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GP683 - GODARD, B.: Piano Works, Vol. 1 (E. Reyes)
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Benjamin Godard (1849–1895)
Klaviersonaten Nr. 1 und 2 • Promenade en Mer • Sur la Mer • Au Matin • Conte de Fée

 

Zu seiner Zeit gehörte Benjamin Godard zu den verheißungsvollsten französischen Komponisten der jungen Generation. Dem heutigen Konzertpublikum ist er kaum noch bekannt. Er war ein Wunderkind, leistete Glänzendes auf der Geige und dem Klavier und kam bereits als Zehnjähriger an das Pariser Conservatoire, wo ihn der große belgische Virtuose Henry Vieuxtemps auf der Violine und Henri Reber, bei dem auch Jules Massenet studierte, in der Komposition unterrichtete. Vergeblich bemühte sich Godard in den Jahren 1863 und 1864 um den begehrten Prix de Rome—womit die Karriere der meisten französischen Nachwuchsmusiker begann, da man darin das Zeichen des kompositorischen Könnens und die Akzeptanz durch das Establishment sah. Der Misserfolg hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich mit Leib und Seele der Komponistenkarriere zu verschreiben, und er tat viel für diese Karriere, indessen ihm seine Frühbegabung Vergleiche mit Mozart eintrugen.

In den siebziger Jahren hatte er bereits in ganz Europa eine beträchtliche Reputation erworben. Seine dramatische Symphonie Le Tasse op. 39 wurde 1878 mit dem Prix de la Ville de Paris ausgezeichnet, und als das Werk im selben Jahr seine Premiere erlebte (der unter anderem Gounod, Massenet, Saint-Saëns und Ambroise Thomas beiwohnten), war die Kritik begeistert. Über seine erfolgreiche kompositorische Tätigkeit hinaus widmete sich Godard als Geiger und Bratscher in verschiedenen Ensembles der französischen Hauptstadt der Kammermusik. 1887 übernahm er zudem die Kammermusikklasse des Conservatoire.

Godard war ein fleißiger Komponist. In seinem kurzen Leben schrieb er drei Symphonien, vier Konzerte, acht Opern, drei Streichquartette und vier Violinsonaten sowie ein enormes Spektrum an Kammermusiken, Klavierstücken und Liedern. Die meisten Kritiker waren sich offenbar darin einig, dass Godard es besser bekommen wäre, wenn er einen geringeren Fleiß an den Tag gelegt und sein Können nicht zwischen den verschiedensten Projekten aufgerieben hätte. Es ist denkbar, dass die Freude über die frühen Erfolge, der Stolz über das internationale Ansehen und pekuniäre Notwendigkeiten gemeinsam zu solch harter Arbeit und der Publikation seines äußerst umfangreichen OEuvres anspornten. Godard arbeitete zwar zu einer Zeit, als in Frankreich das Wagner-Fieber grassierte, war aber bekannt dafür, dass er den Einfluss des deutschen Komponisten sorgsam vermied. Der jüdische Musiker hatte nichts für Wagners Politik und Ansichten übrig, sondern sah sich selbst in einer musikalischen Linie mit den älteren Generationen der Mendelssohn, Schumann, Chopin und Beethoven. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass seine Musik nach seinem Tode so schnell von den Konzertpodien verschwand: In den neunziger Jahren wurden die frühen Werke Debussys und Ravels gedruckt, und im Vergleich mit diesen Neuheiten mussten Godards Werke entschieden konservativ und altmodisch wirken. Er starb 1895 im Alter von gerade einmal fünfundvierzig Jahren an Tuberkulose.

Die beiden Klaviersonaten und die vier Miniaturen von Godard, die das vorliegende Programm bilden, wurden zwischen 1879 und 1884 veröffentlicht. Das Gros seiner Klavierwerke besteht aus Charakterstücken, die oftmals mit deskriptiven Titeln versehen sind oder sich in Formen bewegen, die wir von Chopin kennen: Barkarolen, Walzer, Mazurkas und Nocturnes. Viele dieser Piecen schrieb Godard zweifellos im Hinblick auf den riesigen Markt der Amateure, und er brachte sogar eine Etüdensammlung (op. 149) heraus, deren vier Hefte er nach Schwierigkeitsgraden für Anfänger, Studenten, Amateure und »Künstler« ordnete. Die beiden Sonaten sind einwandfrei für Berufsmusiker oder sehr talentierte Liebhaber gedacht, die vier kleineren Stücke richten sich eher an Menschen, die das Klavier aus purem Vergnügen traktier(t)en.

