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GP691 - GLASS, P.: Glassworlds, Vol. 3 - Metamorphosis I-V / Trilogy Sonata / The Late, Great Johnny Ace: Coda /A Secret Solo / Sonatina No. 2 (Horvath)
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Glassworlds 3: Die Metamorphose

 

Die »moderne« Musik entdeckte der Teenager Philip Glass (* 1937), als er im Schallplattenladen seines Vaters in Baltimore arbeitete. Nachdem er bei William Bergsma, Vincent Persichetti und Darius Milhaud studiert hatte, legte er 1962 an der New Yorker Juilliard School die Magisterprüfung für Komposition ab. Seine frühen Werke waren der Dodekaphonie und anderen avancierten Techniken verpflichtet. Doch trotz eines Preises der Broadcast Music Incorporated, eines Stipendiums der Ford Foundation und anderer Erfolge wuchs die Unzufriedenheit mit der eigenen Musik. »Ich war in eine Sackgasse geraten. Ich glaubte einfach nicht mehr an meine Musik«, sagte er. Mit einem Fulbright Stipendium kam er 1964 nach Paris, wo er bei Nadia Boulanger studierte und den indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar kennenlernte. Auf ihre jeweils eigene Art verwandelten diese beiden Persönlichkeiten seine Arbeit. Wie Glass sagte, kam er durch Madame Boulanger zu einer ganz neuen Technik, und Shankar machte ihn »mit einer völlig anderen Tradition bekannt, von der ich nichts wusste«. Er warf seine früheren Vorstellungen über Bord und entwickelte ein System, das die bausteinartige Form und repetitive Struktur der indischen Musik mit den melodischen Vorstellungen und der einfachen Dreiklangsharmonik der westlichen Tradition vermählte.

1967 kehrte er in die USA zurück, wo er mit drei Saxophonisten (und Flötisten), zwei Keyboardern, einer Sängerin und einem Audio-Ingenieur das Philip Glass Ensemble gründete, in dem auch er ein Keyboard spielte. Die fortschrittliche Kunst- und Theaterszene von New York City fand Gefallen an der Gruppe, die in den frühen siebziger Jahren nicht in den traditionellen Zentren der Kunstausübung, sondern in Galerien, Künstler-Lofts und Museen auftrat. Bald folgten die ersten Tourneen und Aufnahmen, die Glass eine Plattform boten, um sein kontinuierlich wachsendes oeuvre uraufzuführen und bekannt zu machen. So etablierte er sich als eine Gegenwartsstimme, die Persönliches und Nachdenkenswertes mitzuteilen hatte, und seit jener stürmischen Anfangszeit hat er nie zurückgeschaut. Zwar wird Glass bisweilen neben Komponisten wie Steve Reich und Terry Riley als »Minimalist« bezeichnet, doch er selbst lehnt diesen Terminus ab.

Gedeihlich ist für Glass die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. 1976 schuf er gemeinsam mit dem Architekten und Maler Robert Wilson, einer der Leitfiguren des avantgardistischen Theaters, das viereinhalbstündige Multimedia-Ereignis Einstein on the Beach, das die beiden Autoren eine »Oper« nannten. Mittlerweile enthält Glass’ Werkverzeichnis mehr als zwei Dutzend Opern und Kammeropern, zahlreiche Filmmusiken (unter anderem zu Godfrey Reggios bahnbrechender Qatsi-Trilogie und dem oscar-nominierten Streifen The Hours) sowie Tanzkompositionen, zehn Symphonien, sechs Streichquartette und Konzerte für verschiedene Soloinstrumente. Auch heute, in seinem achten Lebensjahrzehnt, gibt es keine Anzeichen der Ermüdung.

Das Klavier ist Philip Glass’ Hauptinstrument (er lernte auch Geige und Flöte). Er komponiert am Klavier. Die scheinbar widersprüchlichen Qualitäten des Gesanglichen und Perkussiven liefern dem Komponisten gewissermaßen seine idealen sprachlichen Mittel. Das Instrument ist tief in einer Tradition verwurzelt, die die Epochen der Klassik, der Romantik und der Moderne überspannt und repräsentiert somit das Streben, neue Einfälle mit klassischen Formen zu verschmelzen. Über das Klavier (und darüber hinaus das Keyboard) werden Spieler und Hörer wohl den direktesten und persönlichsten Kontakt zu Glass’ musikalischem Denken finden. Diese komplette Grand Piano-Edition, die zahlreiche Ersteinspielungen enthält, wird unser Verständnis und Bewusstsein für einen der einflußreichsten musikalischen Köpfe unserer Zeit erweitern.

