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GP692 - GLASS, P.: Glassworlds, Vol. 4 - Hours (The) / Modern Love Waltz / Notes on a Scandal / Music in Fifths (On Love) (Horvath)
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Glassworlds • 4
The Hours • Modern Love Waltz • Notes on A Scandal • Music in Fifth

 

Amour à mourir

Für die vierte Etappe auf dem Weg zur Einspielung sämtlicher Klavierwerke von Philip Glass hätten wir keinen besseren Titel finden können als diese Worte aus Guillaume Apollinaires Nuit d’Avril (1915), die den Geist dieses Albums perfekt widerspiegeln. Die Beziehung der Liebe zum Tod ist von großer Bedeutung für Philip Glass’ Filmmusik. Das Thema durchzieht das gesamte Programm und prägt insbesondere The Hours. Wie Liebende werden wir unsere Erfahrung durch den sinnlichen Modern Love Waltz (Glass’ einzigen Walzer) vertiefen, mit den Notes of a Scandal die Regionen der inneren Zerstörung erleben und mit den kompromisslos verknüpften Parallelen der Music in Fifths einen hoffnungsfrohen Höhepunkt erreichen.

The Hours (»Von Ewigkeit zu Ewigkeit«) ist Stephen Dandrys Verfilmung des Romans von Michael Cunningham, der 1999 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Der Soundtrack aus dem Jahre 2002 gehört zu den leidenschaftlichsten, obsessivsten und unheimlichsten Werken, die Philip Glass geschrieben hat. Dazu der Komponist: »The Hours … erzählt von drei Frauen, die zu verschiedenen Zeiten leben: von der Schriftstellerin Virginia Woolf, gespielt von Nicole Kidman, die in den zwanziger Jahren und dann 1941 bei ihrem Selbstmord zu sehen ist; eine Hausfrau (Julianne Moore) im Los Angeles der fünfziger Jahre; und eine von Meryl Streep gespielte Frau, die 2001 in New York lebt und für ihren an AIDS erkrankten Freund eine Party vorbereitet. Ich erkannte sofort, dass die drei Geschichten dieses Films sich so deutlich voneinander abhoben, dass sie uns wie eine Zentrifugalkraft vom Zentrum wegzogen und es schwer machten, die Aufmerksamkeit auf den gesamten Film zu richten. Es schien mir, als ob die Musik eine Art struktureller Alchimie leisten müsse. Irgendwie musste sie die Einheit des Films betonen. Die Aufgabe der Musik bestand darin, die Geschichten miteinander zu verbinden. Was benötigt wurde, waren drei wiederkehrende musikalische Ideen—ein A-Thema, ein B-Thema und ein C-Thema. Virginia Woolfs Selbstmord etwa war immer das A-Thema. Das war immer ihre Musik. Das B-Thema war immer die Musik für Los Angeles, und das C-Thema war immer New York. Der Film verläuft A, B, C, und alle sechs Spulen folgen dieser Anlage. Es schien, als hätte man ein Seil durch den Film gespannt. Es war eine konzeptionelle Idee, die sich durch die Musik realisieren ließ. Das funktionierte, war aber nicht leicht. Ich glaube nicht, dass man es auf eine andere Weise hätte schaffen können«.

Der Soundtrack wurde von der Kritik und dem Publikum gleichermaßen gelobt. Die BAFTA zeichnete ihn mit dem Anthony Asquith Award for Film Music aus, außerdem wurde er für einen Oscar, einen Golden Globe und einen GRAMMY® nominiert. Der Verlag Paramount Music beauftragte Michael Riesman, den langjährigen musikalischen Direktor des Philip Glass Ensembles, und Nico Muhly mit der Einrichtung eines Klavierarrangements.

Andere Aufnahmen dieser fabelhaften Filmmusik haben mit wechselndem Erfolg versucht, Riesmans genaue, rhythmische Ausführung des originalen Soundtracks zu treffen. Mir haben meine Konzerte mit All Glass Piano Music geholfen, für die zeitlose Melancholie der insgesamt vierzehn Stücke (von denen bisher zumeist nur elf eingespielt wurden) einen neuen Ansatz zu finden. Ich betrachtete sie nicht als rein filmische Elemente, sondern entwickelte daraus unterschiedliche psychologische Momente, wobei ich versuchte, sie in eine organischere, zyklische Suite zu verwandeln, die von den drei kraftvollen Themen angetrieben wird.

