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GP681 - MAČEK, I.: Piano Music (Complete) / Violin Sonata (Mazzon, Filipec)
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Ivo Maček (1914–2002)
Sämtliche Klavierwerke • Sonate für Violine und Klavier

 

Unter den Künstlern, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts die jugoslawische Musikszene prägten, nimmt Ivo Maček einen bedeutenden Platz ein. Er wurde am 24. März 1914 im heute kroatischen Sušak geboren, besuchte das klassische Gymnasium sowie die Zagreber Musikakademie und studierte, nachdem er 1934 seine Examina abgelegt hatte, bei Svetislav Stančić in Zagreb Klavier und bei Jean Roger-Ducasse in Paris Komposition. Er unterrichtete zunächst selbst an der Zagreber Lisinki-Musikschule und war zudem an der Oper der Stadt als Sekretär tätig, bevor er sich rasch als Konzertpianist in ganz Jugoslawien und im Ausland einen Namen machte: Unter anderem trat er damals mit den Cellisten und Dirigenten Enrico Mainardi und Antonio Janigro auf, während er gemeinsam mit dem Cellisten Mirko Dorner im Jahre 1952 den Internationalen Duo-Wettbewerb von Vercelli gewann. Schon 1948 hatte er einen Preis der jugoslawischen Regierung erhalten, dem sich 1957/58 der Konzertpreis Milka Trnina anschloss—zwei Auszeichnungen, die sowohl seine interpretatorischen als auch pädagogischen Erfolge betonten.

Als Juror wirkte Maček bei vielen internationalen Klavierwettbewerben (Chopin in Warschau, Busoni in Bozen, Johann Sebastian Bach in Leipzig usw.). Er unterrichtete an der Musikhochschule von Zagreb, wo er von 1967–70 auch den Abteilungen für Klavier- und Orgelspiel vorstand. Zugleich gab er Sommerkurse an der Weimarer Hochschule Franz Liszt. Er war ordentliches Mitglied der Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste und wurde mit vielen Ehrungen bedacht. Unter anderem erhielt er 1978 den Vladimir Nazor-Preis für sein Lebenswerk, 1989 den Kompositionspreis Josip Slavinski und 1992 als weitere Bestätigung seines Lebenswerkes den Lovro von Matačić-Preis. Zu seinen editorischen Leistungen gehörten praktische Ausgaben der Klaviersonaten von Beethoven sowie eine kritische Ausgabe der Klavierwerke von Josip Slavenski. Ivo Maček starb am 26. Mai 2002 in Zagreb.

Obwohl sich Maček sein Leben lang mit praktischer Musikausübung, Unterricht und Beurteilungen befasste, fand er doch immer wieder Zeit zum Komponieren—vor allem in den frühen und späteren Jahren seiner Karriere. Allerdings publizierte er selbst nur sechzehn eigene Werke. Die vorliegende CD enthält seine sämtlichen Klavierstücke, die hauptsächlich der frühen Zeit entstammen—von der 1977 entstandenen Sonatine abgesehen, die aus drei kurzen, schön miteinander kontrastierenden und doch klug gegeneinander ausgewogenen Sätzen besteht. Stilistisch erinnert Mačeks Musik sowohl durch ihre dezent fließende Technik als auch in ihrer pikanten Harmonik an den Klaviersatz der »Impressionisten« Claude Debussy und Maurice Ravel.

Der erste Satz der Sonatine beginnt mit transparenten Figuren, aus denen sich zwei subtil unterschiedene, ruhig belebte Themen erheben. Das musikalische Strömen bedarf keiner eigentlichen Durchführung, führt aber dennoch zu einem kurzen zentralen Höhepunkt und endet mit einer Coda, die den Gang der Dinge mit zarter Hand beruhigt. Der Mittelsatz erweist sich als so liebenswürdig, wie es der Titel vermuten lässt. Dabei steht das geschickt synkopierte Hauptthema in einem gewissen Kontrast zu der nachdenklicheren Stimmung des Mittelteils, der sich für einige Augenblicke aufgeregt kräuselt, ehe die Gleichmut des Anfangs wieder hergestellt wird. Deutlich energischer ist das Finale mit seinem umherspringenden Hauptthema, das sich frei über die Tasten bewegt, sich rasch zu einem neckischen, rhythmisch vertrackten Mitteilteil steigert und dann zu der anfänglichen Verve zurückkehrt, um das Stück zu einem derb-humorvollen Ende zu bringen.

Thema und Variationen aus dem Jahre 1939 gehören zu Mačeks einfallsreichsten Klavierstücken. Das formal gedrängte Werk nutzt die motivischen Komponenten der ersten Takte zu einem weit gespannten Ausdrucksspektrum. Das einfach gestaltete Thema wird reich harmonisiert und durchläuft acht Variationen, in denen nacheinander versonnene, kapriziöse, schwermütige, humorvolle, gebieterische, verspielte und ernste Töne dominieren. Die letzte Veränderung steigert ihren Impetus zu einem wortgewaltigen Schluss.

