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GP685 - SZYMANOWSKA, M.: Dances for Solo Piano (Complete) (Kostritsa)
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Maria Szymanowska
Sämtliche Tänze für Klavier

 

Die Leidenschaft bringt Leiden! - Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb' ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832):
Aussöhnung, erste Strophe

Im Sommer 1823 begab sich der betagte Johann Wolfgang von Goethe zur Kur ins böhmische Marienbad, wo er sich in eine wunderschöne Pianistin namens Maria Szymanowska verliebte. Ihr Klavierspiel inspirierte ihn zu dem dreistrophigen Gedicht Aussöhnung, das er ihr widmete. Die letzte Zeile—»Das Doppelglück der Töne wie der Liebe«—lässt erkennen, dass Goethe von den körperlichen Reizen der Szymanowska ebenso berührt war wie von ihrem äußerst ergreifenden Musizieren.

Maria Szymanowska, die Goethe am 18. August 1823 in einem Brief an seine Tochter Ottilie als »die zierliche Tonallmächtige« apostrophierte, kam 1789 in Warschau als Marianna Agata Wołowska zur Welt. Die ursprünglich jüdische Familie war zum Katholizismus übergetreten, und der Vater, ein erfolgreicher Brauereibesitzer, war ein Mann von kultiviertem Geschmack: Sein Haus stand den patriotischen polnischen Intellektuellen und künstlerischen Persönlichkeiten aus anderen Teilen Europas stets offen. Zu den zahlreichen Musikern, die bei Wołowski ein- und ausgingen, zählten die Geiger Karol Lipiński und Pierre Rode sowie Chopins künftiger Lehrer Józef Elsner.

Warschau verlor damals mehr und mehr an Bedeutung, und 1795 wurde bei der dritten polnischen Teilung das gesamte Territorium des Landes von Russland, Preußen und Österreich absorbiert. Infolgedessen ließen sich viele vertriebene Dichter, Politiker, Autoren, bildende Künstler und Musiker im Ausland, namentlich in Frankreich nieder. Eine große Rolle spielten diese Gestalten dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei der Entstehung der polnischen Romantik, als deren musikalischer Gigant sich dann Chopin erhob.

Die junge Maria Wołowska erwies sich in musikalischer Hinsicht als äußerst frühreif und war schon bald die Sensation der Warschauer Salons. Man beschloss, sie nach Paris zu schicken, auf dass sie ihren musikalischen Horizont erweitere, und sie wurde noch berühmter: In der französischen Hauptstadt beeindruckte sie solche Größen wie Gioachino Rossini und Luigi Cherubini (der ihr eine Klavierfantasie widmete).

Wieder in Polen, heiratete sie 1810 den reichen Gutsbesitzer Józef Szymanowski, und bald gab es drei Kinder (die Tochter Celina wurde die Frau des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz). Doch den Szymanowskis war kein Glück beschieden. 1820 kam es zur Scheidung. Maria, die bereits 1815 ihre internationale Karriere wieder aufgenommen hatte, behielt aus beruflichen Gründen den Ehenamen bei und unternahm eine Reihe sehr ausgedehnter Reisen, in deren Verlauf sie sowohl in privaten Kreisen als auch öffentlich auftrat. Als sie Goethe 1823 kennenlernte, hatte sie soeben eine dreijährige Tournee angetreten. Unter anderem gewährte ihr die britische Königsfamilie eine Audienz. 1828 kam sie nach Russland, wo sie zur Ersten Pianistin des Zarenhofes befördert wurde. Im Sommer 1831 fiel sie einer Cholera-Epidemie zum Opfer, die in St. Petersburg wütete. Maria Szymanowska starb am 25. Juli im Alter von 41 Jahren.