Frank K. DeWald
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Metamorphose, die: Umgestaltung, Verwandlung eines Menschen oder Gegenstandes in etwas völlig anderes.

Akkorde, die im Raume fliegen—eisig gefrorene Alberti-Bässe—lange Melodien, die sich im Vergessen verlieren: Solche und ähnliche Eindrücke gewann ich, als ich die Musik von Philip Glass erstmals zur Hand nahm. Das ist über zehn Jahre her. Ich war damals noch Klavierschüler an der sehr konservativen École Normale. An der Wende zum neuen Jahrtausend war der Minimalismus in Paris noch immer eine Todsünde. Erst, als ich nach den ersten internationalen Wettbewerbssiegen so frei war, meine eigenen Recitals zusammenzustellen, riskierte ich es, diese Musik am Publikum auszuprobieren (neben anderen Stilen wie Spektralismus, Neoromantik und so weiter). Die Zuhörer reagierten jedes Mal auf die erstaunlichste Weise, bekamen Gänsehaut, brachen sogar in Tränen aus … Im Gegensatz zu den immer wieder gehörten Aussagen war die zeitgenössische Musik nicht tot, und es gab Dinge, die das große Publikum doch noch lieben konnte! So nahm ich sie in meine Programme auf, und allmählich erweiterte ich diesen Teil meines Repertoires.

Viel Freude macht es mir, jetzt die Werke von Glass einzuspielen, die ich am längsten kenne: Metamorphosis I–V. Natürlich war ich versucht, sie mit so bekannten Sachen wie Mad Rush, Wichita Sutra Vortex oder Opening zu verbinden. Doch diese Kopplung wurde schon so oft aufgenommen, dass man keine weitere braucht. Und wie anmaßend wäre es nicht gewesen, auch nur einen Moment mit dem Komponisten und seiner fantastischen, meisterhaften CBS-Produktion Solo Piano konkurrieren zu wollen. Ich wollte in dieser Folge vielmehr eine tiefere Ebene aufspüren und den Begriff der »Metamorphose« gewissermaßen als Motto verwenden, um die radikalen Wandlungen zu ergründen, die das Vokabular des Komponisten schärften, um schließlich bis zu seinen musikalischen Keimen zurückzukommen—der Studienzeit an der Juilliard School.

Die erste Station unserer Reise bringt uns zu den Klaviertranskriptionen Metamorphosis I–V von 1988. Die Nummern 3 und 4 entstanden für ein Schauspiel nach Franz Kafkas Roman Die Verwandlung, die drei anderen stammen aus dem Soundtrack zu Errol Morris’ The Thin Blue Line (»Der Fall Randall Adams«). Der Zyklus könnte freilich wie ein beliebig zusammengefügtes Patchwork erscheinen, doch auf dem Konzertpodium kann er die Zeit anhalten und uns in ein neues Reich der Wahrnehmungen führen.

Die Reise geht vier Jahre zurück bis zum nächsten Halt: The Olympian—Lighting of the Torch schrieb Philip Glass zur Entzündung des Olympischen Feuers bei den 23. Sommerspielen in Los Angeles. Anstelle einer simplen Fanfare gestaltete er einen feierlichen Moment menschlicher Gemeinschaft. Die drei Teile transzendierten die Aktionen des Fackelträgers Rafer Johnson: Sein Weg hinauf zur Schale wird zu einer mächtigen Hymne auf die Menschheit; wenn die Flamme die fünf olympischen Ringe beleuchtet, wird die Musik zu einem Zeichen unseres kollektiven Bewusstseins; und wenn schließlich die Schale erstrahlt, singt Glass ein Lied des menschlichen Triumphes.

Der Tanz aus Akt II, Szene 3 der 1983 geschriebenen Oper Akhnaten schildert das dynamische Ritual, mit dem Echnatons neue Stadt eingeweiht wird. Ich spiele die drei Sätze für gewöhnlich in chronologischer Reihenfolge, doch der Pianist Bruce Brubaker hat (vielleicht von Glass selbst beraten) auch eine andere Möglichkeit aufgezeigt. In diesem haarsträubenden Virtuosenstück können wir buchstäblich sehen, wie die Sonne über den Pfeilern von Gem-pa-Aten aufgeht und die Säulenhalle erwärmt, worin die von Sistren begleiteten Tänzer in eine ekstatische Trance fallen.

Die zu Beginn der achtziger Jahre entstandene Coda aus The Late, Great Johnny Ace ist eine Kuriositäten dieses Albums. Sie entstand als Abschluss eines betrübten Liedes, in dem Paul Simon den gewaltsamen Tod dreier Männer (»Johnnys«) besang: des Rhythm and Blues-Sängers Johnny Ace, des Präsidenten John F. Kennedy und des Beatles John Lennon. Möglicherweise handelt es sich bei dem Stück um einen ersten Entwurf zu Pruit Igoe aus dem einige Jahre später geschriebenen Koyaanisqatsi. Das kurze, elegische Stück vermittelt uns die Illusion eines endlosen Traums.

