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GP674 - BABADJANIAN, A.H.: Piano Solo Works (Complete) (Melikyan)
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Arno Babadjanian (1921–1983)
Sämtliche Originalwerke für Klavier

 

»Ein brillanter Komponist, ein fähiger Pianist und ein langjähriger Freund—so würde ich den wunderbaren Arno beschreiben, der trotz seines vorzeitigen Todes einen bedeutenden Beitrag zur Musik seiner Zeit hat leisten können.« – Mstislaw Rostropowitsch

Arno Babadjanian war in der Sowjetunion als Komponist und Pianist bekannt, wurde aber—wie viele seiner Zeitgenossen—aufgrund staatlicher Restriktionen im Ausland nicht gebührend wahrgenommen. Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR fand seine Musik den Weg zum internationalen Publikum, und erst heute lernt man seinen Namen allmählich in weiteren Kreisen kennen.

Arno Babadjanian wurde am 22. Januar 1921 in Eriwan geboren. Seine Eltern waren keine Musiker, wenngleich der Vater armenische Volksinstrumente spielte und so einen wichtigen Einfluss auf seinen Sohn ausübte, der 1938 nach Moskau ging und sofort in das Abschlussjahr der Gnessin-Schule aufgenommen wurde, wo er bei Elena Gnesina (Klavier) und Wissarion Schebalin (Komposition) studierte. Aram Chatschaturjan und Dmitrij Schostakowitsch förderten ihn, und 1943 wurde Babadjanian Mitglied des sowjetischen Komponistenverbandes. 1948 graduierte er am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium in der Klasse von Konstantin Igumnow. Neben seinem Klavierunterricht betrieb er 1946 Kompositionsstudien bei Heinrich Litinsky am Moskauer Haus der Armenischen Kultur. Viele Jahre arbeitete er eng mit Alexander Arutjunjan, Edward Mirzoian, Lazar Sarian und Adam Khudoian zusammen, einer Gruppe armenischer Komponisten, in denen man ein neues Mächtiges Häuflein sah (als Gemeinschaftswerk schufen Arutjunjan und Babadjanian 1950 die populäre Armenische Rhapsodie für zwei Klaviere). In der Sowjetunion erhielt Arno Babadjanian viele offizielle Preise, und er arbeitete mit zahlreichen berühmten Kollegen zusammen, von denen vor allem Mstislaw Rostropowitsch, Emil Gilels, David Oistrach, Lew Wlasenko und Jean Ter- Merkerian zu nennen sind.

Als Komponist hat sich Babadjanian auf vielen musikalischen Gebieten hervorgetan. Zu seinen bekanntesten Schöpfungen gehören das Klaviertrio (1952), die Violinsonate (1959), das Cellokonzert (1962), das Violinkonzert (1949), die Heroische Ballade für Klavier und Orchester (1951) sowie das Streichquartett (1976), das dem Gedächtnis an Dmitrij Schostakowitsch gewidmet ist. Neben diesen »klassischen« Werken schrieb er zahlreiche Lieder, Filmmusiken und Musicals.

Die pianistischen Fähigkeiten Babadjanians hat man oft mit Sergej Rachmaninoffs Spiel verglichen, und sensible Hörer schätzten ihn stets als Interpreten seiner eigenen Werke. Er verband eine perfekte Technik mit dem einfühlsamen Ansatz und dem reichen Ausdrucksspektrum, die ihm sein Lehrer Konstantin Igumnow vermittelt hatte. Seine Musik ist durch drei Hauptelemente charakterisiert: die armenische Volksmusik, die pianistische Kunst Rachmaninoffs und den orchestralen Stil Chatschaturjans. Arno Babadjanian starb am 11. November 1983 in Eriwan.

Als äußerst begabter Pianist hat Babadjanian etliche Klavierstücke verschiedener Art verfasst. Seine Polyphone Sonate (1942–47) entstand während der Studienzeit, wurde von ihm selbst 1947 bei dem Internationalen Prager Jugendfest uraufgeführt und dort mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Das dreisätzige Stück beginnt mit einem kurzen Prelude, dem eine dramatische Fuge folgt. Der dritte Satz ist eine Toccata und weist die rhythmische Struktur eines armenischen Volkstanzes auf. Zudem gibt es darin einige ironische Elemente, die für die ältere Generation eines Prokofieff oder Schostakowitsch typisch waren.