Die »Sonate Fantastique« C-dur op. 63 wurde 1881 publiziert. Jeder ihrer vier Sätze trägt einen deskriptiven Titel in der Art eines Charakterstücks (und tatsächlich konnte man die Sätze auch in einzelnen Heften wie eigenständige Kompositionen erwerben). Wir beginnen mit Les Génies de la Forêt (»Die Geister des Waldes«), deren Raunen und Murmeln den Hörer ganz einzufangen scheint: Die unablässigen Triolen auf dem tiefen C wecken den Eindruck von Geschöpfen, die sich in permanenter Bewegung befinden. Ein würdevoller Choral, das zweite Thema des Satzes, soll anscheinend das Alter und die Macht der geheimnisvollen Wesen unterstreichen. Ihnen folgen im zweiten Satz Les Farfadets (»Kobolde«), kleine, mutwillige Kreaturen aus der französischen Volkssage, die an Heinzelmännchen oder Elfen erinnern. Hier hüpft die Musik im lebhaften Dreivierteltakt mit schelmischen chromatisch flektierten Tonleitern und Sprüngen dahin. Ein etwas ruhigerer Mittelteil lässt uns erkennen, dass diese kleinen Feengestalten zwar frech, im Grunde aber gutmütig sind. Dann aber wird der erste Teil wiederholt, und wir geraten in einen Wirbelwind von Skalen und Staccato-Passagen, ehe die Farfadets in den letzten Takten augenscheinlich aus dem Fenster springen und in der Nacht verschwinden. Der dritte Satz behandelt eine ganz andere Feenart, die Fée d’Amour. Wie ein Lied von Schumann wirkt dieses warmherzige, sangliche Quasi adagio, worin Godard sorgfältig in jeder Phrase die feinsten Temposchwankungen bezeichnet, die er erwartet.

Schließlich kommen die Esprits de la Mer (»Geister des Meeres«), denen Godard nicht allein den programmatischen Titel, sondern auch ein eigenes dreistrophiges Gedicht vorangestellt hat (der begeisterte Poet hat verschiedentlich eigene Texte vertont). Die Worte offenbaren die finsteren Intentionen der Meeresgeister, die mit ihren Wogen Schiffe zerbrechen und die Matrosen umbringen. Tief und polternd ist hier die Musik—eine pianistische Textur, die von rastlosen c-moll-Arpeggien und Basstrillern beherrscht wird. Die Spannung mehrt sich im Verlauf des Stückes. Wracks und Seeleute werden davongetragen, bevor es zu einer Auflösung in Dur kommt: Die Matrosen sind dahin; was bleibt, ist die stille, ungetrübte Oberfläche des Ozeans.

Demgegenüber verzichtet die drei Jahre später (1884) entstandene Sonate Nr. 2 f-moll op. 94 auf jegliche Programmatik. Das Hauptthema des Allegro-Kopfsatzes verrät eine gewisse Nähe zu dem gregorianischen Dies irae. Daran schließt sich ein Wechselspiel der beiden Hände an, wie man es im ersten Satz der Beethovenschen Pathétique op. 13 findet. Im weiteren Verlauf nimmt die Virtuosität der Musik kontinuierlich zu. Der zweite Satz bringt mit einer weitläufigen, lyrischen Des-dur-Melodie Ruhe und Entspannung, dann kombiniert das Finale im Sechsachteltakt die Scherzando-Gesten aus Mendelssohns Musik zum Sommernachtstraum mit einer bravourösen Coda nach Art einer Chopin-Ballade. Godard widmete die Sonate seinem Freund, dem belgischen Pianisten August Dupont (1827–90).

Zwei der vier Charakterstücke, die hier zu hören sind, beschäftigen sich mit den wechselhaften Texturen des Wassers. Außerdem gibt es eine weitere »Féerie«, wie sie uns in der »Sonate Fantastique« begegnete. Das 1879 entstandene Sur la Mer op. 44 ist gemäß seinem Untertitel zwar eine »Barcarolle«, doch die Wellen gehen um einiges höher, als das bei dem Lied eines Gondoliere zu erwarten wäre. Die aufgeregte See rollt in ihrem bedrohlichen c-moll und wogt in entfernte Tonarten, während sich die Sturmwolken zusammenballen und wieder auflösen. Weitaus sanfter klingt die Promenade en Mer op. 86 aus dem Jahre 1884: Das sind nicht die rauhen Brecher des Ozeans, sondern die leise sich kräuselnden Wellen einer Lagune. Die F-dur-Melodie des Anfangs wird später von kleinen gurgelnden Strudeln und Quellen ausgeschmückt, und nur im Mittelteil deutet sich ein ganz leise grollendes Fluten an.

Godard hat zwei Stücke mit dem Titel Conte de Fée (»Märchen«) geschrieben. Das erste ist das Opus 62 aus dem Jahre 1882. Von einem kurzen, im ersten Takt exponierten Motiv ausgehend, vermählt dieses zarte Stück in Fis-dur die Charakterisierungskunst Schumanns mit Chopins filigranen Zügen. Abschließend erklingt Au Matin, op. 83 (1884), eine der wenigen Kreationen, die sich noch Jahrzehnte nach Godards Tod einiger Beliebtheit erfreuten. Eine simple Esdur-Melodie wird repetiert und umgestaltet—als befände man sich auf einem gemächlichen Morgenspaziergang. Die Klimax des Satzes nähert sich der Diktion der Oper und präsentiert damit genau das Modell, das man von einem Komponisten erwarten durfte, der auf dem Gebiete der Salonmusik so Treffliches geleistet hat.

Katy Hamilton
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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