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GP675 - HOFMANN, J.: Charakterskizzen / Piano Sonata in F Major / Theme with Variations and Fugue (Yasynskyy)
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Józef Kazimierz Hofmann (Josef Casimir Hofmann)
Klavierwerke

 

Wenn heute ein Autofahrer, eingehüllt in den Komfort seines modernen Wagens, den Scheibenwischer bedient, dann wird er wohl kaum wissen, dass er soeben eine Apparatur aktiviert, die von einem der größten Pianisten des Goldenen Zeitalters ersonnen wurde. Der Erfinder, um den es hier geht, ist Józef Hofmann, der außerdem den pneumatischen Stoßdämpfer entwickelte, den man im früheren Flugzeugbau benutzte, und der überdies für seine geliebten Steinways eine Reihe bedeutender technischer Verbesserungen anregte. Schon als Kind war Hofmann nicht nur eine musikalische Höchstbegabung: Auch in der Mathematik, den Naturwissenschaften und allen technischen Dingen tat er sich hervor. So dürfte es kaum überraschen, dass er bis zu seinem Tode im Jahre 1957 über siebzig Patente angemeldet hatte.

Józef (Josef) Hofmann wurde 1876 in Krakau geboren. Beide Eltern waren Berufsmusiker und förderten ihn so, dass er schon im zarten Alter von fünf Jahren sein erstes Recital geben konnte. Man wird nicht eigens betonen müssen, dass seinerzeit äußerst schmeichelhafte Vergleiche mit den wunderkindlichen Fähigkeiten Mozarts und Mendelssohns angestellt wurden. Anton Rubinstein, selbst ein ehemaliges Wunderkind, hörte den siebenjährigen Józef in Warschau mit Beethovens c-moll-Konzert und sprach von dem bis dato unerreichten Talent des Knaben. Mit elf Jahren unternahm Hofmann eine anstrengende Konzertreise nach Amerika, für die man ihm 10.000 Dollar geboten hatte. Allwöchentlich gab er vier Konzerte, und jedesmal sorgte er für eine Sensation. Ein Kritiker bemerkte: »Das ist kein Kind, das ist ein Künstler, und sein Klavierspiel lässt sich mit nichts auf der Welt vergleichen«. Die Tournee wurde indessen nach der Hälfte der achtzig vorgesehenen Auftritte schlagartig beendet. Die Öffentlichkeit zeigte sich besorgt über die schwächliche Konstitution des Knaben, und der amerikanische Kinderschutzbund hatte sich eingeschaltet. Ein reicher Wohltäter kam zu Hilfe. Er bot Familie Hofmann 50.000 Dollar—unter der Bedingung, dass Józef bis zur Vollendung seines achtzehnten Lebensjahres nicht mehr öffentlich konzertierte. Die Hofmanns waren mit diesem Vorschlag einverstanden und kehrten brav nach Europa zurück.

Der junge Józef erhielt dann ein paar Stunden bei Moritz Moszkowski, bevor er durch Anton Rubinstein eine gründliche Unterweisung erfuhr. Er sagte später, dass die Studien bei Rubinstein für ihn das wichtigste Ereignis seines Lebens gewesen seien. Der finanziellen Zuwendung entsprechend, die er in Amerika erhalten hatte, nahm er seine Konzertlaufbahn erst wieder mit achtzehn Jahren auf. Seit 1898 lebte er hauptsächlich in den Vereinigten Staaten, wo er von 1927 bis 1938 in Philadelphia als Direktor des Curtis Institute of Music wirkte.

Hofmanns Klavierspiel galt als edel und poetisch, frei von jeder Exzentrizität und aller Routine. In einem Artikel für den Daily Telegraph schrieb Stephen Hough vor kurzem: »Hofmanns selbstbewusste Brillanz war atemberaubend…und neu«. Abschließend meinte er: »Niemand hat jemals zuvor so gespielt, und ich sehe darin den Hauptgrund dafür, dass er in der Zeit vieler Fürsten zum König gekrönt wurde«.

Hofmann war der erste bedeutende Künstler, der Aufnahmen machte. Was er an Klavierrollen und Grammophon-Aufnahmen hinterließ, versetzt somit auch die heutige Hörerschaft in die Lage, diesen König des Goldenen Zeitalters würdigen zu können. Der Elfjährige hatte bereits 1887 einige experimentelle Zylinderaufnahmen für Thomas Edison gemacht, und schon in diesem Alter faszinierten ihn die technischen Aspekte der aufkommenden Tonträgerindustrie. Seine ersten kommerziellen Aufnahmen entstanden 1903 in Berlin. Zu den Glanzpunkten seiner frühen Tonträgerkarriere gehört das Prélude g-moll op 23 Nr 5 seines Freundes Rachmaninoff, der ihm sein drittes Klavierkonzert widmete.