Satyagraha aus dem Jahre 1980 wurde von Ghandis frühen Jahren in Südafrika (1893–1914) angeregt und zieht Parallelen zu den modernen politischen und religiösen Problemen der Welt. Mitte der achtziger Jahre richtete Glass den Schluss des dritten Aktes (Conclusion) für Rudolf Firkušný ein, doch der tschechische Pianist hat das Stück nie gespielt, weil es ihm zu schwer schien. Das intensive, gekonnte Stück verbreitet eine heitere Kraft. Bei jeder ihrer Wiederholungen wird die aufsteigende Melodie durch verschiedene Begleitungen erweitert, ohne dabei ihre Gelassenheit und Würde einzubüßen—wie bei Gandhis »Salzmarsch« (Satyagraha), wo sich dem friedlichen Mann nach und nach Zehntausende anschlossen …

Eine zweite Kuriosität dieses Albums ist A Secret Solo. Es wurde 1977 als exklusiver Track für das 2-LP-Set Big Ego eingespielt, auf dem der amerikanische Poet und Performance-Künstler John Giorno mit Gedichten zu hören war. Das kurze, kraftvolle Stück wurde nie öffentlich aufgeführt. Es erinnert an die Orgelimprovisationen, in denen sich der Komponist live mit der binären rhythmischen Sprache indischer Ragas auseinandersetzte.

Knee Play No. 4 ist ein kurzer Entr’acte aus der 1976 entstandenen Oper Einstein on the Beach. Dieses erste und populärste Bühnenwerk von Glass wurde in vieler Hinsicht zum Meilenstein aller avantgardistischen Bewegungen. Was sich hinter den mysteriösen Arpeggien verbirgt, könnte Bruce Brubaker herausgefunden haben: »All diese verschiedenen Arpeggien im hohen Register (die die Figur des Einstein in der Oper auf der Geige spielt) könnten Einsteins Gehirntätigkeit darstellen. Hören wir in dieser Musik einen Denkprozess? (Die Musik gestaltet viele Prozesse außerhalb ihrer selbst.) Einstein überdenkt eine seiner ›Ideen‹, indessen die Drehungen und Wendungen ausgesponnen werden und die Länge sowie die Unterteilung der Takte sich auch weiterhin langsam verwandeln. Inzwischen bleibt das allen gemeinsame Wissen der chorischen Linien in den langen, tiefen Tönen bestehen. Die letzte Phrase der Musik offenbart einen E-dur-Akkord. E = Mc².«

Versenken wir uns tiefer in die experimentellen Jahre, so finden wir die Two Pages von 1968, einen Meilenstein für die Bewegung der minimal music. Nachdrücklich von Ravi Shankars Raga-Unterweisungen beeinflusst, schuf Philip Glass eine neue Sprache, worin der Rhythmus einfacher musikalischer Linien vermöge eines sogenannten »additiven Prozesses« in 2, 3 oder 4 Achtel aufgeteilt und organisiert wird. Weil das verlangte »fast and steady tempo« (»schnelles, gleichbleibendes Tempo«) auf dem Klavier eine sehr große Herausforderung darstellt, werden die Two Pages normalerweise auf der Orgel gespielt. Damit wird dann aber leider der additive Prozess völlig nivelliert, so dass aus den überwältigenden, tranceartigen Mustern ein bloßes hypnotisches Kontinuum wird.

Das letzte Stück des Programms—unsere letzte Station auf der Zeitreise durch die musikalische Metamorphose des Philip Glass—ist die Sonatina No. 2, die für jeden Glass-Enthusiasten den Heiligen Gral darstellt. Sie entstand im Jahre 1959 während der Studienzeit an der Juilliard School und ist prä-minimalistisch! Unter dem Einfluss von Darius Milhaud, der ihn an der Aspen Music School unterrichtete, hatte Glass damals mit der Entwicklung seiner stilistischen Keime begonnen. Die Sonatina besteht aus drei kurzen Sätzen: Sie beginnt mit einem sehr schmachtenden, delikaten Tanz, dem sich eine meditative, harmonisch eindringliche Klage anschließt; am Ende steht ein virtuoses, funkelndes Scherzo.

Wie genau hat Nadia Boulanger doch die Zukunft von Philip Glass vorhergesagt: »Ich glaube, dass er eines Tages in der Musikwelt etwas sehr Wichtiges tun wird«.

Nicolas Horvath
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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