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GP680 - VANHAL, J.B.: 3 Neue Caprice-Sonaten, Op. 31 / 3 Caprices, Op. 36 (Tsalka)
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Johann Baptist Vaňhal (1739–1813)
Capricci für Clavier

 

Johann Baptist Vaňhal¹ wurde im böhmischen Nechanice geboren. Anton Erban, Mathias Nowák und andere ortsansässige Musiker bildeten ihn zum Kapellmeister aus. 1761 ging er nach Wien, wo er sich schnell einen Namen als Geigenvirtuose, Gesangs- und Klavierlehrer und produktiver Komponist machte. In den sechziger Jahren lernte er neben Gluck, Dittersdorf und Haydn auch den jungen Mozart kennen. Wie Haydn spielte auch Vaňhal in den siebziger Jahren eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Wiener Instrumentalmusik. Von 1760 bis 1780 komponierte er nicht weniger als einhundert Streichquartette und siebzig Symphonien.² Die Musikwissenschaftler Alexander Weinmann und Paul Bryan erfassten Vaňhals Schaffen in den 1980-er und 1990-er Jahren. Ihre thematischen Kataloge trugen wesentlich zur Wiederentdeckung des reichen OEuvres bei und bilden die Grundlage des neuen elektronischen Katalogs, den die Johann Baptist Wanhal Association³ derzeit für Forscher und Musiker herstellt. Ferner wurden auf dieser Grundlage etliche Symphonien, Streicher- und Bläserkonzerte, Streichquartette und andere Kammermusiken in neuen Ausgaben beziehungsweise Aufnahmen herausgebracht.4

Das umfangreiche symphonische Schaffen Vaňhals reicht von den experimentellen Werken der frühen Zeit, in denen der Komponist sein barockes Erbteil mit dem neuen Sturm und Drang mischte, bis zu den eher normgemäßen, viersätzigen Werken der siebziger Jahre. In seinen Kopfsätzen bringt er gern ausgedehnte, gegensätzliche Themen, langsame Einleitungen und relativ lange Durchführungen. Seit den siebziger Jahren bewunderte und spielte man seine Symphonien und Streichquartette nicht nur in Wien, sondern auch in Paris, Prag, Dresden, London, Boston, Philadelphia und Italien.5 Als gläubiger Christ schrieb Vaňhal auch Psalmen, Kantaten und Motetten sowie achtundvierzig Messen.

Gegen Ende der siebziger Jahre reagierte Vaňhal auf die trüben finanziellen Möglichkeiten des Wiener Adels, der sich musikalische Privateinrichtungen nicht mehr leisten konnte, in dem er die Produktion an Symphonien und Streichquartetten verminderte. Im folgenden Jahrzehnt erschienen bei Artaria, Hummel, Eder und Sauer allmählich immer mehr Clavierstücke, Lieder, Duos und Trios unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades. Diese Ausgaben fanden vor allem in der aufstrebenden Mittelschicht ihre Abnehmer.6 Die etwa vierhundert Stücke, die Vaňhal für Clavier schrieb, reichen von Einzelblättern mit simplen Übungen über mittelschwere Sonatinen und kurze programmatische bis hin zu anspruchsvollen Sonaten, Fantasien, Variationen und Capricci für den professionellen Musiker. Diese Werke waren oft Schülern oder Mäzenen gewidmet. Vaňhal muß ein beliebter Lehrer gewesen sein:

Wohlhabende, vornehme Gönnerinnen gehörten ebenso zu seinen Schülern wie ernsthafte Studenten vom Range eines Carl Czerny oder Ignaz Pleyel, die später selbst berühmte Musiker wurden.7

