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GP688 - KAZHLAEV, M.: Piano Music - Romantic Sonatina / Dagestan Album / 6 Preludes / Picture Pieces (Chisato Kusunoki)
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Murad Kashlajew (geb. 1931)
Klavierwerke

 

Murad Magomedowitsch Kashlajew wurde am 15. Januar 1931 im aserbaidschanischen Baku als Sohn eines HNO-Arztes geboren. Von 1938 bis 1949 wurde er an der Jugendschule des Staatlichen Konservatoriums von Aserbaidschan ausgebildet, ehe er von 1950 bis 1955 die Oberstufe des Instituts besuchte. Als Komponist graduierte er in der Klasse von Boris Zeidman (1908–1981), der—wie Dimitrij Schostakowitsch und Juri A. Schaporin—in Leningrad bei Nikolaij Rimskij-Korssakoffs Schwiegersohn Maximilian Steinberg studiert hatte. Des weiteren erhielt er Unterweisungen durch den dagestanischen Pionier Gotfrid Hasanow (1900–1965) und den legendären Dirigenten Niyazi Zulfigar oğlu Tagizade Hashibejow (1912–1984), der beinahe fünfzig Jahre das Aserbaidschanische Staatsorchester geleitet hatte. Kashlajew gehört dem dagestanischen Volksstamm der Lak an. Das vorwiegend islamische Dagestan (»Bergland« nach dem Türkisch-Persischen) ist die größte autonome Region im nördlichen Kaukasus. Sie grenzt im Osten an das Kaspische Meer, während sie ansonsten von Georgien und Aserbaidschan sowie von den zur Russischen Föderation gehörenden Regionen Kalmückien und Tschetschenien eingefasst wird. Seiner geographischen Lage und seiner Historie entsprechend, verfügt das Land über eine reiche Volkskunst; in den entlegenen, oftmals nicht elektrifizierten Dörfern der zerklüfteten Gegenden gibt es eine Fülle äußerst kunstvoll ornamentierter Tänze, Lieder und Balladen von großer Schönheit, in deren stilistischer Vielfalt die Vergangenheit ihren Widerhall findet.

1955 übersiedelte der talentierte Pianist Murad Kashlajew (der Swjatoslaw Richter, einen Patienten seines Vaters, häufig im alten Baku herumkutschiert hatte) in die dagestanische Hauptstadt Machatschkala, das einstige Fort »Petrowskoje«. Er unterrichtete Theorie, war Mitbegründer des dagestanischen Komponistenverbandes und dirigierte von 1957 bis 1963 das Symphonieorchester des Dagestanischen Rundfunks (als Student war er bereits 1954 in den sowjetischen Komponistenverband aufgenommen worden). 1970 wurde er mit dem staatlichen Glinka-Preis ausgezeichnet und 1981 als Volkskünstler der UdSSR geehrt. 1989 ging er nach Moskau, wo er während der nächsten achtzehn Jahre als musikalischer Direktor das Große Akademische Konzertorchester des Staatlichen Rundfunks und Fernsehens leitete—das russische Flaggschiff für Schlager, Bigband, Varieté und Jazz, dessen Richtlinien aber auch klassisch-romantische Werke und zeitgenössische Premieren erlaubten (das Ensemble wurde später in »Großes Akademisches Konzertorchester Juri Silantjew« umbenannt). 1993 erhielt Kashlajew eine Professur für Komposition am Staatlichen Konservatorium Sergej Rachmaninoff in Rostow am Don. Anlässlich seines fünfundachtzigsten Geburtstages wurde er im Januar 2016 als Verdienter Künstler von Dagestan geehrt.

