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GP693 - EKANAYAKA, T.: Reinventions – Rhapsodies for Piano (Ekanayaka)
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Tanya Ekanayaka
Rhapsodien für Klavier

 

Meine Kompositionen entstehen oftmals binnen weniger Minuten. In jedem Stück verbinde ich Melodien aus den verschiedenen musikalischen Kulturen meiner Heimat mit einem Motiv, das ich aus den Tonarten oder tonalen Zentren jener Werke ableite, die ich bei der Premiere meiner eigenen Kreationen aufs Programm setzte¹).

Neben der Neugestaltung populärer, semiklassischer und folkloristischer Melodien von Sri Lanka präsentieren die Kompositionen zehn der insgesamt achtzehn srilankischen vannams in unkonventionellen Verbindungen und Deutungen. Vannams sind alte, von einem stark perkussiven Charakter geprägte, weltliche Tanzfolgen, die im 16. und 17. Jahrhundert an den Königshöfen entstanden. Sie beschreiben zumeist spezifische Tierbewegungen. Das Wort vannam kommt vom sanskritischen »varnam«, was als »deskriptives Lob« zu übersetzen ist.

Meine Kompositionen sind zwar durch ihre Beziehung zu den anderen klassischen Werken meiner Recitals geprägt, lassen sich aber dennoch als abgeschlossene, autonome Einheiten verstehen. Nützlich ist dabei die Betrachtung der definierenden Motive, die sich auf die tonalen Zentren ihrer Umgebung beziehen: Wer immer künftig eines der Stücke im Kontext mit anderen Klavier- oder Instrumentalwerken in den Tonarten der Motive spielen will, wird auf diese Weise eine Idee von den möglichen stilistischen und emotionalen Zusammenhängen bekommen.

Adahas: Of Wings Of Roots

»Adahas: Of Wings Of Roots« habe ich 2010 an St Martin in the Fields uraufgeführt. Die erste wichtige Aufführung einer eigenen Komposition fand im Rahmen der Serie »Pianisten der Welt« statt und machte das Publikum mit einem Stück bekannt, worin es—wie auch in dem gesamten vorliegenden Album—um die Erreichung zweier künstlerischer Zielsetzungen geht. Der Uraufführung gingen drei Werke voraus: Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Es-dur BWV 852, Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 15 D-dur op. 28 (»Pastorale«) und Maurice Ravels Jeux d’eau—und diese werden durch den wiederkehrenden »dissonanten« Kern beschworen, der aus den drei tonalen Zentren gebildet ist. Mein heimatliches Erbe kommt hier durch zwei traditionelle Melodien zum Ausdruck: eine bekannte kavi-Melodie (als kavi bezeichnet man eine Gattung des Strophenliedes) und ein Kinderlied namens Tikiri Liya.

In Sinhala, einer der sri-lankischen Sprachen, bedeutet das Wort Adahas »Gedanken« Roots (»Wurzeln«) stellen die verschiedenen Quellen der Komposition dar—zum einen das genannte Programm des Recitals, zum andern meinen musikalischen Background. Wings (»Flügel«) ist eine Metapher für die beinahe kaleidoskopische Erscheinung des Werkes, die sich durch die Anverwandlung und Vermischung der verschiedenen musikalischen Quellen ergibt.

Dew Encounters: Of Scottish Walks, Vannam & Sri Lanka’s Bugs Bunny

Das gesamte Stück entstand an einem Abend des Jahres 2013 in Edinburgh. Seine erste Live-Aufführung steht noch bevor. Immer wieder erscheint ein chromatisches Motiv aus den Tönen Es-E-F und seinen Transpositionen, das sich mit den Umdeutungen zweier ganz unterschiedlicher Melodien von Sri Lanka verflicht. Das Motiv selbst verbindet die tonalen Zentren des Nocturne Es-dur op. 55 Nr. 2 von Frédéric Chopin und der ersten Arabesque von Claude Debussy mit der Grundtonart von Dmitrij Schostakowitschs Präludium und Fuge F-dur op. 87 Nr. 18. Die sri-lankischen Melodien, die hier anklingen, sind das Udara vannama nebst Ansätzen der vannams Ganapathi, Savula und Sinharaja; dazu tritt die sri-lankische Erkennungsmelodie der synchronisierten Bugs Bunny-Zeichentrickserie der Warner Bros., die ich als Kind besonders gern gesehen habe. Die vier vannams beziehen sich auf das Königshaus, die hinduistische Gottheit Ganesha, die Vögel und den Löwen.

