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GP697 - SOLAL, M.: Piano and 2-Piano Works (Ferrand-N'Kaoua, Solal)
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Martial Solal (b. 1927)
Voyage en Anatolie • Jazz Preludes • Exercice de Concert • 11 Etudes • Ballade für 2 Klaviere

 

Die Fantasie am Werk

Die „Fantasie am Klavier“, das ist genau das, was uns begeistert und neugierig macht auf die Musik Martial Solals. Dieser ist wahrscheinlich der derzeit brillanteste Improvisator am Klavier überhaupt, mit einer Kombination aus einem sehr persönlichen Stil verbunden mit einer unglaublichen spieltechnischen Meisterschaft. Aber Solal ist auch ein begnadeter Komponist, der unablässig einen anspruchsvollen und originellen musikalischen Weg verfolgt. Der Musiker berichtet, dass er immer schon Musik erfinden oder komponieren wollte. Selbstverständlich für den Jazz, da Solal in den fünfziger Jahren seine erste Bigband gegründet hatte und für diese dann Arrangements aller Art sowie Original-Kompositionen benötigte. Ebenso für den Film, mit vielen Filmmusiken, darunter für „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard, Orson Welles‘ „Der Prozess“ oder „Les acteurs“ von Bertrand Blier.

Aber die Bewunderung seiner Kollegen weit über den Kreis der Jazzmusiker hinaus hat sich Solal mit seinen neuartigen und schwer einzuordnenden Musikkompositionen erworben. Er arbeitete mit großen Künstlern wie Marius Constant oder André Hodeir und erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge von Symphonieorchestern sowie Musikensembles jeglicher Art. Seine konzertanten Werke (darunter drei Konzerte für Klavier sowie ein Tripelkonzert für Posaune, Klavier und Kontrabass) beinhalten sehr oft Dialog-Passagen zwischen präzise aufnotierter und improvisierter Musik, beide für Solal so selbstverständlich und natürlich wie das Atemschöpfen auch. Die Titel seiner Kompositionen spiegeln daher auch oft sein Anliegen, Brücken zwischen beiden musikalischen Welten zu bauen: „Échanges pour piano et cordes“ (Austausch für Klavier und Streicher), „Alternances“ (Wechselbeziehungen), „Coexistence“ (Koexistenz), „Cohabitation“ (Zusammenleben) …

Martial Solal, der „Komponist des Augenblicks“, wie der schöne Titel eines biografischen Interviews mit Xavier Prévost lautet, ist einfach und ganz und gar ein der Zukunft zugewandter Musiker von Heute. Er will die Vergangenheit nicht leugnen, aber er möchte sich auch nicht nostalgischen Stimmungen hingeben. Solal besitzt die Eleganz, sich musikalisch nicht zu wiederholen, und als perfektem Entertainer durch und durch ist es ihm ein Gräuel, sein Publikum zu langweilen.

„Voyage en Anatolie“ (Reise nach Anatolien): Das sind mit anderen Worten dreizehn, in halsbrecherischer Geschwindigkeit nacheinander ausgeführte, auf einer 32-taktigen Akkordfolge, die Gershwins „Rhythm changes“ (auf Französisch „Anatole“) in seinem Stück „I Got Rhythm“ entspricht, beruhende Variationen. Alle Jazzmusiker haben diese das ein oder andere Mal schon verwendet, und fast so wie der Blues erleichtert ihnen dieser Standard bei einer improvisierten Jam-Session oft das Zusammenspiel. Aber einmal abgesehen von dem witzigen französischen Wortspiel hier, das Martial Solal sehr mag, gibt es keinen Zusammenhang mit der türkischen Provinz gleichen Namens. Die Melodie des berühmten Themas wird nie vollständig zitiert. Statt dieses einfach nur auszuschmücken, zeigt der Komponist eine souveräne Beherrschung der Kunst der Variation. Seine Musik entwickelt sich frei, ohne jedoch dabei die ursprüngliche Struktur ganz aufzugeben; er verweist letztere der besseren Entfaltung wegen vielmehr in den Hintergrund. Laut Martial Solal „ist es ein hundertprozentiges Jazzstück , eine Art Zusammenfassung der Geschichte, mit einigen Ausreißversuchen. Es ist schwierig, denn es ist wichtig, das Tempo bei 160 auf der Halben zu halten.“ Nun gut, Martial, wir geben uns alle Mühe!

Die um 1990 entstandenen, bei Boosey & Hawkes verlegten sieben „Jazz Preludes“ stellen ebenso viele Momentaufnahmen voller musikalischer Ideen mit genauen Konturen dar, die der Improvisator auch für sich hätte behalten können, um diese dann irgendwann nach Lust und Laune zu spielen. Aber Solal macht allen Pianisten ein Geschenk mit diesen kurzen und prägnanten Stücken, die man wie ein Album mit flüchtigen, aber sehr farbigen Grafiken durchblättern kann.

