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GP678 - USTVOLSKAYA, G.I. / SILVESTROV, V. / KANCHELI, G.: Piano and Orchestra Works (E. Blumina, Stuttgart Chamber Orchestra, T. Sanderling)
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Ustwolskaja • Silvestrov • Kantscheli
Works for Piano and Orchestra

 

Galina Ustwolskaja wurde 1919 in Petrograd geboren, absolvierte ihr Studium in Leningrad und starb im Jahre 2006 in St. Petersburg. In diesen Namensanderungen ihrer Heimatstadt spiegeln sich die politischen und gesellschaftlichen Tumulte, die Russland wahrend des 20. Jahrhunderts erlebte: Revolution, Stalinismus und Glasnost seien stellvertretend fur diese Turbulenzen genannt, in denen Galina Ustwolskaja lebte und komponierte. Es ist zwar viel uber ihre berufliche und personliche Beziehung zu Schostakowitsch geschrieben worden, doch sie nahm es stets sehr ubel, wenn man sie uber ihr Geschlecht und ihren Lehrer definierte. 1994 sagte sie, dass sie wahrend ihrer Ausbildung in Schostakowitschs Klasse am Konservatorium weder der Musik noch der Person des Lehrers nahe gestanden habe. Noch als Achtzigjahrige beklagte sie, dass man ihre Musik noch immer mit Schostakowitschs Werken verglich, anstatt sie um ihrer selbst willen zu beurteilen. Galina Ustwolskaja meinte, dass man ihr als Komponistin mit einer gonnerhaften Einstellung begegnete—mit andern Worten: sie als einen Kunstler geringeren Niveaus betrachtete. Sie verglich ihren eigenen schopferischen Ansatz mit dem ihrer russischen Kollegen und unterstrich dabei, dass man die Manner nie ausschlieslich durch ihr Geschlecht und ihren jeweiligen Lehrer definierte. Es sei vollig ausgeschlossen, sagte sie mit Nachdruck, dass jemand etwa einen Artikel mit den Worten begonne: «Der Komponist Rodion Schtschedrin ist ein Mann und Schuler von Juri Schaporin».

Worte wie «einsiedlerisch» und «kompromisslos» findet man regelmasig im Zusammenhang mit Galina Ustwolskaja. Auch galt sie als «religios-ekstatische» Komponistin. Viele ihrer reinen Instrumentalwerke tragen religiose Titel, doch sie legte Wert darauf, dass «sie nicht im wortlichen Sinne religios, sondern von einem religiosen Geist erfullt sind». Sehr wenig ist davon in dem Konzert für Klavier, Streicher und Pauken zu spuren. Sie schrieb das Stuck wahrend ihres letzten Jahres (1946) am Leningrader Konservatorium. Dass sie erst mit 27 Jahren ihre Ausbildung beendete, ist durch die Unterbrechungen zu erklaren, die der Grose Vaterlandische Krieg und ganz besonders die Belagerung von Leningrad mit sich gebracht hatten. Das Konzert ist die erste ihrer Kompositionen, die sie als gultig anerkannte. Gleichwohl wurde es erst 1993 veroffentlicht—und zwar mit einer Widmung an den Pianisten Alexej Lubimow (der ganze zwei Jahre vor der Entstehung des Werkes geboren worden war). Das einsatzige Werk bewegt sich vornehmlich in den Tonarten c-Moll und C-Dur, ganz anders als die spateren, atonalen Stucke der Komponistin, die auch hier bereits zu jenen extremen dynamischen Werten tendierte, die spater so etwas wie ein Markenzeichen wurden—bis sie schlieslich vom niederlandischen Musikwissenschaftler Elmer Schonberger als «die Lady mit dem Hammer» tituliert wurde. Als Arnold Whittall in der Musical Times seinen Nachruf auf die Kunstlerin veroffentlichte, nahm er den Schlussabschnitt eben dieses Konzertes unter die Lupe. Er fragte sich, ob das Publikum bei den erbarmungslosen Wiederholungen denn wohl die Moglichkeit hatte, die Visionen von Schonheit, Leiden und Erlosung mit der Komponistin zu teilen. Und er meinte, dass es «in dieser Musik mehr Verzweiflung als Erlosung gibt».