In den siebziger und achtziger Jahren ließen sich Clavierwerke für Berufsmusiker selten von der Literatur für Amateure trennen. Seit 1790 litt Vaňhals Ansehen als Verfasser seriöser Stücke—vor allem in den Augen der deutschen Kritik. Ernst Ludwig Gerber schreibt in dem 1814 erschienen vierten Bande seines Neuen Historisch-Biographischen Lexikons, dass Vaňhal zwar noch immer in Wien lebe und arbeite, sich dabei aber »in den letzten Jahren bloß auf das Bedürfniß der Klavierliebhaber [einschränke], für welche er in seiner leichten und gefälligen Manier Sonaten, Divertissements, mehr aber noch Variationen über beliebte Operngesänge, mit und ohne Begleitung anderer Instrumente, schreibt«. 8

Ein wenig detaillierter klingt die Einschätzung des Clavierkomponisten Vaňhal aus der Feder des böhmischen Autors Johann Gottfried Dlabacz (1758–1820), der den Komponisten 1795 zu verschiedenen Gesprächen besuchte:9 »Da ihn übrigens, seitdem er sich bereits mehr als 50 Jahre in Wien aufgehalten, sein von Tag zu Tag zunehmendes Alter an der Bearbeitung größerer Werke hinderte, so beschäftigte er sich meistens mit dem Unterrichte des musikalischen jungen Adels, und der Herausgabe verschiedener Klavierstücke zum Gebrauche seiner Schüler, deren mehrere er seither mit ungemein gutem Fortgange auf dem Pianoforte und in der Setzkunst ausbildete. Das Publikum erhält von ihm von Zeit zu Zeit eine beträchtliche Anzahl von sehr schönen Klaviersonaten, Variazionen, Kaprizen, Konzertanten, und andern kleinern Aufsätzen, die von allen Kennern sowohl, als Dilettanten mit ungetheiltem Beifalle aufgenommen wurden.« 10

Die meisten Sonaten und Sonatinen Vaňhals (rund 150) sind dreisätzig: In den Kopfsätzen bedient er sich der Sonatenform mit ihren thematischen Kontrasten. Der Mittelsatz entfaltet eloquente musikalische Gesten. Die Finales sind für gewöhnlich zweiteilig angelegt oder in Rondoform gehalten und oft von der barocken Tanzmusik inspiriert. Musikwissenschaftler wie Alfred Einstein und Margarethe von Dewitz11 vertraten die Ansicht, dass Vaňhals Sonaten durchaus den Qualitätsvergleich mit Haydn, Mozart und Kraus aushielten. Heute wird diese Auffassung von den international führenden Vaňhalspezialisten Allan Badley und Paul Bryan geteilt. Letzterer schreibt auf der Website der Johann Baptist Wanhal Association:

»Vaňhal gehörte zu den führenden Komponisten der Klassik und frühesten Romantik. Man spielte seine Musik in aller Welt, und er erlebte viele Druckausgaben seiner Werke. Bemerkenswert originell und mit einem formidablen Einfallsreichtum versehen, genoß Vaňhal bei Berufskollegen wie Haydn und Mozart, die seine Werke aufführten, hohes Ansehen… « 12

Besonders originell erwies er sich in seinen improvisatorisch anmutenden, vielsätzigen Capricci, die er mitunter auch als »Caprice-Sonaten« bezeichnete. Während der achtziger Jahre entstanden rasch nacheinander zahlreiche Hefte wie die opp. 6 und 7 (die später als op. 14 und op. 35 beziehungsweise op. 15 und op. 36 wiederveröffentlicht wurden) oder die Capricen op. 31 und op. 33. Jede dieser Publikationen enthielt drei Stücke, die Vaňhal hin und wieder mit programmatischen Titeln versehen hatte. In den späteren Nummern findet sich oft die Anweisung, die Stücke ohne Unterbrechung zu spielen. 13

