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GP694 - JABERI, A.: Piano Sonatas Nos. 1-3 / Ballades Nos. 1-3 (The Báb) (Jaberi)
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Afshin Jaberi
Klaviersonaten und Balladen

 

Der iranische Pianist und Komponist Afshin Jaberi wurde 1973 im Königreich Bahrain geboren und wuchs in Doha, der Hauptstadt des Emirates Katar, auf. Zwar verriet er schon als Kind instrumentale und kompositorische Fähigkeiten, doch seinen ersten formellen Unterricht erhielt er erst im Jahre 1991, als er sein Studium im ungarischen Debrecen aufnahm. Seine weitere musikalische Ausbildung erhielt er in Kasachstan. Er machte rasche Fortschritte und schrieb infolge seiner pianistischen Studien, bei denen er sich vor allem mit der Musik des 19. Jahrhunderts befasste, eine Reihe großangelegter Klavierwerke. Den Anfang bildete 1991 die Erste Ballade. Afshins Kompositionen sind nachdrücklich von der Bahá’i-Religion beeinflusst, und so spiegelt sich sein Glaube auch in allen Stücken dieser CD. Die Bahá’i-Religion ist eine der jüngsten Religionen der Welt. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhundert von Baha’u’llah in Afshins iranischer Heimat gegründet. Ihre zentralen Lehrsätze sprechen von der Gleichberechtigung sämtlicher Weltreligionen, von der fortschreitenden Gottesoffenbarung durch göttliche Boten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte auftreten; und von der Bedeutung, die die Einheit der Völker für eine bessere Zukunft der Menschheit hat. In seinen oft narrativen Kompositionen verbindet Afshin harmonische und formale Aspekte der westlichen Romantik mit melodischen Einflüssen des Ostens. Bis heute hat er neun Balladen sowie vier Sonaten komponiert. Die Balladen hat er zudem allesamt für Klavier und Orchester eingerichtet.

Die Sonate Nr. 1 »Der Sucher« wurde durch Thomas Breakwell (1872–1902) inspiriert, der in seinem letzten Lebensjahr als erster Engländer Bahá’i wurde. Aufgrund seiner spirituellen Reinheit und der glühenden Begeisterung, mit der er die Lehren verbreitete, bezeichnete ihn Shogi Effendi, der Urenkel des Religionsstifters Baha’u’llah, nach seinem frühen Tod—er starb am 13. Juni 1902 an Tuberkulose—als einen der drei »Erleuchteten der irischen, englischen und schottischen Bahá’í Gemeinschaft« Die drei Sätze der Klaviersonate beschreiben Breakwells spirituelle Reise in ihren drei Stadien: die Suche nach dem Glauben (Afshin nennt das Stück auch »Der Wanderer«); die Entdeckung der Baha’i-Religion; und die Ehrung, die ihm nach seinem Tode durch den geistlichen Führer, Baha’u’llahs ältesten Sohn Abdu’l-Bahá, zuteil wurde, indessen er im Himmel empfangen und in einen spirituellen Stern verwandelt wird. Die pianistischen Gesten erinnern besonders im ersten Satz stark an Chopin. Sie zeigen eine turbulente musikalische Landschaft, der sich die Ruhe des zweiten Satzes mit seiner kantablen, von großem Atem erfüllten Melodie anschließt. Das erste Thema des Finales verrät ein entschieden orientalisches Aroma, als sollten dergestalt die Abdu’l-Bahás Gebete für Breakwell artikuliert werden. Später verbindet sich dieser Gedanke mit Ausbrüchen einer beinahe skrjabinesken Harmonik und Zergliederung. Während sich die Sonate ihrem Ende nähert, präsentiert uns Afshin das musikalische Analogon des Sternes, als der Breakwell jetzt am Himmel leuchtet.

Die Sonate Nr. 2, »Der Pfad zum Frieden«, setzt sich gründlicher mit den Schrecken des Krieges auseinander—insbesondere mit jener Art von Kriegen, die durch Vorurteile und widerstreitende religiöse Kulturen verursacht werden. Wenn im ersten Satz die Schlacht ihrem Höhepunkt zustrebt, verstärken sich die rhythmischen, oft vom Bass dominierten Passagen in Ketten dissonanter Akkorde und verminderter Septen. Der melancholisch-lyrische zweite Satz folgt ohne Pause: Aus der Grausamkeit des Krieges erhebt sich eine neue Hoffnung und mit ihr die Chance der Versöhnung. Das Thema des letzten Satzes, das von der linken Hand vorgestellt wird, durchdringt allmählich die gesamte pianistische Textur und gestattet so eine neue musikalische Versöhnung, die freilich nicht frei ist von dramatischen Problemen. Diese Sonate ist der Erinnerung an Mona Mahmudnizhad (1965–1983) gewidmet, einer Bahá’i-Märtyrerin, die mit siebzehn Jahren in Shiraz wegen ihres Glaubens am Galgen starb.