Der georgische Komponist Gija Kantscheli wurde 1935 geboren, studierte am Konservatorium von Tiflis und lebt inzwischen in Belgien. Er ist einer der zahlreichen sowjetischen Komponisten, die seit den neunziger Jahren im Westen bekannt wurden. Wenngleich er in seinen Werken die elementaren Themen Trauer, Angst, Einsamkeit und Protest ausgelotet hat, so beruhrt er darin doch auch Aspekte wie Nostalgie und Unschuld. Sein personliches Credo verrat er am besten selbst: «Wie das Leben, so ist auch die Musik ohne Romantik nicht vorstellbar. Romantik ist ein groser Traum von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft—eine Kraft von unbesiegbarer Schonheit, die sich uber die Machte der Ignoranz, Bigotterie, Gewalt und Bosheit erhebt und sie besiegt».

In Kommentaren wurde beobachtet, dass Kantschelis unverwechselbare Klange aus seinem spezifischen Umgang mit der Stille entstehen. Und Kantscheli hat bestatigt, dass ihn am meisten die «mysteriose Stille fasziniert, die der Entstehung eines Tones vorausgeht». Ein auffallendes Merkmal seiner Musik ist die Verwendung der Stille als Mittel, die Eindrucke und Reaktionen des Publikums zu verstarken. Viele andere wichtige Zuge, darunter die modale Melodik, die Bordunbasse und die grosen dynamischen Extreme, sind aus der georgischen Volksmusik abgeleitet. Werden diese Faktoren mit Bildern der georgischen Landschaft und georgischen Volkstraditionen assoziiert, so ist das Resultat eine sehr eigene Klangwelt, wie wir sie beispielsweise in Sio erleben (dem georgischen Wort fur «Brise»). Das einsatzige, 1998 als Auftragswerk zum 450-jahrigen Bestehen der Sachsischen Staatskapelle Dresden geschriebene Stuck verlangt Streicher, Klavier und Schlagzeug. Die volksmusikalische Qualitat des Sio zeigt sich gleich zu Beginn, wenn eine einsame Violine sul ponticello (am Steg) eine klagende Melodie anstimmt. Gegen Ende liegt die Dynamik schon bei einem kaum mehr wahrnehmbaren pppp, doch anschliesend sollen die Spieler noch leiser werden—al niente (bis zum Nichts). Der organisierte Klang verliert sich, und die Stille der Natur ubernimmt die alleinige Herrschaft.

Kantscheli ist die Hymne gewidmet, die der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov im Jahre 2001 geschrieben hat. Hier sind die ublichen Unterteilungen der Streicher in erste und zweite Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabasse so weit getrieben, dass jeder Musiker zumeist eine ganz eigene Stimme zu spielen hat. Eine andachtsvolle Stimmung liegt uber der gesamten Hymne, die sich als eine Studie der Stille darstellt: Nur einmal erreicht die Dynamik ein mezzo piano.

Valentin Silvestrov wurde 1937 in Kiew geboren. Nachdem er mit seinem Musikunterricht erst als Funfzehnjahriger begonnen hatte, lies er sich am Konservatorium seiner Heimatstadt ausbilden. Im Januar 1961 erwahnte The Musical Quarterly das Zwolftonstuck «eines jungen ukrainischen Komponisten namens Valentin Silvestrov»—der seinen kompositorischen Ansatz jedoch in den siebziger Jahren radikal veranderte, als er zu einem Stil fand, den er als «metaphorisch» und «allegorisch» bezeichnete und der ein starkes Quantum an Romantik enthalt. Silvestrov steht auf dem Standpunkt, dass «Musik immer Gesang ist, auch wenn man sie nicht eigentlich singen kann: Sie ist keine Philosophie, keine Weltanschauung. Sie ist vor allem ein Gesang, ein Lied, das die Welt von sich selbst singt—es ist das musikalische Zeugnis des Lebens».

Silvestrovs «metaphorischer» Stil resultierte in einer Reihe langsamer, extrem differenzierter Postludien, die in der Art, wie sie mit der Unermesslichkeit der Zeit und dem schleichenden Verfall operieren, an Mahler erinnern. Auch die elegischen Vier Postludien für Klavier und Streicher aus dem Jahre 2004 lassen diese Merkmale erkennen. Die vier Satze, die dem ukrainischen Dirigenten Valerij Matyukhin gewidmet sind, zeigen die Beziehung des Komponisten zur Stille und bestatigen seine Auffassung: «Ich schreibe keine neue Musik. Meine Musik ist eine Antwort auf das und ein Echo dessen, was bereits existiert».

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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