Die vorliegende Aufnahme präsentiert zwei dieser Hefte—die Capricci op. 31 und op. 36 (ursprünglich op. 7). Ihre elegante und doch energische, bisweilen sogar symphonische Schreibweise scheint auf ideale Weise geeignet, den heutigen Hörer mit der schönen, vielfältigen Expressivität des Clavierkomponisten Vaňhal bekannt zu machen. So beginnt das Capriccio II Es-dur op. 36 mit einem langsamen, versonnenen Adagio, dem sich sofort ein explosives, festliches Allegro anschließt (Track 13). Ausgedehnte Tremolo-Effekte mit langen crescendi, Kaskaden auf- und absteigender Skalen, weite Strecken virtuoser Sechzehntelpassagen und andere Versatzstücke der klassischen Symphonik kennzeichnen diesen Abschnitt, wohingegen das dolce kontrastierende Nebenthema des Allegros bis an den Rand mit charmanten Melodien und Seufzerfiguren gefüllt ist. Das abschließende Rondo Allegro (Track 14) verrät in seiner tanzhaften Eleganz, seinem kontrapunktischen Wechselspiel und seiner bezaubernden Ornamentik schnell seine Beziehungen zum Barock.

So weit ich weiß, hat bislang kein kommerzielles Label etwas von Vaňhals vielen Sonaten, Capricci, Fantasien und Variationen für Clavier veröffentlicht. Die vorliegende Aufnahme möchte die musikalischen Kreise auf die Verdienste und die Originalität dieser Musik aufmerksam machen. Allan Badley, einer der Gründer der neuseeländischen Artaria Editions, will 2015 einen Band mit Vaňhals Capricci herausbringen, die wir kennen müssen, wenn wir den Reichtum und die schöpferische Vielfalt der Wiener Klassik verstehen wollen. Ich bin sicher, dass die Aufnahme und die Neuausgabe der Capricci in Kreisen der Musikfreunde auf großes Interesse stoßen wird.


Michael Tsalka
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Auch als Wanhal, Wanhall, Vanhal, Van Hall und Waṅhal zu finden (die letztgenannte Schreibweise verwandten der Komponist selbst und mindestens einer seiner Verleger). Siehe »Paul Bryan, Vanhal, Johann Baptist [Jan Křtitel]« in The New Grove Dictionary of Music and Musicians, hrsg. von Stanley Sadie, New York 2001, Bd 19:592.

² Siehe Paul Bryan, Johann Wanhall, Viennese Symphonist: His Life and His Musical Environment, Stuyvesant 1997.

³ Dieser interaktive Katalog wird derzeit aufgebaut. Siehe »Research Catalogue« der Johann Baptist Wanhal Association, http://www.wanhal.org/research-catalogue.

4 Dabei handelt es sich um vier symphonische Produktionen [Naxos 8.554341, 8.554138, 8.557815 und 8.554761], die Aufnahme dreier Violinkonzerte [Naxos 8.557815], die Missa Pastoralis und Missa Solemnis [Naxos 8.555080] sowie drei der Flötenquartette op. 7 [Naxos 8.570234].

5 Paul Bryan, Johann Wanhall, Viennese Symphonist, XIV–XV.

6 Bryan, S. 32.

7 Pleyel wurde als Knabe und Jüngling in den sechziger Jahren von Vaňhal unterrichtet. Seit 1772 war er Schüler von Haydn in Eisenstadt.

8 Ernst Ludwig Gerber, »Wanhal (Johann)« in: Neues Historisch-Biographisches Lexikon, Bd 4, Leipzig 1814, S. 508f.

9 Anders als Mozart führte Vaňhal kein Verzeichnis seiner Kompositionen. Dlabacz haben wir die erste Liste seiner Werke zu verdanken.

10 Johann Gottfried Dlabacz, »Wanhal, Johann Baptist,« in: Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theil auch für Mähren und Schlesien, Prag 1815.

11 Margarethe von Dewitz, Jean Baptiste Vanhal: Leben und Klavierwerke—ein Beitrag zur Wiener Klassik, München 1933.

12 Paul Bryan, »Johann Baptist Wanhal (1739–1813)«, Johann Baptist Wanhal Association, http://www.wanhal.org/wanhal.

13 So bietet der Komponist in den Trois caprices pour le clavecin ou piano forte op. 15, die um 1786 bei J. J. Hummel in Berlin erschienen, improvisatorische Brücken innerhalb der einzelnen Capricci.


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