Wie viele andere ausübende Musiker seiner Zeit war Hofmann auch in der Komposition daheim. Sein OEuvre enthält unter anderem eine Symphonie, fünf Klavierkonzerte sowie eine beträchtliche Quantität an Soloklavierwerken. Einige der kleineren Stücke brachte er unter dem Pseudonym Dvorsky heraus (was im Polnischen ganz einfach »Hofmann« heißt). Ihm gefiel die Erfindung dieses Michel Dvorsky, eines angeblich zurückgezogen lebenden jungen Franzosen, der ihm in aller Bescheidenheit seine kompositorischen Versuche zur Begutachtung übersandt hatte. Der Humor hinter dem harmlosen kleinen Gaukelspiel erinnert an den Geiger Fritz Kreisler, der bekanntlich seine eigenen kleinen Stücke als die Kreationen wenig bekannter Kleinmeister ausgegeben hatte.

Hofmanns Kompositionen stehen fest auf dem Boden der romantischen Tradition. Seinen Zeitgenossen, die die jüngsten Werke eines Debussy oder Skrjabin kannten, mögen sie altmodisch erschienen sein; heute aber, wo genug Zeit vergangen ist, können wir uns schlicht an der Musik um ihrer selbst Willen erfreuen, ohne uns darüber Gedanken machen zu müssen, ob sie denn auch »modern« genug sei.

Das früheste Stück, das man von Hofmann kennt, ist eine Mazurka, die er mit gerade einmal vier Jahren komponiert hatte. Sechs Jahre später (1886) verfasste er die zwei charmanten Mazurkas in h-moll und d-moll, die in der vorliegenden Auswahl zu hören sind. Sie wurden 1887 in Berlin zusammen mit vier weiteren Stücken in einem Heft veröffentlicht. Die etwas jüngere Mazurka a-moll op 16 entstand für die große russische Pianistin und Lehrerin Anna Nikolajewna Jessipowa (Anetta Essipoff), die—wie Hofmann—Klavierrollen für die Firma Welte-Mignon einspielte.

Von allen einsätzigen Werken des gegenwärtigen Programms hat das Thema mit Variationen und Fuge op 14, das der sechzehnjährige Hofmann 1892 komponierte und seinem Lehrer Moritz Moszkowski widmete, die meiste Substanz. In diesem fein gearbeiteten Stück bildet das Ausgangsthema auch die Grundlage des Fugensubjektes, wobei freilich die rhythmischen Werte den anderen metrischen Bedingungen entsprechend verändert wurden. Die 1893 veröffentlichte Sonate F-dur op 21 besteht aus vier Sätzen. Den Auftakt bildet ein Moderato mit hartnäckigen Triolenfiguren und plötzlichen Einwürfen, die an Robert Schumann erinnern, dessen Einfluss auch auf das Scherzo mit seiner tokkatenhaften moto perpetuo-Bewegung gewirkt hat. Das Andante ist in der Art eines Rezitativs geschrieben, und das Werk endet mit einem energischen Allegro, das wiederum die Erinnerung an Schumann beschwört.

Viele Klavierwerke für die linke Hand kamen durch Tragödien zustande, in denen ein Künstler den Gebrauch der anderen Hand einbüßte. Einige Komponisten schrieben entsprechende Stücke aber auch nur, weil sie herausfinden wollten, was mit einer einzigen Hand wirklich zu leisten ist. In dieser Kategorie markiert Leopold Godowsky den künstlerischen Höhepunkt unter den romantischen Komponisten. Als Hofmann seine Etüde in C op 32 schuf, könnte er sehr wohl an Godowsky gedacht haben.

Godowsky ist der Widmungsträger der vier äußerst kontrastreichen Charakterskizzen op 40, die Hofmann 1908 veröffentlichte. Der kontemplativen ersten Skizze »Vision« folgt ein synkopierter, recht chromatischer Satz namens »Jadis«. Der rieselnde dritte Satz »Nenien« ist von schwermütiger Natur und wird periodisch von einer geheimnisvoll murrenden Figur des Basses unterbrochen. Abgerundet wird die Kollektion von einer Skizze namens »Kaleidoskop«, an der ein entschieden russisches Flair auffällt. Wie bereits der Name andeutet, ist dieses Presto glänzend und farbig.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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