Das „Exercice de concert“ (Konzert-Übung) ist eine ausgelassene Improvisation in Form einer allen Nachwuchs-Pianisten bekannten Etüde. Die linke Hand nimmt dieses Motiv als Ostinato wieder auf, während die rechte frei herum tänzelt und die linke Hand manchmal spontan in ihre „Abschweifungen“ mit einbezieht. Dies erinnert ein wenig an das Prinzip von Debussys „Doctor Gradus ad Parnassum“ (Nr. 1 aus „Children‘s corner“), das auch auf einer intelligenten Übung basiert. Der große Pianist berichtet, dass er diese Übung fast täglich in einer sich ständig erneuernden Form (als Schutz vor Langeweile) spielt, obwohl er in der Regel immer, so wie hier, mit der linken Hand in H-Dur beginnt. Die endgültige Niederschrift dieser erst kürzlich nach der Einspielung von 1994 erstellten Fassung hat Martial Solal Pascal Wetzel anvertraut, der für seine bemerkenswerten Transkriptionen der Schallplattenaufnahmen von Bill Evans bekannt ist. Sie enthält Solals, der hier in Bestform erscheint, typischen und humorvollen Stil, durchsetzt mit ebenso überraschenden wie unerwarteten flüchtig-geschwinden Passagen, Brüchen und Zitaten (so etwa aus Edvard Griegs Suite „Peer Gynt“ oder auch aus Chopins Walzer Nr. 1). Mit dieser (bisher noch unveröffentlichten) Partitur geben Solal und Wetzel damit dem interessierten Pianisten die Möglichkeit, selbst einmal das berauschende Gefühl unmittelbar umgesetzter Fantasie „an der Macht“ zu erleben.

Martial Solal, glühender Bewunderer von Chopins und Liszts Etüden, schrieb seine „Onze Études“ (Elf Etüden) mit dem offensichtlichen Anliegen, jedes Mal eine andere, jeweils unterschiedliche technische oder rhythmische Schwierigkeit mittels eines bestimmten musikalischen Kontextes zu illustrieren, aber in einer Weise, die nur ein Jazzmusiker in Erwägung ziehen konnte. Obwohl die Stücke mit großer Genauigkeit notiert sind, erfordern sie oft eine spezifische, pianistische Deklamation, ein zwischen den Zeilen herauszulesendes Swing-Feeling, wie beispielsweise in der „Syncopée“. Diese Kompositionen beanspruchen immerzu auf sehr intelligente Weise die Hand des Pianisten, der alle von der Komposition gestellten Anforderungen einlösen sollte. Aber die „Études“ erforschen oft auch neue, köstliche, mit einem Hauch Fremdheit umgebene Harmonien, so etwa in „La calme et agitée“ oder „La lancinante“. Die Stücke haben bereits ihren Platz in der Klavierliteratur gefunden, und es besteht kein Zweifel daran, dass diese Etüden-Sammlung im Repertoire der Zukunft noch wesentlich größere Bedeutung erlangen wird.

Die „Ballade pour deux pianos“ (Ballade für zwei Klaviere) wurde im Jahr 1985 für Katia und Marielle Labèque geschrieben. Der Komponist höchstpersönlich erweist uns hier die Ehre, denn er übernimmt den Part des ersten Klaviers (links im Bild und eröffnet so das musikalische Spiel. Die beiden Pianisten bewegen sich im Zwiegespräch aufeinander zu oder auch voneinander weg, je nachdem, wie es die Partitur gerade vorgibt, und treten dann in kurzen improvisierten Sequenzen in einen Gedankenaustausch.

Jazzmusiker sowie ihre Kollegen, die in der klassischen Musik zu Hause sind, betrachten einander oft mit Neugier, manchmal sogar mit einem Hauch von Neid. Diese beiden Seiten der Musik, zum einen ihre Interpretation, zum anderen ihre Transformation oder gar Neuentstehung, werden vielleicht eines Tages wieder zueinander finden, wie dies schon in der Vergangenheit der Fall war, bevor die Musik-Interpretation zu einem eigenen Berufszweig wurde. Die Begegnung mit Martial Solal war für mich, Jazz-Liebhaber seit jeher, so, als sei plötzlich ein Erbonkel aus Amerika aufgetaucht, der musikalische Territorien erkundet hat, von deren Existenz ich bis dato noch nicht einmal den blassesten Schimmer hatte. Ich freue mich sehr und fühle mich besonders geehrt, dass ich mit ihm zusammenarbeiten und dieses seiner niedergeschriebenen Klaviermusik gewidmete Programm einspielen durfte.


Eric Ferrand-N‘Kaoua
Übersetzung: Hilla Maria Heintz


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