Da Murad Kashlajew den politischen Systemen von Stalin über die Perestroika bis hin zu Vladimir Putin entsprach, überstand er all diese Phasen. Neben Leonid Utjossow, Isaac Dunajewski, Arno Babadjanjan, dem Moskauer Blumenfeld-Schüler Alexander Zfasman und dem Billy Evans-Bewunderer Andrej A. Babajew gehörte er zu den führenden sowjetischen Jazzern und Crossover-Musikern, denen auch Dimitrij Schostakowitsch nicht ganz fern stand. Die russische Jazz-Geschichte des 20. Jahrhunderts nahm keinen einfachen Verlauf. 1929 wurde die Musik als Ausdruck der »bourgeoisen Dekadenz« vorübergehend verboten. Von 1932 bis 1938 reiste Zfasman mit seiner nach Paul Whitemans Vorbild zusammengestellten Band durch die Republiken, wo man als Highlight die Rhapsody in Blue präsentierte. Durch den Kontakt mit den Alliierten wurde das Medium während des Krieges immer populärer. Sogar das berüchtigte NKVD (Volkskommissariat für Interne Angelegenheiten) hatte seine eigene Combo. Andrej Shdanows »Reinigung« von 1948 und die frühen Jahre des Kalten Krieges brachten dann die Unterdrückung: Der Jazz der Neuen Welt galt nach dem ideologischen Sprachgebrauch der Zeit als verderbliches Übel sowie als Ausdruck des Imperialismus und der moralischen Verkommenheit. Selbst das Saxophon wurde verboten. 1962 räumte Tichon Chrennikow ein, dass regionale Spielarten (rumänischer, ungarischer und zeitgemäßer Sowjet-Stil) zwar in Ordnung seien, die »amerikanisierte« Form aber vom Staat abgelehnt werde. Im März des nächsten Jahres verurteilte Nikita Chruschtschow, nachdem er ein Benny Goodman-Konzert verlassen hatte, die Begeisterung für den Jazz als »abnormal«, da diese »Musik« einen Brechreiz verursachte. Nach seiner Amtsenthebung im Oktober 1965 fand das Medium ein toleranteres, weniger »versteinertes« Klima vor. Zu einer wirklichen Entwicklung und progressiven Grenzüberschreitungen kam es allerdings erst später im Zuge der risikoreichen Untergrund- Bewegung (samizdat) und ihrer kulturellen Neugier.

Kashlajew erinnert sich voller Liebe an seine prägenden Jazz-Jahre. Die Provokation der Autoritäten und das Schwenken der Dissidentenflagge hat er offenbar anderen überlassen. »Ich habe meine Kindheit in Baku verbracht. Das war damals eine überaus musikalische und kosmopolitische Stadt. In der Nachkriegszeit hörten wir westliche Radiosender [darunter die Voice of America, die vor allem den transatlantischen Einfluss garantierte]. Dazu dienten uns die Kurzwellenempfänger, die wir zurückbekommen hatten. Wir hörten faszinierende, himmlische Musik. Wir sangen sie unsern Freunden vor. Wir improvisierten über die Melodien. Verblüfft hörten wir, was Dizzy Gillespie, Glenn Miller, Louis Armstrong, Frank Sinatra, Duke Ellington [der später Kashlajews African Concerto von 1964 übernahm], Count Basie, Ella Fitzgerald, George James und Woody Herman konnten. Wir ahmten sie nach und liehen uns ihre Sachen, doch wir versuchten auch, etwas Eigenes auszudrücken. In Baku entstand eine Reihe von Jazzgruppen, in denen wir spielten. Es gab die berühmte Bigband des Saxophonisten Parviz Rustambekow [dem sogenannten »russischen Benny Goodman«]. Wir probten im Vereinsheim der Fischer und verbrachten nach dem Unterricht die meiste Zeit damit, unsere ersten Kompositionen auf alten Röntgenfilmen aufzunehmen. Der Jazz, der der Musik und dem Rhythmus meiner Heimat und des Kaukasus nicht unähnlich ist, hatte in meiner Seele tiefe Wurzeln geschlagen. Doch ein Jazz-Komponist ohne Musiker ist wie ein Reiter ohne Pferd. Als ich 1957 in Moskau Michel Legrands Orchester hörte und ihn persönlich kennenlernte, hatte das Schicksal über meine Leidenschaft entschieden. In Moskau fand ich Jazzer, die Partner und Freunde fürs Leben wurden. Sie ließen meine Kinderträume wahr werden. Wir waren alle so jung und aktiv, wir spielten Musik, wir machten vierundzwanzig Stunden am Tag Aufnahmen«.

