratsche eine späte Rückkehr zur Kammermusik erfolgte. Mit seiner musikalischen Direktheit, seiner sinnlichen, geradlinigen Ausdrucksweise, seiner farbenfrohen Instrumentierung und seinem elementaren rhythmischen Schwung erreichte Chatschaturjan eine Popularität, die außer ihm nur sehr wenigen Komponisten seiner Generation zuteil wurde.

Aram Chatschaturjans Klavierschaffen beläuft sich auf rund ein Dutzend Werke unterschiedlichen Formats. Zu einer lockeren Suite gekoppelt sind hier drei Sätze, von denen vor allem die 1932 geschriebene Toccata meist separat gespielt wird—ein Musterexemplar für den mitreißenden Stil des Komponisten, der im Grunde mit einfachen Mitteln eine wirkungsvolle Virtuosität erzeugt und dabei der Musik durch unverkennbar exotische Wendungen und Harmonien seinen persönlichen Stempel aufdrückt. Die stark repetitive Motivik des Anfangs weicht einem ruhigeren Mittelteil, der vor allem durch sein »orientalisches« Flair auffällt. Eine rhapsodische Steigerung führt über die rasante Wiederholung der bohrenden Repetitionen zu einer rhetorischen Geste, die das Stück mit einer kräftigen Erinnerung an das lyrische Zentrum beendet. Die Valse-Caprice gibt sich danach als ein verhaltener und zugleich recht widerspenstiger Walzer, der auf dem Wege zu seinem extrovertierten Gipfel eine glühende Emotionalität entfaltet. Der noch knapper gefasste Tanz steht dann wieder deutlich im Zeichen eines repetitiven, dissonanten Gedankens, der als Refrain zwischen den charmanteren Passagen steht und einen sarkastischen Schluss erreicht.

Das Ballett Spartakus kreist um den Anführer des Aufstands, der als der dritte römische Sklavenkrieg bekannt wurde. Dabei verfährt das Libretto mit den historischen Fakten allerdings mit einer gewissen Freizügigkeit. Chatschaturjan schrieb die Musik 1954, als er auch mit dem Titel »Volkskünstler der UdSSR« ausgezeichnet wurde. Die Premiere fand 1956 am Leningrader Kirow-Theater zur Choreographie von Leonid Jakobson statt. Zwei Jahre später folgte das Moskauer Bolschoj-Theater mit einer Choreographie von Igor Moiseew. Den größten Anklang fand das Werk allerdings erst 1968, als es von Jurij Grigorowitsch auf die Bühne gebracht wurde. Seither gehört die Musik zu den bekanntesten Schöpfungen des Komponisten. Überdies ist es das letzte abendfüllende Ballett, das sich im internationalen Repertoire etablierte. Chatschaturjan stellte aus der Partitur vier Suiten zusammen, deren zweite mit dem Adagio des Spartacus und der Phrygia beginnt—einer Komposition, die selbst in der (hier von Matthew Cameron stammenden) Reduktion aufs Klavier mit mächtigem Zauber wirkt. Über einer sanft wogenden Begleitung erhebt die unvergessliche Melodie ihre Schwingen. Bald gewinnt sie an emotionaler Kraft, die zu einer kurzen Klimax führt und in eine ruhigere Episode einfließt. Diese steigert sich ihrerseits durch fanfarenartige Motive und rasche Passagen, worauf die »große Melodie« in erhabener Gestalt wiederholt wird, um in eine poetische Coda überzugehen, die den Hauptgedanken in ihre Begleitfiguren einbindet, während die Musik allmählich verklingt.