Mit den Sechs Bildern (1965) begann ein neues Kapitel der armenischen und sowjetischen Musikgeschichte. Babadjanian war einer der ersten Sowjetkomponisten, die die außerhalb der UdSSR längst verbreitete Zwölftontechnik benutzten, wobei er diese aber mit den Rhythmen und melodischen Phrasen der Folklore kombinierte. Diese Besonderheit der Sechs Bilder besteht also in der Verwendung zweier scheinbar inkompatibler Konzepte. Schon der Titel des ersten Stückes (Improvisation) lässt die formale Anlage vermuten. Man hört Echos der urbanen Folklore Armeniens sowie den Klang der Volksinstrumente, auf denen armenische Gusanner und Ashughner (Dichter-Musiker und Spielleute) improvisieren. Das nächste Stück (Volk) verbindet eine rein dodekaphonische Melodie mit dem Reflex armenischer Volksrhythmen. Die Toccatina erinnert ein wenig an den Klaviersatz von Bartók und Prokofieff, zu dem sich hier eine jazzige Begleitung gesellt. Das Intermezzo ist wie ein Spiegel gestaltet, der das vorherige und den anschließenden Choral miteinander verbindet, der an ein Kloster des armenischen Mittelalters denken lässt. Das letzte Stück, Sasun-Tanz, beschwört durch einen typischen Festtanz und häufig wechselnde Rhythmen die armenische Berglandschaft und den Charakter der Menschen aus der Region Sasun, den die armenischen Epen beschreiben. Der Zyklus fand schon bald Eingang ins Repertoire vieler Pianisten.

Bei der oft auch als Andante bezeichneten Melodie handelt es sich ganz einfach um ein Lied ohne Worte. Sie entstand im Jahre 1973—wie die jazzig angehauchte Humoreske, deren ironische, scherzo-artige Natur an Schostakowitschs 24 Präludien erinnert. Die Elegie entstand 1978 zum Tode Aram Chatschaturjans und ist seinem Gedächtnis gewidmet. Das Stück ist ein Arrangement des Liedes Qani vour jan im (»So lange ich lebe«), das der berühmte armenische Aschuge Sayat-Nova im 18. Jahrhundert schuf. Das lyrische Stück ist von vielen Pianisten ins Repertoire genommen worden.

Die Reflexion (1973) dürfte das unbekannteste Klavierwerk Babadjanians sein. Es scheint aus einer Reihe von Gedanken über den kompositorischen Weg zu bestehen, der den Künstler von der Vergangenheit über die Gegenwart zu künftigen Bestrebungen führt. Das Prelude (1947) verrät einerseits die Einflüsse Rachmaninoffs und des frühen Skrjabin, hält andererseits aber auch an dem modalen System der armenischen Musik fest. Das Stück bildet die Einleitung zu dem »Wagarschapat-Tanz« und wird üblicherweise mit diesem zusammen aufgeführt. Bei diesem handelt es sich um die Bearbeitung eines armenischen Volkstanzes, dessen Melodie auch viele andere Komponisten verwendet haben. Das Impromptu (1936) entstammt der frühesten Schaffensperiode des Komponisten: Die besondere modale Struktur sowie Metrum und Rhythmus sind typisch für die traditionelle Musik Armeniens, weshalb man den Eindruck eines echten armenischen Volksliedes gewinnt. Das Capriccio (1951) ist von jener lebhaft-festlichen Natur, die man häufig in Babadjanians Musik findet.

Das Poem (1966) nimmt in Babadjanians Klavierschaffen einen besonderen Platz ein. Es entstand für den Internationalen Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und war das Pflichtstück des dritten Wettbewerbs (1966). Unmittelbar nach den Sechs Bildern geschrieben, setzt es die Technik dieser Werke fort. Die an sich virtuose Komposition hat gleichwohl ihre lyrischen, dramatischen und mystischen Seiten. Arno Babadjanians kreatives Vermächtnis hat heute einen klaren Stellenwert. Seine Haltung zur Musik brachte er auf den Nenner: »Musik sollte anrühren, erstaunen und zu Herzen gehen.«


Hayk Melikyan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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