Als verhätscheltes Mitglied des sowjetischen Komponistenverbandes, dieser »Klostergemeinschaft«, in der politisches Know-how, persönliches Streben, bürokratische Konformität und kollegiale Hilfe an der Tagesordnung waren—als Mitglied dieser Kooperative konnte Kashlajew das Leben genießen. »Ich erhielt vom Staat eine Datscha vor den Toren von Moskau, so dass ich mich auf meine kreative Arbeit konzentrieren konnte. Es gab einen Flügel, einen Kamin, sogar eine Reinemachefrau, und wenn ich einmal länger bleiben musste, um einen Auftrag abzuschließen, war das kein Problem. Morgens komponierte ich am Klavier. Und abends ging ich ins Kino. Besonders wichtig war die Freundschaft unter den Komponisten. Wir teilten einander unsere Ansichten mit, berieten uns gegenseitig. An einem Abend im Januar besuchten wir Babadjanjan in seiner Datscha. Es war sein Geburtstag. Er sagte: ›Sieh mal, ich habe dieses neue Lied geschrieben, Eile nicht [Ne speschi], aber an einer Stelle ist die Harmonik nicht ganz richtig‹. Nun, wissen Sie, ich bin der Meister der Harmonik! Ich sagte also: ›Warte, hier hast du eine Harmonie, für die du sterben wirst!‹ Ich spielte ihm meine Lösung vor, die ihm wie ein Wunder erschien. So wurde die Stelle in meiner Fassung vertont. Gelegentlich hatten wir das Vergnügen, Schostakowitsch als Gast zu begrüßen. Seit er Erster Sekretär des [russischen] Komponistenverbandes war, sahen wir ihn recht oft. Einmal waren wir zusammen in unserer Datscha im armenischen Dilijan. Meine Frau Valida [Islamzadeh] machte Pilaw [Reis], auf den er ganz verrückt war! Er war nervös, in seine Musik zurückgezogen, nicht sehr umgänglich. Wenn uns ausländische Komponisten besuchten, staunten sie immer über die idealen Bedingungen, die den Künstlern in der UdSSR geboten wurden«, erzählte er im Sommer 2015 bei einem Interview.

Murad Kashlajews Katalog reicht von nationalen Orchesterstücken bis zu Zirkusnummern, vom Ballett bis zur Operette, vom Musical bis zu Liedern für Revuen. All das ist ausgesprochen harmonisch, melodisch und lebhaft erfunden. Sein Jazz und seine Bigband-Stücke, seine Unterhaltungs- und Filmmusiken belaufen sich insgesamt auf etwa zweihundert Titel und zeigen, wie der Profi gegen die Uhr arbeiten musste. Mit seinem Kolorit, seiner Atmosphäre und regelrechten Schlagern hält das spektakuläre dagestanische Ballett Gorjanka (»Das Mädchen aus den Bergen«) aus dem Jahre 1968, das Michail Barïshnikows und das Kirow-Ballett am Marientheater herausbrachten, ohne weiteres den Vergleich mit Aram Chatschaturjans Gajaneh aus den Kriegsjahren aus: Es ist ein wahres Fest von lyrischen Refrains und perkussiven Attacken, nasalen Rohrblattinstrumenten und kaukasischer Trompete, wobei der Cocktail durch einige Elemente Rachmaninoffs und des Sacre zusätzliches Dynamit erhält.