Neben der Valse-Caprice und dem Tanz gehört auch das Poem von 1927 zu Chatschaturjans frühesten Klavierwerken. Es zeigt uns einen kämpferisch gestimmten Komponisten, der versucht, das musikalische Material in einen disziplinierten formalen Rahmen einzupassen. Das Stück nimmt einen aggressiven Anlauf, der allerdings schnell einem versonnenen Thema weicht. Eine explosive Wiederholung der Anfangstakte und ein immer neues Aufbegehren versuchen die träumerische Stimmung aufzubrechen, bevor der nachdenkliche, exotisch getönte Mittelteil beginnt, der über eine allmähliche Temposteigerung zur veränderten Reprise des ersten Themas und einem gesteigerten Rückblick auf den zweiten Gedanken führt und in einen stillen Schluss einmündet.

In seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten schrieb Chatschaturjan einige abstrakte Stücke, unter denen die Klaviersonate von 1961 einen hervorragenden Platz einnimmt. Emil Gilels brachte das Werk, das der Komponist seinem einstigen Lehrer Nikolai Mjaskowskij gewidmet hat, am 15. Februar 1963 in Leningrad zur Uraufführung—eine vergleichsweise spröde, herbe Musik, die sich allerdings recht strikt an den klassischen Formenkanon hält. Das Allegro vivace beginnt mit einer furiosen thematischen Bewegung, in der beide Hände mit dem lebhaften Austausch verschiedener kleiner Motive beschäftigt sind. Ein ausdrucksvolleres, von einer raffinierten Begleitung getragenes Nebenthema hält das virtuose Treiben nur kurz auf, bevor sich die komplexe Durchführung in kunstvoller Weise mit den voraufgegangenen Gedanken auseinandersetzt. Nach einer gewissermaßen verblüfften Pause leitet das Nebenthema zur abgewandelten Wiederholung des Anfangs zurück, die sich in einer stürmischen Coda förmlich überschlägt. Das Andante tranquillo entwickelt sich aus einer hypnotisierenden Akkordfolge, die nach und nach ein transparentes, lyrisch-gespanntes Thema von außerordentlicher Ruhe freigibt. Ein aktiverer Mittelteil erhebt sich schnell zu einer wortgewaltigen Klimax, die in die nachdenklich verklärte Reprise des—jetzt in die linke Hand gelegten—Hauptgedankens übergeht. Die Akkorde der ersten Takte beenden den Satz in einer ambivalenten Haltung. Abschließend stürmt das Allegro assai mit einem kräftig-athletischen Thema dahin, das durch seine ständig wechselnden Akzente zusätzlichen Schwung gewinnt. Ein zweiter Gedanke hellt die Stimmung auf, ohne dass die Gangart vermindert würde. Das Hauptthema macht beträchtliche Wandlungen durch, ehe es schließlich in einer Gestalt wiederkehrt, die an sein ursprüngliches Aussehen erinnert und dem Spiel ein explosives Ende macht.

Die Musik zu Mikhail Lermontows Schauspiel Maskerade wurde am 21. Juni 1941 am Moskauer Wachtangow-Theater uraufgeführt, dessen Direktor Ruben Simonow das Stück auf die Bühne brachte—als letzte Produktion des Hauses, bevor die Sowjetunion durch den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in den Krieg hineingezogen wurde. Chatschaturjans Schauspielmusik ist vor allem durch eine fünfsätzige Suite aus dem Jahre 1944 bekannt geworden. Das hier vorliegende Arrangement entstand 1952 und präsentiert einige der attraktivsten Kreationen des Komponisten. Das Nocturne mit seinem sehnsuchtsvollen Thema, das unauflöslich seine ruhige Begleitung durchdringt, ist symptomatisch für die bittersüße Stimmung der gesamten Musik, die durch die Romanze noch vertieft wird: Noch deutlicher wird hier eine »vergangene Zeit« beschworen, ohne allerdings in ihren bedauernden Schlussakkorden so zögerlich zu verklingen wie der voraufgegangene Satz. Der Walzer—wieder eine besonders berühmte Komposition Chatschaturjans—kreist um eine charmante Melodie, deren ominöser Unterton von dem prunkenden Mittelteil nicht wirklich aufgelöst wird: Das Hauptthema übernimmt wieder das Ruder, um seinen unverwechselbaren Kurs zu steuern.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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