Dhaivaya : Alter(ing) Hue

Dhaivaya: Alter(ing) Hue präsentiert die Modulationen über ein Motiv aus cis-h-ges, das auf die tonalen Zentren der Klaviersonate Nr. 14 cis-moll op. 27 Nr. 2 von Ludwig van Beethoven, des Prélude cis-moll op. 3 Nr. 2 von Sergej Rachmaninoff, der Monate »August« und »Juni« aus Peter Tschaikowskys Jahreszeiten op. 37 und der Toccata von Aram Chatschaturjan zurückgeht. Damit ist die Adaption eines bekannten sri-lankischen Hymnus nebst seinen Variationen verbunden. Dieser Hymnus hat zwei Namen: Jehovah Thou Hast Promised (»Herr, du hast verheißen«) und Danno Budunge. In der ersten Version enthält er einen christlichen, in der zweiten einen buddhistischen Text. Das Sinhala-Wort dhaivaya bedeutet »Schicksal«.

Das Werk aus dem Jahre 2011 habe ich 2012 am John F. Kennedy Center für Darstellende Kunst in Washington DC uraufgeführt.

Vannam (Gajaga, May ura & Hanuma) & You

Dieser Komposition gingen im Premieren-Recital die Sonate D-dur Hob. XVI: 37 von Joseph Haydn sowie Beethovens Albumblatt Für Elise a-moll WoO 59 vorauf. Dementsprechend kreist das musikalische Motiv um die beiden tonalen Zentren d und a. In dieser Gestalt und in seinen verschiedenen Transpositionen tritt es in Beziehung zu einer neuen Deutung der drei berühmten vannams Gajaga, Mayura und Hanuma, die bei unterschiedlichen Notenwerten durch ähnliche melodische Linien verbunden sind. Die drei vannams beziehen sich auf den Elefanten, den Pfau und Hanuman, die zentrale Affengottheit des indischen Epos Ramayana.

Das Stück Vannam (Gajaga, Mayura & Hanuma) & You entstand Anfang Februar 2013 an einem einzigen Nachmittag in Edinburgh. Ich habe es noch im selben Jahr in der Serie »Pianisten der Welt« an St Martin in the Fields uraufgeführt.

In Lotus: Olu Pipila With Moment

»In Lotus: Olu Pipila With Moment« reflektiert die Ballade Nr. 1 g-moll op. 23 von Frédéric Chopin und die Isle joyeuse von Claude Debussy. Das Hauptmotiv besteht demnach aus dem g der Ballade und dem prominenten a der Isle joyeuse, in der es kein klares tonales Zentrum gibt. Dieses Motiv verbindet sich mit dem auf Sri Lanka sehr bekannten Volkslied Olu Pipila (»Die Lotosblumen sind erblüht«). Die gesamte Komposition entstand an einem späten Juni-Abend des Jahres 2013 und wurde ebenfalls in der Serie »Pianisten der Welt« an St Martin in the Fields uraufgeführt.

Labyrinth; Vannam Lent

»Labyrinth; Vannam Lent« habe ich 2012 am John F. Kennedy Center für Darstellende Kunst in Washington DC aus der Taufe gehoben. Dieses Stück bezieht sein Motiv gis-cis aus Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge gis-moll BWV 887 und Beethovens Klaviersonate Nr. 14 cis-moll op. 27 Nr. 2. Dazu treten die Neudeutungen dreier traditioneller Invokationen—der vannams Thuranga, Ukusa und Naiyadi, mit denen nacheinander das Pferd, der Falke und die Kobra beschrieben werden.

2013/14 June Echoes

2013/14 June Echoes entstand im Juni 2014 als Synthese zweier Stücke, die ich in den Jahren 2013 und 2014 geschrieben hatte—aus Echoes: with Handapane Valakulakse & June für Klavier sowie dem ersten Satz des Duos Nim-Him & Haar für Klavier und Violoncello. Diese Komposition verwendet drei besonders populäre Lieder aus Sri Lanka: Handapane, Valakulin Basa und Nim-Him Sewwa. Am Anfang steht ein markantes Intervall aus den beiden Tönen cis und fis, das sich zu einer Sequenz steigert, mit den sri-lankischen Melodien verflochten wird und gegen Ende des Werkes als Teil der Reprise wieder in Erscheinung tritt. Man kann darin einen flüchtigen Reflex der Klaviersonate Nr. 21 C-dur op. 53 (»Waldstein«) von Ludwig van Beethoven sehen, die ich im selben Recital spielte, wobei allerdings beide Töne eine kleine Sekunde über den Grundtonarten der drei Sonatensätze liegen.

June Echoes habe ich im März 2015 an St Martin in the Fields uraufgeführt.


Tanya Ekanayaka
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Das zweite Stück des Albums wartet noch auf seine Premiere.


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