Nach der trauer-erfüllten Barkarole The Poet Acts steigern sich die monumentalen Morning Passages zu einer atemlosen Besessenheit, die in erbärmlichem Kummer endet. Dem unheimlichen Something She Has to Do folgen die zwei ruhigen Zwischenspiele For Your Own Benefit und Vanessa and the Changelings, an die sich die hektische Aktivität des I’m Going to Make a Cake anschließt, wobei es sich um eine Umarbeitung des Protest aus der Oper Satyagraha (Akt II, Szene 3) handelt.

Mit seinen trügerischen Begierden führt uns An Unwelcome Friend zu den qualvollsten Momenten der Hours. Die leidenschaftlich aphotischen Dead Things, der ergriffene »Kuss«, das hoffnungslose Why Does Someone Have to Die? und die heftige Verzweiflung des Tearing Herself Away (eine Übertragung des Island aus den Glassworks) führen zu dem erstarrenden Escape! (einer Adaption der Metamorphosis II) und der schwermütigen Selbstopferung des Choosing Life. Am Ende kommt es in The Hours zu einer Synthese der traurigen Schicksale und Leidensgeschichten.

Der Modern Love Waltz entstand 1977 für eine Rundfunklesung des Romans Modern Love von Constance DeJong und kam dann bei The Waltz Project, einer Tanzfassung desselben Romans, zur Verwendung. Wie in The Café aus Orphée auf der ersten CD der GlassWorlds [GP677] erkennt man auch hier den Wunsch des Komponisten, die Grenzen des Minimalismus zu erweitern. Er verbindet die Wiener Walzertradition des 19. Jahrhunderts mit seinem eigenen Stil, um durch den ostinaten Bass und die berauschende Improvisation der Oberstimme den atemberaubenden Ausdruck reiner Energie zu erzeugen.

Notes on a Scandal (»Tagebuch eines Skandals«) ist Richard Eyres Filmfassung des gleichnamigen Romans von Zoë Heller (2003). Der Soundtrack entstand 2006 und wurde als Beste Originalkomposition für einen Academy Award nominiert. Die Musik ist ein integraler Bestandteil des unerhört dramatischen Bogens, den der Film spannt. »In der Musik geht es vor allem um Barbara,« sagt Glass. »Sie beginnt mit Barbara und endet mit Barbara.« Die Lehrerin Barbara Covett sucht die Freundschaft ihrer jüngeren, charismatischen Kollegin Sheba Hart und protokolliert deren moralischen Absturz. Die von Philip Glass hergestellte, 2007 bei TCF erschienene Bearbeitung wurde bisher noch nicht eingespielt. Sie konzentriert sich auf zwei wichtige Teile, wobei The Harts mit ihren unangenehmen, gewundenen Melodien als Präludium zu dem großen tragischen Finale I Knew Her dienen.

Als eine neckische Hommage an Nadia Boulanger schrieb Philip Glass während seiner Experimentierphase Music in Fifths (1969), die sich ausschließlich in Quintparallelen bewegt—eine Todsünde für jeden Kompositionsschüler! Der additive Prozess ist von Ravi Shankar beeinflusst und besteht darin, einfache musikalische Linien rhythmisch in 2, 3 oder 4 Achteln zu organisieren. Das Ergebnis ist hypnotisierende Vielfalt lebendiger metrischer Gestalten. Die »Musik in Quinten« wurde ursprünglich von drei Holzbläsern und drei elektrischen Orgeln gespielt, doch das große Klangvolumen der verstärkten Instrumente nivellierte den Prozess bedauerlicherweise. Die rasante Fassung für Klavier verstärkt demgegenüber die subtilen Harmoniewechsel und unterstreicht die Worte von Steve Reich, dem dieses Stück »wie ein Güterzug« vorkam.

Wir sollten unsere Betrachtung von Liebe und Tod wohl am besten mit dem klassischen Satz beenden, den Virginia Woolf in The Hours sagt: »Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher sein können als wir es waren«.

Nicolas Horvath
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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