Die in dieser Produktion versammelten Stücke entstanden zwischen 1952 und 1973. Die Romantische Sonatine (1952), eine jugendfrische, emotionale Studentenarbeit, oszilliert im Tritonus zwischen dem A der Ecksätze und dem Es des zentralen Andante sostenuto. Der pianistische Stil verschmilzt das Lineare mit dem Vertikalen und kräftige Akkorde mit dem brillanten non legato des Finales. Ob das lang-kurze Leitmotiv des Kopfsatzes auf demselben Boden steht wie die entsprechende Figur aus Rachmaninoffs zweitem und dritten Klavierkonzert, ist nicht klar.

Von gesanglicher Sensibilität, dynamischer Körperlichkeit und gehöriger Klangschönheit ist das Dagestan Album (1973), in dem der Komponist volksmusikalisches Material verwendet, das er selbst auf verschiedenen Reisen durch den Kaukasus bei fünf verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes gefunden hat: den Awaren (A), Laken (L), Darginern (D), Lesginen (L) und Kumyken (K).

»Man wird diese schönen, einzigartigen Melodien nie und nimmer mit etwas anderem auf der Welt verwechseln können«, schrieb Kashlajew in seinem Vorwort. »Ganz gleich, von welcher Stimmung die Melodien auch sind, sie werden fast immer von präzisen Rhythmen begleitet«. (1) »Lied der Reise« (A)—(2) »Altes Lied« (L), »Wenn nur diese Welt …« (A). (3) »Mauzer« [Name der Geliebten] (L, aus Gorjanka)—(4) »Altes Motiv«, »Das ist grandios« (L). (5) »Unsere Liebe« (D)—(6) »Komsomolka« [Mitglied des sowjetischen Jugendverbandes] (D). (7) »Oh mein Dilbiar« (L)—(8) »Hohe Berge« (L). (9) »Komm, Freund … «, »Tanze, Kamerad!« (K)—(10) »Trauriges Motiv« (K).

Die Sechs Preludes entstanden 1956 (Nr. 1–3) und 1961 (Nr. 4–6). Sie wurden 2014 in Moskau wiederveröffentlicht. Die drei ersten, die auch Lazar Berman in seinem Repertoire hatte, gipfeln in einer Lezginka-Toccata, die an eine Zurna erinnert. Die drei folgenden Stücke »Schöpfung—Schrei—Protest« werden ohne Pause gespielt und setzen das Klavier mit wunderbarer Ausdruckskraft ein.

Fröhliche und traurige Eindrücke der jüngeren Jahre enthalten die neun Bildhaften Stücke (1953–1971, revidiert 2010). Sie zeigen einen außergewöhnlich selbstsicheren Kashlajew, einen Mann des Volkes, der sich in den unterschiedlichsten Stimmungen am Klavier entspannt—von der üppigen Schwelgerei bis zur Sparsamkeit, von expressiver Gelassenheit bis zu messerscharfen Pointen, vom kunstreichen Hotelbar-Sound bis zum Musiktheater, zum kapriziös-ironischen Potpourri und zur »Aneignung«, von der leidenschaftlichen Romantik bis zu basalt-artigen Höhepunkten und den Ajouté-Akkorden eines gutmütig-sinnlichen Jazz. Der fröhliche, Den als da capo angelegten zweiten Satz in G-dur—die 1961 auch orchestrierte »Begrüßungsouvertüre«—hat Kashlajew dem berühmten awarischen Dichter Rasul Gamzatow (1923–2003) gewidmet, mit dem er später bei der Komposition der Gorjanka zusammenarbeitete.

Die Vorbereitungen der gegenwärtigen Produktion fanden in Moskau und Machatschkala unter der Aufsicht des Komponisten statt, der die gedruckten Fassungen seiner Stücke inzwischen noch einmal revidiert hatte. »Kashlajew und ich sind enge Freunde geworden, und während ich diese Werke studierte, hat mich die warmherzige, großzügige, menschliche Persönlichkeit sehr inspiriert« (Chisato Kusunoki).

Ateş Orga
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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