Um das Bild einer gespaltenen Welt geht es auch in Afshins Sonate Nr. 3 »Der Beduine«. In diesem Werk repräsentieren die Beduinenstämme jene Kulturen, deren Erbe durch ihre Abgeschiedenheit gefährdet ist. Zu Beginn wird das Leben in der Wüste geschildert, wozu eine Beduinen-Melodie erklingt. Diese weicht einem melancholischen Mittelsatz über die Einsamkeit und Traurigkeit eines Lebens, das so weit abseits der Gemeinschaft gelebt wird. Romantische Harmonien verbinden sich hier mit dem Beduinengesang. Der letzte Satz der Sonate bringt den Angehörigen des einsamen Stammes Hoffnung—durch ein Lied auf die Einheit der Menschen, das als Rondothema von Elementen umgeben ist, die von Lisztscher Virtuosität bis zum Blues reichen.

Der Báb (»Das Tor«) fasst drei Balladen aus den Jahren 1991 bis 2000 zusammen, wobei Afshin das älteste dieser Stücke während seiner Studien an der Franz Liszt-Akademie in Debrecen komponierte. In den Werken verbinden sich die westlichen Einflüsse des 19. Jahrhunderts mit östlichen Melodien, um auf diese Weise verschiedene Aspekte der Bahá’i-Religion zu vermitteln. Die drei Balladen befassen sich jeweils mit einer besonderen Episode oder Persönlichkeit der Bahá’i-Geschichte. Am Anfang steht Der Herold, mithin der Báb Ali Mohammed, ein direkter Abkömmling des Propheten Mohammed, der sich am 23. Mai 1844 seinem ersten Jünger Mulla Husayn mit seiner Botschaft offenbarte. Er sprach gegenüber Mulla Husayn von achtzehn Seelen, den »Buchstaben des Lebendigen«, die seine Botschaft verstehen würden und jeweils eine spezielle Mission zu erfüllen hätten. Mulla Husayn wurde angewiesen, nach Teheran zu reisen, wo er dem Ministersohn Mirza Husayn Ali begegnete. Er übergab diesem eine Rolle mit den Schriften des Báb. Bahá’u’lláh akzeptierte die Botschaft des Báb sofort. Er war es dann auch, der die eigentliche Religion gründete und als Bote Gottes erachtet wurde.

Die zweite Ballade, Eroica, spricht von der heldenhaften Opferbereitschaft der frühen Bahá’i (damals noch Bábi). Viele bekannten sich zu der neuen Religion, doch es wurden auch Tausende um ihres Glaubens Willen verfolgt, verhaftet, eingekerkert und sogar getötet. (Auch der Báb selbst wurde ins Gefängnis geworfen.) Insbesondere stellt Eroica das Martyrium des Mulla Husayn und seines Glaubensbruders Quddus bei der Schlacht am Schrein von Scheich Tabarsi (1848/49) dar. Es ist die umfangreichste der drei Balladen, deren Themen mit dramatischen Episoden abwechseln, worin die dramatische Schlacht als auch die stille Schicksalsergebenheit der Märtyrer geschildert werden.

Die letzte Ballade, Das Martyrium, beschreibt schließlich die Hinrichtung des Báb am 9. Juli 1850 in Täbris. Während seiner mehrjährigen Gefangenschaft hatte er sich, obwohl man ihn als Ungläubigen verhöhnte, stets geweigert, seinen Glauben zu widerrufen. Der Anfang des Werkes schildert, wie sich die Peiniger vergeblich bemühten, die religiösen Überzeugungen des Báb zu erschüttern, obwohl es immer wieder zu brutalen Angriffen auf seine Anhänger kam. Vor seiner Hinrichtung besprach sich der Báb noch mit seinem Sekretär und verlangte, dass man ihn sein Gespräch sollte zu Ende führen lassen. Dennoch schaffte man ihn zum Richtplatz, wo er zusammen mit einem jungen Anhänger namens Anis erschossen werden sollte. Beinahe zehntausend Menschen hatten sich versammelt, um der Exekution beizuwohnen—Afshin markiert diesen Moment und das Schweigen der Menge mit drei pianissimo-Tönen. Nachdem aber 750 Kugeln auf die beiden Männer abgefeuert worden waren und der Rauch sich verzogen hatte, sah man Anis unversehrt, und der Báb war verschwunden. Man fand ihn dann ohne jedes Zeichen einer Wunde im Gespräch mit seinem Sekretär. Nachdem er dieses beendet hatte, ließ er sich an den Ort der Exekution zurückbringen, wo er und Anis getötet wurden. Kurz darauf brach über der Stadt ein Sturm aus. Der Schluss der Ballade ist in der Art eines Trauermarsches komponiert, der den Hingang des großen Propheten bezeichnet. Auf Bahá’u’lláhs Geheiß wurde auf dem Berge Karmel ein Schrein für den Báb errichtet.

Katy Hamilton, nach einem Text von Afshin Jaberi
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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