Mit ihren Kompositionen, von denen sich Berufsmusiker und Amateure gleichermaßen angezogen fühlten, spielte Maria Szymanowska eine wichtige Rolle in der Frühgeschichte eines zutiefst romantischen Phänomens: des Klavierkomponisten oder komponierenden Pianisten. Die Zeitgenossen bewunderten sie sehr, und bei ihren Solokonzerten berücksichtigte sie üblicherweise auch lebende Komponisten wie Hummel und Beethoven (der ihr seine Bagatelle B-dur WoO 60 widmete). Der einflussreiche tschechische Komponist und Lehrer Václav Tomášek, der Beethoven und Goethe zu seinen Bekannten zählte, lobte die Klarheit und den Anschlag ihres Spiels und schrieb begeistert von ihrer Art des Vortrags. Die erhaltenen Dokumente lassen vermuten, dass sie enge berufliche Kontakte zu ihren Kollegen unterhielt, die von wechselseitigem Vertrauen und Respekt bestimmt waren. John Field bedeutete dem Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel in einer warmen Empfehlung, man möge doch den Namen der Szymanowska auf die Liste der berühmten Komponisten setzen. Die Widmung ihrer Caprice sur la romance de Joconde pour le Pianoforte (1819) an »Monsieur John Field« stützt die Vermutung, dass Maria Szymanowska in ihm einen engen Freund sah.

Doch die Wertschätzung war keine ganz allgemeine. Immer wieder einmal erhob sich eine einsame Stimme der Opposition, von denen die des jungen, selbstgefälligen Felix Mendelssohn wohl die bekannteste war. Er hielt den Bewunderern der Szymanowska entgegen, sie hätten wohl »ihr hübsches Gesicht mit ihrem nicht hübschen Spiel verwechselt«. Zwar war auch Mendelssohns Schwester Fanny eine ausnehmend tüchtige Komponistin; es ist aber durchaus möglich, dass sich ihr Bruder unbehaglich bei dem Gedanken fühlte, es könne aus den Salons noch eine weitere talentierte Pianistin und Komponistin hervorgehen—zumal diese beim großen Publikum einen derart auffallenden Erfolg hatte. Es ist auch denkbar, dass die Geringschätzung, die der halbwüchsige Mendelssohn für Maria Szymanowska empfand, aus der Antipathie gegen den Künstlerkreis resultierte, in dem sie verkehrte. Ihren Mentor Luigi Cherubini bezeichnete er schließlich als einen »erloschenen Vulkan«, der zuweilen noch sprüht, aber »ganz mit Asche und Steinen bedeckt« ist.

Die enorme Menge an Liedern ohne Worte, die Mendelssohn selbst geschrieben hat, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass er um den unstillbaren Hunger nach pianistischer Hausmusik wusste; doch die bloße Weite und das Spektrum seines schöpferischen Genies zeigt, dass er sich nie als reiner Salonkomponist hätte einordnen lassen. Demgegenüber produzierte Maria Szymanowska bedenkenlos fast all ihre Musik für den Salon.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Begriff der Salonmusik zum unmissverständlichen Synonym für Dilettantismus und Massenkonsum geworden. In den früheren Jahrzehnten jedoch waren ihre entscheidenden Merkmale Eleganz und Raffinement, und diese Qualitäten zeigen sich auf bewundernswerte Weise in den attraktiven Tanzkollektionen, worin Maria Szymanowska Polonaisen, Walzer, Mazurkas, Quadrillen und Kontretänze sowie ungewöhnlichere Typen (Cotillons, Anglaises u.a.) veröffentlichte. Insgesamt handelt es sich bei diesen Tänzen vorwiegend um vergnügliche, leichtgewichtige Stücke von genau jenem Grad an künstlerischem Einfallsreichtum, der nötig war, um in den damaligen Salons der Aristokratie zu gefallen. Nur gelegentlich sind die technischen Anforderungen um einiges höher wie etwa in der Polonaise Nr. 4 f-moll (einer Übung in Terzen und Sexten), während Maria Szymanowska in der Mazurka Nr. 17 C-dur dunklere Momente andeutet, die vorübergehend nach dem proto-romantischen Sturm und Drang der 1760-er Jahre duften—mithin aus der Zeit des jungen Goethe.

Anthony Short
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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