In der Improvisation (1938) geht Mačeks motivisches Denken weniger geradlinige, dabei allerdings nicht minder schlüssige Wege. Wie bereits der Titel verrät, haben wir ein in formaler und expressiver Hinsicht rhapsodisches Stück vor uns: Der sorglose Ton des Anfangs bleibt auch in der ebenso effektvollen wie ungezwungenen Steigerung erhalten, worauf der verführerische Gestus wiederkehrt, mit dem der Satz begann und jetzt auch zu Ende geht.

Das Intermezzo aus dem Jahre 1935 gehört zu Mačeks poetischsten und attraktivsten Klavierminiaturen. Das Hauptthema ist versonnen und nachdenklich harmonisiert; der Verzicht auf rhythmische Konkretisierung steht im Widerspruch zu der kraftvollen Gebärde des Mittelteils, die eine unerwartete Intensität gewinnt, ehe die Musik zum Anfang zurückfindet und in einen eloquenten, ruhigen Ausklang mündet.

Präludium und Toccata entstanden 1985. Hier wandelt der Komponist auf den markanteren pianistischen Pfaden eines Béla Bartók oder Igor Strawinsky. Das Präludium gibt sich in seiner gewandten Rhythmik und eleganten Harmonik diskret verführerisch, wobei allerdings die Schlusstakte ein unerwartetes Pathos aufweisen. Die durch und durch geschmeidige, bewegliche Fuge hingegen drängt unablässig vorwärts: Die also gewonnene Schwungkraft steht in keinem Verhältnis zur Länge des Satzes und gipfelt in einer ungestümen Entschlossenheit.

Die 1985 entstandene Sonate ist Mačeks kunstvollstes und eindrucksvollstes Werk für Klavier allein. Das liegt nicht allein an seiner exzessiven Rhetorik, sondern vor allem auch an dem abrupten, ergiebigen Dualismus der beiden Sätze, die sich in Länge und Intensität ähneln. Der erste Satz beginnt mit einem kraftvollen Thema, das sich über die ganze Klaviatur ausbreitet, wobei die oftmals dichten, durchscheinenden Harmonien mit einem resoluten Thema kontrastieren, das sich formgerecht zu Worte meldet. Die kräftige Sprache erreicht einen Gipfelpunkt, bevor die beiden Themen in freier Transformation erklingen und die Musik mit gebührender Entschlossenheit endet. Der zweite Satz beginnt mit einer indirekten, verhaltenen Einleitung, die den nachfolgenden Kontrast desto deutlicher hervortreten lässt. Das Hauptthema ist von unmittelbarer Beharrlichkeit, während der zweite Gedanke eine Ruhephase darstellt, die allerdings das vorige Thema nicht verdrängen kann. Zwar bekommt es die Möglichkeit, sich auszubreiten, doch in dem funkelnden Abschluss bricht die dominante Bewegung wieder hervor.

Mit Ausnahme seines frühen »romantischen« Klaviertrios aus dem Jahre 1937 hat Maček die meisten seiner Kammermusiken in den späteren Jahren seiner Karriere geschrieben. Dazu gehören die Cellosonate (1955), das Streichquartett (1980), das Bläserquintett (1987) und das Concertino für Klavier und Kammerensemble (1991). Mit ihrem technischen Raffinement und ihrem schöpferischen Einfallsreichtum ist die 1980 entstandene Violinsonate ein Paradebeispiel, das wie die fünf Jahre jüngere Klaviersonate in zwei Sätzen gestaltet ist, deren Kontraste einander ebenso deutlich wie nutzbringend begegnen. Der erste Satz beginnt mit einem lyrischen Thema, in dem die »singende« Natur der Geige herrschen darf, obwohl an unterschwelliger Anspannung kein Mangel ist. Das zweite Thema gibt sich ungezwungener, ohne aber die generelle musikalische Ausgeglichenheit je ernsthaft zu gefährden. Im Mitteilteil kommt es zwischen den beiden Instrumenten allerdings zu größeren Zusammenstößen, die sich auch auf die geschickt modifizierte Reprise der beiden Hauptthemen und die Steigerung der Coda auswirken. Es ist dem zweiten Satz vorbehalten, die Veränderungen mit einem erregten Schlagabtausch einzuläuten, mit dem anschließend ein ruhigeres, zunehmend leidenschaftlicheres Thema kontrastiert. Die vorige Bewegung wird wieder aufgegriffen, die Musik schwingt sich in einer veränderten Reprise des Hauptgedankens auf und erreicht eine kurze, wirkungsvolle Erinnerung an das zweite Thema, ehe das Stück von seinen letzten schwungvollen Takten beschlossen wird.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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